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Bernd Dewe, Gisela Wiesner u.a. (Hrsg.): Theoretische Grundlagen und Perspektiven der Erwachsenenbildung

Cover Bernd Dewe, Gisela Wiesner, Christine Zeuner (Hrsg.): Theoretische Grundlagen und Perspektiven der Erwachsenenbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2005. 230 Seiten. ISBN 978-3-7639-1908-6.

Reihe: Dokumentation der Jahrestagung ... der Sektion Erwachsenenbildung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft - 2004. Report 1/2005. Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung.
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Entstehungshintergrund und Zielsetzung

Der vorliegende Tagungsband der Sektion Erwachsenenbildung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft gibt einen Überblick über die vielfältigen theoretischen Ansätze in der Erwachsenenbildungswissenschaft und -forschung. Erklärtes Ziel der Tagung war es gemäß dem einführenden Aufsatz von Christine Zeuner, einen Diskurs zwischen den Vertretern der verschiedenen Richtungen herbeizuführen. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, was Theorien für die Konstituierung von Bildungsprozessen in spezifischen gesellschaftlichen und historischen Kontexten leisten und welche Rolle hierbei der Erwachsenenbildungswissenschaft zukommt.

Aufbau

Der besprochene Band enthält 31 Beiträge, die sich der oben skizzierten Fragestellung höchst unterschiedlich nähern. Thematisch erhalten sie ihre Gliederung durch die Titel der fünf Arbeitsgruppen, in deren Rahmen sie entstanden sind:

  1. "Theoretische Bezüge der Erwachsenenbildung" (25-62),
  2. "Theoretische Grundlagen didaktischer Ansätze in der Erwachsenenbildung" (65-109),
  3. "Theoretische Gegenstandskonstitution der Erwachsenenbildung" (113-146),
  4. "Theorie der Übergänge: Erwachsenenbildung - Beratung - Therapie" (149-195),
  5. "Theoretische Bezüge in beruflicher Erwachsenenbildung und Berufsbildung" (199-228).

Inhalt

Herausragend ist der von Klaus Prange gehaltene Plenumsvortrag "Die vielen Erziehungswissenschaften und die eine Pädagogik - zum Verhältnis von Erwachsenenbildung und Allgemeiner Pädagogik" (13-22), der in sehr kurzweiliger Manier Überlegungen zur Ausdifferenzierung innerhalb der pädagogischen Zunft anstellt und zugleich die Erwachsenenbildung in ein Grundschema einbettet, welches seiner Ansicht nach ein verbindendes Element aller pädagogischen Disziplinen ist. Die Einheit der Pädagogik bestehe "in der Triangulation von individuellen Lernprozessen und kommunikativ inszenierten Erziehungsoperationen im Blick auf objektiv gegebene Themen" (18) oder, einfacher ausgedrückt, in dem Zusammenspiel von Erziehen, Lernen und Themen. Prange verwahrt sich dagegen, Erziehung und Instruktion als unversöhnliche Gegensätze einander gegenüberzustellen. Man erziehe immer dann, und dies könne durchaus auch selbstreferentiell geschehen, wenn man sich über Themen auf das Lernen beziehe. Beides, Erziehen wie Lernen, sei auf Inhalte angewiesen. Erwachsenenbildung sei Erwachsenenerziehung, insofern Erwachsene dazulernten, weiterlernten, umlernten, gänzlich neu lernten. Prange bricht eine Lanze für den Begriff "Erziehung" und verweist auf die sokratische Didaktik als eine Form der Nacherziehung Erwachsener, "der Umerziehung schon Erzogener" (20), von wo aus er die Linie zu Kampagnen gegen das Rauchen ebenso wie zur offiziellen Gedenkstättenpädagogik zieht. Die moralische, intellektuelle und habituelle Umprägung von ganzen Bevölkerungen sei symptomatisch für die Moderne. Das Primat des lebenslangen Lernens sei keineswegs mehr nur ein "freundliches Angebot zur freien Wahl und Selbstvervollkommnung" (21), sondern eine verpflichtende Notwendigkeit zu Umschulung, Weiterqualifikation und pädagogischer Nachsorge, wenn der Einzelne nicht vorzeitig abgeschoben, sozial degradiert und zum Versorgungsfall mutieren wolle. Damit verbunden sei immer auch die Gefahr der Kränkung, die mit allen erzieherischen Absichten und Anforderungen einhergehe. Hierin sieht Prange die eigentliche Herausforderung für die Erwachsenen- und Weiterbildung: die Auslotung der Grenzen von Erziehung aus Respekt gegenüber der individuellen Persönlichkeit.

Die Beiträge zu den thematischen Leitfragen der einzelnen Arbeitsgruppen lassen diese ganzheitliche Betrachtungsweise Pranges naturgemäß vermissen. Ihre Stärke besteht eher darin, kaleidoskopartig einen Überblick über die Fülle und Verschiedenartigkeit der Fragestellungen innerhalb der Erwachsenenbildungswissenschaft zu geben. Die Aufsätze sind hierbei von sehr unterschiedlicher Qualität. Im Einzelnen stößt man jedoch immer wieder auf interessante Gedankengänge sowie fruchtbare und kontroverse Anregungen.

Im ersten Kapitel mit dem Titel "Theoretische Bezüge der Erwachsenenbildung" fällt der mit der Überschrift "Kritische Erwachsenenbildung. Erwachsenenbildung im Horizont zeitgenössischer Gesellschaftskritik" versehene Aufsatz von Ludwig Pongratz ins Auge, der den von Prangeins Spiel gebrachten Aspekt der Weiterbildungsverpflichtung wieder aufnimmt. Die permanente Qualitätskontrolle, die unzähligen Evaluationssettings, mit denen Weiterbildungseinrichtungen und ihre Kunden konfrontiert werden, setzt er in den Kontext gouvernementaler Kontrollmechanismen. Die vermeintliche Freiheit des Individuums, welches zum Selbstmanager des Wissens erklärt wird (Lernen des Lernens) und dem die Teilnahme an Kontrollen, Prüfverfahren und Zertifizierungen als unverzichtbares Motivationsmanagement und Selbstoptimierungsinstrument verkauft werden , entlarvt er als "raffinierte Kombination von Fremd- und Selbstunterwerfung" (38), die zum Ziel hat, "Herrschaftsverhältnisse auf der Grundlage einer neuen, neoliberalen Topographie des Sozialen zu recodieren" (36). Damit wirft er die Frage nach dem Sinn und Zweck von Qualitätsmanagement auf: Ist es wirklich in letzter Konsequenz ein reines Disziplinierungsmittel, welches, anstatt dem Nachfrager von Weiterbildung ein Kriterium bei der Auswahl der zur Verfügung stehenden Einrichtungen zu geben, diesen einem brutalen ökonomischen Zwang unterwirft, der allein über Inhalte und sozial gewünschte Verhaltensmuster entscheidet?

Einen gänzlich anderen Schwerpunkt setzt der Aufsatz von Anke Grotlüschen "Konsequenzen aus subjektorientierter Forschung: Fragen an eine Medien- und erwachsenen-didaktische Anordnung", der im Rahmen der zweiten Arbeitsgruppe entstand. Von den gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen, die die Bedingungen von Lernen konstituieren, lenkt sie den Blick auf die individuellen Besonderheiten, die den Erfolg von Lernprozessen beeinflussen. Sie betont, das selbstgesteuertes Lernen die Fähigkeit voraussetzt, dass eigene Handeln, den zur Verfügung stehenden Lernstoff sowie das Lernarrangement kritisch zu reflektieren. Ihr Beitrag ist eine gelungene Mischung aus der Darstellung empirischer Befunde und theoretischer Rückkopplung am Beispiel des E-Learnings. Viele der anderen Aufsätze des Tagungsbandes verbleiben hingegen auf rein theoretischer Ebene und lösen den Anspruch, ob die jeweils vorgestellte theoretische Position professionelles Handeln in der Erwachsenenbildung zu stützen und zu begründen vermag, nur unzureichend ein.

Irritierend ist für den Leser auch die thematische Zusammenstellung der Beiträge der Arbeitsgruppe "Theoretische Gegenstandskonstitution der Erwachsenenbildung", die merkwürdig zerrissen anmutet. Wolfgang Seitter untersucht Einführungen in die Erwachsenenbildung und die Art und Weise, wie sie ihren inhaltlichen Gegenstand, ergo die Erwachsenenbildung, thematisieren. Hermann Forneck geht den Entwicklungen des "Feldes" der Erwachsenenbildung nach, wobei er unter anderem den Aspekt der Gouvernementalisierung des Lernens wieder aufgreift. Jan Weiser beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Erwachsenen- und Sonderpädagogik. Karl Weber widmet sich der Frage, wie erwachsenen- und weiterbildungsbezogenes Wissen in der Schweizer Forschungspraxis produziert und kommuniziert wird, während Dieter Gnahs in seinem Beitrag eine verstärkte Kooperation von Grundlagen und anwendungsorientierter Forschung anmahnt.

