socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Winfried Böttcher: Europa 2020

Cover Winfried Böttcher: Europa 2020. Von der Krise zur Utopie. Tectum (Baden-Baden) 2021. 231 Seiten. ISBN 978-3-8288-4462-9. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


„Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht…“

Es sind die Visionen, wie sie seit Jahrhunderten immer wieder hervorgebracht werden, dass „der Kontinent ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit den Anfängen der Menschheit in immer neuen Schüben besiedelt haben, im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Freiheit, Geltung der Vernunft“ (Entwurf eines Vertrags über eine Verfassung für Europa, Europäischer Konvent, 20. Juni 2003). Sie münden in die Vorstellungen und Erwartungshaltungen, dass es den Europäern gelingen möge, in ihrem Bewusstsein, ethnischem und nationalem Dasein eine Einheit zu verwirklichen. Es sind andererseits Egoismen, Ethnozentrismen, Nationalismen, Rassismen und Populismen, die dies verhindern! Es ist die Erkenntnis und Erfahrung, dass der zôon politikon, als menschliches Lebewesen, ethischer Ermunterungen und Argumentationen bedarf, um für sich und die Mitmenschen ein gutes, gelingendes, friedliches und gerechtes Leben zu erringen. Denn es sind Glücks- und Krisensituationen, die bedacht, erkannt, angenommen und bewältigt werden müssen, in Gemeinschaft der europäischen und globalen Wirklichkeiten ( siehe dazu auch: Arndt Uhle, Quo vadis Europa? Gegenwarts- und Zukunftsfragen der europäischen Einigung, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27855.php 9).

Entstehungshintergrund und Autor

Wie kann aus den Visionen von einem gemeinsamen Europa Wirklichkeit werden? Sicher ist, dass nicht Querdenkerei, Leugnerei, Fatalismus und Negation Wege dahin sind, sondern optimistische und positive Einstellungen zum Leben; verbunden mit einer Dosis Skepsis, kritischem Bewusstsein und der Erkenntnis, dass ein humanes Leben auf der Erde immer auch krisenhaft verläuft. Das freilich bedeutet, bereit und fähig zu sein, Perspektivenwechsel zu vollziehen, und zu erfahren, dass Krisen Herausforderungen sind, sich zu verändern. Die Weltkommission “Kultur und Entwicklung“ hat dies 1995 mit dem Appell ausgedrückt: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2., erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S. 18 ).

Der Aachener Politikwissenschaftler Winfried Böttcher verweist darauf, dass die Janusköpfigkeit des Kontinents Europa die doppelte Identität von Gut und Böse zeigt, die sich in politischen, humanitären, ökonomischen, monetären, Umwelt- und Klimakrisen darstellt. Es sind die überwiegend menschengemachten Krisen, die ihn zu der Überzeugung bringen, dass sich Deutschland, Europa und die (Eine?) Welt in einer Fundamentalkrise befinden, die mit den üblichen, traditionellen Mitteln von Kompromiss, Trial and Error nicht bewältigt werden können. Vielmehr bedürfe es eines grundlegenden Paradigmen- und Systemwechsels, um ein neues Europa ohne Nationalstaaten und als „regionalisierte Republik“ zu entwickeln.

Aufbau und Inhalt

Böttcher legt ein Handbuch vor, das geeignet ist, Irrwege zu erkennen und ihnen handhabbar entgegen zu treten. Im ersten Kapitel setzt er sich mit den verschiedenen Deutungen des Krisenbegriffs auseinander; und zwar mit dem Tenor, dass Krisen nicht Verzweiflung, sondern Fortschritt bewirken: „Jede Krise verändert den jeweils gegenwärtigen Zustand in jedem Fall und eröffnet somit Zukunft“. Im zweiten Kapitel nimmt er sich ausgewählte Krisensituationen vor, indem er im „Krisenjahrzehnt“ – 2010/2020 – ausgewählte Krisensituationen diskutiert, wie: Globalisierungs-, Flüchtlings-, Ukraine-, Brexit-, Nationalismus-, Umwelt- und Klima- und Corona-Krise. Mit dem dritten Kapitel wird die Frage gestellt: „Was tun?“, und im vierten auf das „Mögliche als das Reale“ verwiesen. Im fünften Kapitel schließlich werden Perspektiven entwickelt, wie ein „neues Europa“ zustande kommen kann.

Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Infragestellung und Zurückweisung des nationalen, egozentristischen (Höherwertigkeits-)Anspruchs und die Betonung darauf, das Individuum als ein überstaatliches, demokratisches Lebewesen zu verstehen: „Demokratie als Lebensform und nicht nur … als Staatsform einzufordern“. Ausgehend von einer tätigen, regionalen Identität soll sich ein republikanisches Gemeinschaftsbewusstsein bilden: „Eine Europäische Republik… wirkt als lebendiger Regionalismus, nahe beim Alltag der Menschen, die möglichst mit solidarischer und direktdemokratischer Beteiligung aller Betroffenen die anfallenden Probleme zu lösen und die europäischen Werte zu leben vermögen“.

Diskussion

Die optimistischen, eigentätigen und empathischen Einstellungen zu einem „neuen Europa“ werden von den Pessimisten eher nicht als machbare Perspektiven betrachtet werden. Doch die bisherigen Entwicklungen hin zu einem gemeinsamen Europa stecken eher im Sumpf eines „business as usual“ und traditionalistischen Denkens: „Das haben wir schon immer/noch nie so gemacht“. Hier hilft, was z.B. der Schweizer Umwelt- und Menschenrechtsaktivist Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) als „positive Subversion“ bezeichnet hat: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten: Wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge“; oder wenn der US-amerikanische Physiker Philip Morrison (1915 – 2005) darauf verweist: „Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs ist schwer einzuschätzen, aber wenn wir nie suchen, ist sie gleich Null“. Es ist die wohltuende Herausforderung zum humanen Denken und Tun, die Böttchers Gedanken und Vorschläge so interessant, lesenswert und tunlichst wirklich werden lassen.

Fazit

„Europa 2020“, das ist eine Vision, die Gegenwärtiges betrifft und Zukünftiges hoffen lässt. Der Nationalstaat, in Europa und in der Welt, ist überholt. Mit ihm ist kein gemeinsamer Staat zu machen. Ein Systemwechsel ist gefordert. Böttchers Vorschlag, ein Europa ohne Nationalstaaten zu bilden und eine „Regionalisierte Republik“ zu bauen, ist wert, in den nationalen und internationalen, politischen Diskurs einzubringen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1503 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.05.2021 zu: Winfried Böttcher: Europa 2020. Von der Krise zur Utopie. Tectum (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-8288-4462-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28324.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht