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Rainer Biesinger, Bärbel Römer: Toolbox Coaching

Rezensiert von Oliver Teufel, 25.11.2022

Rainer Biesinger, Bärbel Römer: Toolbox Coaching. 10 Methoden mit Materialien, Arbeitsbuch und Online-Materialien. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. 200 Seiten. 198,00 EUR.

Thema

Auf der Grundlage einer professionellen Coachinghaltung kann der Einsatz von Methoden, Visualisierungen und Übungen sehr konstruktiv und weiterführend für einen Beratungsprozess sein. Vor diesem Hintergrund ist der Bedarf an durchdachten und einfach einsetzbaren Tools sowie an entsprechenden hochwertigen Materialien bei Coaches und Berater*innen groß.

Die „Toolbox Coaching“ versteht sich dementsprechend als Werkzeugkasten, der eine große Bandbreite von Methoden zur Verfügung stellt, mit denen in Coaching, Training und Beratung professionell gearbeitet werden kann.

Autoren

Die „Toolbox Coaching“ ist ein Gemeinschaftswerk von Rainer Biesinger, Bärbel Römer und Darja Böhme. Biesinger, der sich selbst als „Der Heavy Metal Coach“ bezeichnet, arbeitet u.a. als Persönlichkeitstrainer, Schriftsteller und Vortragsredner. Römer ist Logopädin, Stimm- und Persönlichkeitstrainerin. Gemeinsam mit Biesinger betreibt sie das „Seminarhaus NRW – Die Lernwerkstatt für Persönlichkeit und Kompetenz“. Böhme ist Dipl. Grafik-Designerin und am Seminarhaus NRW ausgebildete Persönlichkeitstrainerin.

Entstehungshintergrund

Die Autor*innen wenden sich mit der „Toolbox Coaching“ sowohl an Coaches, die gerade starten als auch an jene, die schon seit vielen Jahren die Coaching-Profession ausüben. Beiden soll mit der „Toolbox Coaching“ ein Werkzeugkasten an die Hand gegeben werden, der „sofort zur Hand [ist] und […] eine effektive und zielorientierte Planung, Klärung und Realisierung des jeweiligen Anliegens“ (Arbeitsbuch Toolbox Coaching S. 9) verspricht.

Aufbau

Die Toolbox Coaching besteht aus unterschiedlichen Elementen:

Ein Arbeitsbuch, das im Wesentlichen aus zwei Teilen besteht: Im ersten Teil setzen sich die Autor*innen grundsätzlich mit Kompetenzen und Erfolgsfaktoren im Coaching auseinander. Im zweiten Teil werden die Methoden und Materialien der Toolbox vorgestellt und ihre Handhabung erklärt.

Eine Einstiegsübung mit Hilfe der sogenannten Coaching-Area. Die Coaching-Area ist eine Stoffmatte mit acht farbigen Feldern, denen acht Lebensbereiche zugeordnet sind. Mit Hilfe von Zahlenkarten kann der/die Klient*in festlegen, mit welcher Dringlichkeit und Priorität der jeweilige Lebensbereich im Coaching bearbeitet werden soll.

Jedem der Lebensbereiche aus der Coaching-Area ist dann jeweils ein Coachingtool aus der Toolbox zugeordnet. Dazu kommt ein Coachingtool zur Gesamtreflexion, sodass die Autor*innen neben der Coaching-Area neun weitere Coachingtools zur Verfügung stellen.

Die Lebensbereiche aus der Coaching-Area werden mit folgenden Tools in den Blick genommen:

  • Persönlichkeit: Johari-Fenster
  • Umfeld/​Lebensqualität: Arbeit mit Bildkarten
  • Gesundheit: Ballonfahrt
  • Beziehung: Logische Ebenen der Persönlichkeit (nach Dilts)
  • Beruf/​Karriere: SWOT-Analyse
  • Geld/Finanzen: Die Drei-Kisten-Methode
  • Zukunft/​Vision: Walt-Disney-Methode
  • Gesamtreflexion und Perspektivenwechsel: Die Sieben-Kappen-Methode

Neben der Beschreibung im Arbeitsbuch gibt es zu jeder Methode eine Übungsanweisung im DinA4-Format. Darauf findet der Coach eine mögliche Anmoderation zu der Methode sowie exemplarische Beispielfragen.

Zu jeder Methode wird außerdem eine Übersichtskarte mitgeliefert. Diese kann in einem der vier mitgelieferten Kartenhalter zur optischen Unterstützung eingesetzt werden.

Je nach Methode werden 3 – 7 sogenannte Detailkarten zur Verfügung gestellt. Diese dienen der Durchführung der Methode, indem sie z.B. als Bodenanker oder Visualisierung ausgelegt werden.

Für die Methode „Freizeit/​Erholung: Arbeit mit Listen“ werden sieben Listen-Vorlagen im DinA4-Format zur Verfügung gestellt, für die Methode „Umfeld/​Lebensqualität: Arbeit mit Bildkarten“ eine Bildkartei mit 24 Fotos im DinA5-Format.

Ergänzt wird dieser Inhalt der „Toolbox Coaching“ durch Online-Materialien. Dabei handelt es sich um ein umfangreiches pdf-Dokument, das neben den Arbeitsblättern aus der Toolbox weitere Methodenbeschreibungen enthält, aber auch Fragebögen für die Klient*innen, Geschichten, die im Coaching eingesetzt werden können sowie Hinweise zur Kommunikation als Coach.

Inhalt

Ausgehend von der Beobachtung, dass Klient*innen sehr oft „ohne ein konkret definiertes Anliegen ins Coaching“ (Arbeitsbuch S. 44) kommen, schlagen die Autor*innen vor, mit der Coaching-Area als Einstiegsübung am Anfang eines Coachingprozesses zu beginnen. Damit soll es gelingen, zu dem „Kern des Anliegens vorzudringen und einen klaren, messbaren Coachingauftrag herauszuarbeiten beziehungsweise zu formulieren“ (ebd.)

Zu diesem Zweck wird die Stoffmatte mit ihren acht Segmenten auf den Boden gelegt. Jedes Segment steht für einen Lebensbereich. Der/die Klient*in fokussiert nacheinander auf die einzelnen Lebensbereiche und bewertet mit Zahlenkarten zwischen 0 und 5 wie wichtig bzw. dringlich es momentan ist, an diesem Lebensbereich zu arbeiten. Der/die Coach kann diesen Prozess durch Impulsfragen zu den einzelnen Lebensbereichen unterstützen. Vorschläge zu möglichen Impulsfragen finden sich auf der Übungsanweisung zur Coaching-Area.

Anhand der Wertungen könne der/die Klient*in dann „visuell erfassen, welches Thema […] im nächsten Schritt angegangen werden“ (Arbeitsbuch S. 48) soll. Außerdem erhielten die Klient*innen durch dieses Vorgehen „ein Gefühlt der Handlungsfähigkeit“ und verlören „die Angst vor der Fülle an Emotionen“ (ebd.).

Nach dieser Einstiegsübung soll dann das dringendste Thema ausgewählt werden. In der „Toolbox Coaching“ ist jedes der acht Themen mit einer Methode hinterlegt.

Im Folgenden wird der Inhalt von drei dieser Tools exemplarisch dargestellt:

Beruf/​Karriere: SWOT-Analyse

Das Thema „Beruf und Karriere“ wird in der Toolbox mit Hilfe der sogenannten SWOT-Analyse bearbeitet. Die SWOT-Analyse stammt aus dem unternehmerischen Kontext. Mit dieser Methode wird dort die Ausrichtung eines Unternehmens untersucht. In der „Toolbox Coaching“ wird dieses Verfahren auf das Einzelcoaching übertragen. Ziel ist es, Persönlichkeitsmerkmale des/der Klient*in sowie äußere und innere Umstände zu erfassen, um so dabei zu helfen, in einem nächsten Schritt persönliche Strategien zu entwickeln.

Die vier Buchstaben SWOT stehen für

  • S = Strengths (Stärken)
  • W = Weakness (Schwächen)
  • O = Opportunities (Chancen)
  • T = Threats (Bedrohungen)

Der/die Coach soll so vorgehen, dass diese einzelnen Bereiche nacheinander in den Blick genommen werden und die Antworten/​Einschätzungen des/der Klient*in bspw. auf einem Flipchart festgehalten werden. Dadurch entsteht nach Einschätzung der Autor*innen eine Übersicht, die die „wichtigsten positiven und negativen Einflusskräfte aus der Berufsanalyse und der Umfeldanalyse sichtbar“ (Übungsanweisung: SWOT-Analyse S. 2) werden lassen.

Freizeit/​Erholung: Arbeit mit Listen

Das Thema „Freizeit und Erholung“ kommt nach Einschätzung der Autoren im Coaching häufig zur Sprache, wenn es um die Work-Life-Balance der Klient*innen geht. In dieser Situation biete es sich oft an, mit Listen zu arbeiten, die es den Klient*innen ermöglicht, „die Gedanken zu ordnen, zu priorisieren, sich zu einem gewissen Thema eine Übersicht zu verschaffen“ (Arbeitsbuch S. 89). Gleichzeitig könne diese Arbeitsform kreative Prozesse anregen und die Basis für weitere Handlungsschritte schaffen.

Deshalb werden für den Lebensbereich „Freizeit und Erholung“ sieben Listen zur Verfügung gestellt, mit denen der/Coach mit den Klient*innen arbeiten oder sie diesen als Hausaufgabe mitgeben kann.

Es handelt sich um folgende Listen:

  • To-do-Liste, in die alles eingetragen werden soll, was zu tun ist
  • Löffelliste, die zum Finden von Zielen, Wünschen und Visionen genutzt werden soll
  • ABC-Liste, die als Kreativitätstechnik genutzt werden kann
  • Pro- und Kontra-Liste, die eine differenzierte Betrachtung erlaube
  • Kognition – Emotion – eine Liste, die der Unterscheidung von Kopf und Herz diene
  • Tagesplan, der zur Förderung der Selbstorganisation genutzt werden kann
  • Wochenplan, der für das Selbstmanagement der Klient*innen eingesetzt werden soll

Aufgabe des/der Coaches ist es nach Auffassung der Autor*innen, die passende Liste zur Verfügung zu stellen und dann durch Zwischenfrage und die Erinnerung an andere Kontexte die Klient*innen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Ideen zu finden und Entscheidungen zu treffen.

Zukunft/​Vision: Walt-Disney-Methode

Die sogenannte Walt-Disney-Methode ist eine Kreativitätstechnik, die den/die Klient*in dazu „zwingt […] einen Sachverhalt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, als es ihrer üblichen Persönlichkeitsstruktur entspricht“ (Arbeitsbuch S. 91). Die Autor*innen schlagen diese Methode vor, wenn es darum geht Visionen und Ideen für die Zukunft zu entwickeln und zu prüfen. Diese Methode führe dazu, das jeweilige Anliegen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Die Ergebnisse dienten dann als Grundlage für die weitere Arbeit.

Folgendermaßen wird dabei vorgegangen: Nachdem die Fragestellung möglichst konkret formuliert worden ist, wird diese aus drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Der/die Klient*in wird gebeten, in folgende drei Rollen zu schlüpfen:

  • Der/die Träumer*in blendet bewusst Risiken und Probleme aus und betrachtet das Anliegen aus der Perspektive einer idealen Welt.
  • Der/die Realist*in betrachtet das Anliegen möglichst neutral von der praktischen Seite.
  • Der/die Kritiker*in unterzieht die gefundenen Ideen einer kritischen Prüfung

Zum Abschluss kommt wieder der/die Träumer*in zum Einsatz, um die Aussagen von Realist*in und Kritiker*in konstruktiv aufzunehmen und die Ausgangsidee zu erweitern.

Die Identifikation mit den drei Rollen und die Abgrenzung dieser voneinander kann dadurch unterstützt werden, dass der/die Klient*in auf drei unterschiedlichen Stühlen Platz nimmt.

Diskussion

Nicht allein der Preis und die aufwändige Gestaltung, sondern auch der von den Autor*innen formulierte Anspruch an Ihre Toolbox schüren hohe Erwartungen: Ein Werkzeug- und Notfallkoffer soll die Toolbox sein, der „sofort zur Hand ist und eine effektive und zielorientierte Planung, Klärung und Realisierung des Anliegens“ (Arbeitsbuch S. 9) ermöglicht. Statt sich in „stundenlangen Erstgesprächen zu verlieren“ (Arbeitsbuch S. 10) werde durch die Arbeit mit der Toolbox „das eigentliche Anliegen, die tatsächlichen Lebensthemen, die Klärung verlangen, […] schnell sichtbar“ (ebd.). Und „mit einem Griff kann sehr schnell und individuell auf neue, unvermittelte Situationen reagiert werden“ (ebd.).

Allerdings weisen die Autor*innen einige Seiten später darauf hin, dass die in der Toolbox enthaltenen Methoden nur wirksam sein können, wenn die Coaches auf der Grundlage von fundierter und reflektierter Coachingkompetenz arbeiten (vgl. Arbeitsbuch S. 39).

Vor diesem Hintergrund stellt sich m.E. die Frage, für welche Zielgruppe die „Toolbox Coaching“ sinnvoll und weiterführend sein könnte. Anwender*innen, denen es an der notwendigen Coachingkompetenz fehlt, können die Tools ja auch nach den Aussagen der Autor*innen nicht wirksam einsetzen. Ist dagegen diese grundlegende Coachingkompetenz vorhanden, steht zu vermuten, dass auch die angebotenen Tools hinlänglich bekannt sind. Handelt es sich dabei doch um Klassiker, die weit verbreitet sind und nur an der einen oder anderen Stelle bei Aufnahme in die Toolbox leicht modifiziert worden sind.

Ein wirklicher Mehrwert für den/die Coach besteht darin, dass die Materialien m.E. sehr hochwertig und ansprechend aufbereitet sind. Zudem kann es hilfreich sein, dass die Anmoderationen für die Tools recht ausführlich dokumentiert sind und viele mögliche Fragestellungen als Anregung mitgegeben werden.

Zu beachten gilt es bei der Anwendung der Toolbox allerdings, dass die angebotenen Tools im Hinblick auf mögliche Coachingthemen aus den jeweiligen Lebensbereichen eher analysierenden Charakter haben. D.h. sie können gut eingesetzt werden, um die Themenstellung zu differenzieren und zugrundeliegende Fragestellungen zu eruieren. Eine Bearbeitung dieser Anliegen der Klient*innen liegt aber im Wesentlichen außerhalb der Reichweite der Tools aus der Toolbox – auch wenn die Autor*innen mitunter einige Impulse geben, wie eine solche Weiterarbeit aussehen könnte.

Fazit

Die „Toolbox Coaching“ unternimmt den Versuch, für unterschiedliche Situationen und Themen, die in einem Coachingprozess vorkommen können, gut handhabbare und schnell einsetzbare Methoden inklusive der jeweils benötigten Materialien zur Verfügung zu stellen.

Die zu diesem Zweck vorgestellten Methoden beruhen auf bewährten und bekannten Coachingtools. Die Stärke der „Toolbox“ ist m.E. die ausführliche Beschreibung der jeweiligen Tools inklusive Anmoderationsvorschlägen und exemplarischen Fragen. Fraglich ist aus meiner Sicht aber, ob der recht umfassende Anspruch ein Werkzeugkoffer und Notfallkoffer für Coaches zu sein, durch den „mit einem Griff […] schnell und individuell auf eine Situation reagiert werden“ (Produktrückseite) kann, eingelöst wird und der recht hohe Preis gerechtfertigt ist.

Rezension von
Oliver Teufel
Pfarrer, Coach und Supervisor
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Es gibt 3 Rezensionen von Oliver Teufel.


Zitiervorschlag
Oliver Teufel. Rezension vom 25.11.2022 zu: Rainer Biesinger, Bärbel Römer: Toolbox Coaching. 10 Methoden mit Materialien, Arbeitsbuch und Online-Materialien. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28277.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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