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Christoph Klein, Ben Furman: Die Kraft des Miteinander

Cover Christoph Klein, Ben Furman: Die Kraft des Miteinander. Innovative Methoden der Netzwerk- und Gemeinschaftsarbeit in Familien, Therapie, Schule und Beratung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 272 Seiten. ISBN 978-3-8497-0368-4. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: Systemische Therapie.
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Das Thema

Der Herausgeberband – mit einem Klappentext von Tom Lewold als Herausgeber der Reihe systemische Therapie und Beratung des Carl-Auer-Verlags, einem Geleitwort von Dr. Gerald Hüther und einer Einführung der Herausgeber Christoph Klein und Ben Furman – gibt jeweils einen kurzen Überblick von (je 11 – 25 Seiten) über 13 verschiedene Verfahren der Netzwerkarbeit in den unterschiedlichsten Kontexten von Behindertenhilfe, Strafvollzug über Psychiatrie, ambulanter Jugendhilfe, Trennungs- und Scheidungsberatung bis hin zu Kindertagesstätte und Schule.

Zu den Herausgebern

Christoph Klein ist Diplompädagoge, Familientherapeut, systemischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Lehrender und Supervisor (DGSF) an der Gesellschaft für systemische Therapie und Beratung, Berlin; Mitbegründer des Berliner Zentrums für Präsenz und Kompetenz in Beziehungen (PUK) zur Stärkung der Arbeit mit Mehrfamiliengruppen und Gemeinschaftsnetzwerken.

Ben Furman ist Psychiater und Psychotherapeut, Mitbegründer des Helsinki Brief Therapy Institute, welches er zusammen mit Tapani Ahola leitet. Er ist Autor zahlreicher Publikationen.

Zu den Autor*innen

Die Autor*innen der einzelnen Beiträge haben entweder das von ihnen beschriebene Netzwerkverfahren entwickelt, über einen längeren Zeitraum praktiziert und evaluiert oder sie übernahmen, überarbeiteten und praktizierten ein Konzept seit geraumer Zeit und konnten so Erfahrungen über seine Wirksamkeit machen. Ihre Projekte entstanden in verschiedenen Ländern Europas, Hawaii, Israels und Neuseeland.

Aufbau

Das vorliegende Buch gliedert sich nach einem Geleitwort von Gerald Hüther und einer Einführung der Herausgeber in dreizehn Kapitel, in denen jeweils ein Projekt vorgestellt wird, ein Literaturverzeichnis sowie ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren mit einer kurzen Vita und Kontaktadresse.

Inhalt

Philip Streit (u.a. Leiter des Instituts für Kind, Jugend und Familie in Graz)und Hanna Weber (Masterabsolventin in Psychologie an der Karl-Franzens-Universität Graz): Wiedergutmachung – Das Tor zu neuer Resonanz im Miteinander

Der Autor und die Autorin beschreiben das Prinzip bzw. die Idee der Wiedergutmachung als unverzichtbaren Eckpfeiler der ‚Non Violent Resistance-Ansätze‘, in Deutschland bekannt unter der Bezeichnung ‚Neue Autorität‘ und ‚Gewaltloser Widerstand‘. Sie beziehen sich auf das sog. P.E.N.-Programm von Tal Maimon und Idan Amiel, dass Lehrer*innen die Grundhaltung des gewaltlosen Widerstandes vermittelt. P.E.N. steht für Präsenz (Anwesenheit und Zugewandtheit von Lehrer*innen im Leben der Schüler), Ermächtigung (i.S. von Vergrößerung des Handlungsspielraumes der Fachkräfte) und Netzwerk-Unterstützung (Organisation eines handlungsunterstützenden Netzwerkes für die Bewältigung schwieriger Situationen). Ziel des Programms ist, Fachkräfte zu lehren, wie sie gewaltlosen Widerstand gegen Fehlverhalten leisten können – Widerstand gegen Fehlverhalten, Ausgleich und Versöhnung anstelle von Strafe. Das praktische Vorgehen wird am Beispiel einer Konfliktsituation in einer Behinderteneinrichtung der Lebenshilfe erläutert. Ausgangspunkt ist die Idee der Wiedergutmachung. Die Hauptcharakteristika des Begriffes, seine Voraussetzungen für ein Umsetzen in der Praxis, die Schritte des Wiedergutmachungsprozesses und seine Wirkung im Hinblick auf die Selbststeuerung des Probanden und seine Beziehung zu den Menschen in seiner Umgebung werden beschrieben.

Lorenn Walker (Rechtsanwältin und Direktor der Hawaii Friends of Restorative Justice/HFRJ)und Anouck De Reu (Kriminologiestudentin an der KU Leuven University): Wiedereingliederungs-Versammlungen mit Häftlingen – wie sie Inhaftierten zugutekommen und nahestehenden Menschen helfen.

Ausgehend von einem Fallbeispiel beschreiben die Autorinnen, wie die HFRJ auf Hawaii einer Familie mit drei Generationen von inhaftierten Mitgliedern durch lösungsfokussierte und wiedergutmachende Gemeinschaftsbildung geholfen haben. Das Konzept basiert auf der Grundhaltung, dass „jeder Einzelne als der beste Experte seines eigenen Lebens betrachtet wird.“ Versammlungen, bestehend aus der inhaftierten Person, den von ihr eingeladenen Verwandten und Freunden, weiteren Unterstützer*innen und Vertretern des Gefängnisses sollen der inhaftierten Person die Möglichkeit bieten, Verletzungen, die durch ihr Verhalten entstanden sind wiedergutzumachen und einen Plan mit konkreten Schritten zur Wiedereingliederung vorzubereiten. Im Fokus stehen hierbei der Aufbau von Beziehungen zu rechtskonform lebenden anderen Menschen und die Wiedereingliederung in eine Gemeinschaft im Sinne eines unterstützenden sozialen Netzwerkes.

Erzsébet Roth (Sozialpädagogin B.A., Pädagogin M.A., u.a. Koordinatorin für Familienräte, Schwerpunkt Migration und Gemeinwesenarbeit): Der Familienrat und die Wiederherstellung von Familienidentität – Ein Vermächtnis der Maori für kultursensible Praxis und gemeinschaftliche Krisenbewältigung

Die Autorin beschreibt ausgehend von dem Fallbeispiel eines geschiedenen, hochstrittigen Elternpaares in Deutschland die Idee, Entwicklungsgeschichte und Praxis des von den Maori auf Neuseeland entwickelten Familienrates. „Die grundlegende Philosophie des Familienrates besteht darin, dass die Familie und ihre Gemeinschaft selbst über die Souveränität verfügen, ihre eigene Hilfe zu entwerfen.“ Es werden an diesem Beispiel acht Schritte von der ersten Kontaktaufnahme über die Zusammensetzung des Familienrates (einschließlich beteiligter Fachkräfte, z.B. des Jugendamtes) bis zur Aufnahme seiner Aktivitäten und zum Folgerat beschrieben. Die Organisation des Familienrates obliegt einer unabhängigen Koordination. Durch eine Trennung von „Wächteramt“ des Jugendamtes und der Organisation/​Moderation des Hilfeplanprozesses soll annähernd Neutralität erreicht werden. Der Unterschied zu bisher üblichen Verfahren in Deutschland besteht darin, dass im Familienrat nicht die betroffenen Familienmitglieder an dem Entscheidungsprozess der Fachkräfte beteiligt werden, sondern umgekehrt: Die Familie beteiligt die Fachkräfte an ihrer Entscheidung, während die Koordinatorin sowie die eingeladenen Fachkräfte den Rahmen schaffen für exklusive Familienzeit, sich aber selbst der Lösungssuche enthalten.

Idan Amiel (u.a. Klinischer Psychologe und Direktor der Elternberatungsklinik im Kinderkrankenhaus Schneider Children‘s Medical Center, Israel; gründete gemeinsam mit Prof. Haim Omer das New Authority Center N.A.C. in Israel): „Bring das Dorf in die Klinik!“ – „Neue Autorität als Hilfe für Eltern“.

Der Autor beschreibt auf dem Hintergrund des kulturellen Wandels von der Religion zur Wissenschaft in der Kindererziehung, warum Eltern sich heute oft „einsam, schwach und in vielen Fällen verwirrt und gelähmt fühlen.“ Er entwickelt auf der Grundlage der afrikanischen Weisheit: „Es braucht ein ganzes Dorf, damit ein Kind sich gut entwickelt“ das Konzept „Bring das Dorf in die Klinik!“ In Abgrenzung zum Begriff der Gemeinschaft versteht er „Dorf“ nicht als „eine Gruppe lauter netter, liebevoller Menschen mit einem gemeinsamen Ziel“, sondern als eine Ansammlung von „Menschen, die leibhaftig da sind, greifbar“ und mit durchaus unterschiedlichen „Einstellungen, Überzeugungen und sogar unterschiedlichen Arten zu lieben.“ An einem Fallbeispiel beschreibt er die Schaffung und Arbeitsweise eines virtuellen Dorfes in Form einer WhatsApp-Gruppe zur Unterstützung einer alleinerziehenden Mutter und ihres 11-jährigen Sohnes. Die Aufgabe der Therapeutin bestand dabei darin, die Familie zu ermutigen, möglichst viele Menschen zu einer Dorfversammlung einzuladen, die Teilnehmenden auf der Versammlung um ihre Einschätzung der Familiensituation zu bitten und ihr Hilfsangebot mitzuteilen. Aufgabe der Therapeutin ist es auch, Eltern und Kind bei Bedarf vor Angriffen und Vorwürfen zu schützen und das „Dorf“ immer wieder zu aktivieren, Hilfsangebote zu unterbreiten. Was zur Verbesserung der Situation führte, war die ständige virtuelle und nicht-virtuelle Präsenz des „Dorfes“ und die Erfahrung, „dass die psychologischen Bedürfnisse der Kinder umso besser erfüllt werden, je mehr Menschen beim Heranwachsen der Kinder einbezogen werden.“

Jaakko Seikkula (u.a. Professor für Psychotherapie an der Universität von Jyväskyla, Entwickler des Open Dialogues, einem Konzept für Familien und soziale Netzwerke): Der Open-Dialogue-Ansatz – Netzwerkorientierung in der Psychiatrie und ihre Bedeutung für eine therapeutische Haltung

Die Idee der dialogischen Perspektive, die zuerst in der finnischen Provinz Westlappland entwickelt und praktiziert wurde, geht zurück auf den russischen Philosophen Michael Bakhtin (1975). Jede Äußerung erfordert eine Antwort, damit sie einen Sinn hat! Dabei bedeutet Antworten nicht, „zu erklären oder zu interpretieren, sondern mit der Antwort zu zeigen, dass man das Gesagte wahrgenommen hat, es bedingungslos respektiert und, wenn möglich, einen neuen Standpunkt zu dem Gesagten eröffnet.“ Diesem Prinzip folgt ein Team von Fachkräften, wenn eine Person oder eine Familie in einer Notlage Hilfe beim psychiatrischen Fürsorgesystem sucht. Der Behandlungsprozess erfolgt dann anhand von 7 Hauptprinzipien. Ein erstes Treffen mit den Patienten soll z.B. innerhalb von 24 Stunden stattfinden. Unmittelbar nach dem Erstkontakt erfolgt eine Einladung an das soziale Netzwerk, das von Anfang an und solange wie nötig einbezogen wird. Die psychiatrische/​psychotherapeutische Behandlung wird flexibel an die spezifischen Bedürfnisse der Patienten angepasst. Dafür übernehmen spezifisch vorgebildete Personen/​Teams die Verantwortung und stellen die psychologische Kontinuität sicher. Ungewissheiten werden bewusst zugelassen. Das Team konzentriert sich darauf, „einen Dialog innerhalb des Netzwerkes zu erzeugen, um neue Worte und eine neue gemeinsame Sprache für Erfahrungen zu schaffen, für die es vorher keine Worte gab.“ Ziel ist es, durch die Teilhabe an der gemeinsamen Sprache, Zugehörigkeit und Identifikation mit der Gemeinschaft innerhalb des Netzwerkes zu definieren.

Ulrich Baus (u.a. Sozialpädagoge und Krankenpfleger, Leiter eines mobilen multiprofessionellen psychiatrischen Krisendienstes im Saarland, Entwicklung des Programms „TwoSystem Treatment“): TwoSystems-Treatment – Ein integratives Schnittstellenprojekt im Bereich Jugendhilfe und Psychiatrie

Ca. 50 % der (teil)stationär psychiatrisch behandelten Kinder und Jugendlichen erhalten im Anschluss eine Jugendhilfemaßnahme. Jedes 2. Kind/Jugendlicher hatte einen psychisch kranken Elternteil, davon 80 % eine psychisch kranke Mutter, usw.! Das „Programm ‚Two-Systems-Treatment‘ verbindet (daher) Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe und der Sozialpsychiatrie im Sinn einer integrativen und netzwerkorientierten Versorgung.“ Es startete im Oktober 2015 im Saarland und orientiert sich an dem bedürfnisorientierten Psychose-Behandlungsansatz des „Open Dialogue“ aus Finnland. Ein multiprofessionelles Team (Sozialarbeiter*in, Psycholog*in, Pflegefachkraft, Ergotherapeut*in, Heilerzieher*in und Genesungsbegleiter*in) arbeitet mobil-aufsuchend und teambasiert. Im Zentrum dieses Konzeptes stehen die Hilfe- und Behandlungsplanung in Kooperation mit dem Jugendamt, die Krisenplanerstellung im Rahmen einer Netzwerkkonferenz, familienfokussierte Psychoedukation und die Netzwerkgespräche mit dem Ziel, der Stärkung der familiären Netzwerkstrukturen. Bei Bedarf kann nach Beendigung des Programms quasi als „Nachsorge“ ein sog. Familienrat eingerichtet werden.

Klaus Henner Spierling (Dipl.-Psych., u.a. Multifamilientherapeut (DGSF), Kidstime Training Direktor Germany):Kidstime – Resilienzaufbau für Familien mit psychisch belasteten Elternteilen

Ausgangspunkt des Artikels sind auch hier einige statische Daten: 3,8 Millionen Kinder in Deutschland sind von der psychischen Erkrankung eines Elternteils betroffen. Das sind 25 % aller Schulkinder! Der Autor beschreibt zunächst die Auswirkungen elterlicher psychischer Erkrankungen auf die Kinder, wie z.B. geringere emotionale Erreichbarkeit, Übernahme hoher Verantwortung durch die Kinder (Parentifizierung), Scham und Stigma. Das Kidstime-Modell stellt drei Kernbedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt: eine Erklärung, vertrauenswürdige erwachsene Ansprechpartner und das Wissen, nicht alleine zu sein. Das Konzept wurde in den 1990er-Jahren in einem Team um Alan Cooklin am Marlborough Family Service in London entwickelt. Es besteht aus einem 1 x monatlich stattfindendem Seminar (Kinder und Eltern gemeinsam), einer Gruppenarbeit (Kinder, Jugendliche und Eltern getrennt) und einer gemeinsamen Reflexion und Abschluss. Didaktischer Kern sind Theaterarbeit und Reflexionschleifen sowie Mentalisieren. Aufgabe des Teams ist die o. g. Struktur einzurichten, die gemeinsame Diskussion anzuregen, um die Kommunikation in der Familie zu verbessern, das Verständnis von psychischer Erkrankung zu erweitern und die Vernetzung der Familien untereinander zu fördern.

Eia Asen (Prof. Dr. med. FRC Psych., Kinder-, Erwachsenen- und Familienpsychiater, Anna Freud Centre, London):Mehrfamilienarbeit mit Familiennetzwerken

Augenscheinlich „therapie-resistente Familien“ oder sog. „Multiproblemfamilien“, deren Leben von sozialer Benachteiligung, Armut, Arbeitslosigkeit, Sucht, Erziehungsschwierigkeiten bis hin zu Kindesmisshandlung und sexuellem Missbrauch usw. gezeichnet ist, sprechen oft auf die klassischen Hilfsangebote von Psychiatrie und Jugendhilfe nicht an. Die Mehrfamilienarbeit mit unterstützenden Netzwerktreffen besteht in einer zeitgleichen Behandlung von 6 bis 10 Familien und wurde in den 1940er-Jahren in New York um den Psychiater Peter Laqueur entwickelt. „Die Ziele und Prinzipien der MFA sind eine Mischung aus handlungsorientierter und reflektierender Arbeit (…). Familien werden ermutigt, Berater anderer Familien zu werden, sich gegenseitig zu unterstützen und gleichzeitig über ihre eigenen Probleme nachzudenken“. Die Therapeut*innen agieren als die Multifamilien-Coaches. Sie sind nicht mehr traditionelle Helfer, die über exklusives Fachwissen verfügen, sondern stehen den Familien als „Kontext-Schaffer“ zur Verfügung. Sie modellieren und moderieren einen Kontext, der das Mentalisieren fördert und in dem die Familien angeregt werden, eigene Ressourcen zu entdecken und ihr Potenzial zur Selbsthilfe zu erwecken.

Justine von Lawik, (u.a. Klinische Psychologin, Paar- und Familientherapeutin, entwickele gemeinsam mit Erik van der Elst das multifamilientherapeutische Programm „Kinder aus der Klemme“) und Erik van Elst (u.a. Familien- und Dramatherapeut, Supervisor im europäischen „Kinder-aus der Klemme-Netzwerk“): Ohne euch geht es nicht! Netzwerkarbeit bei Trennungskonflikten: Eine Notwendigkeit

Das Gruppenprogramm „Kinder aus der Klemme“ wurde Mitte der 2010er-Jahre in den Niederlanden entwickelt und inzwischen in vielen europäischen Ländern praktiziert. Die Erfahrungen in der Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien zeigen „dass das soziale und berufliche Netzwerk mit einbezogen werden muss, wenn Änderungsversuche nicht scheitern sollen“. Dabei hat sich die Einbeziehung von Großeltern, Geschwistern der Eltern, neuen Partnern und deren Familien, Freunden und dem beruflichen Netzwerk als besonders hilfreich erwiesen. Ziel der Arbeit ist es, einen „dialogischen Raum“ zu eröffnen, in dem alle Stimmen gehört werden können. Die Einbeziehung des Netzwerkes kann auf direkte Weise in Form von Netzwerk-Informationstreffen geschehen oder auf indirekte Weise, indem die zerstrittenen Eltern unterstützt werden, herauszufinden, wie sie von ihrem Umfeld beeinflusst werden. Hinzu kommt eine Unterstützung der Eltern, sich einen Überblick zu verschaffen, „welche Rolle das Helfernetzwerk bei der Aufrechterhaltung oder dem Durchbrechen der Konfliktmuster spielt,“ um abwägen zu können, „mit wem ein Dialog begonnen werden muss, damit Spielräume zur Veränderung entstehen.“

Ulrike Behme-Matthiessen, (u.a. Dipl.-Psych., Lehrende für Multifamilientherapie (DGSF), Leitung des Tagesklinik Baumhaus in Schleswig), Thomas Pletsch (u.a. Arbeitspädagoge, Lehrender für Multifamilientherapie BAG-MFT,zusammen mit Ulrike Behme-Matthiessen Entwicklung des Programms „FiSch-Familie in Schule“ und „Familienstube“ in Schleswig): FiSch und Familienstube – Netzwerkaktivierung in Kita und Schule

Als Ausgangslage beschreiben die Autorin und der Autor die Zunahme von Verhaltensproblemen von Kindern in Kita und Schule, die wiederum zu einer Zunahme familiärer Belastungen führt – besonders für Alleinerziehende. Das Konzept ‚FiSch‘ (Familie in Schule) und die ‚Familienstube‘ für Familien mit Kindern im Vorschulalter stützen sich auf den theoretischen Ansatz der Multifamilientherapie nach Eia Asen und die Idee, Familien in den Unterricht zu integrieren. Im FiSCh-Konzept werden Kinder „einmal wöchentlich in der ‚FiSch-Klasse‘ unterrichtet und üben an diesem ‚FiSch-Tag‘ unterstützt von ihren Eltern, ihre Ziele zu erreichen“, die in einem Vorgespräch von Eltern, Klassenlehrer*in ‚FiSch-Team‘ und Schüler*in entwickelt wurden. Hinzu kommt ein ‚FiSch-Tag‘, der aus einer getrennten Eltern- und Kinderunde, einer gemeinsamen Gesprächsrunde mit Wochenbilanz, dem Unterricht und einer Auswertung beider Schulstunden, der Tagesbilanz besteht.

Die ‚Familienstube‘ soll die Resilienz der Familien mit Kindern im Vorschulalter bei Belastungen stärken durch offene Kommunikation und gegenseitige Wertschätzung. Auf Empfehlung der Kita findet für Eltern, deren Kinder Schwierigkeiten in der Kita haben, einmal wöchentlich ein 3-stündiges Treffen statt. Es besteht aus einem Begrüßungsritual, getrennten Eltern und Kinderrunden, einer gemeinsamen Gesprächsrunde mit Wochenbilanz und einer gemeinsamen Aktionszeit von Eltern und Kindern sowie einem Abschlussritual. Sowohl ‚FiSch‘, wie auch die ‚Familienstube‘ werden präventiv als auch therapeutisch-rehabilitativ eingesetzt.

Ben Furman (Psychiater und Psychotherapeut, u.a. Mitbegründer des Helsinki Brief Therapie Institut und des ‚Ich schaff‘s‘ Programms für Kinder, Eltern, Erzieher und Therapeuten):Probleme in Fähigkeiten verwandeln – Lösungsfokussierte Therapie mit Kindern als Gemeinschaftsaufgabe im Ich schaff‘s! Programm

Der Autor stellt das „Ich schaff‘s! - Programm“ als „ein einfaches, lösungsfokussiertes Schritt-für-Schritt-Verfahren vor, um Kindern bei der Bewältigung von Verhaltens- und emotionalen Problemen zu helfen.“ Der/die Therapeut*in konzentriert sich dabei auf Ziele und nicht auf Probleme. „Bei der Arbeit mit Kindern ist das Ziel der Therapie sozusagen die bevorzugte Zukunft; oft verbunden mit einer Fähigkeit, die das Kind erlenen muss, um das Problem zu überwinden!“ Anhand eines Fallbeispiels werden die Schritte des Programms vorgestellt. Es beginnt damit, gedanklich das Problem in eine Fähigkeit zu verwandeln, die Vorteile dieser Fähigkeit aufzulisten, Unterstützer zu benennen, die Planung einer Feier, wenn die Fähigkeit gezeigt werden kann, das Üben der Fähigkeit bis zum Umgang mit Rückschlägen. Erfahrungsgemäß verändert die Umsetzung der Ideen des Programms die Beziehung zu Kindern. Anstatt ihnen zu sagen, wie sie sich verhalten sollen, lernen Praktiker, Kindern zuzuhören und ihre Vorstellungen davon zu schätzen, welche Fähigkeiten sie brauchen und wie sie diese erlenen können. Erwachsene nehmen dabei eher die Rolle eines Trainers, als die eines Lehrers oder Therapeuten ein.

Tal Maimon (Klinischer Sozialarbeiter, spezialisiert für Kinder und Jugendliche, Lehrender für Ansätze des gewaltfreien Widerstands >NVR< und der Neuen Autorität an Schulen), Idan Amiel (Klinischer Psychologe und Direktor der Elternberatungsklinik im Kinderkrankenhaus Schneider Children‘s Medical Center, Israel, Direktor und Mitbegründer des New Authority Center >N.A.C.< in Israel):„Neue Autorität“ an Schulen – das P.E.N.-Programm

Die Autoren beschreiben zu Beginn ihres Artikels die Entwicklungsgeschichte des P.E.N.-Programms am Schneider Children‘s Medical Center in Israel als Modell für die Beantwortung der Frage, wie Eltern ihre Kinder vor Gewalt und Selbstgefährdung schützen können. Die Patienten der Klinik für Elternberatung kommen aus dem Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde, aus Jordanien und anderen Ländern des Nahen Ostens. Das P.E.N.-Programm wurde speziell für Situationen in Schulen entwickelt, in denen Schüler*innen extreme (aggressive) Verhaltensweisen zeigen und weder die traditionelle Autorität von Lehrern, Lehrerinnen und Eltern, noch ein liberaler Erziehungsstil zu einer Veränderung der Situation geführt hat. P.E.N. steht für: Präsenz, Ermächtigung und Netzwerkunterstützung, die drei bedeutsamen Dimensionen des Konzeptes der „Neuen Autorität“. Die Autoren beschreiben die grundlegenden Werkzeuge des P.E.N.-Programms: das sog. Lesezeichen als Deeskalationstool, die gegenseitige Unterstützung der Lehrer*innen, um friedliche, starke, geschlossene und entschlossene Präsenz zeigen zu können, die Ankündigung als eine Mitteilung von Maßnahmen, die durch das pädagogische Team ergriffen werden, das Sit-in, um der Klasse die Entschlossenheit des gesamten Teams zu vermitteln und der Akt der Wiedergutmachung als Aufforderung an betroffene Schüler*innen, den angerichteten Schaden mit Unterstützung der Gemeinschaft wiedergutzumachen. All diese Schritte werden an einem Fallbeispiel illustriert.

Sue Young (u.a. Lehrerin, Beraterin und Trainerin in lösungsorientierter Praxis an Schulen, Anti-Mobbing-Koordinatorin im Norden Englands):Der Einsatz von Peer-Unterstützungsgruppen – eine wirksame Antwort auf Mobbing

Vor gut 20 Jahren übernahm die Autorin die Aufgabe, eine Anti-Mobbing-Arbeit für Grundschulen im Norden Englands zu entwickeln. Sie begann mit der Idee, den Schüler*innen viele Aktivitäten anzubieten (Geschichten erzählen, Gedichte lesen, Lieder singen, Theater spielen, Bilder malen, usw.), die Freundschaft und Hilfsbereitschaft fördern sollten. Sie machte die Erfahrung, dass es bei Meldungen von individuellem Mobbing häufig einen Mangel an Klarheit gab, „wer wem was angetan hatte“. Daher konzentrierte sie sich auf die Beobachtung, „dass ein Kind verstört wirkte und Hilfe brauchte“. Das von ihr entwickelte Programm besteht aus folgenden Schritten: 1. Gespräch (Erstinterview mit dem betroffen Kind). Es dient dazu, herauszufinden, wer die am besten geeigneten Schüler*innen sind, um eine Unterstützergruppe zu bilden. 2. Einrichtung einer Unterstützergruppe, die sowohl aus Schüler*innen besteht, die das betroffene Kind im Umgang als schwierig empfindet, aus anderen, die mehr oder weniger zufällig zu diesem Zeitpunkt dabei sind und aus Freund*innen des Kindes. Aufgabe der Gruppe ist, zu helfen, das Kind in der Schule wieder glücklich zu machen. 3. Treffen mit der Unterstützergruppe. Den Kindern wird ihre Aufgabe erklärt, und die Teilnehmer*innen werden ermutigt, Vorschläge zu machen, was sie konkret tun könnten. 4. Gespräch mit dem unterstützten Kind, inwiefern sich seine Situation bereits gebessert hat. 5. Gespräch mit der Unterstützergruppe, um ihre bisherige Arbeit wertzuschätzen und herauszufinden, „ob es notwendig ist, dass die Gruppe weiterhin Unterstützung leistet“. Dieses Vorgehen wir an einem praktischen Beispiel aus dem Schulalltag illustriert und konkretisiert.

Diskussion

Es ist einerseits beeindruckend, 13 Projekte erfolgreichen lösungsfokussierten Arbeitens aus so verschiedenen Arbeitsfeldern wie Psychiatrie, ambulanter Jugendhilfe, Schule und Kita in derartig kompakter Form (auf insgesamt nur 227 Seiten) vorgestellt zu bekommen! Beeindruckend ist, relativ schnell einen Überblick zu bekommen, was es so alles auf diesem Gebiet gibt! Es eröffnet sich beim Lesen ein Kaleidoskop der Ideen und des Mutes, anders wahrzunehmen und andere Wege zu gehen als üblicherweise – also nicht nur mit Maßnahmen auf Probleme zu reagieren, sondern gemeinsam mit den Betroffenen und Menschen in ihrer Umgebung (Netzwerk-)Lösungen zu entwickeln und dabei auch die eigene Rolle als professionell helfende Person radikal zu verändern.

Die Darstellung differenzierter Konzepte auf wenigen Seiten ist jedoch andererseits gleichzeitig die Schwäche des Buches. Beim Lesen der einzelnen Artikel stellt sich das Gefühl ein, jeweils eine Art interessanten Zeitungsartikel zu lesen. Die Herausgeber betonen in ihrer Einführung, „Die Kraft des Miteinander ist ein Praxisbuch.“ Ja, es wirft ein Blitzlicht auf die jeweilige Praxis, lässt aber Leserinnen und Leser, die an einer Umsetzung in die eigene Praxis interessiert sind, etwas ratlos zurück: Was muss ich denn tun, um eines dieser Konzepte umsetzen zu können? Muss ich eine Weiterbildung absolvieren oder vielleicht eine Exkursion dorthin, wo es praktiziert wird oder recherchieren, wo und wie ich weitere Informationen bekommen kann? Worauf muss ich bei der Umsetzung achten? Wenn ich aus der Problem- oder der Fehlerbewältigung Anderer lernen möchte – worauf muss ich achten? Hier macht es Sinn, die Kontaktdaten der Autor*innen die im Autor*innen-Verzeichnis angegeben sind, ebenso die Links für weiterführende Informationen in einigen der Artikel tatsächlich zu nutzen! Gleiches gilt, für das Bemühen einiger Autor*innen, sowohl die theoretischen Begründungen, wie auch ihre Praxis auf wenigen Seiten darzustellen. Präzise wirken all diejenigen Artikel, in denen die Autor*innen ihr Konzept in Form von konkreten Handlungsschritten zu Lasten der theoretischen Bezüge dargestellt haben, d.h., wo die Theorie eher wie leise Hintergrundmusik wirkt. Dort, wo den Ansprüchen an das praktische Vorgehen, abgeleitet aus der Theorie, im Text mehr Raum gegeben wird, als der Beschreibung des praktischen Vorgehens, (exemplarisch: Kapitel 5 von Jaakko Seikkula) entsteht eher ein diffuses Bild der Praxis. Oder liegt es hier an einer weniger guten Übersetzung?

Fazit

Es handelt sich um ein interessantes Buch für Praktiker*innen, leicht zu lesen und voller Anregungen, die allerdings für eine Umsetzung in die eigene Praxis anderweitig konkretisiert werden müssen.


Rezension von
Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder
Dpl. Sozialarbeiterin, Supervisorin (DGSF), Lehrende für systemische Beratung und –Therapie (DGSF), MarteMeo-Licensed Supervisor, freie Praxis für Fort- und Weiterbildung, Supervision und Coaching, Einzel-, Paar-, und Familienberatung in Brühl /Rhld.
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Annegret Sirringhaus-Bünder. Rezension vom 16.12.2021 zu: Christoph Klein, Ben Furman: Die Kraft des Miteinander. Innovative Methoden der Netzwerk- und Gemeinschaftsarbeit in Familien, Therapie, Schule und Beratung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. ISBN 978-3-8497-0368-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28309.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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