socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Dorothea Kunze-Pletat: Personzentrierte Erwachsenenpädagogik

Cover Dorothea Kunze-Pletat: Personzentrierte Erwachsenenpädagogik. Die pädagogische Beziehung als Mittelpunkt im Lehr-Lern-Prozess. Springer VS (Wiesbaden) 2019. 553 Seiten. ISBN 978-3-658-24544-3. D: 64,99 EUR, A: 66,81 EUR, CH: 72,00 sFr.

Reihe: Research.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Entstehungshintergrund

Mit ihrer 2019 als Printausgabe und 2018 als E-Book erschienenen Dissertation weist sich die Autorin als Wissenschaftlerin aus. Auf dem Hintergrund ihrer langjährigen praktischen Erfahrung rekonstruiert sie Carl C. Rogers' Gedanken, Theorien und Forschungsergebnisse im Bereich der Erwachsenenpädagogik. Daraus konzeptualisiert sie eine eigene Theorie einer Personzentrierten Erwachsenenpädagogik sowie einen praxisrelevanten, empirischen Fragebogen zur Erfassung und Überprüfung der Effektivität von signifikantem Lernen in der Erwachsenenpädagogik.

Autorin

Dipl.-Päd. Dr. Dorothea Kunze-Pletat verfügt über eine langjährige praktische Erfahrung als Coach, Supervisorin, (psychologische) Beraterin, Dozentin, sowie als Aus-und Weiterbilderin in Personzentrierter Kommunikation, Personzentriert-psychologischer Beratung und Personzentriertem Coaching. Sie ist Geschäftsführerin von.facilitate – Institut für Personzentrierte Kommunikation, Beratung & Pädagogik, Personzentriertes Coaching und Leadership.

Aufbau und Inhalt

In der ca. 20-seitigen Einleitung zählt Kunze-Pletat eingangs die unterschiedlichen gängigen Lerntheorien auf, deren Focus jeweils auf dem kognitiven Prozess der Wissensaneignung und auf einer oft einseitigen subjektorientierten Teilnehmerorientierung liegt und weist auf die dabei vernachlässigte Rolle von Emotionen und der pädagogischen Beziehung sowie auf das potentielle Zusammenwirken einer ganzheitlich-individuellen und relationalen Teilnehmerorientierung – auf die Potenz einer Lerngruppe – auch und besonders in der Erwachsenenpädagogik, hin. Der Begriff „Wirkfaktor (pädagogische) Beziehung“ wird eingeführt und in seiner Bedeutung erläutert. Ein Überblick über Grundlagen, Aufbau und Ziele der Arbeit motiviert zum genauen Lesen bzw. Durcharbeiten.

Im zweiten Kapitel erläutert Kunze-Pletat ihr methodisches Vorgehen und stellt die für die Pädagogik als relevant identifizierten Quellen aus Rogers' Werk systematisch und chronologisch in Form einer Dokumentenanalyse dar. Auf bisher kaum wahrgenommene Artikel und Auszüge aus Rogers' Veröffentlichungen wird verwiesen.

Das dritte Kapitel, ein Schwerpunkt des Buches, ist die etwa 100 Seiten umfassende pädagogische Rekonstruktion von Rogers' Biografie. Dezidiert und detailliert stellt Kunze-Pletat den Pädagogen Rogers und sein personzentriertes Menschenbild anhand zahlreicher authentischer Quellen und vorhandener Biografien vor und trägt (auto-)biografische Daten, die seine Entwicklung als Pädagoge beleuchten, zusammen. Anhand seiner Berufsbiographie arbeitet Kunze-Pletat den Einfluss namhafter US-amerikanischer Reformpädagogen wie John Dewey und William Kilpatrick auf den jungen Wissenschaftler Rogers ebenso heraus, wie den von Søren Kierkegaard und Martin Buber einige Jahrzehnte später.

Entlang der Entwicklungsphasen des Personzentrierten Ansatzes wird Rogers' Entwicklung vom „Lehrer“ zum „Facilitator of Learning“, zum „Personzentrierten Lernprozessbegleiter“ dargestellt, ebenso Rogers' Verständnis von „Lernen“, das die lernende Person als Subjekt mit ihren Erfahrungen, Einstellungen und Gefühlen umfasst, nicht als zu belehrendes Objekt. Kurz und präzise legt Kunze-Pletat die Kernaspekte des Humanistischen Menschenbilds dar, wie es zu Beginn der 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts u.a. von Rogers ausformuliert wurde, und stellt die weiteren Gründerpersönlichkeiten der Amerikanischen Gesellschaft für Humanistische Psychologie vor.

