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Marcel Hinderer, Sieglinde Eberhart: Überzeugen!

Cover Marcel Hinderer, Sieglinde Eberhart: Überzeugen! Rhetorik für Erzieherinnen und Erzieher. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2020. 127 Seiten. ISBN 978-3-451-38695-4. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,90 sFr.

Reihe: Blickwinkel für pädagogische Fachkräfte. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783451380945. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783451379659. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783451378607. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783451381942. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783451379727.
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Thema

Bei diesem Werk handelt es sich um einen Praxisratgeber, der sich direkt an pädagogische Fachkräfte wendet. In der Kindertagesstätte sind sie eingebunden in vielfältige und diversitäre Kommunikationssettings. Zur professionellen Rolle der pädagogischen Fachkräfte gehört es, die eigene Meinung und Argumentationslinien nachvollziehbar darzustellen, zu argumentieren und gemeinsam Lösungen zu finden. Wie dies gelingen kann, wird in diesem Buch vorgestellt. Es werden theoretische Grundlagen vermittelt. Praktische Tipps und Übungen sollen den Leser unterstützen, vermittelte Inhalte praktisch auszuprobieren und Sicherheit in der Rhetorik zu gewinnen. 

AutorIn oder HerausgeberIn

Dr. Sieglinde Eberhart ist Germanistin, ausgebildete Schauspielerin, Sprecherzieherin und Mediatorin. Gemeinsam mit Marcel Hinderer, Diplompädagoge, Sprecherzieher und Rhetoriktrainer, lehren sie als Dozentin und Dozent Rhetorik und Sprecherziehung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Beide verfügen über langjährige, internationale Erfahrungen in Aus- und Weiterbildungen von pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften.

Aufbau

Die beiden Autor*innen vermitteln auf 127 Seiten wie pädagogische Fachkräfte in Gesprächen überzeugen können. Die drei Hauptkapitel bauen aufeinander auf und sind jeweils in Unterkapitel gegliedert. Die Einstimmung wird den Kapiteln vorangestellt und stellt den Bezug zur Praxis her. Es wird aufgezeigt, wie Rhetorik in diesem Werk definiert wird und warum diese eine wichtige Schlüsselkompetenz im Alltag pädagogischer Fachkräfte darstellt. Im ersten Kapitel „Überzeugen Sie in der Sache!“ wird näher auf den sprachlichen Ausdruck eingegangen. Näher betrachtet wird die Sprechabsicht, die Redestruktur und das Argumentieren. Was das Werk unter „Grundsätze der Formulierung“ versteht, wird ebenfalls im ersten Kapitel erläutert. „Der Körper als Überzeugungsmittel“ wird im zweiten Kapitel „Überzeugen Sie als Person!“ vorgestellt. Welche Wirkung die Körperhaltung, Gestik und Mimik, der Blickkontakt, die Stimme, die Sprechweise sowie die eigene Ausstrahlung in der Kommunikation haben, wird aufgezeigt. „Überzeugen Sie trotz Hürden!“ nennt sich das dritte Kapitel, in dem der rhetorische Umgang mit Unsicherheiten, Missverständnissen und Unfairness behandelt wird.

Die einzelnen Kapitel führen zu Beginn theoretische Hintergründe auf, zu denen nachfolgend praktische Bezüge hergestellt werden. Durch farblich hervorgehobene Kästchen werden praktische Übungen sowie Techniken aufgezeigt. Am Ende einer Einheit wird der Inhalt noch einmal kurz in einem lila markierten Kasten unter „Rhetorische Erkenntnisse“ zusammengefasst. In den einzelnen Kapiteln werden ebenfalls positive Verstärkungen „Zur mentalen Stärkung“ eingestreut, die orange hinterlegt sind.

Inhalt

Mit einer Aufzählung an unterschiedlichsten Gesprächen und Gesprächspartner*innen, die pädagogischen Fachkräfte täglich begegnen, führen die Autor*innen die/den Leser*innen in die Thematik der Rhetorik ein. Gleich zu Beginn schildern sie anhand Praxisbeispielen, was sie unter Rhetorik verstehen und wo Rhetorik im Berufsalltag der pädagogischen Fachkräfte bereits unbewusst angewandt wird. Durch die Frage: „Wovon lassen Sie sich bei anderen überzeugen?“ wird anhand, den sich aus der Beantwortung der Frage ergebenen Schlagworten, auf die Gliederung sowie den Aufbau des Buches eingegangen.

Überzeugen Sie in der Sache!

Das erste Kapitel spricht die/den Leser*in direkt an. Es geht darum, rhetorische Strategien weiter zu entwickeln, um in beruflichen Bezügen überzeugen zu können. Zu Beginn wird auf die Sprechabsicht geblickt. Überlegt man zuerst welche Absicht mit einem Gespräch verfolgt wird, kann das Gespräch durch diese Planung günstig beeinflusst werden. Der Absicht folgen dann auch die Formulierung sowie der Ton. Dies wiederum zeigt Wirkung auf den Hörer. Die Sprechabsicht wird anhand des „Rhetorischen Dreieck“ visualisiert und gliedert sich in die Sache, den Hörer und die/der Sprecher*in.

Nach der gedanklichen Vorbereitung durch die Klärung der Absicht wird die Redestruktur beleuchtet. Durch die Methodik der Zielsatzstruktur erhält die/der Leser*in ein praktisches Instrument an die Hand, das mit einer gezielten Übung und mithilfe der „UmsetzBar“ im Arbeitsalltag geübt und umgesetzt werden kann. In der Zielsatzstruktur geht es darum, auf das Ziel hin zu argumentieren und die eigene Meinung an das Satzende zu stellen. Wie Argumente aufgebaut und formuliert werden können, um überzeugend zu wirken, wird im nächsten Unterkapitel „Das Argumentieren“ beleuchtet. Worin sich starke Argumente von schwachen Argumenten unterscheiden kann anhand einer Übung selbst ausprobiert werden. Diese verwendeten Argumente werden im weiteren Verlauf zur Verdeutlichung der Inhalte wieder aufgegriffen. Um Argumente stark zu machen, werden die Grundwerte einer Gesellschaft als Basis angesprochen, auf die sich die Argumentation stützt. Doch auch bei starken Argumenten kann es durchaus Einwände geben. Anhand der vorausgehenden Zielsatzstruktur wird aufgezeigt, wie damit umgegangen werden kann. Doch hat es wirklich jedes Gespräch nötig, zu argumentieren? Die klare Antwort der Autorin und des Autors lautet nein. Wann es Sinn macht auf das Argumentieren zu verzichten, wird ebenfalls vermittelt.

Gute Argumente alleine überzeugen nicht zwangsläufig. Wichtig beim Vorbringen von Argumenten ist es, ihnen sprachlichen Ausdruck zu verleihen. Darauf wird in den Grundsätzen der Formulierung eingegangen. „Formulierungen wirken überzeugend, wenn sie diesen Grundsätzen folgen: Aktiv – Persönlich – Ohne Weichmacher – Direkt – Einfach – Im Sinne der Adressaten.“ (Hinderer; Ebhardt 2020, S. 39).

