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Eva Maria Lohner: Gewaltige Liebe

Cover Eva Maria Lohner: Gewaltige Liebe. Praktiken und Handlungsorientierungen junger Frauen in gewaltgeprägten Paarbeziehungen. transcript (Bielefeld) 2019. 296 Seiten. ISBN 978-3-8376-4800-3. D: 39,99 EUR, A: 39,99 EUR, CH: 48,70 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Thema und Autorin

Weltweit sind täglich Millionen von Frauen von häuslicher Gewalt betroffen – erschütternde Zahlen, die nicht ignoriert werden dürfen. Häusliche Gewalt kann in verschiedensten Formen auftreten: physisch, sexualisiert und psychologisch, auch als Ausübung von Zwang und Kontrolle sowie als Entzug finanzieller Mittel.

Autorin des Bandes ist Eva Maria Lohner, Diplom Pädagogin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einer Einführung in weitere acht Kapitel mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.

In den „Einleitung“ wird betont, dass es sich bei dieser Publikation um eine wissenschaftliche Perspektive zur Prävention von Gewalt in intimen Teenagerbeziehungen handele, der ein qualitatives Forschungsdesign zugrunde liege. Die Studie setzt sich mit lebensgeschichtlichen Erzählungen junger Frauen in Form von narrativen Repräsentationen auseinander. Es wird nach den familiären Einflüssen und den späteren Erfahrungen in den eigenen Paarbeziehungen gefragt.

Kapitel zwei befasst sich mit der „Paarbeziehung im gesellschaftlichen Wandel“. Die Emotionalisierungsthese habe sich zu einer These des Wandels von Paarbeziehungen etabliert. So wären die Ansprüche an die Beziehungen gestiegen und ebenso die Qualität. Das Leitbild der Moderne habe den Tausch männlicher Versorgungsleistungen gegen die weibliche Fürsorge vorgesehen, sodass sich eine Intimsphäre ausbilden konnte, in die sich das Paar zurückziehen könne. Des Weiteren habe sich in der weiblichen Normalbiografie die Logik individueller Lebensentwürfe durchgesetzt.

Mit „Paarbeziehung als biografisches Projekt“ ist das folgende Kapitel überschrieben. Biografie sei als soziales Konstrukt zu begreifen, in dem Individuum und Gesellschaft interagieren. Es seien konkrete Konfigurationen, die in konkreten Handlungswelten konstruiert werden (S. 33). Die vorliegende Arbeit richte ihre Perspektive auf die Herstellung und Gestaltung von Paarbeziehungen und dem Umgang mit Gewalterfahrungen und wie die Akteurinnen an ihrer eigenen Konstitution mitwirkten.

„Gewalt in Paarbeziehungen Jugendlicher und junger Erwachsener“ ist das Thema von Kapitel vier. Liebesbeziehungen seien heute nicht mehr an die Institution Ehe gebunden, weil es zunehmend vom Modell der Partnerschaft abgelöst werde. Danach wird der Begriff Gewalt thematisiert, der sich einer einheitlichen Definition entziehe. Gewalt kann in personale und institutionelle Gewalt unterschieden werden. Im Buch werde eine offene Haltung eingenommen, die es den befragten Frauen ermöglichen soll, selbst darüber zu bestimmen, wie sie Gewalt definierten (S. 57).

Der „Stand der Forschung“ wird in den weiteren Ausführungen in den Blick genommen. Aktuelle Modernisierungsprozesse würden die Lebenslagen von Frauen und auch ihre Erwartungen an Beziehungen verändern. So ließen sich zwei Typen von Beziehungen unterscheiden: kollektivistische und individualistische, erstere orientierten sich an der traditionellen Ehe, dagegen stehe beim individualistischen Typ die Wahrung oder Maximierung der persönlichen Freiheit an erster Stelle. Weil es heute eine Vielzahl von Optionen gäbe, müssten Paare aushandeln, wie sie gemeinsam leben wollen.

Es folgt auf zwei Seiten ein „Zwischenfazit“. Die Publikation verfolge einen qualitativen Forschungszugang und lege damit den Schwerpunkt auf subjektive Erfahrungen und Lebenswelten. Biografisches Handeln geschehe immer in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Diese Wechselwirkung nehme das Buch in den Blick.

Kapitel sieben setzt sich mit der „Methodologie und Methode“ auseinander. Die dokumentarische Methode gehe nicht nur wörtlich Mitgeteiltem nach, sondern vor allem dem Sinngehalt, der den Äußerungen zugrunde liege, um dann das implizite Wissen rekonstruieren zu können (S. 81). Die grundlegende Perspektive sei eine praxeologische, bei der habituelles Handeln, konjunktive Erfahrung und Orientierungsmuster im Mittelpunkt stünden. Es wurden sechs narrative Interviews durchgeführt, weil sich damit die soziale Wirklichkeit aus der Perspektive der handelnden und erleidenden Subjekte erfassen ließe. Alle aufgezeichneten Interviews wurden transkribiert. Ziel dieser Methodik sei es, die Perspektive auf die Verschränkung von individualbiografischer Erfahrung und kollektiver Einbettung zu richten.

Kapitel acht widmet sich den „Ergebnisse der empirischen Untersuchung. Falldarstellung und Typengenese – Praktiken und Handlungsorientierungen junger Frauen in gewaltgeprägten Beziehungen“. Es folgen Fallvignetten, die nach frühen Gewalterfahrungen in Paarbeziehungen rekonstruiert werden. Aus den Fallstudien konnten drei generierte Typen herausgearbeitet werden. Der erste Typus ist der der „Pertinenz“. Frauen dieses Typus nehmen zu einem frühen Zeitpunkt sexuelle Beziehungen zu deutlich älteren Männern auf. Sie akzeptieren ein gewisses Maß an Gewalt, beenden die Beziehung aber meist vor Einsetzen eines Kreislaufs der Gewalt. „Autonomie“ ist ein zweiter Typus. Die Frauen wollen eine egalitäre Beziehung gestalten, indem sie Respekt und Anerkennung fordern und sie beruflich wie finanziell unabhängig sein wollen. Der Typus „Abhängigkeit“ zeige sich in Abhängigkeit auf allen Ebenen der Beziehung. Viele hatten bereits in den Herkunftsfamilien Gewalt erlebt. Sie zeigten auch passive Strategien in der Bewältigung von Gewalt, sodass meist Gewaltspiralen drohten.

Das letzte und damit neunte Kapitel hast sich den „Diskurstheoretischen Betrachtungen“ verschrieben. Hier werden die wissenschaftlichen Befunde noch einmal abschließend diskutiert. Es bedürfe der Öffentlichkeitsarbeit, die das Thema Gewalt in jungen Paarbeziehungen sichtbar macht und die Zielgruppe anspricht.

Diskussion

Der Titel des Buches ist gut und treffend gewählt, denn die „Gewaltige Liebe“ verrät, dass es sich hier um Liebesbeziehungen handelt, die teilweise mit Gewalt gelebt und ausgetragen werden.

Die Publikation ist wissenschaftlich tiefgründig auf einem durchgängig hohen Niveau und trotzdem ist sie nicht akademisch so überformt, dass man sie nicht verstehen könnte. Das Kapitel sieben „Methodologie und Methode“ ist teilweise sehr unübersichtlich geschrieben, weil mehrere Methodologien nebeneinander angewandt und beschrieben werden. Verwunderlich ist, dass im letzten Kapitel noch einmal eine Theorie beschrieben wird, mit der die Deutungen der Typen gerahmt werden.

Sehr interessant sind die Fallvignetten, die sehr tiefgründig analysiert und dann den drei Typen zugeordnet werden. Es ist schon erstaunlich, dass in allen Fällen Gewalterfahrungen entweder in der Herkunftsfamilie oder dann in den eigenen Paarbeziehungen auftreten, die teilweise massiv ausgetragen werden.

Insgesamt lässt sich die Publikation wegen der Einschübe zu verschiedenen Autoren und Hinweisen auf Theorien, die den Lesefluss behindern, schlecht lesen und es ist zudem auch teilweise konfus geschrieben.

Fazit

Es ist eine sehr anregende Lektüre mit hohem wissenschaftlichem Gehalt, die nicht nur aufzuklären vermag, sondern vor allem zum Denken und Reflektieren bewegt. Es lohnt sich insbesondere für Eltern zu lesen, die ihre flügge gewordenen Kinder in eigene Paarbeziehungen begleiten.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 27.04.2021 zu: Eva Maria Lohner: Gewaltige Liebe. Praktiken und Handlungsorientierungen junger Frauen in gewaltgeprägten Paarbeziehungen. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4800-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28274.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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