Erstmals im deutschsprachigen Raum stellt Kunze-Pletat in einem vierten Kapitel Rogers als Pionier eines personzentrierten, prozessorientierten Wissenschaftsverständnisses vor: sie zeigt auf, dass Rogers in der Wissenschaftsgeschichte erstmals die qualitativ-quantitative Sozialforschung, sowie die Prozessforschung in Verbindung mit der Outcomeforschung konzipierte und daraus genuine Prozess-Theorien für Persönlichkeits-, Gruppenentwicklung und -veränderung ableitete. Sie hebt hervor, dass Rogers und seine Kolleg*innen in Beratung, Hochschuldidaktik, Pädagogik und Psychotherapie mehr empirische Forschungen – basierend auf einem komplexen Multimethodenansatz -durchgeführt haben, als es je zuvor gab. Anhand von zigtausenden ausgewerteten Tonaufnahmen, zahlreichen Studien und durch neu entwickelte Forschungsmethoden zur Veränderung des Selbst, zum Erleben der pädagogischen/​psychotherapeutischen Beziehung aus verschiedenen Ratingperspektiven, Forschungsdesigns mit doppelten Kontrollgruppen, neurobiologische Begleitforschung u.v.m. wurde es Rogers und seinem Forschungsteam erstmals möglich, Daten sowohl quantitativ empirisch- naturwissenschaftlich als auch qualitativ phänomenologisch-existenziell auszuwerten.

In ihrem fast 200-seitigen Hauptteil, das fünfte Kapitel, entwickelt Kunze-Pletat erstmals eine Theorie einer personzentrierten Erwachsenenpädagogik. Non-Direktivität wird als deren Wurzel aus historischer Perspektive und in ihren Auswirkungen z.B. auf Organisationsentwicklung, Gruppenpädagogik und Kommunikation dargestellt. Ausführlich werden direktive und non-direktive Erwachsenenpädagogik im Kontext anthropologischer Überlegungen einander gegenübergestellt, auf häufige Missverständnisse, verkürzte und verwässerte Rezeptionen wird verwiesen und betont, dass es bei non-direktiver Beziehungsgestaltung um einstellungsbedingte Haltungen geht, und nicht um eine pädagogische Technik oder Methode. Eine forschungsbasierte erwachsenenpädagogische Menschenbildkonzeption wird als zentrales handlungsleitendes Element für die Gestaltung und Begleitung von Lernprozessen erarbeitet. Damit beansprucht Kunze-Pletat, mit einem „metatheoretisch geschlossenen Ethikkodex“ eine Lücke in der bestehenden Erwachsenenpädagogik zu schließen.

Auf die forschungsbasiert erarbeitete Konkretisierung der Non-Direktivität als zentrales Element der erwachsenenpädagogischen Theoriebildung aufbauend wird eine prozessorientierte Lerntheorie und eine Theorie zur Förderung von Lernprozessen und ihrer Relevanz für die Personzentrierte Erwachsenenpädagogik erstmals systematisch dargestellt. Bedeutungsvolles – signifikantes – Lernen wird mit allen Aspekten definiert und bedeutungslosem Lernen gegenübergestellt, ebenso die Aspekte einer direktiven versus einer nichtdirektiven erwachsenenpädagogischen Beziehungsgestaltung. Seitens der Lehrenden – Kunze-Pletat spricht mit Rogers von „facilitators“ – wird auf die Bedeutung des Vertrauens in die angeborene Aktualisierungstendenz der Lernenden als eine – personzentriert-systemische – Vorbedingung für die Ermöglichung von signifikantem Lernen hingewiesen. Sie hebt hervor, dass Rogers bereits 1951 eine „Vermittlungsdidaktik“ – eine pädagogische Einstellung, andere Personen direkt lehren, Wissen und Erfahrungen vermitteln zu können – als realitätsfern erachtete und die pädagogische Haltung einer Lernförderung, das ‚facilitation of learning‘, für potentiell nachhaltiges Aneignungs- und Transferlernen erforschte. Im Mittelpunkt steht die pädagogischen Beziehung als empirischer Wirkfaktor für signifikantes Lernen, ein bislang in pädagogischer Theorie, Praxis und Forschung vernachlässigter Bereich.

In einem abschließenden sechsten Kapitel stellt Kunze-Pletat zunächst einschlägige- bisher lediglich mündlich tradierte – qualitative Evaluationsverfahren erstmals in einem multimethodischen Gesamtkonzept aus einer personzentriert-erwachsenenpädagogischer Perspektive systematisch dar, um sie dann um einen eigenen quantitativen „Weiterbildungsprozessevaluationsbogen“ zu erweitern. Der „pce (person-centered-experiential) Aneignungsprozessfragebogen“ (pce-APB) erfasst das „organismisch-kognitiv-emotional-soziale Lernen“ und prozesshafte Veränderungen im Erleben und Verhalten von Fort- und Weiterbildungsteilnehmer*innen. Damit liegt ein neues Prozessevaluations- und Forschungsinstrumentarium zur Überprüfung der Effektivität von signifikantem Lernen in der Erwachsenenpädagogik vor, das für eine Individual- und Gruppenbewertung genutzt werden kann.

Diskussion

Die umfangreiche Publikation von 550 Seiten ist übersichtlich in sieben Kapitel gegliedert, 48 Abbildungen fassen oft detaillierte Ausführungen hilfreich zusammen.

Mit „Personzentrierte Erwachsenenpädagogik“ liegt die erste umfassende und differenzierte Würdigung von Rogers Verdiensten als Pädagoge vor, geprägt von Kunze-Pletats Kenntnis von und Begeisterung für dessen Werk, die nicht nur für Erwachsenenpädagog*innen lesenswert und gewinnbringend ist. Dies gilt auch für die Auseinandersetzung mit ihrer Theorie einer personzentrierten Erwachsenenpädagogik, die in ihrer Komplexität mitunter eine Herausforderung an die Leser*innen darstellt, die nicht zur „Fachwelt“ gehören. Da jedoch einzelne Argumentationslinien immer wieder in neuem Zusammenhang aufgegriffen werden, werden die Leser*innen mitgenommen und die Entwicklung der einzelnen Schritte der Theorieentwicklung nachvollziehbar. Rogers' Bedeutung für die Pädagogik wird immer wieder vor Augen geführt und belegt, indem Dorothea Kunze-Pletat mehrfach auf die Bestätigung des personzentrierten Ansatzes durch andere Wissenschaftsdisziplinen wie Neurobiologie, Entwicklungspsychologie, Resilienzforschung, Bindungstheorie und interdisziplinäre Systemtheorie verweist.

Knapp 30 Seiten Literaturverzeichnis und äußerst differenzierte Sach- und Personenregister machen das Buch zudem zu einem wertvollen Nachschlagewerk.

Besonders empfehlenswert ist das Buch für Student*innenund auch Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen der Erwachsenenpädagogik, weil es sich von vielen gängigen Werken wohltuend dadurch abhebt, dass die lernende Person und die pädagogische Beziehung im Mittelpunkt des Lernprozesses stehen und Methodik und Didaktik als Hilfsmittel gesehen werden, die die Entwicklung vorhandener Potenziale fördern können.

In unserer durch Corona forcierten Phase der zunehmenden Ausbreitung des digitalen Lernens belegt „Personzentrierte Erwachsenenpädagogik“ eindringlich, dass die Pädagogische Beziehung im Zentrum aller pädagogischen Bemühungen unverzichtbar ist und digitales Lernen ein wertvolles Hilfsmittel für signifikantes Lernen sein kann, mehr nicht.

Fazit

Mit „Personzentrierte Erwachsenenpädagogik“ liegt ein modernes Grundlagen- und Nachschlagewerk vor. Ihm ist wegen seiner Bedeutung eine weite Verbreitung nicht nur im Bereich der Erwachsenenpädagogik zu wünschen. Hilfreich wäre zusätzlich eine Kurzfassung in Form eines Readers, die sich aus den guten Zusammenfassungen am Ende der einzelnen Kapitel entwickeln könnte.

Das Buch kann dazu beitragen, Rogers und das Konzept der „Humanistisch-systemtheoretischen Pädagogik“ (wieder) mehr Theorie und Praxis der Pädagogik zu verankern, auch, um den Herausforderungen, denen sich die Demokratie derzeit stellen muss, pädagogisch gerecht zu werden.


Rezension von
Angelika Neubäcker
Diplompädagogin, Lehrerin und Beratungsrektorin im Ruhestand
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Angelika Neubäcker anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Angelika Neubäcker. Rezension vom 14.04.2021 zu: Dorothea Kunze-Pletat: Personzentrierte Erwachsenenpädagogik. Die pädagogische Beziehung als Mittelpunkt im Lehr-Lern-Prozess. Springer VS (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-24544-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28316.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht