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Heiko Beyer: Horizont der Moderne

Cover Heiko Beyer: Zur Rolle der Amerikanischen Revolution in der Frühgeschichte der Soziologie. Campus Verlag (Frankfurt) 2021. 266 Seiten. ISBN 978-3-593-51285-3. 39,95 EUR.
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Thema

Im akademischen Diskurs herrscht Einigkeit. Ob nun in Volker Kruses „Geschichte der Soziologie“ (2008), Oliver Dimbaths „Einführung in die Soziologie“ (2020) oder weiteren Grundlagen vermittelnden Standardwerken: Immer wieder werden drei Denker identifiziert, die maßgeblich für die Entstehung der Soziologie prägend gewesen sind. An den Namen Herbert Spencer, August Comte sowie Karl Marx kommen wir (berechtigterweise) nicht vorbei. In der Einführungsliteratur lässt sich darüber hinaus eine weitere Gemeinsamkeit feststellen. Die Bedeutung der Amerikanische Revolution für die Werkgeschichte der drei Autoren und damit für die Frühgeschichte der Soziologie findet kaum oder keine Erwähnung.

Zu Unrecht, wie Heiko Beyer in seinem Buch „Horizont der Moderne“ aufzeigen möchte. Der Autor unternimmt den – um es vorwegzunehmen, sehr gelungenen – Versuch, nachzuweisen, „dass die drei Systemteile der frühen Soziologie überhaupt erst mit der Amerikanischen Revolution und dem anschließend konstituierten Gemeinwesen lebensweltlich erfahrbar wurden“ (23).

Autor

Heiko Beyer ist Heisenberg-Professor für Soziologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Amerika stellt für den Autor kein thematisches Neuland dar, wie u.a. das Erstlingswerk „Soziologie des Antiamerikanismus. Zur Theorie und Wirkmächtigkeit spätmodernen Unbehagens“ (2014) bezeugt. Beyer ist ebenso Herausgeber von „Amerika – Europa: Transatlantizismus als Erkenntnisstrategie. Festschrift für Andrei S. Markovits“ (mit Martin Krauß, 2020).

Aufbau

Das 266 Seiten umfassende Werk besteht aus einer Einleitung, vier Hauptkapiteln, einem Fazit, einem Literaturverzeichnis, einer Danksagung sowie einem Personenregister.

Den Hauptorientierungspunkt der Untersuchung liefert der von René König konzipierte dreifache Ursprung der Soziologie. Ihm zufolge handelt es sich dabei

  1. „um die Vorstellungen einer positiv-wissenschaftlichen Naturgeschichte des Menschen,
  2. einer Gründungswissenschaft, die den (Wieder-)Aufbau der Gesellschaft kompetent anleiten soll
  3. sowie einer Wissenschaft, die im Dienste der praktischen Verwirklichung der Idee der Freiheit sucht“ (S. 19).

Sie stehen unmittelbar mit Spencer (1), Comte (2) und Marx (3) in Verbindung und Beyers zentrales Anliegen ist es, die amerikanischen Einflüsse auf die drei Systemteile zu identifizieren.

Im ersten Kapitel rekonstruiert der Autor, wie sich in Amerika eine bürgerliche Gesellschaft durchsetzen konnte, die sich für die Denkgebäude der drei Gründungsväter als eine wegweisende Erfahrung herausstellen sollte. In den Kapiteln 2, 3 und 4 leitet er jeweils zuerst in das Leben und Werk einer Gründerfigur ein, um im Anschluss dessen Ideengeschichtliche Entwicklungen zu ihren amerikanischen Wurzeln zurückzuverfolgen. Bei der folgenden inhaltlichen Einführung in das Werk, werde ich den zweiten Aspekt in den Vordergrund stellen. Gleichzeitig wird eine Auswahl an Persönlichkeiten vorgestellt, die für die drei Autoren einflussreich waren.

Inhalt

Teil 1: Die neue Wirklichkeit: Zur Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft in Amerika (S. 27–66)

Beyer untergliedert das erste Hauptkapitel seines Werkes in drei Unterkapitel. Zuerst geht es darum, nachzuvollziehen, wie sich der Gründungsmythos der American Frontier aus der Konfrontation mit der Wildnis und seinen Bewohner:innen herausbildete. Im Kampf der verschiedenen Narrativen, ausgetragen auf literarischen Schauplätzen, setzte sich schlussendlich das Bild jener „Heldenfiguren [durch], die, trotz ihrer Mimesis an die Wildnis, rationalistische Distanz zu wahren wussten“ (37). Dabei bildet die durch die Amerika-Erfahrung ermöglichte, „Entdeckung, dass der Mensch ein Naturwesen ist und seine Vergemeinschaftungsformen in Relation zum historisch-spezifischen Grad der Naturbeherrschung stehen“ (39), einen Eckpfeiler der sich im Entstehen befindenden Soziologie.

Ein weiterer ergibt sich aus einer spezifischen Vorstellung von öffentlicher Freiheit, die sich in den Grundzügen ebenfalls erstmals während der Amerikanischen Revolution andeutete und, wie etwa in Form von associations und town meetings, auch institutionell verankert wurde. Beyer stellt der Französischen Revolution die Amerikanische gegenüber und konstatiert, mit Verweis auf Hannah Arendts Untersuchungen, dass sich Amerika in einer, durch Wohlstand begründeten, historisch günstigen Ausgangslage befand und somit die soziale Frage weitestgehend verdrängen konnte. Nur unter diesen Gegebenheiten konnten sich in Amerika Möglichkeiten von politischen Zusammenschlüssen sowie kommunaler Selbstverwaltung, eingespannt in einer Kultur öffentlicher Freiheit ausbilden, die in den Anfängen der Soziologiegeschichte eine wegweisende, weil empirisch erfahrbare, Wirklichkeit darstellten.

Das abschließende Unterkapitel fokussiert den revolutionären Gründesakt der Verfassung. Während die Verfassung in Frankreich von einem post-absolutistischen Staat an das Volk übertragen wurde, ging die Initialzündung für eine Konstituierung und Gründung der Verfassung in Amerika tatsächlich von der Bevölkerung aus. Wieder wird Arendt als Bezugspunkt herangeführt. Sie begreift in „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ die Fähigkeit zu Handeln als Möglichkeit eines anderen Weltbezuges, die sich unmittelbar als politischer Akt realisieren lässt. Die Republikgründung in Amerika dient als empirisches Anschauungsbeispiel und belegt, ebenjene Fähigkeit, die in der Schöpfung eines Gemeinwesens ihren Ausdruck findet.

Teil 2: Postrevolutionäres Trauma: Amerika als Leitbild für die Neuordnung Frankreichs (S. 67–116)

Im zweiten Teil wiederholt Beyer einführend Grundzüge aus August Comtes Denken, die sich auch in diversen Standwerken nachlesen lassen. Die Kombination aus der Begründung des Positivismus, der Konzeption des Dreistadiengesetzes und Comtes Verständnis des Freiheitsbegriffs stellten sich soziologiehistorisch als fundamental heraus. Die Krux dabei: Auch die einflussreichsten Persönlichkeiten der Wissenschaftsgeschichte denken niemals in einem luftleeren Raum. Genauso bedarf es Vordenker:innen. An dieser Stelle wird Beyers Hauptbeitrag ersichtlich, in dem er Antworten auf die Frage liefert, welchen Einfluss die amerikanische Erfahrung auf Comtes Formulierungsversuche der eben skizzierten, neuen Wissenschaft hat.

Comtes Idee einer positiven Philosophie, wonach Wissenschaftler:innen eine führende Rolle bei der Neuordnung der Gesellschaft einnehmen sollen, geht bereits auf dessen Lehrer, Saint-Simon zurück. Der im Regiment des Marquis de La Fayette für die amerikanischen Revolutionäre kämpfende Saint-Simon macht besonders in seinen „Lettres à un Américain“ deutlich, dass er die amerikanische Gesellschaft und dessen Sozialordnung als Vorbild und Kontrastfolie der europäischen Verhältnisse betrachtet. Oder wie es Comtes Vorreiter anschaulich formuliert: „In Amerika […] kam mir zum ersten Mal der Wunsch, diese Pflanze aus einer anderen Welt in meinem Heimatland blühen zu sehen“ (97). Nur durch die amerikanische Erfahrung konnte sich eine positivistische Soziologie als „Produzentin von Wissen über die bürgerliche Gesellschaft und als indirekte Produzentin des gesellschaftlichen Reichtums dieser Gesellschaft“ (99) ausbilden.

Auf ähnliche Art und Weise steht auch Comtes Vorstellung, „eines sich in distinkten Phasen vollziehenden linearen Fortschritts in der Menschheitsgeschichte“ (100) mit der Amerikanischen Revolution in Verbindung. Hier stoßen wir auf Condorcets, dessen Epochenmodell von Comte registriert wurde und den Ausgangspunkt seines Dreistadiengesetzes darstellt. Beyer durchforstet die historischen Quellen, spürt Condorects Freundschaften zu Amerikas Gründungsvätern Thomas Paine und Thomas Jefferson nach und zeigt Auszüge aus seinen proamerikanischen Publikationen. Condorects ist überzeugt, dass mit der erfolgreichen Revolution in Nordamerika eine neue Epoche der Fortschrittsgeschichte eingeleitet wurde, die bald auch Europa erreichen wird.

Zum Abschluss des Kapitels geht der Autor auf Germaine de Stael ein, die einen weiteren maßgeblichen Einfluss auf Comte, hier besonders auf dessen Freiheitsbegriff, ausübte. Die Frau, für die Comte fast schon ins Schwärmen geriet („Ihre Lebensweise war nicht weniger einzigartig als ihre Schriften“ [111]), stellt Amerika auf die höchste Stufe der politischen Vernunft. Was sich dort unter dem Begriff public liberty bereits etablierte und die Partizipation der Bevölkerung am politischen Prozess einschloss, forderte de Stael auch vehement in Frankreich ein. Es gilt, die „Staatsbürger:innen im Dienste der Freiheit zu erziehen“ (114) und sie an politischen Diskursen teilhaben zu lassen. Die Bezüge zur „amerikanischen Vorstellung öffentlichen Glücks im Sinne einer deliberativen, zivilgesellschaftlichen Konzeption“ drängen sich nicht zufällig auf. Denn de Stael stand in häufigen schriftlichen Austausch mit Thomas Jefferson, traf sich mit Präsident John Quincey Adams, pflegte Freundschaft zu Gouverneur Morris und besaß amerikanische Immobilen.

Teil 3: Prärevolutionäre Tristesse: Der deutsche Blick Richtung Westen (S. 117–172)

Im dritten Teil des Werkes beschäftigt sich Beyer damit, amerikanische Einflüsse in Karl Marx’s Theoriegebäude zu rekonstruieren. Marx’s Begriff öffentlicher Freiheit, die Konzeption der Notwendigkeit einer kommunistischen Revolution sowie Grundzüge des historischen Materialismus sind durch die Ereignisse in Nordamerika geprägt. Aber der Reihe nach. Sowohl Marx Demokratievorstellung als auch seine Unterscheidung zwischen politischer und menschlicher Emanzipation gehen auf Alexis de Toqueville zurück, der zwei Bände über die Demokratie in Amerika verfasste. Demokratie kommt demnach mehr als eine staatlich-politische Bedeutung zu und umfasst „eine Alltagskultur, die Einstellungen, Praxen und Institutionen“ (148). Beyer ist überzeugt, dass die „durch die amerikanische Erfahrung geschärfte fundamentale Modifikation des Demokratiebegriffs […] als wichtigste Blaupause des Freiheitsbegriffs des frühen Marx“ betrachtet werden kann“ (148).

Im zweiten Unterkapitel wird die These belegt, dass die amerikanischen Kommunen für Marx bei der Ausgestaltung einer kommunistischen Gesellschaft als ein paradigmatisches Beispiel und Inspiration fungieren. Vor allem ist es Weggefährte Friedrich Engels, der, wie der Text „Beschreibungen der in neuerer Zeit entstandenen und noch bestehenden kommunistischen Ansiedlungen“ belegt, die nordamerikanischen Experimenten gutheißt und mit Begeisterung aufnimmt. Sie stellen „aufgrund ihres Umgangs mit dem ökonomischen Problem sozialer Ungleichheit, das durch die Abschaffung des Privateigentums und seine Überführung in Gemeinschaftsbesitz grundlegend gelöst worden sei“ (160) ein Leitmodell dar.

In einem letzten Schritt bringt Beyer auch den Historischen Materialismus, einer der soziologiegeschichtlich bedeutsamsten Positionen, mit den Geschehnissen in Nordamerika in Verbindung. Die Distanzierung von Hegels Weltgeist und das Vorhaben, „die Individuen als wirkliche Subjekte ihrer eigenen Geschichte [zu] betrachten und sie gleichermaßen erst zu selbigen [zu] machen“ (161) bedarf einer neuen Wissenschaft, die den praktischen Entwicklungsprozess des Menschen in den Vordergrund stellt. Die Lektüre Chevaliers, der in „lettres sur l’america“ seine amerikanischen Erfahrungen schildert und „das technologische Potenzial der kapitalistischen Moderne“ (165) erkennt sowie den Produktivkräften eine emanzipatorische Funktion einräumt, hat auch auf Marx technologisch-ökonomische Gesellschaftstheorie einen zentralen Einfluss.

Teil 4: Frührevolutionärer Geist: Anglo-amerikanische Allianzen und Antagonismen (S. 173–232)

Der für das Buch spezifische Aufbau setzt sich konsequenterweise auch im letzten Hauptkapitel Beyers durch. Zu den theoretischen Grundannahmen: Dem Status eines Gründungsvaters der Soziologie verdankt der Engländer Herbert Spencer in erster Linie seiner Evolutions- und Differenzierungstheorie. Gesellschaft begreift der Autor, auf dem die wohlbekannte Formulierung „survival of the fittest“ zurückgeht, als einen Organismus, der dem Gesetz des historischen Fortschritts unterliegt. Dem fügt er die Idee hinzu, dass es möglich sei „überall in der unbelebten und belebten Natur, die Tendenz zu progressiver Differenzierung“ festzustellen. Erneut stellt uns Beyer verschiedene Persönlichkeiten (sowie weitere Randfiguren) vor, die darlegen, auf welche Art und Weise die skizierte theoretische Position durch die Geschehnisse in Amerika geformt und erfahrbar wurden.

Spencer, als Anhänger der New Reformation Bewegung, war bestens mit den Schriften des schottischen Aufklärers Adam Ferguson vertraut, der seines Zeichens als Vorreiter der „natural history of society“ bezeichnet werden kann. Die Lektüre von sowohl epischen Verarbeitungen der Kolonieerfahrungen mit den Wilden als auch Reiseberichten nordamerikanischer Siedler:innen gewährte Ferguson seinen Blick auf die Zivilisationsgeschichte zu schärfen. In Amerika „drängen sich Variationen und Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Formen des menschlichen Zusammenlebens auf, die dem evolutionstheoretischen Motiv soziologischer Reflexion zugrunde liegen“ (204) und das Denken in Zivilisationsstufen begünstigt.

Eine zweite einflussreiche Denkfigur ist Joseph Priesley, der nicht nur proamerikanischer Anhänger des Club of Honest war und die Kolonist:innen immer wieder bekräftigte, sondern auch eine entscheidende Bedeutung für Spencer und dessen Familie zukommt. Priesley unterscheidet zwischen political und civil liberty. Die Möglichkeit Religion, Künste und Erziehung ohne gesetzliche Regelungen freien Lauf zu lassen setzt die „Beschränkung des politischen Raums und des Rechtssatzes“ (217) voraus. Unter diesem Hintergrund lassen sich auch die, für Spencers gesamte Werkgeschichte charakteristischen, Widersprüche des Freiheitsverständnisses zwischen Liberalismus und staatlichen Eingriff begreifen. In der Gesamtschau sind es erneut die amerikanischen Erfahrungen, die diesmal in Bezug auf die „Errichtung der Institution der Freiheit … das empirische Material für … die Gründung der Soziologie“ (220) zur Verfügung stellen.

Die Einwirkung von Thomas Paine, einem der Gründungsväter der Vereinten Nationen, auf Spencer, stellt den letzten Aspekt dar, den Beyer in Anschlag bringt. Der als „Brandbeschleuniger der Revolution“ betitelte Paine (226), übte radikale Kritik der englischen Monarchie, forderte nationale Unabhängigkeit und die Etablierung eines demokratischen Modells. Einen Staat, der nur dann eine Legitimationsgrundlage zugeschrieben werden kann, wenn er unmittelbar dem gesellschaftlichen Handeln entspringt, sieht er in Amerika entstehen. Auch an Spencer, der in „The Principles of Sociology“ darauf verweist, dass er „die Typologie der Organisationsformen aus der empirisch beobachteten Art des sozialen Handelns der jeweiligen Gesellschaft“ gewinnt (222), gehen die amerikanischen Erfahrungen also nicht spurlos vorbei.

Diskussion

Den Diskussionsrahmen möchte ich zuallererst dafür nutzen, den potenziellen Leser:innen einen kleinen Ratschlag zu geben. Um den soziologischen Beitrag von „Horizont der Moderne“ umfassend einschätzen zu können, ist bei der Lektüre mit Beyers Fazit zu beginnen. In diesem wird der Bogen zur Gegenwart gespannt. Die vom Autor selbst gestellte Frage ob „nicht sowohl die drei Systemteile als auch das Denken der Hauptprotagonisten antiquiert“ sei, wird entschieden verneint. So kommen soziologische Zeitdiagnosen nicht ohne geschichtsphilosophische Hintergrundannahmen aus, auch wenn sie nicht in Form einer linearen Fortschrittsgeschichte präsentiert werden, wie es bei Spencer noch der Fall war. Positivistische Anklänge finden sich exemplarisch bei der Public Sociolgy, die klar das Ziel herausstellt, durch Interventionen die gesellschaftlichen Entwicklungen zu beeinflussen. Genauso liegt die Marx’sche Vorstellung der Emanzipation des Menschen einigen normativen Theorien weiterhin zugrunde.

In diesem Zusammenhang stellt der Autor auch explizit (und überzeugend) heraus, dass die Relevanz der Untersuchung „sich nicht in der subdisziplinären Arbeit am Forschungsstand, hier dem Hinzufügen eines Puzzleteils zum Gesamtbild der Soziologiegeschichte“, erschöpft (241). Das primäre Anliegen des Autors ist es vielmehr „durch die genealogische Rekonstruktion der frühgeschichtlichen Theoriebildung Konsequenzen für die Theoriebildung selbst aufzeigen (241). Der Stellenwert der Erfahrung rückt in den Vordergrund.

Durch genau diesen permanenten Bezug zur empirischen Wirklichkeit ist „Horizont zur Moderne“ überaus unterhaltsam und erfrischend zu lesen. Das Buch führt weg von der reinen Präsentation der Theoriegebäude von Comte, Marx sowie Spencer und geht aufgrund der Inbetrachtziehung der spezifischen historischen Konstellationen über die Standardwerke zur Einführung in die Soziologie hinaus. Auf anschauliche Art und Weise lädt Beyer zu einer Zeitreise ein. An dieser Stelle ist besonders die sehr gelungene Kombination aus Biografie und Werkgeschichte der drei Gründungsväter betonen, die jeweils den Hauptkapiteln vorangestellt ist. Und mehr noch: En passant stellt Beyer den Leser:innen auch weitere vordisziplinäre Soziolog:innen vor, dessen Einflüsse auf die Soziologie im Allgemeinen und den drei Klassikern im Besonderen nicht mehr wegzudenken ist. Wer, wie auch der Rezensent des Werkes, nur flüchtig oder auch gar nicht von Marquis de Condorect, Germaine de Stael, Michel Chevalier, Thomas Hamilton, Adam Ferguson, Joseph Priestley oder Thomas Paine gehört und gelesen hat, wird sich nach der Lektüre fragen, wieso das eigentlich der Fall gewesen ist. Allein das stellt einen nicht zu unterschätzenden Verdienst dar, der auf Beyers sehr lebendig präsentierter Einführung der genannten Persönlichkeiten zurückzuführen ist.

Dabei wird schnell ersichtlich, was für einen immensen Rechercheaufwand der Autor betrieben haben muss. Im Grunde lieferte lediglich René König gedankliche Starthilfe, indem er in „Vom dreifachen Ursprung der Soziologie“ die drei Systemteile (s. Aufbau) den drei Ländern zuordnet und in seinen Studien zur Frühgeschichte der Soziologie die Bedeutung der amerikanischen Wirklichkeit für die Entstehung der neuen wissenschaftlichen Disziplin andeutet. Was dem noch fehlt ist eine empirische Untermauerung, und von hier an leistet Beyer echte Pionierarbeit. Seien es Reiseberichte, Briefwechsel oder Erzählungen: Der Autor erweist sich als Spurensucher und durchforstet ein historisches Dokument nach dem anderen, um Verbindungslinien zwischen den soziologischen Gründungsvätern und deren amerikanischen Einflüssen herzustellen. Dabei macht er seine Argumentationsstränge immer wieder transparent, indem er den Leser:innen die Indizienlage aufzeigt. So ist sich in der Gesamtschau Comte der Bedeutung der amerikanischen Revolution für die Begründung des französischen Positivismus unmittelbar bewusst, während der Freiheitsbegriff der Kritischen Theorie Marx’scher Prägung nur über Umwege mit der amerikanischen Wirklichkeit in Verbindung gebracht werden kann. 

Fazit

Durch eine akribische Quellensammlung- und Analyse schafft es Heiko Beyer problemlos von der Plausibilität seines gleichermaßen knapp wie eindrücklich formulierten Fazits zu überzeugen: „Keine Soziologie ohne Amerika“ (233).

Dabei empfiehlt sich die Lektüre von „Horizont der Moderne. Zur Rolle der Amerikanischen Revolution in der Frühgeschichte der Soziologie“ nicht nur, um, über die bisherigen Standardwerke hinaus, einen intensiveren Einblick in den Entstehungskontext der Soziologie zu gewinnen. Die Leser:innen werden genauso für eine gegenwärtige und zukünftige Soziologie sensibilisiert, für die sich die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte als unentbehrlich erweist.

Quellen

Dimbath, Oliver (2020): Einführung in die Soziologie. 4. aktualisierte Auflage. Stuttgart: UTB.

Kruse, Volker (2008): Geschichte der Soziologie. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.


Rezension von
Daniel Ewert
Masterstudent der Sozialwissenschaften an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
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Zitiervorschlag
Daniel Ewert. Rezension vom 13.09.2021 zu: Heiko Beyer: Zur Rolle der Amerikanischen Revolution in der Frühgeschichte der Soziologie. Campus Verlag (Frankfurt) 2021. ISBN 978-3-593-51285-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28282.php, Datum des Zugriffs 08.12.2021.


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