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Martin Seeliger: Soziologie des Gangstarap

Cover Martin Seeliger: Soziologie des Gangstarap. Popkultur als Ausdruck sozialer Konflikte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 234 Seiten. ISBN 978-3-7799-6578-7. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR.

Reihe: HipHop Studies - 2.
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Thema

Vorliegend handelt es sich um die Rezension zum Buch „Soziologie des Gangstarap“ von Martin Seeliger. Die Rezension behandelt nicht nur das Werk an sich, sondern nimmt ebenso eine Einordnung des Buches in aktuelle Diskurse der Sozialarbeitswissenschaften vor in der Hoffnung, Lücken zu schließen und den Weg hin zu Debatten zu öffnen, die paternalistische Strukturen überwinden. Denn ohne Zweifel ist dieses Buch nicht nur für Rap-Interessierte zu empfehlen. Es ist vor allem für alle Praktiker*innen relevant, die sich an Jugenden und ihre Artikulationen wagen und sie verstehen wollen. „Der Gegenstand des vorliegenden Buches ist das Verhältnis zwischen Popkultur und Gesellschaft oder, genauer, zwischen der deutschen Gesellschaft und den symbolischen Formen des deutschen Gangstaraps.“(S. 43). Dementsprechend lohnt sich ein Blick hinter die Bühne des Rap in Auseinandersetzung mit aktuellen Diskursen zu Migration, Politik und Sozialität.

Autor

PD Dr. Martin Seeliger, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen. Dort beschäftigt er sich im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit mit dem Wandel der Arbeitsgesellschaft. Im Rahmen seiner sehr zahlreichen Publikationen setzt er sich jedoch nicht nur mit dem Wandel und den gesellschaftlichen und politischen Strukturen auseinander, sondern er spürt auch sehr intensiv Popkulturellen Phänomenen nach und macht sie für ein breites, wissenschaftliches Publikum zugänglich.

Entstehungshintergrund

Dieses Werk ist als ein Grundlagen Werk zu verstehen. „Zwischen Affirmationen und Empowerment“ (Seeliger 2013), dort positioniert Seeliger sein neues Werk aus der Reihe „HipHop-Studies“, die er mit Marc Dietrich herausgibt.

Seeliger beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Bedeutung des Gangstarap für die Gesellschaft und vice versa. „Gangstarap, das lässt sich bis hierhin festhalten, ist ein Phänomen der pluralen Gesellschaft und lebt von ihrer kulturellen Heterogenität, ihren Konflikten und Überbrückungsleistungen.“ In seinem neuen Werk widmet sich Seeliger grundlegend dem Phänomen Gangstarap mit seiner ganz spezifischen Lesart. Er führt die Leser*innen in die Entstehungsgeschichte ein und offenbart damit nicht nur die Wurzeln des sogenannten Gangstarap, sondern ermöglicht es, das Politische hinter dem vermeintlich gewalttätigen (dieser Lesart folgend durchaus subversiven) zu erblicken. Nachdem er den Bogen bis nach Deutschland spannt, gibt er zudem einen Überblick über den aktuellen (noch sehr rar gesäten) Stand der Forschung.

Dabei ist dieses Buch nicht nur eine gelungene Einführung für alle Interessierten, die bisher wenig Einblick in die Welt des Gangstarap erhalten haben. Es ist zudem ein spezifischer Beitrag zu den Sozialwissenschaften, handelt es sich mitunter um „soziale Ungleichheit, […] ethnische Segregation, mediale (Krisen-)Diskurse um (migrantische) Männlichkeit und Geschlecht generell, Globalität, Sozialisationsaspekte, kulturelle Präfigurationen und Analogien“ (Seeliger 2020) und andere Phänomene post-migrantischer und postkolonialer Gesellschaften.

„Gangstarap ist kontrovers. Die Verherrlichung von Gewalt, Materialismus und Misogynie gehören genauso zum Kanon des Genres wie Ungleichheits- und Sozialkritik.“ Mit Seeliger „lässt sich sagen, dass die im Gangstarap erzählten Geschichten Ausdruck, Bindemittel und Konfliktstoff pluraler Gesellschaften sind – irgendwo zwischen Klassenpolitik von Unten und Neoliberalismus, (post-)migrantischer Identitätsbehauptung und Gruselgeschichten über das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft“ (ebd.).

