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Michaela Huber: Trauma und die Folgen

Cover Michaela Huber: Trauma und die Folgen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2020. 349 Seiten. ISBN 978-3-7495-0139-7. D: 37,00 EUR, A: 38,10 EUR.

Reihe: Huber, Michaela: Trauma und Traumabehandlung - Teil 1. Reihe: Fachbuch - Trauma.
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Thema

Die Autorin berichtet über ihre über 40-jährigen beruflichen Erfahrungen und verknüpft diese mit aktuellen Forschungsergebnissen der Psychotraumatologie. Sie stellt in der überarbeiteten und aktualisierten Auflage ihres Buches Grundlagen der Traumaentstehung, die Traumafolgen und aktuelle Entwicklungen der Psychotraumatologie vor.

Autorin

Michaela Huber ist Diplom-Psychologin, approbierte Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin und Ausbilderin in Traumabehandlung. Ihre klinischen Ausbildungen absolvierte sie u.a. in Verhaltenstherapie, Hypnotherapie und EMDR. Sie gründete das Zentrum für Psychotraumatologie Kassel e.V. und ist 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Trauma und Dissoziation (DGTD).

Manuela Huber arbeitet als niedergelassene Psychotherapeutin in Kassel und in der Fortbildung. Sie veröffentlichte eine Reihe von Büchern zur Traumaproblematik.

Entstehungshintergrund

Das Buch erschien erstmalig 2003 und 2020 in der sechsten überarbeiteten Auflage mit zusätzlichen 60 Seiten. Die Autorin wendet sich an Menschen die Schreckliches erlebt haben und ebenso an Fachkräfte, die im weiten Feld der Psychotraumatologie beruflich tätig sind.

Aufbau

Nach den einleitenden Vorworten der Autorin, Onno van der Hart und Luise Reddemann gibt M. Huber in ihrer umfangreichen Einleitung eine erste Übersicht. Im ersten Kapitel wird die Entstehung von Traumata thematisiert und im zweiten Kapitel die Problematik der Dissoziation. Im dritten Kapitel beschreibt Manuela Huber, welche Traumatisierungen besonders schwer zu verarbeiten sind, im vierten Kapitel die Bedeutung früher Traumatisierungen im Kontext der Bindungsforschung, um dann im fünften Kapitel das Thema der Diagnosenerstellung zu fokussieren. Im sechsten Kapitel beschreibt die Autorin, warum traumatisierten Menschen oft der Tod näher erscheint als das Leben. Im Mittelpunkt des siebten Kapitels steht der Zwang vieler traumatisierter Menschen sich selbst zu verletzen. Im achten Kapitel beschäftigt sie sich vertiefend mit der rituellen Gewalt. Das Buch schließt mit einem Nachwort, dem Literaturverzeichnis, Internetressourcen und mehreren diagnostischen Fragebögen.

Inhalt

In der Einleitung betont die Autorin die Bedeutung der Begegnung und führt aus, dass TherapeutInnen und BeraterInnen, die mit der Not der Betroffenen konfrontiert sind, neben einem großen Handwerkskoffer und guten Arbeitstechniken insbesondere ein „einfühlsames Herz“, eine belastbare Persönlichkeit und ein unterstützendes äußeres Umfeld benötigen. Bedeutsam sind neben den theoretischen Kompetenzen auch eingeübte Fertigkeiten im Umgang mit extremen Gefühlen, den Täteranteilen und traumatischen Körperzuständen der KlientInnen. Im Anschluss geht sie auf die Bedeutung und die Häufigkeit von erlittener sexueller Gewalt ein und schildert die Folgen von traumatisierenden Erlebnissen. Zudem gibt M. Huber einen kurzen Einblick in die Diagnostik und spricht sich für ein schulenübergreifendes Vorgehen in der Beratung und Therapie traumatisierter Menschen aus. Im Abschnitt über den Paradigmenwechsel kritisiert sie die auch heute häufig noch aufzufindenden Verhältnisse in den Psychiatrien, in der z.B. Menschen vorwiegend mit Psychopharmaka behandelt werden.

In der Einleitung beschreibt sie zudem die Entstehung der Psychotraumatologie. Anschließend kritisiert die Autorin die häufige Pathologisierung von traumatisierten Menschen als „Borderliner“. Auch viele chronische Depressionen, überdauernde Angstsymptome, Süchte, Zwänge, psychosomatische Erkrankungen und Störungen der Impulskontrolle seien häufig eine Folge von frühen und lang andauernden Traumatisierungen. Abschließend weist sie in der Einleitung darauf hin, dass auch Traumatherapie „nichts wegmachen“ kann, sondern dass wir behilflich sein können, die durch Traumatisierungen verursachte Stressverarbeitungsstörrung zu lindern, die Traumatisierung in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren, sie zu „verschmerzen“ und zu betrauern (S. 44 f).

Im ersten Kapitel „Was ist ein Trauma – und was ein belastendes Lebensereignis?“ beschreibt die Autorin verschiedene Formen von Traumata und die ablaufenden Prozesse im Gehirn. Bereits dieses Kapitel, wie auch die folgenden, wird durch Fallbeispiele bereichert.

Im zweiten Kapitel mit dem Titel „Wieso hilft Dissoziation, ein Trauma zu überleben?“ werden differenziert Formen von Dissoziationen beschrieben und die Komplexe Dissoziative Störung und die Dissoziative Identitätsstörung fokussiert.

Im dritten Kapitel erklärt die Autorin, welche Traumatisierungen besonders schwer zu verarbeiten sind. Allgemein geht sie davon aus, das zwischen 80 und 90 % aller Menschen im Laufe ihres Lebens ein schweres Trauma erleben, wobei bei etwa jedem/r Dritten mittel- bis langfristige Folgen auftreten. Beschrieben wird, dass ein Trauma eine Erschütterung für die gesamte Persönlichkeit beinhaltet. Im Anschluss werden verschiedene Folgestörungen, wie z.B. die verlängerte Trauer, – auch anhand von Fallbeispielen – differenziert thematisiert. In einem Unterkapitel werden Schutz- und Risikofaktoren erörtert.

Im vierten Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit dem Thema, wie sich frühe Gewalterfahrungen auf die Bindungsfähigkeit auswirken. Betont wird, dass das Entscheidende im menschlichen Leben in den ersten zwölf Monaten bzw. in den nächsten zwei Jahren im Kontext der individuellen Entwicklung des Bindungs- und Beziehungsverhaltens passiert. Vorgestellt werden die Bindungsstile und ihre Auswirkungen, z.B. die Misshandlung als Ursache für traumatisierte Bindungsmuster. Dargestellt wird zudem, wie früher Stress den Hirnaufbau erheblich verändert und welche Auswirkungen dies auf die Feinfühligkeit, das Gedächtnis und die Entwicklung des Selbst hat. Mit der Erörterung des Developmental Traumatology, bzw. der Umweltbedingten komplexen Entwicklungsstörung werden diesbezügliche neue Forschungsergebnisse vorgestellt und Beispiele für Entwicklungsschäden nach Traumata bei Kindern und Jugendlichen klassifiziert. Dem schließen sich u.a. Empfehlungen für die Arbeit mit traumatisierten Kindern an, auch um eine sichere Bindung zu fördern.

Das fünfte Kapitel mit dem Titel „Welche Diagnosen kann man nach Traumata bekommen, und was taugen sie?“ beginnt mit einer Kritik am Traumabegriff des ICD-11. Es folgen Ausführungen über die Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung nach den Klassifikationen des ICD-11 und des DSM-5 und darüber, welche vielfältigen körperlichen Schäden und weitere Beeinträchtigungen auftreten können. Nochmals geht die Autorin differenziert auf Persönlichkeitsstörungen und Formen der Dissoziation ein. Manuela Huber fokussiert hier erneut ihren Schwerpunkt der Dissoziativen Identitätsstörung, im Anschluss gibt sie Empfehlungen für die Trauma-Exploration bei Kindern. Zudem werden verschiedene Diagnostikinstrumente vorgestellt. Abschließend weist sie nochmals darauf hin, dass sich Borderlinestörungen auch als traumabedingte Störungen verstehen lassen (S. 192ff).

