socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Georg Theunissen: Basiswissen Autismus und komplexe Beeinträchtigungen

Cover Georg Theunissen: Basiswissen Autismus und komplexe Beeinträchtigungen. Lehrbuch für die Heilerziehungspflege, Heilpädagogik und (Geistig-)Behindertenhilfe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2021. 200 Seiten. ISBN 978-3-7841-3352-2. 26,00 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In den letzten Jahren sind zahlreiche Publikationen über sogenannte hochfunktionale oder Asperger Autist*innen erschienen. Das hier vorgelegte Buch befasst sich mit autistischen Personen mit (schweren) mehrfachen, sensorischen, kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen. Ziel ist, dass alle Personen aus dem Autismus-Spektrum profitieren können. Dieses Lehrbuch für die Heilerziehungspflege und Heilpädagogik ist sprachlich verständlich geschrieben, aufgelockert strukturiert, es beinhaltet kleine eingeschobene Textblöcke zu pädagogischen Hinweisen oder Tipps sowie Beispielen aus der Praxis.

Autor

Verfasser des Buches ist der Universitätsprofessor Dr. Georg Theunissen (i.R.), Jg.51 Diplom-Pädagoge und Heilpädagoge von 1994 bis 2019 Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik bei kognitiver Beeinträchtigung und seit 2012 Inhaber des zusätzlichen Lehrstuhls für Pädagogik im Autismus-Spektrum, damit Gründer des 1. Lehrstuhls für Pädagogik bei Autismus im deutschsprachigen Raum am Institut für Rehabilitationspädagogik der Universität Halle-Wittenberg. Theunissen hat zahlreiche Artikel und Bücher veröffentlicht und in den USA geforscht.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Softcoverformat erschienen und hat einen Umfang von 375 Seiten, die sich in drei große Kapitel und zahlreiche Unterkapitel sowie einem Anhang und einem Literaturverzeichnis aufgliedern. Diese sind nicht durchnummeriert. Auf dem linken oberen Seitenrand findet sich der Titel des Kapitels, auf dem rechten Seitenrand der Titel des jeweiligen Unterkapitels. Der Verlag stellt die Möglichkeit, das Buch kostenlos auf smartphone, tablett oder PC zu laden, zur Verfügung (Aktivierungscode und Passwort sind im Buch abgedruckt).

Eine Einführung zum Verständnis der Leitbegriffe Autismus und komplexe Beeinträchtigung bildet das erste Kapitel. Im Zusammenhang mit dem Leitbegriff „Autismus“ wird die Klassifikation von Autismus nach DSM-5 und ICD-11 besprochen, dazu gibt es Einblicke zum Thema Autismus aus der Betroffenensicht. Unter dem Leitbegriff „Komplexe Beeinträchtigungen“ bespricht der Autor den Begriff der „geistigen Behinderung“ und weist auf die Klassifikation von „Intellektueller Entwicklungsstörung/Intelligenzminderung“ nach DSM-5 und ICD-10/​ICD-11 hin, um das Behinderungsverständnis nach ICF zu erläutern. Im Unterkapitel „Autismus und komplexe Beeinträchtigungen“ werden Ursachen und neurobiologische Erkenntnisse besprochen, Intelligenz und Auswirkungen thematisiert und die Frage der primären Behinderung reflektiert.

Das zweite Kapitel hat den größten Umfang und befasst sich mit speziellen Besonderheiten und Begleiterscheinungen. Alle 11 Unterkapitel sind inhaltlich gleich aufgebaut: zuerst wird die spezielle Besonderheit und Begleiterscheinung beschrieben, davon Konsequenzen für die pädagogische Praxis abgeleitet, die punktuell mit Beispielen konkretisiert werden.

