Deb Dana: Arbeiten mit der Polyvagal-Theorie
Rezensiert von Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen, 14.05.2021
Deb Dana: Arbeiten mit der Polyvagal-Theorie. Übungen zur Förderung von Sicherheit und Verbundenheit. G.P. Probst Verlag GmbH (Lichtenau) 2020. 286 Seiten. ISBN 978-3-944476-37-7. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,50 sFr.
Thema
Die Polyvagal-Theorie beschreibt neurobiologische Verbindungen des autonomen Nervensystems zwischen Körper, Gehirn und den psychischen Prozessen. Das Buch stellt einen Ansatz vor, wie TherapeutInnen die Polyvagal-Theorie zur Grundlage ihrer Arbeit mit traumatisierten Klienten machen können. Es enthält eine kurze Darstellung dieser Theorie und ihrer Prinzipien und zeigt vielfältige praktische Möglichkeiten auf.
Autorin
Der Verlag teilt mit, dass die Therapeutin und Beraterin Deb Dana ein Trainingsprogramm mit Namen „Rhythm of Regulation“ entwickelt hat und dies international lehrt. Hierbei bezieht sie sich in der klinischen Arbeit mit Traumatisierten insbesondere auf Erkenntnisse der Polyvagal-Theorie. Deb Dana ist Autorin weiterer Bücher über dieses Konzept. Informationen über den beruflichen Hintergrund der Autorin liegen nicht vor.
Entstehungshintergrund
Der Probst-Verlag verlegt eine Reihe von körperbezogenen traumatherapeutischen Büchern. Ein Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung der Polyvagal-Theorien.
In ihrem Vorwort weist die Autorin darauf hin, dass ihr deutlich wurde, dass die einfachen Aktivitäten des Alltagsleben ständig Möglichkeiten bieten, den autonomen Zustand zu beeinflussen. Sie entwickelte daher eine Reihe von Übungen, die das Nervensystem nähren.
Aufbau
Das Buch besteht aus zwei Teilen und einem Anhang. Im ersten Teil beschreibt Deb Dana auf 38 Seiten die theoretischen Grundlagen und die Prinzipien der Polyvagal-Theorie. Im zweiten Teil werden die Übungen gegliedert nach Schwerpunkten vorgestellt. Zu diesen Schwerpunkten bietet das Buch im Anhang auf 81 Seiten Arbeitsblätter für die Durchführung der Übungen.
Inhalt
Nach einem Vorwort von Stephen W. Porges, dem Begründer der Polyvagal-Theorie und einer Danksagung vermittelt die Autorin in einer kurzen Einleitung ihr Anliegen. Die Übungen im Buch sollen Klienten helfen ihre Zeit „zwischen den Therapiesitzungen auf dem Weg zu einem ventral-vagalen Kipppunkt zu unterstützen.“ (S. 16).
Im 38-seitigen Teil I werden in drei Unterkapiteln über das autonome Nervensystem die wichtigsten Prinzipien der Polyvagal-Theorie erläutert. Hierzu gehören die autonome Hierarchie des autonomen Nervensystems, die Neurozeption und die Co-Regulation. Ergänzend empfiehlt die Autorin ihren LeserInnen die vorgestellten kleinen Übungen durchzuführen um das theoretische Fundament zu verdeutlichen. Zudem weist sie darauf hin, dass durchschnittlich 66 Tage des Übens erforderlich sind bis eine Aktivität automatisiert ist. Grundlegend für die Autorin ist die Erkenntnis, dass ein zentraler Bestandteil des Wohlbefindens eine zuverlässige eintretende Co-Regulation ist. Daher könnten Traumata in Bezug auf Porges als chronische Unterbrechung von Verbundenheit beschrieben werden. Ein Trauma erzeuge unablässig Überlebensreaktionen, die im autonomen Nervensystem einen Zustand der Verbundenheit und Sicherheit verhindern. Daher sei es wichtig, dass sich Menschen gemeinsam der Co-Regulation widmen und in einem Zustand der Sicherheit verbunden sind.
In der Einleitung des zweiten Teils vermittelt die Autorin einen Überblick über den sogenannten BASIC-Rahmen (Befriend (sich vertraut machen), Attend (beachten), Shape (Formung), Integrate (Integrieren), Connect (Kontakt herstellen) und erläutert, wie die Übungen KlientInnen helfen können, die Fähigkeit mit den eigenen autonomen Reaktionen in Verbindung zu treten zu verbessern. Hierbei beziehen sich die Kapitel 4 bis 8 jeweils auf ein Element des BASIC-Rahmens. Vorgestellt werden Übungen, die die KlientInnen in der Zeit zwischen den Therapiesitzungen nutzen können. Dabei beginnt jedes Kapitel mit einer kurzen Einleitung über Forschungsergebnisse, dem schließen sich Übungsbeschreibungen an. Zudem wird der angestrebte Nutzen beschrieben, gefolgt von einer schrittweisen Darstellung der Ausführung. Abschließend werden Tipps für die TherapeutInnen benannt.
Der 67-seitige Anhang enthält nach einer Einführung Arbeitsblätter für die Übungen, die die klinische Arbeit ergänzen und den Klienten die Möglichkeit geben, sich auch außerhalb der Therapiesitzungen aktiv dem Prozess der autonomen Reorganisation zu widmen.
Das Buch schließt mit dem Literaturverzeichnis und einem Personen- und Stichwortverzeichnis.
Diskussion
Deb Dana bietet TherapeutInnen, die im Kontext der Polyvagal-Theorie ihre Arbeit mit traumatisierten Klienten erweitern wollen, eine Fülle von Übungen. Hierbei leitet Deb Dana die LeserInnen sachkundig an, wahrzunehmen, zu reflektieren und sich so darüber klar zu werden, inwiefern unser inneres Beobachtungssystem – die ‚Sicherheitseinstellungen‘ des Autonomen Nervensystems – die Grundlage unseres Fühlens, Handelns und Denkens ist. Mit Hilfe des Buches kann die eigene Physiologie besser kennengelernt werden und dadurch Voraussetzungen für eine neu zu erwerbende Sicherheit und Verbundenheit geschaffen werden.
Die Motivation dieses Buch zu lesen ergab sich für mich aus dem Anstoß „meinen“ Bindungs- und Beziehungsorientierten traumatherapeutischen Ansatz durch die Polyvagal-Theorie zu ergänzen und Übung kennenzulernen, die die KlientInnen zu Hause umsetzen können. Beim Lesen des Buches wurde mir jedoch klar, dass ich ohne ein tieferes Verständnis der zugrunde liegenden Theorien des autonomen Nervensystems meinen KlientInnen – meist das sogenannte hard to reach Klientel – diesen Ansatz nicht vermitteln kann und, dass dieser Ansatz für mich nicht passt. Die in dem Buch verwendete Sprache blieb mir häufig fremd, beispielhaft soll hier eine Aussage über das Selbstwertgefühl (S. 169) angeführt werden: „Selbst wenn ich spüre, dass ich meine Verankerung im ventral-vagalen Zustand verliere, denke ich daran, dass mein System den Weg zurück kennt.“
Zudem werden oftmals Aussagen gesetzt, bei denen ich zweifle, ob dies wirklich so allgemein gesagt werden kann. Auch hierzu ein Beispiel aus einer Übung (S. 128): „Es wird allgemein anerkannt, dass der grüne Effekt (die Wirkung des Aufenthalts in grünen Bereichen) stark zum körperlichen und physischen Wohlbefindens beiträgt und der Aufenthalt in einer blauen Umgebung (in der Nähe von Wasser oder im Wasser) Stress verringert und das Wohlbefinden stärkt.“ (Ich habe hingegen auch Klientinnen kennengelernt, die sich auf dem Hintergrund ihrer Erfahrungen im Wasser überhaupt nicht sicher und wohl fühlen.) Zudem fehlt mir bei den Übungen ein Hinweis auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen.
Fazit
Das Buch bietet TraumatherapeutInnen, die sich intensiver mit der Polyvagal-Theorie beschäftigen möchten, viele Anregungen für die Praxis. Die Arbeitsblätter aus dem Buch können ergänzend über die Verlags-Webseite ausgedruckt werden
Rezension von
Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen
studierte Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaft und absolvierte Ausbildungen als Familientherapeut und Traumatherapeut und arbeitet ab 2021 als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der DIPLOMA Hochschule
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