socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Klaus Fröhlich-Gildhoff, Annegret Reutter: Prävention und Resilienzförderung in der Sekundarstufe I - PRiS

Cover Klaus Fröhlich-Gildhoff, Annegret Reutter: Prävention und Resilienzförderung in der Sekundarstufe I - PRiS. Ein Förderprogramm. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 125 Seiten. ISBN 978-3-497-03031-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema, Hintergrund, Autor*innen

Das vorgelegte Förderprogramm soll die seelische Widerstandskraft und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Schule verstärken und unterstützen. Dazu werden im Theorieteil die Grundlagen des eingesetzten Resilienzkonzepts und in einem Praxisteil für die Klassen 5 bis 10 jeweils entsprechende Fördereinheiten detailliert vorgestellt. Erarbeitet worden ist die Publikation im Zentrum für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg. Dieses Institut blickt auf langjährig erprobte und evaluierte Erfahrungen mit dem genannten Thema zurück. Das gilt auch auch für die Bereiche Grundschule und Kindertagesstätte. Der Psychologe Klaus Fröhlich-Gildhoff ist Professor an der Hochschule und Co-Leiter des Zentrums. Dort ist Annegret Reutter, M.A. Soziale Arbeit, als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Stefanie Schopp, Dipl. Soziale Arbeit, ist Weiterbildungsexpertin an Schulen und Kindertageseinrichtungen. Im Folgenden wird der Theorieteil skizziert und aus dem Praxisteil wird auf die Einheiten bzw. die Materialien für die 5. und 10. Klasse eingegangen.

Inhalt

Theorieteil

Zunächst wird auf grundlegende Studien zum Thema Resilienz verwiesen (u.a. Kauai Längsschnittstudie, Bielefelder Invulnerabilitätsstudie) und auf die zentrale Bedeutung von Schutz- und Risikofaktoren im Kindes- und Jugendalter aufmerksam gemacht. Zu den Schutzfaktoren gehört das Vorhandensein einer stabilen, emotional zugewandten Bezugsperson mit ausgebildeten Selbstwertgefühl und optimistischer Grundhaltung (soziale Ressource). Zu den personalen Ressourcen bei Kindern und Jugendlichen gehört, auch um Mitgestalter am eigenen Leben zu sein, die Entwicklung folgender Fähigkeiten:

  • angemessene Selbsteinschätzung,
  • die Überzeugung Anforderungen bewältigen zu können (Selbstwirksamkeit),
  • soziale Kompetenz, um z.B. Konflikte zu lösen,
  • Problemlösekompetenz,
  • aktive Bewältigungskompetenz als Realisierung vorhandener Kompetenzen und
  • Sinnfindung als finden angemessener Ziele.

Diese Faktoren dienen der Bewältigung von Krisen und Entwicklungsaufgaben im frühen Jugendalter. Dazu gehört z.B. der Umgang mit der eigenen Körperentwicklung, die Ablösung von den Eltern, die Verfestigung der eigenen Identität einschließlich der Geschlechtsidentität und die Fähigkeit, Freundschaften zu gestalten sowie soziale Netze zu knüpfen. Dies gilt insbesondere in einer Gesellschaft, die durch die Pluralisierung herausfordernder Lebenswelten gekennzeichnet ist. Einerseits bedeutet das eine hohe Handlungsfreiheit und andererseits Unsicherheit durch die Auflösung sozialer und kultureller Verbindlichkeiten. Aber auch prekäre sozioökonomische Lebenslagen erfordern soziale Bewältigungen z.B. bei Kinder- und Jugendarmut.

Im Rahmen von Resilienz und Schule wird der Einfluss von Lehrkräften als Bezugspersonen besonders herausgestellt und auf diesbezügliche nationale und internationale Studie verwiesen. Dort wird u.a. thematisiert, dass eine gute Beziehungsqualität zwischen Schüler*innen und Lehrkräften eine wichtige Bedingung für schulischen und sozialen Erfolg ist. Dies muss einhergehen mit einem wertschätzenden Schulklima und einer wertschätzenden Schulkultur (Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln, Partizipationsangebote). Ein solches Rahmenkonzept bindet folgende Ebenen mit ein:

  • Gesamtorganisation Schule einschließlich der Vernetzungen zum Sozialraum,
  • Ebene der Klassen,
  • alle Lehrkräfte sowie weiteres pädagogischer Personal,
  • Ebene der Eltern/​familiäre Bezugspersonen,
  • alle Schülerinnen und Schüler.

Die Evaluation des Programms ergab eine gute Umsetzbarkeit und Hinweise auf positive Entwicklungen. Diese waren allerdings nicht signifikant auch weil die Schulen, bedingt durch die Corona-Krise, den Regelbetrieb nicht aufrecht erhalten konnten. Weitere Untersuchungen sind deshalb erforderlich. Zum Messinstrumentarium gehörte die Befragung der Lehrkräfte, standardisierte Messverfahren und die Befragung von Prozessverantwortlichen.

Praxisteil

Zu Beginn werden allgemeine Hinweise zur Durchführung des Förderprogramms bzw. des Manuals gegeben. Dazu gehört beispielsweise die Übungen oder Spiele mit einer kurzen Reflexion zu beenden, um die kognitive Verankerung zu vertiefen. Auch sollen die jeweils formulierten Zielsetzungen den Bedürfnissen der Gruppe/​Klasse angepasst werden wobei eine flexible Handhabung des Programms bzw. der Einheiten und Teileinheiten möglich ist. Eine Durchführung im Tandem erleichtert die Arbeit.

Die Lehrkraft nimmt eine wertschätzende Haltung ein und gibt positives feedback. Im Vordergrund steht die Förderung der Stärken der Kinder und Jugendlichen. Medien helfen beim Einstieg in die jeweiligen Themenbereiche (Geschichten, Filmausschnitte). Bedeutsam sind Rituale z.B. zur Begrüßung, zum Abschied oder zur Strukturierung der Kommunikation. Regeleinführung und Reflexionsmethoden werden ausführlich dargestellt und auch auf Schüler*innen mit Migrationsgeschichte, mit Lernschwächen oder mit herausforderndem Verhalten bezogen. Um den Transfer in den pädagogischen Alltag zu unterstützen ist allerdings die Einbindung des Förderprogramms in die gesamte Schule erforderlich. Es wird empfohlen, Eltern oder weitere Erziehungspersonen über die Umsetzung des Resilienzkonzeptes zu informieren.

Fünfte Klasse

Die Einheit für die fünfte Klasse ist untergliedert in 14 Teileinheiten, die jeweils einen thematischen Schwerpunkt haben, z.B.: Gefühle äußern, wie sehe ich die anderen Kinder, Cyber Mobbing, wie kann ich meinen Körper beherrschen. Ein Beispiel: Die achte Teileinheit „Cyber Mobbing“ nennt zunächst die anzusprechenden Resilienzfaktoren, in diesem Fall Fremdwahrnehmung, Perspektivenübernahme, soziale Kompetenz. Ziele sind Förderung der Empathie, der Fremdwahrnehmung und der Wahrnehmungssensibilität. Als Übungssetting wird ein Stuhlkreis gewählt, zum Material gehört ein Computer mit Internetzugang sowie ein Beamer. Gezeigt wird eine Filmsequenz, die mit einer angegebenen Mailadresse im Internet abrufbar ist. Die Schüler*innen erhalten ein als Kopiervorlage vorhandenes Arbeitsblatt. Nach dem Einstiegsritual wird die Filmsequenz „Lets fight together“ gezeigt (von Schüler*innen in Großbritannien gedreht). Das Arbeitsblatt, in dem sich z.B. Fragen zu den Filmfiguren und ihrem Tun befinden, dient der Reflexion. Als eine Übung wird vorgeschlagen „Think-Pair-Share“: Think – die Schüler*innen machen sich Gedanken zum Film; Pair – Diskussion mit dem Sitznachbarn; Share – Finden alternativer Verhaltensweisen. Abgeschlossen wird diese Teileinheit mit Literatur- und Internethinweisen.

Zehnte Klasse

In dieser Klasse wird die Ablösung von den Eltern thematisiert. Drei von den zehn Teileinheiten beziehen sich auf Konflikte in der Eltern-Kind-Beziehung. Angesprochen sind die Resilienzfaktoren Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit, und Selbstreflexionsfähigkeit. Die 6. Teileinheit beginnt mit dem Einstiegsrituale und führt über eine Einführung zum Thema Familienkonflikt zur Übung Wollknäuel (im Stehkreis werfen die Teilnehmer*innen sich ein Wollknäuel zu, der Faden wird festgehalten und letztlich entsteht ein Fadennetz). Die Lehrkraft beginnt und stellt die Frage „Was führt in euren Familien zu Konflikten?“. Diese Frage richte sich sodann an jeden Akteur im Kreis und die Antworten werden zum Schluss auf Kärtchen gesammelt, die der anschließenden Diskussionsrunde zugrunde liegen. Daran schließt sich eine Murmelrunde an, die von eigenständig gebildeten Gruppen der Schüler*innen durchgeführt wird. Gelungene Konfliktlösungsmöglichkeiten werden auf Moderationskarten notiert. Diese werden strukturiert und gemeinsam wird u.a. über Unterschiede oder Gemeinsamkeiten diskutiert. Mit dem Abschlussrituale wird die Teileinheit beendet.

Diskussion

Dieses Förderprogramm zur Prävention und Resilienz reiht sich in eine Vielzahl ähnlicher Programme ein, die z.T. mit hohen Auflagenzahlen versehen sind. Daraus lässt sich ein stabiler Bedarf für schulische aber auch für andere sozialpädagogische Handlungsfelder ableiten. Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was das zur Debatte stehende Programm auszeichnet: Dazu gehört die gut gegliederte Überschaubarkeit auf 125 Seiten. Der Theorieteil ist komprimiert und die Praxiseinheiten sind detailliert dargestellt und versehen mit Kopiervorlagen, mit Film- und Internetnutzung sowie mit einigen Literaturquellen. Hinzu kommt eine hohe Flexibilität, die ein Eingehen auf die jeweiligen Bedürfnisse der Fördergruppe zulässt und der Differenzierung nach Entwicklungsaufgaben im gegebenen Altersspektrum Rechnung trägt. Für Lehr- und sozialpädagogische Fachkräfte wird somit Raum gegeben für eine eigenständige Programmwahl im vorgegebenen Rahmen. Dies alles minimiert die Vorbereitung auf die praktische Durchführung der Einheiten in der Klasse oder Gruppe immens.

Für Berufsanfänger empfehlen sich z.B. Hospitationen im Vorfeld, um spätere Handlungssicherheit zu etablieren. Eine Herausforderung, für dieses wie auch für anderer Programme, ist immer die Implementierung in die Unterrichts- und Zeitabläufe der Schulen. Generell sollte bedacht werden, dass die angesprochenen Professionen gesellschaftlich bedingte Lebens- und Problemlagen (z.B. Aufwachsen unter Armutsbedingungen) nicht nur mittels eines Resilienzzuganges bearbeiten sollten.

Fazit

Das vorgelegte Förderprogramm zur Prävention und Resilienzförderung zeichnet sich durch detaillierte, übersichtlich gestaltete und materialreiche Übungs- und Trainingseinheiten aus. Vorangestellt ist eine komprimierte theoretische Einführung in das zugrunde liegende Resilienzkonzept. Die Einheiten beziehen sich auf die Schulklassen 5 bis 10 und konzentrieren sich vornehmlich auf psychische und soziale Entwicklungsaufgaben in diesem Altersspektrum. Es finden sich aber auch ebenso Einheiten zu Themen wie Prüfungsangst, Cyber Mobbing und Umgang mit sozialen digitalen Medien. Das Manuel richtet sich in erster Linie auf die Praxis in Schulen und ist auch geeignet für sozialpädagogische Handlungsfelder in anderen Institutionen.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.28293


Alle 95 Rezensionen von Erich Hollenstein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 12.05.2021 zu: Klaus Fröhlich-Gildhoff, Annegret Reutter: Prävention und Resilienzförderung in der Sekundarstufe I - PRiS. Ein Förderprogramm. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. ISBN 978-3-497-03031-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28276.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht