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Mathias Schwabe: Die Jugendlichen und ihr Verhältnis zu Ordnungen, Regeln und Grenzen

Cover Mathias Schwabe: Die Jugendlichen und ihr Verhältnis zu Ordnungen, Regeln und Grenzen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. 250 Seiten. ISBN 978-3-17-030563-2. 27,00 EUR.

Reihe: Das Jugendalter.
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Thema und Autor

Mathias Schwabe, systemischer Berater und Supervisor, Professor für Methoden der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule Berlin, zumeist „als Experte in Sachen ‚schwierige Jugendliche‘“ unterwegs, untersucht hier, wie ‚normal belastete und mit vielen Ressourcen ausgestattete Jugendliche‘ (S. 9) im Bestreben nach Anerkennung und Autonomie mit fremd- und eigen-gesetzten Regeln umgehen. Mit Hilfe von empirischen Studien, Fallgeschichten und eigenen Beobachtungen beschreibt Schwabe auf einer psychoanalytisch angereicherten, entwicklungspsychologischen Basis – Winnicott, Piaget, Kohlberg, Krappmann, Deci & Ryan – wie sich Jugendliche in Konflikten mit Eltern, Schule und Gleichaltrigen ein eigenes Regel-Repertoire erarbeiten, „um sich etablierten Ordnungen wieder annähern zu können“ (Umschlagseite).

Aufbau und Inhalt

Ein erstes relativ kurzes Kapitel (40 Seiten) umschreibt als theoretische Ausgangsbasis zunächst das schon in früher Kindheit einsetzende Regelbewusstsein, das im weiteren Verlauf bei abnehmender Fremdkontrolle zunehmend selbstbewusster ausfallen wird (39); dabei lernen die Jugendlichen, wie der Autor überzeugend an einem Fallbeispiel zeigt, sich „als Tänzer*innen zwischen Ordnungssystemen und Hybrid-Moralen“ (41) in unterschiedlichen Handlungsbereichen zu bewegen. In einer „Gratwanderung zwischen Regelbeachtung und Realisierung von Autonomieansprüchen“, die in doppelter Weise entgleisen kann: Konflikthaft eigensinnig bis hin zur Delinquenz einerseits, und durch ‚Verzicht auf Autonomie bis hin zur Entwicklung von psychosomatischen Symptomen‘ andererseits (Schaubild S. 49).

Die Fähigkeit dieser Jugendlichen sich in eigenständig entwickelte Regeln und Rituale einzuordnen, schildert der Autor im zweiten Kapitel (54 Seiten) an zwei Beispielen aktueller Jugendkulturen: Am Beispiel eines „Rap(per)-Battle, den man sich auf YouTube anschauen kann (https://www.youtube.com/watch?v=Oq8hdUvPv6Q)“ analysiert er, wie sich die beiden Hauptakteure spielerisch-rituell an Gewalt-Grenzen herantasten, um in der anstehenden Entscheidung im „Wertekonflikt zwischen Moderator/​Chefjuror und einem eigensinnigen Publikum, das den Gehorsam verweigert“ (81) die übliche Regelstruktur dynamisch zu durchbrechen. Am Beispiel der – an Hand diverser Internetquellen analysierten – Skater-Kultur belegt der Autor, wie die Beteiligten selbst im weithin schmerzhaften Einüben bestimmter Figuren vorgegebenen, aber eben selbstgewählten Regelstrukturen folgen: „Eine Gemeinsamkeit beider Kulturen sehe ich in dem Bedürfnis junger Menschen, sich selbst zu erleben, indem man an die Grenzen seiner aktuellen Fähigkeiten geht und über sie hinaus“ (108).

Auf diesem Weg des Heranwachsens sind „Grenzverletzungen und unsicherer Umgang mit Konflikten funktional für das Jugendalter. Sie beinhalten Entwicklungspotenziale für Jugendliche“ (115). Im dritten Kapitel (60 Seiten) schildert der Autor solche typischen Konflikte mit Eltern, Schule, Partner*innen und mit dem Gesetz, weist jedoch zuvor bedingt ‚konstruktivistisch‘ darauf hin, dass beide Seiten solche ‚Konflikte‘ recht unterschiedlich beurteilen können. So gilt für die Jugendlichen: „Bei der Gestaltung von Konflikten wird lustvoll experimentiert, aber auch ängstlich abgebrochen, wenn man befürchtet, ins Hintertreffen zu geraten oder gar sein Gesicht zu verlieren“ (121), wobei sie deutlich zwischen solchen eher ambivalent besetzten ‚Konflikten‘ und von außen gesetztem ‚Ärger‘ und ‚Stress‘, bzw. ‚Frust‘ und ‚Kummer‘ unterscheiden (123). Aus der Erwachsenen-Sicht unterscheidet der Autor zwischen Autonomie-Konflikten, die leicht in ‚sich verstärkende Feedbackschleifen münden‘, grenzüberschreitenden Regel-Konflikten, die schon früh auftreten können, Disziplin- und Beziehungs-Konflikten, die eher ‚im Übergangsalter vollzogen, in Kritik münden können.‘ (Schaubild S. 126). Typische Schulkonflikte (143) werden häufig „interaktiv hergestellt […] und nicht selten auch noch von Personen auf der Hinterbühne, d.h. den Eltern der Schüler*innen und den Kolleg*innen der Lehrer*innen“ verstärkt (145). Peer-Konflikte beziehen ihre Dynamik auch daraus, dass „die meisten Jugendlichen andere Jugendliche als die wichtigste Quelle von Anerkennung ansehen“ (154), was sich insbesondere auch beim ‚Mobbing‘ zeige. Konflikte mit dem Gesetz seien ubiquitär, würden zumeist von den Sanktions-Instanzen auch ‚respektvoll und freundlich‘ behandelt (167); die ‚Schuld‘ werde auch in der Strafhaft nicht immer eingesehen, doch teilen auch diese Jugendlichen „konventionelle Werte wie Anstand, Treue, Fürsorge, reservieren sie aber für ihre Beziehungen mit ihren Freunden, ihrer Familie oder ihrer Gang. Insofern halten auch sie sich wahrscheinlich für ‚gute Menschen‘“ (170).

Der Dynamik solcher sich entwickelnder Konflikte widmet sich das 4. Kapitel mit 5 Fall-Geschichten, in denen der „Prozess der Ausbalancierung von Normenorientierung, Eigensinn und sozialer Bezogenheit“ (171) zeitweise oder, insbesondere bei entsprechender Vorbelastung – im letzten Fall – dauerhaft misslingt: „Ute und Tobias: Zwei Provinzpunks in der biographischen Sackgasse Großstadt.“ (190-195).

Das letzte fünfte Kapitel schildert schließlich „wie Jugendliche alleine oder gemeinsam neue Regeln für ihr Verhalten entwickeln oder Konflikte anlässlich von Grenzüberschreitungen klären“ (196). Und zwar zunächst, recht ausführlich an Hand von „Beobachtungen [des Autors] rund um die Annäherung zweier Cliquen, einer weiblichen und einer männlichen in einer Freibadsituation“ (197); und sodann als Bericht einer jetzt 18-jährigen über ihre ersten Erfahrungen als 15/16-Jährige auf einer ‚Initiationsreise‘ während zweier Festivals (221-234).

‚12 zusammenfassende Thesen‘ unterstreichen abschließend die Rolle der Jugendkultur, Chancen und Risiken einer ‚kontextabhängigen Hybridmoral‘, das ambivalente Verhältnis zu Konflikten insbesondere im Rahmen von Autonomieansprüchen, sowie die ‚prekäre Ausbalancierung von Normenbeachtung und Eigensinn‘ (237): „Jugendliche geraten mit der Lockerung von Bindungen an Eltern und bisher relevante Autoritätspersonen in ein Anerkennungsvakuum und versuchen dieses neu zu füllen“ (10. These, S. 239).

Diskussion

Der Autor bietet, leicht verständlich geschrieben, an Hand eingängiger Beispiele, einen guten ersten Einblick in das Regel- und Konflikt-Verhalten ‚normaler‘ Jugendlicher. Er betont zu Recht deren Austesten autonomer Spielräume; deren Fähigkeit, sich zugleich in unterschiedlichen Regel-Systemen zu bewegen; sich in akzeptierte Regelstrukturen einzuordnen; die Normalität von Konflikten und selbst von delinquenten Regel-Verletzungen. Er schreibt dabei weithin aus der Sicht eines ‚neutralen‘ Supervisors mit der dazu passenden individualisierend situativen Perspektive, die tiefer gehende soziale Hintergründe eher ausblendet: Zweier-Battle und isoliertes Skater-Training an Stelle subkultureller Gruppendynamik und Migrations-Erfahrung; familiärer Background und wohlwollende Richter an Stelle von Ausschluss und problematischer Stigmatisierung.

Fazit

Ohne großen theoretischen Aufwand wirbt der Autor mit Fallbeispielen und eigenen Beobachtungen für ein besseres Verständnis jugendlicher Regel-Übertretungen als notwendiges Zwischenstadium auf dem Weg zum ‚Erwachsen‘-werden, für dessen Verlauf auch diese Erwachsenen ihren keineswegs immer positiven Beitrag leisten. Insofern gut geeignet als kleines aufklärendes Lesebuch (Oktav-Format) für Eltern, Lehrer und Erzieher.


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 28.06.2021 zu: Mathias Schwabe: Die Jugendlichen und ihr Verhältnis zu Ordnungen, Regeln und Grenzen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-17-030563-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28269.php, Datum des Zugriffs 23.07.2021.


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