Überzeugen als Person

In diesem Kapitel geht es darum, mit der eigenen Körpersprache seine Argumentation zu stützen. Die (Körper-) Haltung wird als ein wichtiger Teil des individuellen Ausdrucks gesehen. Anhand von Fotos wird die Wirkung der Körperhaltung anschaulich aufgezeigt. Vom Stand bis Scheitel wird jede Körperregion einzeln angeschaut. Praktische Übungen lassen die Körperhaltung und deren Wirkung auf den Zuhörer bewusst werden. Auch die Wirkung durch Gestik und Mimik wird erklärt. Es wird aufgezeigt, welche Bedeutung der Untermalung unseres Sprechens mit den Händen zukommt. Es wird die rhetorische Zone vorgestellt. Sie gibt an, wo die Hände beim Sprechen am Besten positioniert werden, um das Gesprochene zu untermalen und nicht davon abzulenken. Auch der Mimik ist entscheidend, da das Gesicht beim Sprechen für andere immer sichtbar bleibt. Dem schließt sich der Blickkontakt an. Dieser wird als wichtiges Element zur Kontaktaufnahme gesehen. Des Weiteren dient der Blick dazu, deutliche Signale über die Qualität der Kommunikation zu senden. Auch in einem Konfliktgespräch hilft der Blickkontakt weiter. Er signalisiert trotz gegensätzlichen Meinungen Wertschätzung und Klärungswillen. Um gerade in Konfliktgesprächen konstruktiv zu bleiben, nimmt die Stimme in der Kommunikation eine weitere wichtige Rolle ein. Ein kurzer Exkurs führt die Leserin/den Leser ein in die Entwicklung der Stimme, den Stimmumfang und die persönliche Indifferenzlage. Diese lässt sich durch eine Übung herausfinden. Argumente kraftvoll mit der Stimme zu untermalen, genau so wie durch Betonung zu akzentuieren, sind Inhalte des Kapitels. Neben dem Einsetzen der Stimme und ihrem Klang trägt auch die richtige Sprechweise zum Überzeugen bei. Pausen einzuhalten und eine klare Aussprache schärfen die Artikulation. Der Präsenz-Check am Ende zeigt, wie die Körperhaltung, Gestik und Mimik, der Blickkontakt und die Stimme zusammenspielen.

Überzeugen Sie trotz Hürden!

Sinnbildlich sprechen die Autorin und der Autor von einem Hürdenlauf, dessen Hürden es gilt zu überwinden. In diesem Kapitel geht es darum, wie es gelingen kann, persönliche Hürden in der Kommunikation zu identifizieren und ihnen zu begegnen. Rhetorische Strategien, Methoden und Übungen verhelfen zu mehr Selbstbewusstsein. Mentale Glaubenssätze unterstützen dies. Ausgangspunkt dafür ist die Innere Einstellung und Rolle. Welches Bild habe ich von mir selbst und wie möchte ich auftreten? Das sind Fragen, die es zu klären gilt, um zu verstehen, was es heißt authentisch zu sein. Von Rollen- Authentizität wird gesprochen, wenn die innehabende Rolle glaubwürdig ausgefüllt wird. Je nach dem welche Rolle in der Situation eingenommen wird, ändert sich die Rollenausgestaltung und Rollenerwartungen.

Manche Rollen bringen zum Beispiel durch einen hohen Erwartungsdruck zusätzliche Hürden wie Aufregung und Unsicherheiten mit. Die Sprechangst zu überwinden und das Lampenfieber zu senken kann unter anderem durch eine sorgfältige Vorbereitung oder die richtige Atmung gelingen. Es wird der Leserin/dem Leser gezeigt, wie sie/er durch konditionierte Stimulanz mit diesen Hürden umgehen kann und dabei lernt, sich selbst mehr wertzuschätzen. Zum Schluss blicken die Autorin und der Autor darauf, wie mit Missverständnissen, Widerspruch und Unfairness umgegangen werden kann. Es geht darum, z.B. durch Paraphrasieren Verständnis herzustellen und zu sichern. Übungen zum Paraphrasieren sowie das Eingehen auf unterschiedliche Arten von Fragen geben der Leserin/dem Leser Methoden zur Umsetzung in der Praxis an die Hand. Des Weiteren wird aufgezeigt, wie strukturiert auf Widerspruch und Gegenargumente reagiert werden kann. Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen und diese zu strukturieren, helfen um auf den Einwand zu reagieren. Es lohnt sich, auf die unerfüllten Bedürfnisse einzugehen, die hinter Widerständen stecken. Passende Reaktionsmöglichkeiten bei Unfairness werden vorgestellt.

Diskussion

Ziel des Werkes ist es, die Professionalität der pädagogischen Fachkräfte hinsichtlich ihrer Kommunikationskompetenzen weiter auszubilden. Sieglinde Eberhart und Marcel Hinderer möchten der/dem Leser*in die eigenen Kompetenzen aufzeigen und durch praktische Übungen darauf aufmerksam machen, was die/der Leser*in bereits weiß, kann und täglich anwendet. Ein weiteres Ziel besteht darin, die spezifischen Fähigkeiten im Kontext von Kommunikation und Rhetorik zu erweitern. Dazu werden Methoden genutzt, die dabei unterstützen sollen im Alltag in divergenten kommunikativen Settings sicher aufzutreten, gut und schlüssig Standpunkte darzustellen und zu vertreten aber trotzdem diskursiv und kompromissbereit bleiben zu können. Die/der Leser*in wird dazu eingeladen, ihre/seine eigene Kommunikationskompetenzen zu entdecken und auszubauen. Die/der Autor*in zählen in ihrem Werk zahlreiche Kommunikationssituationen aus dem Berufsalltag der pädagogischen Fachkräfte auf (seien es Gespräche mit Eltern, im Austausch mit dem Team oder der Leitung, Abstimmung mit dem Träger oder Kooperationspartnern). Sie zeigen dadurch auf, wie viel Übung die pädagogischen Fachkräfte in der Rhetorik, der Kunst des Redens, bereits haben. Die Gesprächspartner*innen sind von Diversität geprägt und bilden eine Besonderheit für diese Berufsgruppe. Die beiden Autor*innen gehen dabei sogar soweit, pädagogische Fachkräfte als Rhetoriker*innen zu betiteln.

Alleine die Gruppe der Kinder erweist sich als sehr heterogen: Krippenkinder lernen die Sprache als neuen Weg der Verständigung gerade kennen, Kinder auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus oder Kinder die mehrsprachig aufwachsen. Gespräche mit Kolleg*innen werden fachlich geführt während in Gesprächen mit Eltern weitestgehend auf Fachbegriffe verzichtet wird. Wertschätzend erzählen sie von Kommunikationssituationen aus dem Berufsalltag der pädagogischen Fachkräfte wie Elternabende oder Teamrunden, die diese bereits erfolgreich meistern. Der Übertrag von Theorie in die Praxis ist dadurch problemlos möglich. Übungen regen dazu an, sich die Rhetorik bewusst werden zu lassen und die Wirkung der Worte, Sprache und des eigenen Körpers zu erleben.

Die verständliche und praxisnahe Sprache lässt das Lesen leicht gelingen. Farbig markierte Kästchen zeigen Übungen, mentale Stärkungen sowie kurze Zusammenfassungen auf. Auch Fotos und Zeichnungen unterstützen die vermittelten Inhalte und regen ganz konkret zur Umsetzung an. Das Werk erschien beim Herder-Verlag in der Reihe „Blickwinkel für pädagogische Fachkräfte“ und soll diesen einen Einblick in die Thematik bieten. Die theoretische Auseinandersetzung wird sehr praxisnah dargestellt und eignet sich dadurch für das Lesen neben dem Berufsalltag. Zum einfachen Lesen und besseren Verständnis wird auf ein tieferes Eingehen in die Wissenschaft der Rhetorik verzichtet.

Das Werk bietet der Zielgruppe die Chance, sich in der Kommunikation weiter zu entwickeln und gestärkt aufzutreten. Ebenfalls kann es dazu beitragen, Ängste vor Gesprächen zu mildern sowie durch gute Argumente zu überzeugen.

Fazit

Ein Buch, das für die Erzieher*innen wertvoll sein kann, die in ihrem Auftreten sowie ihrer Kommunikation unsicher sind und an Sicherheit dazu gewinnen wollen. Auch Leitungen, die sich regelmäßig mit Träger, Verbänden u.Ä. auseinandersetzen, profitieren davon. Es bestärkt darin zu Überzeugen – Überzeugen in der Sache, Überzeugen als Person sowie Überzeugen trotz Hürden.


Rezension von
Vanessa Maurer
Master- Studentin an der HS Koblenz, B.A. Kindheitspädagogin, Erzieherin
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Zitiervorschlag
Vanessa Maurer. Rezension vom 09.06.2021 zu: Marcel Hinderer, Sieglinde Eberhart: Überzeugen! Rhetorik für Erzieherinnen und Erzieher. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2020. ISBN 978-3-451-38695-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28311.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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