Im sechsten Kapitel wird erörtert, wieso traumatisierten Menschen der Tod oft näher als das Leben erscheint. Hingewiesen wird auf die Bedeutung und den Umgang mit einer möglichen Suizidalität.

Das kürzere siebte Kapitel thematisiert den häufig bei traumatisierten Menschen vorhandenen Zwang sich selbst zu verletzen. Die Gründe für selbstverletzendes Verhalten werden benannt, betont wird die Bedeutung einer Stressbewältigung.

Im achten Kapitel thematisiert Manuela Huber Besonderheiten der rituellen Gewalt. Erörtert werden die Organisation der sexuellen Ausbeutung, die Rolle der Täter, die Tätergruppen, mögliche Hinweise auf rituelle Misshandlungen und eine Reihe von Aspekten über sogenannte „Programme“, d. h über planmäßig durchgeführte Folter an oftmals sehr kleinen Kindern.

Das Buch schließt mit einem kurzen Nachwort und Ausblick, einem umfangreichen 24-seitigen Literaturverzeichnis, Hinweisen über Internetressourcen, mehreren Anhängen mit diagnostischen Fragebögen und einem Indexverzeichnis.

Diskussion

Besonders ist z.B. bei diesem herausragenden Buch hervorzuheben, dass sich die Autorin sehr fundiert und verständlich an eine sehr breite Leserschaft wendet, die auch die betroffenen Menschen einschließt. Manuela Huber wendet sich in ihrem Buch auch nicht nur an Psychologen und TraumatherapeutInnen, sondern insgesamt an Fachkräfte aus psychosozialen Arbeitsfeldern. Auch diese Berufsgruppen finden ebenso wie TraumatherapeutInnen theoretisch fundiert und praxisnah umfangreiche Informationen.

In diesem Zusammenhang weist die Autorin auf gesellschaftliche Missstände hin, z.B. dass viele Menschen eine Traumazentrierte Psychotherapie beginnen möchten, jedoch häufig keinen entsprechenden Therapieplatz erhalten. Sie profitieren jedoch oftmals auch von Gesprächen mit traumasensiblen Menschen, die Betreuung, Beratung und Begleitung anbieten (S. 139). Inzwischen würden immer mehr BeraterInnen und PädagogInnen mit stabilisierenden und Trauma-distanzierenden, und manchmal sogar Trauma-durcharbeitenden Methoden arbeiten, um die Not und Verzweiflung der Rat- und Hilfesuchenden zu lindern.

Kritisch ist nur wenig anzumerken: als Lehrender, der dieses Buch gerne Studenten empfiehlt, hätte ich mir genauere Quellenangaben im Text gewünscht.

Hoffentlich erscheint bald auch eine erweiterte Neuausgabe des zweiten Bandes (Ausgabe 2003) über die Traumabehandlung.

Fazit

Beeindruckend ist neben der Fachlichkeit das Verständnis und die empathische Zuwendung von Michaela Huber für die traumatisierten Menschen und ihr Engagement für eine Verbesserung der Situation. Das fundierte und praxisnahe Grundlagenwerk kann Betroffenen, wie auch Studierenden und Praktiker*innen aus psychosozialen Berufen sehr empfohlen werden.


Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
Sozialarbeiter grad., Diplompädagoge, Dr. rer. pol., langjährige Berufspraxis in der Suchtkrankenhilfe, als Supervisor und in der Weiterbildung, Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen, 2007–2021 LbfA an der Hochschule Emden mit dem Schwerpunkt Beratung, ab 10/2021 Prof. im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung“ der Diploma Hochschule.
Homepage juergenbeushausen.de.tl
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 30.04.2021 zu: Michaela Huber: Trauma und die Folgen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2020. ISBN 978-3-7495-0139-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28308.php, Datum des Zugriffs 27.10.2021.


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