Durch seine Erläuterung der herangezogenen Theorien und die Verknüpfung mit dem Gangstarap macht er das Thema nicht nur zugänglich für ein Fachpublikum, das sich für die spezifischen Deutungen interessiert, sondern ermöglicht den Nachvollzug seiner Aushandlungen auch Leser*innen, die das soziologische Rüstzeug für eine tiefere Durchdringung gesellschaftlicher Wirkmächte nicht mitbringen. Denn die Bedeutung von Klasse, Geschlecht und Ethnie wird uns ins Gesicht gerufen von Künstler*innen des Genres, die damit die subversive Kraft von Rap nutzen, um auf gesellschaftliche Miss-Verhältnisse hinzuweisen, die Ungleichheit und Diskriminierung immer wieder neu (re-)produzieren. Dadurch, dass Seeliger diese Kraft nicht romantisch verklärt, sondern in neo-kapitalistische und neo-liberale Argumentationen und Rechtsfertigungssystematiken einordnet, löst er dichotome Positionierungen auf (wie sie häufig in der Auseinandersetzung mit Rap zu finden sind, wenn entweder Sympathisant*innen oder Wissenschaftler*innen Bezug nehmen), und fordert die Lesenden heraus, vorschnelle (Vor-) Verurteilungen zu überwinden.

Im Besonderen jedoch ist dieses Buch für alle Diejenigen zu empfehlen, die es in der Praxis mit Menschen zu tun haben, die Gangstarap hören oder selbst produzieren und damit häufig an die ästhetischen und ethischen Grenzen dessen stoßen, was beispielsweise Sozialarbeiter*innen vertretbar finden.

Denn dieses Buch bietet einen Einblick in vielschichtige Repräsentationen die der Gangstarap zu bieten hat. Dabei ermöglicht dieses Buch, dichotome Zuschreibungen an den Rap und seine Protagonist*innen in Frage zu stellen und somit gerade die Positionen herauszufordern, die in der Praxis zu Verteufelung oder Rechtfertigung eben dieser Repräsentationen neigen.

Auf der Tagung „439 – von der Straße für die Straße“ im September 2018 in Frankfurt (durchgeführt durch die Rezensentin und den Frankfurter Insider und Sozialarbeiter Tarik Moufid) verwies der Künstler Vega darauf, dass die Zeiten vorüber sind, in denen Rap sich Gehör verschaffen musste. Der Rap ist angekommen, in allen gesellschaftlichen Schichten, und nun liegt es an uns, uns anzunähern, zuzuhören und zu verstehen. Oder eben nicht. Mindestens jedoch als das zu nehmen, was er ist: ein finanzträchtiges, Popkulturelles Phänomen einer postmigrantischen Generation, die nicht gerettet werden will, sondern die sich ihre Nischen geschaffen hat.

Aufbau

Seeliger sorgt in seinem Buch thematisch für interdisziplinäre Anschlussfähigkeiten, indem er seine Gedanken und Analysen zum Gangstarap auf aktuelle Diskurse bezieht und somit die gesellschaftspolitische Relevanz dieser Beschäftigung unterstreicht und den Rap diskursiv kontextualisiert. Im gesamten Verlauf des Buches arbeitet er dabei Ambivalenzen heraus, die als ein roter Faden des Werkes verstanden werden können.

„In allen vier hier vorgestellten Bereichen – das heißt als Ausdruck von Anerkennungskonflikten in der Postmigrations-Gesellschaft (1), als Strategie zur Bewältigung neoliberal-kapitalistischer Herrschaft am Arbeitsmarkt (2), als Restrukturierung der Geschlechterverhältnisse in Form eines Kampfes um die legitime Vertreterschaft hegemonialer Männlichkeit sowie das Empowerment neuer weiblicher Sprecherinnen (3) sowie als Grenzobjekt pluralisierter Gesellschaften (4) – weist das Genre des deutschen Gangstarap im Spiegel der Forschung extreme Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten auf. Anhand der Analyse ausgewählter Beispiele widmet sich das vorliegende Buch einer genaueren Untersuchung eben dieser Ambivalenzen“ (S. 42).

Für die Notwendigkeit einer soziologischen Analyse des Gangstarap sprechen nach Seeliger drei Charakteristika:

„Erstens stellt Gangstarap einen Ort der symbolischen Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen dar und bildet somit auch gesellschaftliche Konfliktlinien ab. Zweitens dienen die Bildwelten des Genres den Menschen als Pool von Identifikationsangeboten, der vor allem – aber nicht nur – für Jugendliche eine sinnstiftende Wirkung erfüllt. Und drittens erlaubt die Analyse von Gangstarapimages Rückschlüsse auf die allgemeine zeitgenössische Kultur (beispielsweise mit Blick auf Muster hegemonialer Männlichkeit, neoliberale Subjektentwürfe oder Anerkennungsordnungen)“ (S. 43).

Dabei behält er die Frage bei, welche gesellschaftliche Bedeutung er trägt und durch welche Phasen er gegangen ist.

Inhalt

Das erste Kapitel ist eine allgemeine Einführung in das Thema,

auf welches das zweite Kapitel mit der Entstehungsgeschichte des Hip-Hops in den USA aufbaut. Daran anschließend leitet Seeliger über zu den Anfängen des Hip-Hops in Deutschland. Er gibt einen Überblick über den Stand der Forschung und weist seine analytischen Bezüge aus, indem er auf die politischen Implikationen ebenso zu sprechen kommt als auch den Kontext, in dem sich der Gangstarap bewegt. Dabei analysiert der Autor die Entstehung von Hip-Hop als ‚Straßenkultur‘ und leitet daraus seine grenzüberschreitende Verbreitung und Hybridisierung als ‚globale Kulturform‘(vgl. S. 25) ab.
Dieser Kontext ermöglich es den Lesenden zu verstehen, inwieweit dem Rap eine politische Position unterstellt werden kann.

Kapitel drei steckt den theoretischen Rahmen ab” (S. 13). Hier verweist Seeliger auf industrielle Bezüge, auf die er im Verlauf des Buches mit Bezug zu neo-liberalen und kapitalistischen Ausformungen genauer eingeht. Hierfür nutzt Seeliger in Kapitel 3 verschiedene theoretische Strömungen, indem er Fragen zur Popkultur als Rezipientin von Konformismus und Einwilligung in ein Gesellschaftssystem aufwirft, die geprägt sind von Ungerechtigkeiten. Durch die Frankfurter Schule und die Cultural Studies kontextualisiert er seine Ausführungen um „Momente von Abweichung und Gegenmacht in den Bildwelten der Popkultur“ herauszustellen (vgl. S. 12). Dabei baut er seine Argumentation mit Blick auf den kämpferischen Aspekt des Gangstarap auf analytischen Kategorien wie etwa Klasse, Ethnizität, Geschlecht oder Körper durch Bezüge zu aktuellen Intersektionalitätsdiskursen auf und sensibilisiert die Lesenden für gesellschaftliche Asymmetrien und subversive Gehalte im Rap (vgl. ebd.).
Weiterführend beschäftigt sich Seeliger mit der Geschlechterdimension des Genres und den Szene-typischen Repräsentationen in Annäherung an Konzepte zur hegemonialen Männlichkeit und zeichnet aktuelle Transformationen eben dieser Repräsentationen durch die Zunahme an weiblichen Akteur*innen am Beispiel der Frankfurter Rapperin Schwesta Ewa nach.

Das Herzstück des Buches stellt der Meinung der Verfasserin nach, das Kapitel vier dar. Hier arbeitet Seeliger heraus, welche Bedeutung die Postmigrantische Gesellschaft hat bzw. in welcher Wechselwirkung sie mit dem Popkulturphänomen Gangstarap steht und wie das mit Systematiken der Selbstvergewisserung zusammenhängt (S. 81 f.) „Kapitel vier behandelt Gangstarap vor dem Hintergrund der deutschen Migrationsgeschichte“ (S. 13) und stellt heraus, wie der Gangstarap sich durch eine misslungene sogenannte Integration zu einem Massenphänomen entwickelt hat. Innerhalb dieser Reflexionen setzt er sich auch mit der Rolle der Medien auseinander, um die Entstehung und die Beharrlichkeit deutscher Krisendiskurse herauszuarbeiten (vgl. S. 81). Hierfür entwickelt er die These der „epistemischen Gegenmacht“, an der er rassistische und koloniale Muster unserer Gesellschaft verdeutlicht und in gewisser Weise durch das Sprachrohr des Raps konterkariert.
Er zeichnet hierfür die zunehmende Bedeutung des Gangstarap nach, indem er Polemiken der Leitkultur mit der Popularität des Gangstarap in Verbindung bringt.“ Denn es war eben diese Debatte [zur Leitkultur in der Einwanderungsgesellschaft], in deren Zusammenhang die symbolischen Repräsentationen des Gangstarap ihre spezifische Bedeutung für die deutsche Öffentlichkeit zu entfalten begann“ (S. 88). Daran anschließend konkretisiert er seine Analyse mit Blick auf spezifische Gruppen, die kriminalisiert und stigmatisiert wurden und die diese Zuschreibungen subversiv in eine erfolgreiche und massentaugliche Repräsentation umkehrten. Durch diese Auseinandersetzung skizziert er ebenso die medialen Kategorisierungen, die entweder das Opfer oder den Täter in den sogenannten Migranten sehen, keinesfalls jedoch ein facetten-reiches und vollwertiges Mitglied der deutschen Gesellschaft. Daraus gehen dann auch Bilder migrantischer Männlichkeit hervor, so Seeliger, „aus dem die Gangstarapper ihre Bilder und Geschichten fertigen“ (S. 95). Folgend stellt er Textpassagen verschiedener Künstler vor, die exemplarisch von dem Leben migrantischer Männer in einer postmigrantischen, exkludierenden Gesellschaft erzählen.
Dafür porträtiert er drei Beispiele, die er im Wechselspiel von Analysen über die Einwanderungsgeschichte, die Konsequenzen und die (Be-)Gründung des Phänomens exemplarisch herausstellt.

Kapitel fünf und sechs nehmen Gangstarap aus einer klassenpolitischen Perspektive in den Blick – einmal als Prekarisierungskritik (Kap. 5) und einmal als Ausdruck einer neoliberalen Erfolgskultur sowie den Versuch der Aktualisierung des Ideals hegemonialer Männlichkeit (Kap 6).“ (S. 13). Dabei geht Seeliger in Kapitel fünf vor allem auf die Bewältigungsstrategien des Prekariats ein und beleuchtet darauf aufbauend die „klassenpolitischen Implikationen der Bildwelten des Gangstarap“ (S. 106). Dadurch arbeitet er kritische Bezüge prekärer Lebensbedingungen (vgl. ebd.) heraus und konturiert die Bewältigungsstrategien der Figuren im Gangstarap durch ihre neo-liberalen und vom Kapitalismus geprägten Verortungen. Somit wird es möglich die Durchdringung beider Facetten, der Bewältigung widriger Lebensbedingungen und die Anpassung an neoliberale und neokapitalistische Strukturen offen zu legen und die Roller der Rapper innerhalb dieser postmigrantischen (Selbst-) Behauptungsdynamik abzubilden.

