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Hilke Lorenz: Die Akte Verschickungskinder

Cover Hilke Lorenz: Die Akte Verschickungskinder. Wie Kurheime für Generationen zum Albtraum wurden. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. 300 Seiten. ISBN 978-3-407-86655-4. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

„Warum wurden acht Millionen Kinder bis in die 1980er-Jahre in sogenannte Kindererholungsheime verschickt und kamen verstört oder traumatisiert zurück?“ (Umschlagtext). Das Buch rückt das lange übersehene bzw. tabuisierte Thema in den Fokus und leistet damit einen weiteren wichtigen Beitrag zum „Elend der Verschickungskinder“. Grundlage für das Sachbuch sind Gespräche mit ehemaligen Verschickungskindern, die ihre Erlebnisse -Heimweh, Einsamkeit, Zwang und Gewalt- erzählt haben, Erfahrungen, die sie bis heute geprägt haben. Daneben kommen auch das wirtschaftliche Interesse der „Verschickungswirtschaft“ und die Verschleierungstaktiken bzgl. institutioneller Gewalt zur Sprache.

Autorin und Entstehungshintergrund

Hilke Lorenz ist Historikerin und Journalistin, arbeitet als Redakteurin bei der „Stuttgarter Zeitung“. Sie hat sich in zwei populären Sachbüchern u.a. mit der Geschichte von Kriegskindern („Kriegskinder – Das Schicksal einer Generation“ und mit dem Einfluss von Kriegserlebnissen und totalitären Ideologien („Heimat aus dem Koffer“) beschäftigt. Für ihren Artikel „Ausgeliefert“ über die Thematik der Verschickungskinder wurde sie mit dem Diakonie Journalistenpreis in der Kategorie Print 2020 ausgezeichnet. Für das vorliegende Sachbuch hat die Autorin mit zahlreichen ehemaligen Betroffenen gesprochen und ist deren Erlebnissen und Schilderungen nachgegangen. Das Vorwort stammt von Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Publizist, der zu einer Vielzahl von Kindheitsthemen (v.a. Sachbücher und Elternratgeber) publiziert hat. Die Thematik „Verschickungskinder“ erfährt seit den grundlegenden Arbeiten von Anja Röhl (vgl. https://www.socialnet.de/rezensionen/​27829.php; https://www.socialnet.de/rezensionen/​28163.php ) und der Gründung einer „Initiative Verschickungskinder“) eine systematische Aufarbeitung. Einzelne Bundesländer wollen nun eine Unterstützung der Geschädigten anbieten, auf Bundesebene soll eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Kinderkuren stattfinden.

Aufbau und Inhalt

Der Band beinhaltet neben einem Vorwort von Herbert Renz-Polster und einem Nachwort der Autorin, sowie einem Literaturverzeichnis zehn Kapitel mit den Schwerpunkten

  • Das System Kinderkurverschickung
  • Das Heimweh-Trauma
  • Gesunde Kinder werden starke Arbeitskräfte
  • Das NS-Erbe
  • Gefangen im Horrorszenario
  • Kinder als Verschiebemasse
  • Pädagogik der Einschüchterung
  • Schädliche Medizin
  • Verschickung in Dauerschleife
  • Ausgeliefert und kein Entkommen
  • Gegenwehr und Gegenentwürfe in Oberstdorf

Im Einzelnen:

  • Vorwort In seinem Vorwort betont der Kinderarzt und Fachbuchautor Herbert Renz-Polster die Bedeutung bindungstheoretischer Aspekte im Zusammenhang mit Trennungssituationen zwischen Kindern und ihren Eltern. Aus heutiger Perspektive erscheinen die früheren „Kinder-Erholungskuren“ zweifelhaft, neben den dort zugefügten Zwangserfahrungen und Unmenschlichkeiten bis hin zu Missbrauch und Gewalt.
  • Das System Kinderkurverschickung „Luftveränderung tut jedem gut“ – getreu diesem Motto „sind ab der zweiten Hälfte der 1940er Jahre bis weit in die 1980er Jahre … in der Bundesrepublik alljährlich etwa eine Viertelmillion Kinder in die Kindererholung verschickt worden. Die Jüngsten waren knapp ein Jahr alt, die Ältesten standen am Beginn der Pubertät. Insgesamt betraf es im Lauf der Jahrzehnte geschätzt acht Millionen Kinder. Mal ging es in ein Haus in der näheren Umgebung, mal wurde quer durch Deutschland verschickt – in die Berge, an die See, in die verstreut liegenden Solebäder. „Die Kinder reisten nach Amrum, Norderney, Föhr oder Sylt ebenso wie ins Allgäu, in den Schwarzwald oder den Harz“ (17). Hilke Lorenz beschreibt im ersten Kapitel die Struktur der Kinderkurverschickung und lotet deren Ausmaß anhand der Frage nach einer „Gesundheitsfürsorgeindustrie“ (20) aus, die sie in der Auslastungspolitik der Heime, den Vergütungsanreizen für KinderärztInnen bei Kurverschreibungen, in der Struktur der Kurmaßnahmen, die von Trennung der Kinder, Angst, Ausgeliefertsein, Schweigen und in Medikamentenversuchen ohne medizinische Indikation belegt sieht. Als Fazit dieser ersten Annäherung an das Thema Verschickungskinder fordert die Autorin die Aufarbeitung des Geschehenen.
  • Das Heimweh-Trauma Heimweh steht als zentrales Belastungserlebnis im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Die Erfahrung der Trennung von der Familie, den Freunden, dem gewohnten Umfeld über viele Wochen hinweg wird am Beispiel der sechsjährigen Sabine dargestellt. Der Kuraufenthalt erscheint- hier exemplarisch- als Herausgerissen-Sein aus dem gewohnten Alltag, aus dem Zusammenhalt der Familie. Die Kureinrichtung wird als fremd und mächtig beschrieben, welche keinerlei Verständnis für die Bedürfnisse des Kindes zeigt, ein „Gesundheitsprogramm“ durchzieht, an der besonderen Situation des Mädchens vorbei, das kurz vor Kurantritt seine jüngere Schwester verloren hat. Die Kur wirkt hier als traumatisches Ereignis, als Phase andauernder Überforderung und Einsamkeit, das sich tief in das emotionale Leben der späteren Erwachsenen eingegraben hat: „Es hat mir so viel Kraft und Normalität geraubt, die ich mir bis jetzt wieder erarbeiten muss. Vor allem Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Das ist ein ganz schwerer Kampf“ (67).
  • Gesunde Kinder werden starke Arbeitskräfte Das Konzept „Kindererholungskur“ reicht zurück in die Zeit der einsetzenden industriellen Revolution. „Die Kinderkur ist vom Gedanken getragen, den Leidtragenden der Industrialisierung Hilfe zu leisten – und eine gesunde, belastbare Arbeiterschaft für aufstrebende Industriemächte zu sichern. Im Grunde gilt das bis in die 1980er-Jahre“ (68). Dieser These folgend beschreibt Lorenz die Geschichte der Kinderkuren, die anhand zentraler Personen und Institutionen dargestellt und belegt werden. Zielgruppe waren vornehmlich Eltern, die sich einen Aufenthalt in gesunder Umgebung für ihre Kinder nicht leisten konnten. Die Maßnahme wurde, in Übernahme der Begrifflichkeiten aus dem Nationalsozialismus („Kinderlandverschickung“), als „Verschickung“ bezeichnet und konzipiert. Träger der Verschickungen waren die freien Wohlfahrtsverbände und (Betriebs)krankenkassen, genutzt wurden ehemalige Pensionen, Privathäuser und Hotels. Die Finanzierung erfolgte durch die Bundesversicherungs- und Landesversicherungsanstalten. Für das Jahr 1964 sind über 62.000 Kinderkur-Heimplätze in über 1000 Häusern vermerkt. Lorenz spricht in diesem Zusammenhang von der „Kinderkur-Industrie“ (75), ein System das vom reibungslosen Ablauf der Beteiligten (ÄrztInnen, Krankenkassen, HeimbetreiberInnen, Reisepersonal) profitierte. Die (durch Unmenschlichkeit, schwarze Pädagogik, Ökonomiedruck etc. geprägte) Praxis in diesen Heimen wurde spätestens ab 1975 stark kritisiert, u.a. hatte damals Wolf-Rainer Wendt ein Curriculum für die Kindererholung verfasst und rasche Verbesserungen gefordert, das allerdings kaum in die Praxis umgesetzt wurde.
  • Das NS-Erbe Ein weiteres Einzelschicksal (Andrea) dient als Aufhänger für die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte. Andrea war Ende der 1970er Jahre im „Kindersolebad Bad Friedrichshall“ nahe Heilbronn. Die Klinik war ab 1932 auf die Linie der NS-Gesundheitspolitik eingeschwenkt, vor allem auf „die Aufzucht gesunder Kinder für Volk und Staat“ (95) und die Durchführung von medizinischen Experimenten zur Tuberkulosebehandlung. Hinsichtlich Haltung, Pädagogik (eine „perfide Mischung aus Tyrannei und Vernachlässigung“ 115), medizinische Versorgung und Personal besteht nach 1945 eine deutliche Übereinstimmung. Die Verhältnisse in der Kinderkurklinik sind desolat, die Region wurde gegen Kriegsende stark bombardiert, das Klinikgebäude als Ausweichquartier der Heilbronner Kinderklinik genutzt, die Ausstattung ist spärlich, besteht aus „primitiven Luftschutzbetten aus dem Krieg“, wenig Nützlichem, kaum Schönem. Die dort untergebrachten Kinder reagierten z.T. mit Fluchtversuchen, die Zustände scheinen kaum aushaltbar gewesen zu sein. Der Geist der Kurklinik lässt sich an einem schriftlichen Vermerkt des damaligen leitenden Arztes ablesen: „Ich persönlich möchte dazu nur anmerken, dass es leichter ist, einen Sack voll Flöhe zu hüten als eine Schar Solebadkinder, die zu einem großen Teil doch aus der sozialen Hefe des Volkes stammen und sich auch so aufführen“ (109).
  • Gefangen im Horrorszenario Autoritäre Strukturen, Regelversessenheit, Gefühllosigkeit, Konformitätsdruck, (fraglicher) Missbrauch, Medikation ohne Indikation – das vierte Kapitel beschreibt anhand von Einzelschicksalen und konkreten Heimeinrichtungen die aus Erinnerungen geschilderten, teils mit Fakten belegten Zustände in deutschen Kindererholungseinrichtungen. Das hier als Einzelschicksale vorgelegte Material erscheint vor dem Hintergrund der damaligen Praxis und der mittlerweile begonnenen Aufarbeitung, u.a. bundesweiten Treffen ehemaliger Verschickungskinder als strukturelles Merkmal. Hilke Lorenz sagt damit nicht, dass es in allen Heimeinrichtungen derartige Missstände gegeben hat, dass das Ausmaß allerdings deutlich größer ist als vermutet und dass die Auswirkungen, wie hier an Einzelbeispielen dargestellt wird, z.T. bis heute nachwirken.
  • Kinder als Verschiebemasse Neben der Schilderung des Heimalltags und fragwürdiger „pädagogischer“ Praxis formuliert Hilke Lorenz in diesem Kapitel die Rolle der Kinder als „Verschiebemasse“. Das einzelne Kind spielt im System der Verschickung keine besondere Rolle, vielmehr geht es um reibungslose Abläufe, geschäftsmäßiges Agieren, um formale Strukturen und äußeren Schein. Anhand weiterer Fallvignetten beschreibt Lorenz was dieses System für das einzelne Kind bedeutet hat: Gefühle von Ausgeliefert-Sein, Ohnmacht, Angst und Verlassenheit. Der hier beschriebene „Fall Heike“ illustriert (Heike war in drei unterschiedlichen Einrichtungen verschickt worden) die Gleichförmigkeit der Abläufe, Strukturen und die damit verbundene Entindividualisierung. Am „Fall Heike“ wird auch ein häufiger Verdrängungsmechanismus des Erlebten deutlich: „Ich habe mir schon damals nichts anmerken lassen, habe sogar gelacht, weil ich das schon immer konnte: Von einem Moment auf den anderen das vergessen, was vorher geschehen war“ (188).
  • Pädagogik der Einschüchterung Ein weiteres Fallbeispiel (Reinhard) beschreibt die Erziehungsrealität in den Verschickungsheimen als „Exkursion in die Zeit schwärzester Pädagogik“: Abgabe persönlicher Gegenstände, unpersönliche, bestenfalls zweckmäßige, oft schäbige Ausstattung, fehlendes Spielmaterial, Gruppenzwang, Kollektivmaßnahmen, strenge Tagesstruktur, Zwangsmaßnahmen, Strafen, Drohungen, Postkontrolle, körperliche Fixierungen, Kaltwasserduschen mit dem Wasserschlauch, Stillsitzen und -stehen, Isolation (im Dunkelraum), Verhöhnung… Die Liste der Methoden und Techniken ist lang und belegt zusätzlich den Zusammenhang der historischen Prägung (Orientierung an der NS-Kinderwohlfahrt und deren Erziehungsidealen), den wirtschaftlichen Strukturen und den persönlichen Merkmalen des Personals in den Kinderkurheimen. „Frau M.s Instrumentenkasten des Strafens war reichhaltig … Wie in der Nacht war auch am Tag das Weinen verboten. Wenn ein Kind seinen Kummer oder sein Heimweh trotz Verbots nicht zurückhalten konnte, bekam es ein Tuch um den Kopf und über seine Augen gebunden. Erst wenn das Weinen aufhörte, wurde auch das Tuch wieder entfernt“ (198).
  • Schädliche Medizin Das in der Einleitung (System Kinderkurverschickung) angedeutete Thema medizinischer Behandlungsmaßnahmen (ohne Indikation, ohne wissenschaftliche Grundlage oder Methodik) wird anhand eines weiteren Fallbeispiels („Evelyn in Scheidegg und Bayerisch Gmain“) vertieft. Auch wenn das Kapitel den Schwerpunkt eher auf die historische Ebene der Kinderkurklinik in Scheidegg legt, werden fragwürdige Behandlungsmaßnahmen geschildert (u.a. Waterboarding, entwürdigende Untersuchungsmethoden) und deren Langzeitwirkung beschrieben, auch hier mit dem Verweis, dass dieses Einzelschicksal exemplarisch für viele andere „Verschickungskinder“ steht.
  • Verschickung in Dauerschleife In extremen Einzelfällen kam es zu wiederholten, viele Wochen andauernden Kinderkurverordnungen und Heimaufenthalten. Der in diesem Kapitel berichtete Fall („Albert“) bringt es auf 116 Wochen Kur in 14 Jahren, Hintergrund dafür anhaltende Probleme mit Asthma und Allergien. Die einzelnen Kuraufenthalte weisen eine Dauer von fünf bis 22 (!) Wochen auf und belegen den Beziehungsbruch, der mit solchen Kuraufenthalten verbunden war: der einzige Kontakt zur Welt bestand in Briefen (240), von den Eltern, oder an die Familie. Ein umfassender Nutzen solcher „Dauerkuren“ hat sich allerdings nicht gezeigt: „Jetzt ahnte wohl auch seine Mutter, dass sich der Nutzen und die Belastung durch die Kuren bestenfalls die Waage hielten“ (243).
  • Ausgeliefert und kein Entkommen Der Kuraufenthalt in den Heimeinrichtungen bedeutete für die Kinder (abgeschwächt auch für deren Familien) Ausgeliefert-Sein, eine Dauersituation von Selbstunwirksamkeit und Ohnmacht. Hilke Lorenz beschreibt diese Situation anhand weiterer Fälle aus Bad Dürrheim, Bad Rappenau, Sylt und Hirsau. Der geschäftsmäßige Kommandoton, der Umgang mit persönlichen Gegenständen (Abnahme und Verwaltung von Wertgegenständen und Bargeld z.B.), strenge Hausregeln, stundenlange Liegekuren (im Kapitel veranschaulicht mit authentischem Fotomaterial [257]), Bloßstellung, Einschüchterung und Demütigung steht konträr zum angestrebten Kurziel (Stabilisierung, Erholung), was die Kinder emotional unter Druck setzte und schädigte. In Extremfällen reagierten einzelne Kinder darauf mit suizidalen Krisen („Der Selbstmörderinnenklub“, 268), häufiger mit Rückzug und Isolation, seltener mit Rebellion.
  • Gegenwehr Das System der Unterdrückung, Einschüchterung, Demütigung und Gewalt weist wie alle solche Systeme auch Gegenentwürfe, Widerstand und Gegenwehr auf. Das letzte Kapitel greift solche Ansätze und Beispiele einer positiven Pädagogik, menschlicher Zuwendung zum Kind und Förderung auf. Grundlage dafür sind, dem Aufbau des Buches folgend auch hier Erinnerungsberichte ehemaliger Verschickungskinder und einer an „anti-pädagogischen“ Prinzipien orientierten Heimleiterin: „Im Haus Mövengrund gab es viel Dürfen und wenig Müssen. Es gab stets zwei Hunde … eine Katze und einen Entenerpel, der seiner Heimleiterin auf Schritt und Tritt folge. Wenn die Kinder nachts Angst hatten, allein zur Toilette zu gehen, standen Sie am Bett“ (290) der Heimleitung, fanden dort Verständnis, Zuspruch und Hilfe. „Kur konnte also auch ein Wohlfühlerlebnis sein. Das relativiert nicht, was anderen Kindern widerfahren ist. Es macht es nur umso schrecklicher“ (291).

Zielgruppe des Buches

Alle Berufsgruppen, die sich mit der Geschichte der „Verschickungskinder“ beschäftigen wollen, Betroffene und deren Familien.

Diskussion

Hilke Lorenz legt mit der „Akte Verschickungskinder“ nach der fast zeitgleich veröffentlichten Arbeit von Anja Röhl (s.o.) das bereits zweite Fachbuch zum Thema vor. Ihrem fachlichen Zugang entsprechend verfolgt die Autorin einen journalistischen, an vielen Stellen packenden Stil, der die Thematik in der Regel an Einzelbeispielen auffächert. Aus dem Kontext des Buches erschließt sich das Gesamtausmaß dieses schwarzen Kapitels nachkriegsdeutscher Gesundheits- und Sozialpolitik: Kuraufenthalte, die für Generationen zum Albtraum wurden, Erholungsmaßnahmen die durch Demütigung, Missachtung, Willkür und Gewalt gekennzeichnet waren und bei den betroffenen teilweise anhaltende Belastungen und Schädigungen verursacht haben, mindestens jedoch unangenehme Erinnerungen des Ausgeliefertseins, der Einsamkeit und Angst.

Die Thematik der einzelnen Kapitel (Heimweh, NS-Erbe, Schädliche Medizin etc.) verschwindet teilweise hinter den Erfahrungsberichten der einzelnen ProtagonistInnen. Hilke Lorenz will mit diesem Gestaltungsmerkmal auf die Verquickung menschenverachtender Herrschaftspädagogik mit strukturellen Merkmalen aufmerksam machen, für diese sensibilisieren. Dafür nimmt sie den persönlichen Ton der Erfahrungsberichte in Kauf, verzichtet jedoch auf eine fachliche Zusammenführung, etwa zu Konzepten der Traumapädagogik oder Entwicklungspsychologie. Eine solche Verquickung bleibt weiteren Veröffentlichungen vorbehalten. Diese sind, vor dem Hintergrund der jetzt begonnenen Aufarbeitungsbemühungen (www.verschickungsheime.de) zu erwarten, bzw. zu fordern – das vorliegende Werk bietet dafür zahlreiche Anknüpfungspunkte und Fakten. Im Literaturverzeichnis gelingt Hilke Lorenz eine erste, dabei sehr differenzierte Einordnung in die Grundlagenliteratur – exemplarisch etwa der Verweis auf die frühen Arbeiten (des für die gesamte Soziale Arbeit wichtigen) Wolf Rainer Wendt, der die jetzt breiter diskutierten Missstände bereits vor über 40 Jahren formuliert und ein pädagogisches Konzept für kindgerechte Erholungsmaßnahmen vorgelegt hat.

Fazit

Ein gründlich recherchiertes Buch, das die Betroffenen zu Wort kommen lässt, die vielfältigen Berichte und Einzelbefunde bündelt und so der Bearbeitung zugänglich macht. Das Phänomen „Verschickungskur“, die Schicksale der „Verschickungskinder“ werden historisch, gesundheitspolitisch, pädagogisch und psychologisch erfasst, strukturiert und gebündelt. Eine wichtige Grundlage für den jetzt begonnenen Aufarbeitungsprozess dieses dunklen Kapitels deutscher Gesundheits- und Sozialpolitik.


Rezension von
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 23.07.2021 zu: Hilke Lorenz: Die Akte Verschickungskinder. Wie Kurheime für Generationen zum Albtraum wurden. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. ISBN 978-3-407-86655-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28272.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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