Beispielsweise wird bei der Hyperlexie vertiefend auf das wahrnehmungsbezogene Denken bei autistischen Kindern und die wahrnehmungsbezogenen Interessen und Verhaltensweisen eingegangen, um dann den Begriff und das Verständnis von Hyperlexie zu bestimmen. Theunissen beschreibt außergewöhnliche Begabungen und Hyperlexie-ähnliche Fähigkeiten, betrachtet neurowissenschaftliche Annahmen und atypische Entwicklungsprozesse bei autistischen Kindern, um dann Konsequenzen für die pädagogische Praxis abzuleiten, die er an Beispielen zu Förder- und Unterstützungsangeboten anschaulich macht.

In Bezug auf die Sensorischen Besonderheiten werden vier sensorische Problembereiche benannt und diskutiert. Den Abschluss bilden Folgerungen für die pädagogische Praxis.

Im Abschnitt Sinnesbehinderungen im Hören und Sehen mahnt der Autor den Forschungsbedarf und diagnostische Probleme an. Besprochen werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Autismus und Sinnesbehinderungen sowie Konsequenzen für die pädagogische Praxis.

Das Unterkapitel Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) beginnt mit der klinischen Sicht des ADHS, mit ADHS aus der Betroffenensicht, daran schließen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ADHS und Autismus an, abgeleitet werden auch Konsequenzen für die Praxis.

Dem Umgang mit Stress und Krisen ist ein eigenes Unterkapitel gewidmet. Besprochen werden die Vulnerabilität bei Menschen mit Autismus, stresshafte Situationen (Stressoren) sowie die Stressreaktionen. Das Unterkapitel endet mit der Betrachtung von Krisen allgemein. Auch die Themen Resilienz und Ressourcen sowie die Konsequenzen für die Praxis kommen zur Sprache. Die Schlussbemerkung geht der Frage nach, was nach der Krise ist.

Im Abschnitt Herausfordernde Verhaltensweisen, im Sinne von Verhaltensauffälligkeiten, wird im ersten Schritt eine Grenze zu psychischen Störungen gezogen. Dann folgt die Betrachtung des herausfordernden Verhaltens bei Autismus. Theunissen stellt u.a. seinen Ansatz der Positiven Verhaltensunterstützung (PVU) mit den drei Präventions- und Interventionsstufen vor.

Daran schließen sich Psychische Begleitstörungen wie Angststörungen, depressive Störungen (bipolare affektive Störungen), Essstörungen, Schizophrenie/​psychotische Störungen, Schlafstörungen und Zwangsstörungen an.

Einem eigenen Abschnitt ist den Persönlichkeitsstörungen, deren Klassifikation (Cluster A-C) und Häufigkeit sowie Erscheinungsformen und Besonderheiten bei Autismus gewidmet. Den Abschluss bilden die Konsequenzen für die Praxis.

Unter der Überschrift Traumata und Traumatisierung werden Traumatisierungen bei Personen aus dem Autismus-Spektrum, traumatische oder traumatisierende Ereignisse, traumatische Erfahrungen sowie Traumareaktionen und Folgeerscheinungen reflektiert und erläutert, wie eine Traumatisierung erkannt werden kann. „Neuere Erkenntnisse aus der Autismusforschung sowie Stimmen aus der Selbstvertretungsbewegung autistischer Menschen (z.B. ASAN) lassen den Schluss zu, dass es sinnvoll und hilfreich ist, jenseits der Ausführungen in Bezug auf Stress, Krisen und Verhaltensauffälligkeiten das Thema der traumatischen Erfahrungen und Traumafolgeerscheinungen zu vertiefen und für pädagogische Handlungsmöglichkeiten aufzubereiten“ (S. 214). Bei Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben sind traumatische Besonderheiten zu beachten, die allein durch die Erklärungen von Stress nicht zu fassen sind. Theunissen fordert eine „trauma-informierte Praxis“. Auf den Seiten 232–236 wird sog. Ampel-Modell mit vier zentralen Strategien vorgestellt. Das Unterkapitel endet mit Folgerungen für die pädagogische Praxis sowie Schlussbemerkungen.

Das Unterkapitel Epilepsie behandelt Ursachen, Erscheinungsbilder, Symptomen und Verläufe. Es finden sich Hinweise zur medizinischen Therapie und zu pädagogischen Hilfen.

Auch die Themen Altern und schwere neurokognitive Störungen (Demenzen), Autismus und Lebenserwartung, Altern mit Autismus, Erkrankungen und Verhaltensbesonderheiten im Alter, schwere neurokognitive Störungen (Demenzen) und Vorschläge zur Diagnostik werden angesprochen. Dieses Unterkapitel endet neben den Konsequenzen für die pädagogische Praxis mit der Leitperspektive der Lebensqualität und der Schlussbemerkung.

Das letzte dritte Kapitel thematisiert die Arbeitsfelder und pädagogische Hilfen. In Bezug auf die Arbeitsfelder werden die Geschichte, Entwicklung und die Schwerpunkte benannt:

  1. Das Arbeitsfeld Frühförderung und Autismus-Zentrum,
  2. Das Arbeitsfeld Vorschulische Kindertageseinrichtung
  3. Das Arbeitsfeld Schule
  4. Das Arbeitsfeld berufliche Ausbildung und Teilhabe am Arbeitsleben
  5. Das Arbeitsfeld Wohnen

Im Abschnitt „Pädagogische Hilfen“ sind pädagogisch relevante Handlungskonzepte, Methoden, Interventionen oder Arbeitsformen in einer Übersicht zusammengefasst.

Das Buch endet mit einem umfangreichen Anhang, in dem 16 klinische Bilder von A-Z beschrieben werden:

  • Angelman-Syndrom
  • Cornelia-de-Lange-Syndrom
  • Down-Syndrom
  • Duchenne/​Becker muskuläre Dystrophie
  • Fetales Valproinsäure-Syndrom (Dysmorphie-Syndrom)
  • Fragiles-X-Syndrom
  • Klinefelter-Syndrom
  • Prader-Willi-Syndrom
  • Phelan-McDermid Syndrom (PMS)
  • Rett-Syndrom
  • Sanfilippo-Syndrom
  • Smith-Lemli-Opitz-Syndrom
  • Smith-Magenis-Syndrom
  • Tuberöse Sklerose (Bourneville-Pringle-Syndrom)
  • Williams-Beuren-Syndrom

Diskussion

Der Autor des Buches, Prof. Dr. Georg Theunissen (i.R.) gründete den ersten Lehrstuhl für Pädagogik bei Autismus im deutschsprachigen Raum am Institut für Rehabilitationspädagogik der Universität Halle-Wittenberg. Sein umfangreiches Wissen und seine vielfältigen Erfahrungen spiegeln sich im Buch wieder. Er hat zahlreiche Artikel und Bücher veröffentlicht und lange auch in den USA geforscht. Zu seinen Büchern sind Rezensionen unter www.socialnet.de vorhanden.

Der Untertitel des Buches gibt die Zielrichtung vor: Mit dem Buch legt Theunissen ein Lehrbuch für die Heilerziehungspflege, Heilpädagogik und (Geistig-)Behindertenhilfe vor. Kapitel I führt in Leitbegriffe ein, eine Tabelle auf S. 66 stellt in Hinblick auf 15 Bereiche Unterschiede zwischen „typisch für Autismus“ und „typisch für kognitive Beeinträchtigungen (geistige Behinderung)“ gegenüber z.B. in Bezug auf das Lernverhalten, emotionale Kompetenz oder lebenspraktische Kompetenz.

Den größten Umfang des Buches bildet das zweite Kapitel. Darin werden spezielle Besonderheiten und Begleiterscheinungen vertiefend behandelt. Alle 11 Unterkapitel weisen den gleichen Aufbau auf: zuerst wird die spezielle Besonderheit und Begleiterscheinung beschrieben und auf dieser Grundlage werden Konsequenzen für die pädagogische Praxis abgeleitet, die punktuell mit Beispielen konkretisiert werden. Die pädagogischen Tipps und die Fallvignetten ergänzen die theoretischen Ausführungen. Komplexe Inhalten werden in Tabellen zusammengefasst.

