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Arnold Lohaus: Psychologische Förder- und Interventionsprogramme für das Kindes- und Jugendalter

Cover Arnold Lohaus: Psychologische Förder- und Interventionsprogramme für das Kindes- und Jugendalter. Springer (Berlin) 2021. 2., vollst. üb. u. akt. Auflage. 448 Seiten. ISBN 978-3-662-61159-3. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Psychotherapie: Praxis.
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Thema

Das Handbuch bieten einen Überblick über Interventions- und Förderprogramme für das Kindes- und Jugendalter in verschiedenen Problembereichen. Die Themen respektive Bereiche reichen von Aggression über Depression, Sprachförderung, Autismus-Spektrum-Störung, über Stressbewältigung und digitale Medienkompetenz bis zu Störung der Gewichtsregulation, Trennung der Eltern und Elterntrainings. Alle Programme werden knapp und nach einheitlichem Schema vorgestellt: Steckbrief des Programms, Zielgruppe, Rahmenbedingungen, Konzept, Ablauf, Materialien und Befunde zur Wirksamkeit.

Herausgeber

Arnold Lohaus war fast 15 Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Hochschulassistent und Hochschuldozent am Fachbereich Psychologie der Universität Münster tätig. Anschließend hatte er 10 Jahre die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg inne. Seit 2006 ist er Professor für Entwicklungspsychologie und Entwicklungspsychopathologie an der Universität Bielefeld.

Holger Domsch arbeitete einige Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie an der Universität Marburg und wechselte 2006 zusammen mit Arnold Lohaus an die Universität Bielefeld. Ab 2008 war er in der Schulpsychologischen Beratungsstelle Münster tätig und übernahm dort die stellvertretende Leitung sowie die Fachberatung für Schulpsychologie bei der Bezirksregierung Münster. Seit 2016 ist Holger Domsch Professor für Entwicklungspsychologie der Lebensspanne an der Fachhochschule Münster an.

Entstehungshintergrund

Zehn Jahre sind seit der 1. Auflage des Buches vergangen. In dieser Zeit sind neue Förder- und Interventionsprogramme für das Kindes- und Jugendalter hinzugekommen, vorhandene Programme wurden z.T. überarbeitet, dem trägt die überarbeitete 2. Auflage Rechnung.

Aufbau

Das rund 450-seitige Buch gliedert sich in sieben Abschnitte mit insgesamt 25 Kapiteln und schließt mit einem Serviceteil, der aus einem Anhang (tabellarische Übersicht aller dargestellten Programme) und Stichwortverzeichnis besteht.

In jedem der insg. 25 Kapitel erfolgt zunächst eine Einführung in den jeweiligen Problembereich. Im Anschluss werden entsprechende Programme einzeln und mit dem nachfolgenden einheitlichen Raster dargestellt:

  • Zielgruppe
  • Rahmenbedingungen zur Programmdurchführung
  • Programmkonzept
  • Materialien
  • Ergebnisse von Programmevaluationen

Darüber hinaus findet sich am Anfang jeder Beschreibung ein Steckbrief, der die wichtigsten Merkmale des Programms zusammenfasst.

Inhalt

Der Abschnitt I – Förderung bei externalisierendem Problemverhalten beginnt mit dem Kapitel 1 Aggression. Die Prävalenz für aggressives Verhalten im Kinder- und Jugendalter lieg bei 5 bis 8 %. Aggressives Verhalten kann sich körperlich und/oder verbal äußern. Die vorgestellten Präventions- bzw. Interventionsprogramme fußen auf verschiedenen Aggressionstheorien (z.B. lerntheoretische Ansätze nach Bandura und Prozessmodell aggressiven Verhaltens von Kaufmann). Vorgestellt werden insgesamt 4 Programme, u.a. das Programm „Faustlos“. Im Steckbrief werden Problembereich (Kinder mit impulsivem und aggressivem Verhalten), Altersbereich (Kindergarten- sowie Grundschulkinder der 1. bis 3. Klasse), Trainingsteilnehmer*innen, Dauer, Methode, Besonderheiten und Literaturreferenz angegeben. Das Programm kann im Kindergarten in den normalen Betreuungsalltag integriert werden. Die Lesenden erhalten Informationen zum Konzept (amerikanischer Ansatz Second Step; Originalunterlagen übersetzt und auf deutschsprachigen Kulturraum angepasst; Ziel ist Erweiterung des Verhaltensrepertoires sowie Förderung gewaltpräventiv wirkender sozialer und emotionaler Kompetenzen). Sitzungsablauf und benötige Materialien (Faustlos-Koffer) werden benannt. Das Programm ist evaluiert – die entsprechenden Studienergebnisse werden zusammengefasst dargestellt. Das Kapitel 1 schließt mit einem Gesamtfazit und den Literaturangaben. Kapitel 2 widmet sich der „Prävention von Bullying“. „Schulbullying (alltagssprachlich häufig auch als ,Mobbing' bezeichnet) ist ein Problemverhalten, bei dem Schülerinnen oder Schüler alleine oder in Gruppen im Schulalltag systematisch, wiederholt und über einen längeren Zeitraum hinweg andere schlagen, treten, hänseln, herabwürdigen oder anderweitig quälen.“ (S. 20). Insgesamt werden 5 Programme (beispielhaft: Olweus-Programm und ProAct) vorgestellt im bereits beschriebenen Schema. Kapitel 3 widmet sich dem Problembereich der Hyperkinetischen Störung und führt 6 Programme aus (beispielhaft: „Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellen Problemverhalten – THPOP“ und „Schulbasiertes Coaching – SCEP“).

Der Abschnitt II Förderung bei internalisierendem Problemverhalten umfasst zwei Kapitel: Depression mit der Darstellung von 6 Programmen (beispielhaft: „Lust An Realistischer Sicht & Leichtigkeit im Sozialen Alltag (LARS & LISA)“ und „Therapieprogramm für Jugendliche mit Selbstwert-, Leistungs- und Beziehungsstörungen – SELBST“). Ängste mit der Vorstellung von 5 Programmen, so z.B. „Freunde-Programm“ und das „Sei kein Frosch“-Programm (Behandlung sozialer Ängste bei Kindern).

Der III. Abschnitt Entwicklungsförderung und Förderung des Lern- und Leistungsverhaltens startet mit dem Kapitel 6 Sprachförderung. Dieses Kapitel widmet sich mit seinen 3 Programmen sich sowohl spezifischen Sprachentwicklungsstörungen (z.B. Late Talker) also auch Sprachschwierigkeiten aufgrund eingeschränkter Deutschkenntnisse. In Kapitel 7 Kognitive Förderung werden 3 Programme (z.B. „Memo-Training“), in Kapitel 8 Konzentrations- und Aufmerksamkeitsförderung 5 Programme (z.B. „Marburger Konzentrationstraining – MKT“ und „Attentioner – Ein Training für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen“) vorgestellt. Die nachfolgenden Kapitel stellen Programme für Lese-Rechtschreibförderung (z.B. „Förderung des orthografischen Schreibens am Beispiel des Marburger Rechtschreibtrainings“) bzw. Rechenstörung (z.B. „Kalkulie“ und „Mengen, zählen, Zahlen – MZZ“) vor. Der Abschnitt schließt mit dem Bereich Autismus-Spektrum-Störung. Insgesamt werden 4 Programme vorgestellt: zwei exemplarisch aus dem Bereich für Frühintervention (u.a. „MIA – Münsteraner Intensivprogramm für Kinder mit ASS“) sowie zwei Förderprogramme aus dem Kindes- bis jungen Erwachsenenalter (u.a. das Gruppenprogramm „KOMPASS – Züricher Kompetenztraining für Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung“).

Abschnitt IV Gesundheitsförderung und Förderung von Lebenskompetenz umfasst sechs Kapitel. In Kapitel 12 werden Programme zur Vermittlung von Stressbewältigungskompetenzen vorgestellt, so z.B. das Programm „Bleib locker“ für Grundschulkinder der dritten und vierten Klasse. Programme, die sich mit Lebenskompetenzen („life-skills“) auseinandersetzen, so z.B. „Fit und stark fürs Leben“ zur Persönlichkeitsförderung zur Prävention von Aggression, Rauchen und Sucht (1./2. Klasse), Stresserleben und Sucht (3./4. Klasse) Prävention des Rauchens (5. – 8. Klasse) sowie das Lions-Quest Programm „Erwachsen werden“ zur Förderung der physischen, psychischen und sozialen Gesundheit und der Prävention von Sucht. Programme im Kontext Sozialer Kompetenzen (5 Programme, wie z.B. „Mutig werden mit Til Tiger“), Emotionaler Kompetenzen (5 Programme, so u.a. „BIKO-Gefühlekiste: Märchenbasierte Frühförderung sozio-emotionaler Kompetenzen von Vorschulkindern“), Prävention des Substanzmissbrauchs (4 Programme, bspw. „Be smart – Don't start“, primärpräventive Prävention des Tabak- und Nikotinkonsum) sowie Digitale Medienkompetenz und Cyberbullying („Medienhelden“ zur Verbesserung von Empathie und Medienkompetenzen zur Prävention von Cyberbullying für die 7. - 10. Kasse und „>Surf-Fair< zur Prävention von Cyberbullying für die 5. - 7. Klasse“) runden den Abschnitt ab.

In Abschnitt V werden Interventionsprogramme zur Förderung des Umgangs mit körperlichen Problemen vorgestellt. Kapitel 18 führt in Programme im Kontext von Störung der Gewichtsregulation ein. Neben Programmen für Übergewicht und Adipositas (bspw. „Adipositas-Schulung Obeldicks“ für die Altersgruppe 8 – 16 Jahre) finden sich Programme zu Essstörungen wie Anorexia nervosa und Binge-Eating-Störung (bspw. „Primärprävention Magersucht (PriMa)“ für Schülerinnen der 6. Klasse). Kapitel 19 Störung der Schlafregulation stellt 4 Programme vor, so u.a. „KiSS-Training: Kinderschlaftrainingsprogramm“ und „JuSt-Training: Schlaftraining für Jugendliche“. Der Abschnitt schließt mit Kapitel 20 Chronische Erkrankungen. Hier widmen sich die Programme den Erkrankungen Kopfschmerz, Neurodermitis, Diabetes und Rheuma.

Abschnitt VI beschreibt Programme zur Förderung des Umgangs mit kritischen Lebensereignissen. In Kapitel 21 werden Programme dargestellt, die Psychische Erkrankungen eines Elternteils fokussieren. „Mit einem psychisch erkrankten Elternteil aufzuwachsen, stellt … ein beachtliches Risikopotenzial für eine ungünstige Entwicklung von Kindern dar und erhöht die Wahrscheinlichkeit der Kinder, selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln“ (S. 346). Die Interventionsprogramme sollen diesem Risikopotenzial begegnen und Schutzfaktoren stärken (u.a. für Kinder zwischen 9 und 14 Jahren das Programm „Hoffnung, Sinn und Kontinuität: Ein Programm für Familien depressiv erkrankter Eltern“). Dem Problem Tod, Trennung und Scheidung der Eltern widmet sich Kapitel 22. „TSK – Trennungs- und Scheidungskinder“ ist ein Gruppeninterventionsprogramm für Kinder zwischen 7 und 14 Jahren mit getrennt lebenden oder geschiedenen Eltern. Der Verarbeitung des durch Suizid verursachten Verlusts eines nahe stehenden Familienmitglieds ist für Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren konzipiert und trägt den Titel „Group Intervention für Children Bereaved by the Suicide of a Relative“ und ist bisher nur in englischer Sprache erhältlich. Traumatische Ereignisse (Kapitel 23) umfasst das Programm „Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie (TfKVT)“ für die Altersgruppe 3 – 18 Jahre und „KIDNET – Narrative Expositionstherapie für Kinder“ für Kinder im Alter von 7 bis 18 Jahren.

Der letzte Abschnitt VII trägt die Überschrift Förderung von Erziehungskompetenzen und weitere Fördererprogramme. In Kapitel 24 werden Elterntrainings vorgestellt. Der Verbesserung der Familieninteraktion unabhängig vom Vorhandensein familiärer Probleme oder Erziehungsprobleme dient Thomas Gordon's „Family Effectiveness Training (FET)”. Für Eltern von Kinder mit Störungen des Sozialverhaltens ist „KES – Kometenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder“ konzipiert worden. Die Sammlung schließt mit Kapitel 25 Weitere Förderprogramme. „GUT DRAUF – bewegen, essen, entspannen“ ist ein Ansatz der Gesundheitsförderung im Bereich Bewegung, Ernährung und Stressregulation für die Altersgruppe 5 – 18 Jahren und ist themenübergreifend angelegt. „Balu und Du“ dient der Ressourcenstärkung im Kindesalter und ist ein mentorenbasiertes Förderprogramm. Das Programm „DIMENSIONER II“ ist speziell für Kinder mit räumlich-konstruktiven bzw. einer visuell-räumlichen Störungen entwickelt worden und wird im Einzelsetting angeboten.

Das Buch schließt mit einem Anhang in dem alle Förder- und Interventionsprogramme tabellarisch nochmals aufgeführt werden mit den Rubriken: Name des Programms, Altersbereich, Teilnehmerzahl, Dauer und Materialien. 

Diskussion

Das Buch bietet einen umfassenden Überblick über die vielfältigen psychologischen Förder- und Interventionsprogramme für Kinder und Jugendliche. Es ist dabei klar und gut strukturiert, der jeweils identische Aufbau der Kapitel und der Programmbesprechungen macht den Umgang und das Nachschlagen einfach und effektiv. Die Tabelle aller vorgestellten Programme am Ende des Handbuchs ist sehr bereichernd. Sowohl ein Nachschlagen als auch eine unsystematisches „Durchforsten“ ist möglich. Das Buch stellt eine gute und unterstützende Entscheidungshilfe für Pädagog*innen, Lehrende und Beratende da und kann sowohl Praktiker*innen als auch Studierenden sowie Dozent*innen empfohlen werden. Lediglich die nicht immer kongruente Einführung in die jeweiligen Kapitel (unterschiedlicher Umgang mit der Schriftstärke und eine inhaltliche Inkongruenz in der Erwähnung der ICD-Codes) wäre verbesserungswürdig. Dies tut aber der unbedingten Empfehlung für dieses Buch – sowohl im Hinblick auf die klare Struktur, die umfassende Darstellung und Breite der der Bereiche als auch der Hochachtung vor diese „Fleißarbeit“ im wahrsten positiven Sinn – keinen Abbruch.

Fazit

Das Handbuch bietet eine exzellente Grundlage für die Auswahl geeigneter strukturierter Förder- bzw. Interventionsprogramme für Kinder und Jugendliche in einer großen Bandbreite an Problembereichen. Die Struktur ist klar und die Informationen zu den Programmen – inklusive entsprechender Evaluationen – umfassend und gleichzeitig in angemessener Kürze.


Rezension von
Prof. Dr. Andrea Warnke
Professorin für Soziale Arbeit, IU Duales Studium, Hamburg
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Zitiervorschlag
Andrea Warnke. Rezension vom 22.12.2021 zu: Arnold Lohaus: Psychologische Förder- und Interventionsprogramme für das Kindes- und Jugendalter. Springer (Berlin) 2021. 2., vollst. üb. u. akt. Auflage. ISBN 978-3-662-61159-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28268.php, Datum des Zugriffs 22.01.2022.


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