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Gela Becker, Klaus Hennicke u.a. (Hrsg.): Erwachsene mit fetalen Alkohol­spektrumstörungen

Cover Gela Becker, Klaus Hennicke, Michael Klein, Mirjam Landgraf (Hrsg.): Erwachsene mit fetalen Alkoholspektrumstörungen. Diagnostik, Screening, Intervention, Suchtprävention. Walter de Gruyter (Berlin) 2020. 2. Auflage. 305 Seiten. ISBN 978-3-11-059595-6. D: 59,95 EUR, A: 59,95 EUR.
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Thema

Das von Gela Becker, Klaus Hennicke, Michael Klein und Mirjam Landgraf herausgegebene Buch beschäftigt sich mit der Lebenssituation von Menschen, die von Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD) betroffen sind.

Herausgeber*innen

Dipl.-Psychologin Gela Becker ist leitende Psychologin beim Ev. Verein Sonnenhof e.V. in Berlin.

Prof. Dr. med. Klaus Hennicke ist Dipl.-Soziologe und Facharzt für Kinder-, Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Er war beruflich zuletzt tätig als Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Beratungsstelle (KJPD) des Gesundheitsamtes in Berlin-Spandau und als Professor für Soziale Medizin im Fachbereich Heilpädagogik der Ev. Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.

Prof. Dr. Michael Klein ist Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut und Professor für Klinische Psychologie und Suchtforschung an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen am Standort Köln.

Priv. Doz. Dr. med. Dipl.-Psychologin Mirjam N. Landgraf ist Kinder- und Jugendärztin, Oberärztin in der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspitals der Universitätsklinik München.

Zum Buch beigetragen haben insgesamt 19 Autor*innen, die in verschiedenen Tätigkeitsfeldern arbeiten (z.B. Psychiatrie und Psychotherapie, Sozialpädagogik, Eingliederungshilfe, Kinder- und Jugendhilfe).

Entstehungshintergrund

Der Evangelische Verein Sonnenhof e.V. in Berlin hat sich bereits vor 20 Jahren auf die Diagnostik von Kindern und Erwachsenen mit Fetalen Alkoholspektrumstörungen spezialisiert. Die ehemalige Bundesdrogenbeaufragte Marlene Mortler vergab vor einigen Jahren an den Sonnenhof e.V. den Auftrag, ein Modellprojekt für Erwachsene mit FASD zu entwickeln. Während der Projektentwicklung entstand die Idee zu einem praxisbezogenen Buch, das nun in überarbeiteter und ergänzter Auflage vorgelegt wurde.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an alle Fachkräfte, die in der Versorgung von Menschen mit FASD tätig sind und sich mit deren spezifischen Bedürfnissen näher auseinandersetzen möchten um ihre Angebotsstruktur passender gestalten zu können.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst ein Geleitwort der ehemaligen Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler, ein Vorwort, sieben Kapitel, ein Nachwort und einen Anhang.

Im ersten Kapitel „Gesundheitliche Versorgung von Menschen mit Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD)“ wird zunächst auf die Komplexität von FASD eingegangen, einer durch Alkoholkonsum während der Schwangerschaft hervorgerufenen Schädigung des ungeborenen Kindes, die mit vielfältigen Störungen verbunden sein kann (Auffälligkeiten im Wachstum, Schädigungen des Gehirns, Störungen der Entwicklung, Teilleistungsstörungen usw.) bevor auf Versorgungsprobleme, die sich v.a. als „Schnittstellenprobleme“ zwischen den Versorgungssystemen Eingliederungshilfe für behinderte Menschen, Suchthilfe und Gesundheitswesen zeigen, eingegangen wird. In diesem Kapitel wird auch auf die Schwierigkeiten im Umgang mit Gesetzen und Normen von FASD-Betroffenen eingegangen sowie auf die Betreuung erwachsener Menschen mit FASD in heilpädagogischen Einrichtungen.

In Kapitel 2 „Diagnose der FASD“ wird das Diagnostikverfahren bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen vorgestellt, wobei der Fokus auf die Diagnosestellung im Erwachsenenaltern und die damit verbundenen Herausforderungen (v.a. gesicherte Erfassung des mütterlichen Alkoholkonsums in der Schwangerschaft, adäquate Messung der Beeinträchtigungen bei Erwachsenen) gerichtet wird. Darüber hinaus geht das Kapitel auf die mit FASD verbundenen Komorbiditäten und sekundären Störungen sowie Fehldiagnosen im Kontext FASD (v.a. ADHS, emotional-instabile Persönlichkeitsstörung) und die professionelle Erfahrung, das FASD unterdiagnostiziert wird, ein.

Kapitel 3 „Screening für Fetale Alkoholspektrumstörungen“ gibt einen Überblick über verschiedene FASD-Screeningverfahren. Kapitel 3.1 stellt eine Übersetzung aus dem Englischen dar und wurde von drei US-amerikanischen FASD-Expert*innen verfasst. Dieses Unterkapitel und geht auch auf das erhöhte Suchtrisiko für FASD-Betroffene ein. Kapitel 3.2 stellt das Biographische Screening-Interview für Menschen mit Verdacht auf FASD vor, welches in Anlehnung an das nordamerikanische Life History Screen für den deutschsprachigen Raum entwickelt und evaluiert wurde. Damit präsentieren die Autor*innen dieses Kapitels erstmals ein Screening-Instrument für den Einsatz in Deutschland, das in der empirischen Überprüfung eine hohe Sensitivität und Spezifität aufzeigen konnte.

Das 4.Kapitel („Suchtgefährdung von Menschen mit FASD“) widmet sich zunächst der allgemeinen Darstellung der Ursachen für eine Suchtentstehung, den Kriterien für eine Alkoholsucht, Risikogruppen und der Rolle von Suchtprävention. Anschließend werden die Besonderheiten einer Suchtprävention und Suchttherapie bei Menschen mit FASD dargestellt und es wird auf die Risikofaktoren für die Entwicklung einer Suchterkrankung bei FASD-Betroffenen eingegangen.

In Kapitel 5 („Interventionsforschung für Menschen mit FASD im Überblick, mit einem Schwerpunkt auf Suchtstörungen“) werden Interventionen vorgestellt, die Betroffene mit FASD dabei unterstützen sollen, ihre Suchtprobleme zu überwinden. Da bislang keine evaluierten Interventionen im Kontext Suchtstörungen für Menschen mit FASD zur Verfügung stehen, werden Interventionen für Kinder (z.B. Alert-Programm), Jugendliche (v.a. Step Up) und Menschen mit einer geistigen Behinderung vorgestellt, die auf Gruppenangebote für Erwachsene mit FASD übertragbar sind.

Kapitel 6 („Hinweise für Entwicklung und Adaption von Gruppenangeboten für Menschen mit FASD“) nimmt ein bisher vernachlässigtes Thema für FASD-Betroffene in den Blick: Gruppenangebote. Aufgrund ihrer kognitiven Beeinträchtigungen sind Menschen mit FASD nur eingeschränkt gruppenfähig. Zunächst wird das Modellprojekt „Clearing bei Menschen mit FASD und vergleichbaren Behinderungen“ vorgestellt bevor darauf eingegangen wird, was bei Einzel- und Gruppensettings jeweils zu beachten ist, wenn diese FASD-Betroffene als Zielgruppe haben.

In Kapitel 7 („Modell eines Gruppenangebotes für suchtgefährdete Erwachsene mit FASD – Clearinggruppe“) wird ein partizipativ ausgerichtetes Modellprojekt für ein Gruppenangebot für suchtgefährdete Erwachsene mit FASD vorgestellt, das vom Evangelischen Verein Sonnenhof e.V. Berlin entwickelt wurde. Dabei wird explizit auf die besonderen Anforderungen an das Setting (z.B. Räumlichkeiten, zeitlicher Umfang, Gruppengröße) und die mit dem Gruppenangebot verbundenen Ziele (v.a. Teilhabeförderung) eingegangen. Die drei Modulblöcke des Gruppenangebots werden mit ihren jeweiligen Zielen, erforderlichen Materialien und dem Ablaufplan vorgestellt. Zwar fanden für das in diesem Kapitel vorgestellte Gruppenangebot für suchtgefährdete Erwachsene mit FASD Pilottestungen statt, bei denen Teilnehmende von drei Gruppen die Durchführung bewerteten. Inwiefern aber eine umfassende Evaluation des Gruppenangebots durchgeführt wurde, geht aus dem Text leider nicht hervor.

Ein Nachwort, ein umfangreicher Anhang, der Interventions- und Unterstützungsmöglichkeiten sowie hilfreiche Adressen enthält und ein Literaturverzeichnis schließen das Buch ab.

Diskussion

Das Buch gibt einen umfassenden und gut verständlichen Überblick über den aktuellen Stand der Versorgung von Erwachsenen mit FASD in Deutschland und widmet sich damit einem bisher wenig berücksichtigten Feld, wurde doch bis dato beim Thema FASD überwiegend der Fokus auf Kinder und Jugendliche gelegt. Das Buch ist sehr praxisbezogen ausgerichtet und enthält viele hilfreiche Informationen zu spezialisierten Einrichtungen (z.B. hinsichtlich Diagnostik im Erwachsenenalter). Farblich abgesetzte Fallvignetten aus der Praxis der Autor*innen lassen FASD-Betroffene zu Wort kommen oder beschreiben am Einzelfall die besonderen Herausforderungen in der Versorgung von Menschen mit FASD. Es werden hilfreiche Interventionstools wie das biographische Screening-Interview oder ein Gruppenprogramms zur Prävention von Suchtstörungen bei FASD-Betroffenen detailliert vorgestellt.

Fazit

Das Buch macht auf das Thema FASD im Erwachsenenalter in den verschiedenen Hilfefeldern aufmerksam und geht auf die Verhaltensbesonderheiten und die damit einhergehenden Herausforderungen für das Hilfesystem, damit Menschen mit FASD nicht zu schnell als „unkooperativ“ und unwillig, Hilfe anzunehmen, stigmatisiert werden, ein. Das Buch trägt damit zu einem zu einem besseren Verständnis von FASD bei.


Rezension von
Dr. Anke Höhne
Freiberuflich tätig in eigener Praxis als Systemische Beraterin und Coach
Homepage www.anke-hoehne.de
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Zitiervorschlag
Anke Höhne. Rezension vom 27.08.2021 zu: Gela Becker, Klaus Hennicke, Michael Klein, Mirjam Landgraf (Hrsg.): Erwachsene mit fetalen Alkoholspektrumstörungen. Diagnostik, Screening, Intervention, Suchtprävention. Walter de Gruyter (Berlin) 2020. 2. Auflage. ISBN 978-3-11-059595-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28315.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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