Die Aufsätze der vierten und fünften Arbeitsgruppe sind thematisch wieder präziser umrissen. Zum einen geht es um Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Übergänge zwischen Erwachsenenbildung, Beratung und Therapie mit dem Anspruch, eine integrative Theorieperspektive einzunehmen, zum anderen um die Verortung der beruflichen Erwachsenenbildung als Teildisziplin sowohl der Erwachsenenbildung als auch der Berufspädagogik. Eine schöne gegenseitige Ergänzung bilden die beiden Aufsätze von Heinrich Dorn-Keymer ("Therapeutisierung betrieblichen Führens") und Jens Winterling ("Gegen das Selbstmissverständnis von Quasitherapeut/inn/en innerhalb der Weiterbildungsszene"). Während Dorn-Keymer der Fragestellung nachgeht, inwieweit Führungskräfteschulungen in der Zeitschrift Manager Seminare als "therapeutische Maßnahmen" dargestellt werden und untersucht, welcher Zweck mit dem Einsatz "weicher" Therapieformen wie der Gesprächspsychotherapie oder dem Neurolinguistischen Programmieren verfolgt wird, weist Winterling auf die Notwendigkeit eines freiwilligen Reglements therapeutischer Elemente in der Weiterbildung hin. Therapeutische Maßnahmen sind seiner Ansicht nach eine sinnvolle Ergänzung der in der Weiterbildung eingesetzten Methodenvielfalt, die die Grenzen des Zulässigen jedoch bei einer potentiellen gesundheitlichen Gefährdung erreichen, sei es physischer oder psychischer Art.

Der Beitrag von Peter Dehnbostel ("Konstitution reflexiven Handelns im arbeitsbezogenen Lernen. Erwachsenenbildung im betrieblichen Kontext") in Arbeitsgruppe 5 stellt die betriebliche Weiterbildung in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen, die er als maßgebliches Innovationsfeld ansieht, "von dem entscheidende Impulse zur Gestaltung und Erforschung der Weiterbildung insgesamt ausgehen" (209). Er sieht hierbei keinen Widerspruch zwischen den ökonomischen Anforderungen einerseits und "einer humanistischen Orientierung betrieblicher Bildungsarbeit" (209) andererseits. Der Schlüsselbegriff bei Dehnbostel ist "reflexive Handlungsfähigkeit", d. h. das Individuum reflektiert "in Verbindung mit der Vorbereitung, Durchführung und Kontrolle von Arbeitsaufgaben sowohl über Arbeitsstrukturen und -umgebungen als auch über sich selbst" (212). Auf diese Weise wirke das Subjekt auf die Strukturen zurück und präge diese mit.

Fazit

Die Vielfalt der Problemstellungen, die sich in den hier herausgegriffenen Tagungsbeiträgen exemplarisch widerspiegelt, sowie die sehr unterschiedlich angelegten Aufsätze, in denen die Themen oft nur angerissen werden, erschweren ein abschließendes Urteil über die Gesamtpublikation. Ein wirklicher gemeinsamer Nenner ist nur schwer auszumachen, auch wenn einzelne Gedankengänge immer wieder aus unterschiedlicher Perspektive aufgegriffen werden. Ob ein tatsächlicher Diskurs zwischen den Vertretern der verschiedenen Ansätze hierdurch angeregt wurde, ist aus dem Tagungsband selbst nicht ersichtlich; zu wünschen bleibt, dass dies in den anschließenden Diskussionen zu den einzelnen Beiträgen im Rahmen der Tagung geglückt ist. Zumindest eines wird jedoch deutlich: Die in der Einführung von Christine Zeuner geäußerte Sorge, dass die Heterogenität der in den Arbeitsgruppen behandelten Themen die Frage nach der Außenlegitimation der wissenschaftlichen Disziplin Erwachsenenbildung erneut anheizen könne, ist berechtigt.


Rezensentin
Dr. Dajana Baum
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Heinrich-Heine-Univer­sität Düsseldorf
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Zitiervorschlag
Dajana Baum. Rezension vom 28.02.2006 zu: Bernd Dewe, Gisela Wiesner, Christine Zeuner (Hrsg.): Theoretische Grundlagen und Perspektiven der Erwachsenenbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2005. ISBN 978-3-7639-1908-6. Reihe: Dokumentation der Jahrestagung ... der Sektion Erwachsenenbildung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft - 2004. Report 1/2005. Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2829.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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