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Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Handbuch geschlechter­gerechte Sprache

Cover Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Handbuch geschlechtergerechte Sprache. Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2020. 255 Seiten. ISBN 978-3-411-74517-3. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 31,50 sFr.

Duden.
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Thema

Wie dem Titel zu entnehmen beschäftigt sich das Buch mit geschlechtergerechter Sprache. Dieser Topos ist in der medialen und akademischen Diskussion hochaktuell – und stark umstritten. Die Autorinnen informieren aus linguistisch-sprachwissenschaftlicher Perspektive und regen (professionell) Schreibende zur Reflexion an. In einer Phase des gesellschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Wandels wollen sie orientieren. Außerdem geben sie Anregungen bis hin zu Musterlösungen für eine geschlechtergerechte Schreibpraxis.

Autorinnen

Gabriele Diewald ist seit 2001 Professorin für Deutsche Gegenwartssprache am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover. Sprachliche Geschlechter- bzw. Gendergerechtigkeit ist aktuell ihr Hauptforschungsthema. Anja Steinhauer ist ebenfalls Sprachwissenschaftlerin und Germanistin. Sie ist freie Lektorin, Redakteurin und Autorin, unter anderem für Veröffentlichungen des Duden-Verlags zu Rechtschreibung und Grammatik.

Entstehungshintergrund und Ziel

Das Schreibduo hat bereits 2017 den Duden-Ratgeber „Richtig Gendern“ publiziert, 2019 gefolgt von der Kurzfassung „Gendern – ganz einfach“. Das aktuelle Buch verstehen die Autorinnen als weiteren Schritt in einem dynamischen Umfeld. Sie wollen Aktuelles aufnehmen und Entwicklungen weiterdenken.

Aufbau und Inhaltsübersicht

Das Buch besteht aus drei Hauptteilen:

  1. „Einleitung und Grundsätzliches“ wirft einen Blick auf sprachgeschichtliche und sprachkulturelle Entwicklungen, u.a. die Erweiterung der „prototypischen Zweigeschlechtlichkeit“ um die „dritte Option“.
  2. „Sprachwissenschaftliche Fakten“ erläutert linguistische Grundlagen und referiert Forschungsergebnisse zu Auswirkungen des generischen Maskulinums. „Faktoren der Genderrelevanz“ bietet ein Bewertungsraster zur systematischen Bestimmung der Dringlichkeit zu gendern. Strategien geschlechtergerechten Formulierens und dessen typische Probleme werden vorgestellt.
  3. „Beispielanalysen“ enthält Unterkapitel mit verschiedenen Textsorten: an die Allgemeinheit gerichtete; Werbetexte; solche mit normierendem Charakter; Formulare; Berichtsformen; Stellenangebote. 40 teils original, teils leicht angepasst abgedruckte Beispiele werden analysiert, eingeordnet, teils kritisch bewertet und durch Vorschläge ergänzt.
  4. Der Anhang (Teil 4) enthält Quellennachweise, Hinweise auf wissenschaftliche Literatur und praktische Leitfäden sowie ein Stichwortregister.

Ausgewählte Inhalte

„Gendern“ wird als „Anwendung geschlechtergerechter Sprache im Sprachgebrauch“ definiert. Gleichbedeutend ist „Sprache geschlechtergerecht gestalten“. Im Mittelpunkt stehen dabei „Personenbezeichnungen“ also „sprachliche Mittel, die auf Menschen referieren können.“ Dies sind zunächst Substantive/​Nomen (zum Beispiel „Verkäufer“ oder „Pilotin“), auch wenn sie zusammen mit anderen Wortformen, wie Artikeln („die Reiterin“) oder Adjektiven („schneller Läufer“) als „Nominalphrasen“ vorkommen. Hinzu kommen u.a. Pronomina, besonders „sie“ und „er“.

Mit Relevanz für die Gestaltung von Sprache werden vier Ebenen unterschieden:

  1. das Genus, also das grammatische Geschlecht („der, die, das“);
  2. das semantische Geschlecht, das meist mit dem grammatischen zusammenfällt („die Tante“), aber manchmal auch nicht („der Vamp“);
  3. das soziale Geschlecht (Gender) welches, sozialen Konventionen folgend, bestimmten Wörtern ein semantisches Geschlecht zuweist. Dies ist oft zutreffend. Manchmal ist es fehlleitend, z.B. wenn bei einer Aerobic-Gruppe ungeprüft ausschließlich Frauen assoziiert werden, auch dann, wenn sie de facto ausschließlich aus Männern besteht;
  4. das biologische Geschlecht (Sexus), lange Zeit ausschließlich binär, zwischenzeitlich diverser kategorisiert.

Diese vier Ebenen wirken für das richtige Gendern „auf komplizierte Weise zusammen“. Erschwert wird dies durch die Grammatik der deutschen (im Unterschied z.B. zur englischen) Sprache. Im Deutschen müssen z.B. Adjektive oder Artikel mit den zugehörigen Substantiven korrekt mit dekliniert werden („eine große Sängerin“). Das generische Maskulinum wurde lange unwidersprochen als „angeblich neutral“ genutzt, um auch Personen mit weiblichem semantischem Geschlecht ‚mitzumeinen‘. Gegen diese schematische Vereinfachung richtet sich seit den 1970er Jahren die feministische Sprachkritik. Forschungen weisen darauf hin, dass die mit dem generischen Maskulinum verbundenen semantischen Assoziationen nachteilige Folgen für die soziale oder ökonomische Gleichstellung der Geschlechter haben.

Ein Highlight des Buches ist das Unterkapitel 2.3 „Faktoren der Genderrelevanz“. Für Texte, also Produkte „schriftlich-monologischer Kommunikation“, wird ein Modell angeboten. Dies soll für verschiedene sprachliche Konstellationen helfen zu entscheiden, eine wie große Aufmerksamkeit dem Gendern gewidmet werden soll. Unterschieden werden vier Faktoren. Sie lassen sich in Bezug auf Genderrelevanz jeweils auf einer Skala zwischen „gering“ und „höchst“ abstufen:

  • Referenztyp, was anspricht, in welchem Ausmaß durch die jeweilige Textpassage auf Personen mit einem spezifischen semantischen, sozialen oder biologischen Geschlecht hingewiesen wird;
  • Syntaktische Funktion, was – verkürzt ausgedrückt – meint, dass alle Bestandteile von Nominalphrasen, eventuell auch solche über Satzteile hinweg, grammatisch korrekt dekliniert werden;
  • Textuelle Funktion – wenn auf bestimmte Personen oder Personengruppen in einem Text mehrfach Bezug genommen wird, ist die gendergerechte Ersterwähnung besonders wichtig;
  • Wortstatus – hier sind aus mehreren Wörtern zusammengesetzte Wörter angesprochen. Weisen mehrere Bestandteile einen Personenbezug auf, wie zum Beispiel bei Experten- und Expertinnengruppe, so ist dem mehr Gendersensibilität zu widmen. Anders liegt der Fall beim Kompositum „Fleischermesser“.

Kapitel 2.4 bietet einen Überblick zu Strategien geschlechtergerechten Formulierens. Dies betrifft besonders paarig vorkommende Personenbezeichnungen, also solche mit je einer Ausprägung im männlichen und im weiblichen Genus. Neben der klassischen Variante der Beidnennung („Schüler und Schülerinnen“) sind dies u.a. deren Verkürzung durch Schrägstrich mit Bindestrich, das große Binnen-I sowie die neueren typografischen Schreibweisen mit Stern, Unterstrich usw. Viele solcher Lösungen seien auch mit Nachteilen verbunden, zum Beispiel einer Verlängerung von Texten. Daher schlagen die Autorinnen als oft bestgeeignete Variante die semantische Neutralisierung vor. Beispiele sind „Lehrkräfte“ statt „Lehrer und Lehrerinnen“, Partizipformen („Lernende“ oder „Gewählte)“ oder auch Sachbezeichnungen wie „die Presse“ statt Personenbezeichnungen („Journalisten und Journalistinnen“).

Diskussion

Ein Handbuch von hoher Qualität! Dies betrifft die Breite und Auswahl der einbezogenen Gesichtspunkte, die schlüssige Gliederung, die hohe Konsistenz und die geringe Redundanz. Das Buch liefert einen Orientierungsrahmen und auch Leitlinien für das professionelle Schreiben, meidet dabei einfach nachahmbare Rezepte. Wer sich darüber hinaus auch für sprachkulturelle und grammatische Hintergründe geschlechtergerechten Sprachgebrauchs interessiert, findet mannigfach Wissens- und Überlegenswertes. Dabei sind die Texte – Bereitschaft zur Anstrengung und Vertiefung vorausgesetzt – gut lesbar. Sprachwissenschaftliche Begriffe sind meist erklärt und über den Index schnell auffindbar. Alle, die Spaß an der sprachlichen Gestaltung, an grammatischen und semantischen Herausforderungen haben, können sich über elegante Lösungsideen und Reflexionen freuen. Etwas kurz kommen die Herausforderungen, die mit Satzkonstruktionen im Singular verbunden sind. Hier raten die Autorinnen, möglichst im Plural zu formulieren. Für viele, auch die von ihnen hier angesprochenen typografischen Varianten „verflüchtigen sich grammatische Probleme“ gerade nicht, wenn im Singular formuliert werden muss. Einen eingeschränkten Beitrag von Neutralformen zu Geschlechtergerechtigkeit, wegen begrenzter Repräsentation von Frauen, begründen sie ausschließlich mit einer fast 20 Jahre alten Studie. Hier fallen sie hinter ihren Anspruch zurück, den Wandel des Sprachgebrauchs einzubeziehen.

In ihrer Suche nach einer geschlechtergerechten Sprache betonen die Autorinnen Werte wie „Augenmaß und Toleranz“, „Fairness“, Abbau von Diskriminierung, Recht zur „eigenen Wahl“. Außerdem bestehen sie auf argumentativen Begründungen. Sie legen offen, dass sie weiterhin vom Konzept der „Geschlechterbinarität“ (Mann/Frau) ausgehen. Dabei bezeichnen sie die „dritte Option“ der Geschlechterpluralität als ebenfalls legitim (siehe u.a. das Textbeispiel der LSBTI-Bar). Damit setzen sie sich zwischen die beiden Stühle: auf der einen Seite diejenigen, die im generischen Maskulinum eine zeitlos gültige Lösung für die deutsche Sprache sehen; auf der anderen diejenigen, die für die Repräsentation von Geschlechtervielfalt eine grammatisch und lexikalisch durchgängig neu konstruierte (Schrift-) Sprache einfordern.

Das Buch erscheint im Duden-Verlag und ist im Rahmen des von der Gesellschaft für deutsche Sprache Vertretenen verortet. Damit ist es ein bedeutender Beitrag zur Normsetzung. Dies stellen die Verfasserinnen einleitend in Abrede. Hingegen spricht ihr Plädoyer für eine erlernbare Orthografie, die „explizite Vereinbarungen bzw. Normierungen erfordert“, genau für diese ihre Absicht. Auch die Aussage „geschlechtergerechte Sprache wird besser und eher akzeptiert, wenn offiziell reguliert wird“, spricht für Normierung.

Das Buch weist die beiden Wissenschaftlerinnen als wichtige Akteurinnen im öffentlichen sprachpolitischen Diskurs aus. Ihre Schlussfolgerungen beruhen auf Bewertungen. Solche erfolgen im Unterkapitel „Faktoren der Genderrelevanz“ mustergültig systematisch aus einer linguistisch-sprachwissenschaftlicher Position. Allerdings beschränken sie sich hier bewusst auf eine Kriteriendimension: die der Genderrelevanz. Andere Wertdimensionen bleiben implizit oder ausgeklammert. Manche davon sind verstreut über das Buch angesprochen. Beispiele sind: sachliche Richtigkeit, Effizienz (u.a. Lesegeschwindigkeit oder Kosten der Textproduktion), Akzeptanz in der Bevölkerung. Aus evaluationswissenschaftlicher Sicht ist eine umfassendere systematische Bewertungssynthese wünschenswert. Diese könnte sich an den vier generischen Kriteriendimensionen Fairness, Nützlichkeit, Durchführbarkeit und Genauigkeit orientieren (vgl. das Handbuch der Evaluationsstandards)

Es gibt auch blinde Flecken bezüglich berechtigter Wertpositionen und Interessen im sprachpolitischen Diskurs. Hierzu zunächst zwei Details: Bei den Veranschaulichungen greifen die Autorinnen oft auf ihre universitär geprägte Berufs- und Lebenswelt zurück. Akademische Titel und Personenbezeichnungen, Belege aus Untersuchungen bei Studierenden oder universitäre Rechtssetzungen kommen häufig vor. Die Autorinnen bedauern, dass sich differenzierte Überlegungen zu Sprache und Geschlecht „kaum über den akademischen Raum“ verbreitet haben. Damit schreiben Sie diesem Milieu eine privilegierte Stellung im Diskurs zu. Ein anderes Detail betrifft ihre Sympathie auch für den Mediopunkt als typografisches Zeichen, um auf Mehrgeschlechtlichkeit hinzuweisen, und vielleicht „bewusst zu irritieren“. In der Leichten Sprache ist der Mediopunkt dafür reserviert, längere Worte zu entschlüsseln. Nutzende der Leichten Sprache werden durch Mediopunkte mit anderer Bedeutung unnötig verwirrt. Beide Details verweisen auf einen größeren Zusammenhang: Um „einen ganz erheblichen Beitrag zum Abbau von Diskriminierung und mehr Gerechtigkeit“ zu leisten, müssten weitere Interessen abgewogen werden. Dies sind z.B. solche von Leseschwachen, Seheingeschränkten oder fremdsprachigen Zugewanderten.

Fazit

Das Buch ist ein Muss für alle, die sich an der Debatte um geschlechtergerechten Sprachgebrauch beteiligen wollen. Dies gilt besonders, wenn sie für ihre Organisationen – z.B. Behörden, Schulen oder Hochschulen – sprachliche Richtlinien erarbeiten. Dies gilt auch für Fachpersonen, die Texte professionell bewerten, wie Prüfende an Schulen und Hochschulen. Die Autorinnen entfalten viele Argumente gegen mechanistische Vorgehensweisen; sei es, dass durchgängig einerseits auf dem generischen Maskulinum oder andererseits auf typografisch markierten paarigen Personenbezeichnungen beharrt wird. Für einen umfassend gerechten Sprachgebrauch braucht es weitere Werke so kundig wie dieses. Sie fordern professionell Schreibenden viel ab. Deren Anstrengung zahlt sich damit aus, dass die kognitive Last für die Breite des Lesepublikums möglichst gering ausfällt – ein Gebot in der demokratischen Gesellschaft.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Beywl
Fachhochschule Nordwestschweiz, Pädagogische Hochschule, Institut Weiterbildung und Beratung. Professur für Bildungsmanagement und Schulentwicklung – wissenschaftlicher Leiter Univation– Institut für Evaluation, Köln.
Homepage www.fhnw.ch/ph/iwb/professuren/bildungsmanagement
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Zitiervorschlag
Wolfgang Beywl. Rezension vom 12.01.2022 zu: Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Handbuch geschlechtergerechte Sprache. Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2020. ISBN 978-3-411-74517-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28271.php, Datum des Zugriffs 28.01.2022.


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