Kapitel sechs setzt dort an, worauf in Kapitel fünf bereits mehrfach die Sprache kam: Gangstarap als neoliberale Alltagskultur. Hierfür analysiert Seeliger die Bildwelten des deutschen Gangstarap anhand vorherrschender, normativer Leistungsprinzipien. Zur Grundlage nimmt er vier Autobiografien berühmter Rapper, umso den Lebenskontext portraitiert durch die Songtexte um eine Darstellung der eigenen, authentischen Lebensrealitäten zu ergänzen. Dabei stellt er die These auf, dass im Genre „die Elemente dieser Kultur vor allem in Form einer symbolischen Konstruktion bestimmter Idealtypen von Männlichkeit zu Tage“ (S. 126) treten, die den traditionellen Vorstellungen eines idealisierten, männlichen migrantischen Aufsteigers darstellen. Sehr genau arbeitet er den (aus seiner Perspektive) Zusammenhang von Rap und Neoliberalismus heraus, um seine These zu untermauern und individualistische sowie subversive Logiken des Rap nachzuzeichnen. Bei dieser Analyse behält er weiter die vier intersektionalen Kategorien des Geschlechts, der Ethnizität, der Klasse und des Körpers bei, die als Orientierung und insgesamt als roter Faden des Buches dienen. Besonders beeindruckend ist nach Auffassung der Verfasserin der Abschnitt zu Kollegah, der sowohl mit Blick auf den Künstler als auch die Analysen Seeligers spannend ist. Hier werden im Besonderen misogyne Logiken herausgearbeitet, die KollegahsSelbstzuschreibung als Alpha rechtfertigen und die Haltung dadurch ad absurdum führen, dass er konkrete Anleitungen zu eben dieser Haltung und des Auslebens selbiger gibt.

An diese Ausführungen zu den misogynen Eigenschaften eines Alphas am Beispiel Kollegahs schließt das siebte Kapitel an, indem es um Frauen im deutschen Gangstarap geht. Dabei spielen sowohl misogyne Strukturen als auch das subversive Verhalten der Künstlerinnen eine tragende Rolle. Dementsprechend handelt das Kapitel sieben von der Möglichkeit weiblichen Empowerments im deutschen Gangstarap. Diese Bewegungen portraitiert er am Beispiel der Rapperin Schwesta Ewa, die seit ihrem Debüt 2012 maßgeblich an der Erfolgsgeschichte weiblicher Rapperinnen mitgewirkt hat. Dabei geht er ebenso auf Ambivalenzen von Repräsentationen am Beispiel von Lady Bitch Ray ein die zeigen, dass es nicht einfach ist „männliche Dominanz zu dekonstruieren“ (S. 159), wie Sahin es versucht. Um dies genauer zu untersuchen, widmet er das restliche Kapitel der „Figur“ Schwesta Ewa. Wie im vorangegangenen Kapitel analysiert er hierfür die Autobiografie der Künstlerin ebenso wie einzelne Songtexte und stellt ihre Charakteristika, wie beispielsweise die hybride Wortkreation, in den Mittelpunkt. Resümierend bezugnehmend auf die Analysekategorien folgert er: „Indem sie die auf Migrationshintergrund und Klassenzugehörigkeit beschränkte Prekaritätskritik des Gangstarap gewissermaßen intersektional erweitert, lässt sich Ewas Selbstinszenierung auch als Beitrag zum geschlechterpolitischen Agenda-Setting jenseits der Bildwelten des Gangstarap interpretieren“ (S. 169). Dennoch, so gibt er zu denken, unterliegt sie den Strukturen, aus denen sie kommt, wodurch der Anspruch des Autors, dass es automatisch feministisch sei, sich als Gangstarapperin zu behaupten, nicht eingelöst wird.

Kapitel acht analysiert Formen der Darstellung des Genres im Rahmen des deutschsprachigen Feuilletons. Dabei kann Seeliger seine Analysen sehr umfassend betreiben, da er diese Form der Analyse mit Blick auf den Gangstarap vor 20 Jahren begonnen hat und hierfür vier Kategorien zur systematischen Untersuchung ausweist: „Gangstarap als Bedrohung (1), verwehrte Verbürgerlichung (2), Exotisierung (3) und Subversion (4).“ (S. 171). Dabei beleuchtet er die Faszination am Gangstarap und zeichnet nach, dass diese weit über das Milieu, aus dem er hautnah berichtet, hinaus geht. Wie bereits in den Kapiteln zuvor ordnet er die „problematischen“ Charakteristika in den Kontext ein, die diese (re-)produzieren: „Ein wesentlicher Aspekt ist hierbei die alarmierende, teilweise auch schockierende Wirkung der Plots und Bilder. Delinquente Verhaltensweisen wie Schutzgelderpressung, Gewalt, Drogenhandel und -konsum oder Hehlerei erregen hier genauso Aufmerksamkeit, wie es die von vielen Rappern offen zur Schau gestellte Misogynie und Homophobie tun. Besonders kontrovers erscheint die migrantische Prägung des Genres weiterhin vor dem Hintergrund des von Stuart Hall (1989: 150) konstatierten „rassistischen Alltagsbewusstseins“ (S. 170). Seeligers Gedanken zu den Schockeffekten weitet er folgend auf die gesamte Kulturindustrie aus, um auch an dieser Stelle den Bogen zu Entwicklungen zu spannen, denen „kontingente gesellschaftliche Gründe“ (ebd.) zu Grunde liegen und die durchaus eine politische Dimension aufweisen. Das hebt dieses Kapitel, neben den anderen, wieder auf eine Ebene, auf der der Gangstarap ganzheitlich betrachtet werden kann um die Rückschlüsse als Anlass für eine umfassende Gesellschaftskritik zu nutzen. Diese Gesellschaftskritik weitet er ebenso auf dem Feuilleton aus: „Indem die Autor*innen Auftreten und Äußerungen der Rapper kritisieren, stellen sie sich selbst, mal mehr und mal weniger explizit, als Repräsentanten einer moralisch integren Mehrheitsgesellschaft dar“ (S. 173). Somit hat Seeliger einmal mehr den Kontext erweitert, indem er Fragen danach stellt, wer hier wen und wieso beurteilt und auf die Verhältnisse, in denen eben diese journalistischen Bezugsnahmen entstehen, problematisiert und auf die Elite, die dort schreibt, an sich zurückführt: „Die klassenpolitische Dimension dieser Form von Stigmatisierung greifen Journalist*innen hierbei immer wieder in ironisch gebrochener Form und mit deutlicher klassistischer Note auf“ (S. 174) Durch Beispiele wie die Zuschreibung von Hass, der in Gangstarap „den Sound der Flüchtlingskrise“ sieht, arbeitet Seeliger heraus, dass die vermeintliche Selbstverortung der Rapper in ihre Milieus und damit einhergehende Randständigkeit auf den verändernden Zuschreibungen der Mehrheitselite beruht, und vice versa. Durch eben diese Verknüpfungen Seeligers bleibt ein Geschmack verhaften, der durchaus auf rassistische Strukturen der deutschen Gesellschaft hinweist und der die Freude derer über den Gangstarap offenlegt, die ihre rassistischen Überzeugungen am Rap durchexerzieren.

Kapitel neun fasst die Befunde des Buches mit Blick auf weitere mögliche Forschungsfragen zusammen.

Diskussion

Seeliger hat mit seinem Buch nicht nur einen Einstieg für diejenigen ermöglicht, die bisher wenig Kenntnis vom Gangstarap haben. Er zeichnet nach, wie bedeutsam diese Szene für Jugendliche (noch immer) ist und stellt ihr gesellschaftskritisches Potenzial in den Fokus. Das ist nicht nur soziologisch äußerst wertvoll, sondern gerade Menschenrechts-bezogene und Praxis-orientierte Disziplinen wie die Soziale Arbeit, die sich mitunter der Lebenswelt junger Menschen widmet, könnte aufbauend auf dieser soziologischen Analyse fragen, wieso sie sich nicht selbst schon genauer mit dieser Szene befasst hat. Denn dabei käme sie nicht umhin sich einzugestehen, dass die eigene Affinität nicht den Nährboden der Methoden und Diskurse bilden kann. Es könnte eine wertvolle Perspektive sein den Gangstarap mitsamt seinen Repräsentationen als intermediäres Intermezzo zu begreifen, was Grenzen zwischen den diskriminierenden Anderen und unseren diskriminierenden Anteilen verschwimmen lässt. Dementsprechend stimmt die Verfasserin nicht mit Seeliger überein, wenn es um die Spiegelmetapher geht.

„Entgegen einer unter Beobachter*innen verbreiteten Formel ist (Gangsta-) Rap hierbei nicht Spiegel der Gesellschaft. Das hat, um im Bild zu bleiben, zwei Gründe: Zum einen lässt sich die Gesellschaft nicht ‚von innen‘ spiegeln. Rap steht aber nicht außerhalb, geschweige denn wie ein Spiegel, in dem man sich spiegelt, gegenüber der Gesellschaft, sondern ist selbst ein gesellschaftliches Phänomen. Als soziale Konstruktion hängt er davon ab, wie die Gesellschaft beschaffen ist und wirkt auf eben diese Beschaffenheit zurück“ (S. 11).

Der Argumentation der Verfasserin folgend ist Gangstarap genau der Spiegel, den eine professionelle Sozialwissenschaft braucht, um sich der eigenen Einstellungen und Vorurteile gewahr zu werden und den Gangstarap als das zu begreifen was er ist: ein Auswuchs kapitalistischer, patriarchaler und mitunter homophober und misogyner Strukturen, der die Schieflagen unserer Gesellschaft verdeutlicht und den Blick auf die schmuddeligen Ecken lenkt.

Seeliger traut sich in diesem Buch, vor allem durch seine Bezüge zu den Cultural Studies, an Deutungen und Zuschreibungen heran, die Macht- und Gesellschaftskritisch sind und genau das ausweisen, was nach Meinung der Verfasserin bislang im Diskurs gefehlt hat: eine systematische Kontextualisierung des Rap, die darauf verzichtet, zu beurteilen. So wird es ebenso möglich, dass Seeliger sich thematisch mit Szenen des Gangstarap, wie dem „Vorfall“ um die Echovergabe 2018, beschäftigt, und zwar in einem Stil, der eher abgeklärt wirkt und somit die Beschäftigung mit so „hartem Stoff“ aus einer bildungsbürgerlichen Perspektive möglich macht.

„Während Gangstarap einerseits sozial voraussetzungsreich ist und eine Menge an gesellschaftspolitischen Implikationen birgt, ist er gleichzeitig lose genug definiert, um ein breites Spektrum an Projektionen und Interpretationen plausibel erscheinen zu lassen. Einer heterogenen Gesellschaft, die sich durch die Perspektivenvielfalt ihrer zahlreichen und diversen Milieus auszeichnet, bieten die Bildwelten des Genres Anschlussmöglichkeiten zur Kommunikation und Reflexion“ (S. 13).

Zudem macht die Art der Erarbeitung im Besonderen Sinn für die Diskurse Sozialer Arbeit, bauen sie mitunter auf Intersektionalität und den Cultural Studies insgesamt auf und sind es diese analytischen Dreh- und Angelpunkte, die zunehmend für eine sogenannte Diversity-sensible Soziale Arbeit bedeutsam werden.

Fazit

Wie bereits mehrfach erwähnt macht das Buch im Wahrsten Sinne des Wortes für Interessierte ebenso wie für (bis dato) nicht Interessierte Sinn, geht es um gesellschaftliche (Un-) Verhältnisse und gewissermaßen subversive Praktiken. Dabei beleuchtet Seeliger viele Facetten und lädt ein, vorverurteilende Sichtweisen hinter sich zu lassen. Das Einzige was auch Sicht der Verfasserin ungelöst bleibt ist der Wunsch, Texte nicht aus einer wissenschafts-gespickten elitären Kopf-Sicht von etwas auf etwas (verobjektiviertes) zu deuten, sondern sich der Sache selbst, mit allen Sinnen, zu widmen und Gangstarap zu erleben. Dies vermag das Buch nicht. Denn letzten Endes sind es die Menschen und das spezifische Milieu, die vermitteln, was für viele Wissensproduzent*innen und Lesende unvorstellbar ist und so leichtfertig als Überzeichnung oder Anmaßung abgetan werden kann. In diesem Sinne ist das Buch unbedingt zu empfehlen mit der weiteren Empfehlung, sich einzulassen und zuzuhören und hinter die Fassaden der eigenen Affinität zu blicken.


Rezension von
Dr. Katrin Feldermann
Dr.in Katrin Feldermann ist ab Januar 2022 Inhaberin einer Professur an der FH Kärnten
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Zitiervorschlag
Katrin Feldermann. Rezension vom 08.12.2021 zu: Martin Seeliger: Soziologie des Gangstarap. Popkultur als Ausdruck sozialer Konflikte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6578-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28306.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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