Das dritte Kapitel nimmt die Geschichte, Entwicklung und Schwerpunkte der Arbeitsfelder in den Fokus und gibt damit Einblicke in verschiedene Bereiche des Lebens von der Frühförderung, über Schule bis in den Beruf und das Wohnen. Im Unterkapitel „Pädagogische Hilfen“ werden pädagogisch relevante Handlungskonzepte, Methoden, Interventionen oder Arbeitsformen in einer Übersicht zusammengefasst.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Publikationen oder Förder- und Unterstützungsprogramme sowie konkreter Ansätze angestiegen. Problematisch ist, dass für die meisten dieser Methoden kaum oder keine wissenschaftlichen Nachweise für die Wirksamkeit vorliegen. Auch das BTHG legt Wert auf den Nachweis von Qualitätssicherung und der Wirksamkeit von Leistungen. „Das Wissen um nachweislich erfolgversprechende Konzepte und Methoden kann dazu beitragen, ineffektive und gar schädliche Maßnahmen zu vermeiden und im Interesse des Leistungsträgers unnötige Ausgaben einzusparen.“ (S. 345).Gemeint sind beispielsweise aversive und restriktive Maßnahmen, die ethisch umstritten sind und nicht zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung und zu keiner dauerhaften Verbesserung führen.

Auf den Seiten 350ff findet sich eine Tabelle zur Einschätzung 42 pädagogisch relevanter Förder- und Unterstützungsangebote, die sich an dem sechsteiligen Stufenmodell der Evidenz von Theunissen orientieren (S. 347). Stufe 1 und 2 wie z.B. die Positive Verhaltensunterstützung oder TEACCH bilden den Goldstandard bzw. eine hohe Wirksamkeit, Stufe 6 beschreibt eine negative Evidenz mit negativen Effekten genannt bei der Gestützten Kommunikation oder der Festhaltetherapie.

Der Anhang „Syndromaler Autismus und klinische Bilder“ listet in alphabetischer Reihenfolge 16 Erscheinungsbilder mit folgender Struktur auf: Name des erkennbaren Symptoms, Häufigkeit, Ursache/​klinische Besonderheiten, (häufige) Entwicklungsbesonderheiten und Verhaltensprobleme sowie (häufige) Stärken und Vorlieben. Jedes Erscheinungsbild endet mit einem pädagogischen Tipp.

Fazit

In den letzten Jahren sind zahlreiche Publikationen über sogenannte hochfunktionale oder Asperger Autist*innen erschienen. Georg Theunissen hat einen großen Beitrag daran. Das hier vorgelegte Buch befasst sich mit autistischen Personen mit (schweren) mehrfachen, sensorischen, kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen. Ziel ist, dass alle Personen aus dem Autismus-Spektrum profitieren können. Dieses Lehrbuch für die Heilerziehungspflege und Heilpädagogik ist prall gefüllt mit Inhalt. Durch die gute aufgelockerte Struktur, die eingeschobenen Textblöcke zu pädagogischen Hinweisen oder Tipps sowie Beispiele aus der Praxis ist es gut zu lesen. Die Sprache ist verständlich, ein Stil, der oft bei Fachbüchern vermisst wird. Das Inhaltsverzeichnis gliedert sich in drei Kapitelüberschriften und zahlreichen Unterkapiteln, sodass es möglich ist, gezielt nach Themen zu suchen.

Positiv hervorzuheben ist, dass das Buch ein klimaneutrales Druckprodukt ist.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
E-Mail Mailformular


Alle 261 Rezensionen von Petra Steinborn anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 25.11.2021 zu: Georg Theunissen: Basiswissen Autismus und komplexe Beeinträchtigungen. Lehrbuch für die Heilerziehungspflege, Heilpädagogik und (Geistig-)Behindertenhilfe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2021. ISBN 978-3-7841-3352-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28322.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht