Jannis Puhlmann: Depression und Lebenswelt
Rezensiert von Dr. Siegfried Tasseit, 05.02.2026
Jannis Puhlmann: Depression und Lebenswelt. Eine phänomenologische Untersuchung. Logos Verlag (Berlin) 2019. 91 Seiten. ISBN 978-3-8325-4909-1. D: 16,00 EUR, A: 16,40 EUR.
Thema
„Was hilft gegen den Herbst-Blues und die Winterdepression? Handelt es sich um eine vorübergehende depressive Verstimmung oder ist es gar eine echte Depression?“ Mit solcherlei Fragen beschäftigen sich die Medien mittlerweile nicht nur in den Monaten, in denen die Tage jahreszeitlich bedingt kürzer sind. Denn kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein Prominenter sich öffentlich zu dieser seelischen Beeinträchtigung bekennt. Wie belastend es damals vor mehr als 20 Jahren für ihn gewesen sei, unter Depressionen zu leiden, vertraute sich erst jüngst der frühere Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld einem Schweizer Journalisten an: „Drei Tage lag ich fast nur im Bett und grübelte … Ich hätte am liebsten nur die Decke über den Kopf gezogen und weitergeschlafen“. Und der noch bei Borussia Dortmund spielende Niklas Süle berichtete, dass er „es mental einfach nicht mehr geschafft (habe), die richtigen Dinge zu tun … Ich wollte, aber konnte nicht“. Davor waren es die Fußball-Nationalspielerin Lina Magull und der Basketball-Bundestrainer Gordon Herbert, die Sängerin Lena Meyer-Landrut und der US-Rapper Machine Gun Kelly. Über seine Altersdepression und den damit in Verbindung stehenden Suizidversuch sprach vor ein paar Wochen der frühere Textilunternehmer und Trigema-Chef Wolfgang Grupp. Wie unzählig viele Männer, die noch im Beruf stehen, nannte der ehemalige SPD-Politiker Michael Roth diese erhebliche Störung seiner Befindlichkeit lieber Burnout. Dagegen hatten ausdrücklich von ihren depressiven Phasen berichtet der im April 2024 verstorbene Psychoanalytiker Tilman Moser und der Komiker Kurt Krömer oder die Pop-und-Soul-Sängerin Sarah Connor und der Schlagersänger Howard Carpendale, der sich deswegen in einer deutschen Klinik hatte behandeln lassen, wie er in seinem dieser Tage auf dem Buchmarkt erschienenen Lebensrückblick schreibt. Annähernd jeder fünfte Bundesbürger erkrankt in seinem Leben mindestens einmal an einer Depression und bereits jeder Dritte, der über 60-Jährigen weist gegenwärtig klinisch relevante Symptome auf. Insgesamt waren nach Angaben der AOK im Jahr 2022 annähernd 9,5 Millionen Menschen in Deutschland von Depressionen betroffen, das sind 12,5 % der Bevölkerung.
Depressionen zählen damit zu den vier großen Volkskrankheiten neben Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz. Weltweit wird die Zahl auf circa 300 Millionen Personen geschätzt, die gegenwärtig an einer sogenannten Major Depression mit einer Dauer von mindestens zwei Wochen leiden. In Anbetracht dieser statistischen Daten ist es keineswegs zu spät, auf diesen bereits vor längerer Zeit erschienenen schmalen Band aus dem Berliner Logos-Verlag auch jetzt noch hinzuweisen, – zumal für die Einzelfallhilfe in der Sozialen Arbeit, in der es häufig um die Unterstützung und Förderung depressiver Klienten geht, ein interessanter Bezugsrahmen geliefert wird. Denn das Thema Depression wird auf eine eher ungewöhnliche Weise aufgegriffen: die seelische Erkrankung wird in Verbindung gebracht mit Edmund Husserl. Doch geht es hier nicht um die Person von Husserl, von dem wir wissen, dass er selbst über viele Jahre immer wieder an Episoden dieser Krankheit gelitten hatte, sondern um seinen philosophischen Ansatz: die Phänomenologie. Im Vordergrund der Erörterung steht einer seiner Hauptbegriffe: die „Lebenswelt“, Heutzutage ist es ein Allerweltswort, um all die im täglichen Einerlei nicht mehr thematisierten Selbstverständlichkeiten zu benennen. Zur Lebenswelt, zum Alltag der an Depression Leidenden, gehören beispielsweise ihnen zugerufene Sätze wie „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ (so der gleichlautende Titel eines Taschenbuches mit dem eindrucksvollen Erfahrungsbericht des Journalisten Benjamin Maack) oder „Stell dich nicht so an!“ oder „Reiß dich mal zusammen!“ Solcherlei wenig einfühlsame Aufforderungen hören die Betroffenen nicht selten von Kollegen oder Freunden oder gar von Familienangehörigen.
Autor
Auf Jannis Puhlmann wurde der Rezensent bereits 2021 aufmerksam im Zuge der virtuellen Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Hans Albert (1921-2023), dem bedeutendsten Vertreter des Kritischen Rationalismus im deutschsprachigen Raum. Denn als Fachreferent für Philosophie gehört der 1988 geborene Autor, der sich zudem „systemischer Therapeut“ nennt, zu jenem Team, das für das Tagesgeschäft des Hans-Albert-Institutes verantwortlich zeichnet. Puhlmann studierte Philosophie und Medienwissenschaften in Trier und Berlin. Über diese Nähe des Autors zu Hans Albert hat sich der Rezensent gewundert und war daher gespannt auf die Lektüre. Denn Hans Albert nahm bekanntlich in seinen Schriften eine eher kritische Position gegenüber der Phänomenologie als Spielart der Philosophie ein, wo er beispielsweise über „die Schwächen der Husserlschen Konzeption“ geschrieben oder sie als eine „sehr belastete Lehre“ in seiner Arbeit „Kritische Vernunft und rationale Praxis“ charakterisiert hatte. Und Hans Alberts Freund, der österreichische Philosoph Paul Feyerabend (1924-1994), ruft in einem immer noch sehenswerten TV-Interview mit Rüdiger Safranski 1993 laut aus: „Husserl, den hab ich mal gelesen … Der sitzt da im Büro, der rennt von einer Vorlesung zur anderen … Was weiß dieser Mensch von der Menschheit?“ Wesentlich freundlicher hat es Simone de Beauvoir zwei Jahre nach Husserls Tod in einem Brief vom 13. Juli 1940 an Jean-Paul Sartre formuliert: „Beim Nachdenken … habe ich gemerkt, dass ich viel von Husserl wieder vergessen habe“.
Aufbau
Die Arbeit von Puhlmann umfasst sieben Kapitel sowie ein Literaturverzeichnis mit insgesamt 39 Titeln, wobei vier Titel auf Bücher von Husserl verweisen. Nahezu ein Viertel der Titel machen Aufsätze von Thomas Fuchs aus. Er ist „Karl-Jaspers-Professor“ für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Heidelberg. In seinem Geleitwort zu diesem Buch nennt er auch dessen Zielgruppe: „Fachleute“ sowie die „Betroffenen und Angehörigen“.
Inhalt
Im Rahmen einer Einleitung – es ist das erste Kapitel – gibt Puhlmann einen Überblick über die von ihm behandelten thematischen Aspekte. Gleich zu Beginn zitiert er die US-amerikanische Schriftstellerin und Ikone der Frauenbewegung Sylvia Plath (1932-1963). Er greift dabei ihr Bild einer „Glasglocke“ auf, um damit das erheblich eingeschränkte, gleichsam von der Welt um sie herum abgetrennte Leben und Erleben der viele Jahre an Depression Leidenden zu charakterisieren. „Die Glasglocke“ ist zugleich der Titel eines Entwicklungsromans, der als Autobiographie gelesen werden kann. Das Buch war zunächst unter einem Pseudonym erschienen vier Wochen vor dem Selbstmord von Sylvia Plath. Ein solcher Tod verweist zugleich auf die relativ hohe Suizidalität dieser seelischen Erkrankung. Denn bei ungefähr jedem Zweiten, der durch Suizid verstirbt, war eine schwere Depression vorausgegangen. Die Lebenszeit-Suizidmortalität der an dieser Art Depression Erkrankter liegt bei mehr als 5 Prozent. Daher möchte sich Puhlmann in seiner Arbeit hauptsächlich mit schweren depressiven Episoden beschäftigen. Sie gelten als überaus starke affektive Störungen im Sinne der Kapitel F32.2 und F32.3 (bzw. bei Rezidiven F33.2 und F33.3) der ICD-10, der Internationalen Klassifikation von Krankheiten.
Das zweite Kapitel stellt einen interdisziplinären Bereich vor, der von Karl Jaspers mit seiner im Jahr 1912 erschienenen Arbeit „Die phänomenologische Forschungsrichtung in der Psychopathologie“ begründet worden ist. Sie ist der Bezugsrahmen für Puhlmann, der sich mit der von ihm vorgelegten, aus seiner Sicht erstmals durchgeführten phänomenologischen Untersuchung von Depressionen zum Ziel setzt, einen eigenen Beitrag leisten zu wollen zu der seit Anfang des 21. Jahrhunderts bedeutsamer gewordenen „Philosophie der Psychiatrie“. In diesem interdisziplinären Sektor gehe es um ein Nachdenken über psychische Störungen wie auch um die in der Psychiatrie verwendeten Fachbegriffe, beispielsweise Seele und Bewusstsein oder Wirklichkeit und Wahn. Letztlich vermöge solch ein Reflektieren dabei helfen, nicht nur die Diagnosen, sondern auch die Therapien psychischer Erkrankungen zu verbessern. Der phänomenologische Blick auf Depressions-Erfahrungen vor allem mit dem Erleben von Entfremdung werde das Fachgebiet aufgrund neuer Erkenntnisse voranbringen. Denn viele seiner Begriffe würden sich bis heute noch zu sehr am „gesunden Menschenverstand“ orientieren.
In kritischer Absicht will Puhlmann im dritten Kapitel die Aufmerksamkeit des Lesers auf die für einen philosophischen Phänomenologen unzureichende, weil von ihm vermutete alleinige Orientierung der Psychiater und Klinischen Psychologen an der ICD-10 der WHO lenken, wenn es um die Diagnose von Depression geht. Denn die ICD in ihrer 10. Revision ist die momentan (noch) geltende Fassung der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. Puhlmann geht es insbesondere um deren Kapitel V (F) mit den psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen. In ihm werden die in der hier zu besprechenden Arbeit relevanten affektiven Störungen in den Unterkapiteln F32 bis F39 anhand von Merkmalen vorgestellt und erläutert.
In Kapitel 4 wird „Husserls transzendentale Phänomenologie“ ausführlich vorgestellt. Insbesondere geht es um grundlegende Begriffe, beispielsweise um die mit Immanuel Kants Zwei-Weltenlehre (mit einer Welt, wie sie „an sich“ ist und einer Welt, wie wir sie als Erscheinung für uns wahrnehmen) in Verbindung gebrachte „natürliche Einstellung“. Von ihr als „der implizite Glaube an die Existenz einer erfahrungsunabhängigen Wirklichkeit“ müsse Abschied genommen werden. Denn für Husserl sei es fraglich, ob die Untersuchungsobjekte der empirischen Psychologie wirklich „in der Welt vorhanden und objektiv gegeben“, demnach von den gelegentlichen Erfahrungen einzelner Subjekte vollkommen unabhängig und damit zu realen Dingen geworden seien. Vielmehr seien sie im Zuge der von Husserl so genannten „Epoché“ entlang der Erfahrung rein subjektiver Erlebnisse zunächst gleichsam in Klammern zu setzen als vorurteilsbehaftete Phänomene. Dafür sei die „Lebenswelt“ in den Vordergrund zu rücken, „unser vorwissenschaftliches Verhältnis zur Welt“, das auf unserer „praktischen und vortheoretischen Erfahrung“ etwa mit dem Leiblichen und Sinnlichen basiere. Aus dieser Perspektive ergebe sich zudem der Unterschied zwischen unserem „Leib“, den wir innerlich, auch verbunden mit unseren Gefühlen, erleben, und unserem „Körper“, der beispielsweise beim Arzt „ein visuell oder taktil gegebenes Objekt der Anschauung ist“. Und nach der Untersuchung durch den Körpermediziner eventuell zu einem Befund führt, der den „Horizont im Sinne eines Systems von Möglichkeiten“ für unsere leiblich gefühlte Unternehmungslust deutlich einschränkt. Daraus ergibt sich als Resümee: „Wir erfahren unsere vertraute Lebenswelt nicht als Ansammlung von indifferenten …Tatsachen, sondern als einen Raum von Möglichkeiten“.
Dem Zusammenhang von Depression und Lebenswelt widmet sich das 5. Kapitel und geht dabei der Frage nach, wie der Betroffene seine schwere affektive Störung erlebt. Unter der Überschrift „Die Unaussprechlichkeit der Depression“ werden zunächst die kommunikativen, überwiegend von der Krankheit mitbestimmten Schwierigkeiten der Patienten thematisiert, wenn sie über ihre Symptome berichten sollen. Deren Lebenswelt hat sich wesentlich verändert. Die Kranken erleben sie als eine gewaltige Einschränkung von bislang wahrgenommenen und denkbaren Handlungs-Chancen im sogenannten Möglichkeitsraum. Danach wird in diesem Kapitel ausführlich die „Theorie der existenziellen Gefühle“ des britischen Philosophen Matthew Ratcliffe vorgestellt, der gegenwärtig Universitäts-Professor in der nordenglischen Stadt York Ist. Dieser Ansatz sei im Grunde nichts anderes als das Heideggersche Konzept der Gestimmtheit und Befindlichkeit. Zum Beispiel sei für den Kranken im schlimmsten Fall „bereits die Idee möglicher Veränderung … aus seinem Erfahrungsspektrum verschwunden“. Und bei den Emotionen gehe es nicht nur darum, dass man sich nicht mehr freuen könne, sondern letztlich berühre einen innerlich nichts mehr. Die Motivation, etwas zu tun, sei bei null angekommen; man verfalle in Passivität und verharre darin. Hoffnungslosigkeit mache sich breit, häufig auch mit Blick auf einen möglichen Therapie-Erfolg überhaupt, nicht nur in absehbarer Zukunft. Angesichts solcherlei Entfremdungs-Erfahrungen in der eigenen Lebenswelt werde ein Rückzug in die Einsamkeit als eine der letzten Möglichkeiten gesehen, zumal mehr und mehr die Mitmenschen als fremd und unzugänglich erlebt würden. Nicht selten träten auch Angstgefühle auf.
Nochmals und wesentlich ausführlicher um Motivation geht es im 6. Kapitel beim Thema „Depression als Willensstörung“. Puhlmann orientiert sich an einer Arbeit aus dem Jahr 2017 seines Geleitwort-Verfassers Thomas Fuchs in der Zeitschrift „Der Nervenarzt“. Aufgegriffen und mit eindrücklichen Beispielen versehen werden die von Fuchs angesichts von „Willensstörungen in der Psychopathologie“ herausgearbeiteten und während einer schweren depressiven Episode – ob mit oder ohne psychotische Symptome wie etwa Wahnideen – stark beeinträchtigten drei Komponenten des menschlichen Willens: Bei „Konation“ geht es um „die Gesamtheit von Antrieb, Bedürfnissen und Motiven, die die Person zu einer Handlung bewegen“. „Inhibition“ steht für Selbstkontrolle als eine Fähigkeit, spontan aufkommende Impulse zu bremsen und zu unterdrücken. Und „Volition“ umfasst das mehr oder minder bewusste Abwägen samt Vorwegnahme von möglichen Effekten in der Vorstellung sowie dann das Handeln in der Lebenswelt selbst.
Das letzte, das 7. Kapitel, versucht schließlich einige Hinweise zu geben auf nunmehr notwendige Weiterentwicklungen in der Psychotherapie, die phänomenologisches Denken weitaus stärker zu berücksichtigen hätte. Puhlmann meint feststellen zu können, dass sowohl die klinische Psychologie als auch die Psychiatrie gegenwärtig immer noch nicht tief genug blicken, um überhaupt zu „verstehen .., wie es sich anfühlt, depressiv zu sein“. Es genüge nicht, sich nur auf die Psyche zu konzentrieren bei einer schweren Depression, denn sie sei „auch eine Krankheit des Leibes, der Zeitlichkeit und der Freiheit“. Zu kurz greifen würden daher die kognitive Verhaltenstherapie von Aaron T. Beck und das Modell der erlernten Hilflosigkeit von Martin Seligman. Seiner Ansicht nach sollte dafür vermehrt „die Wiederherstellung der zwischenmenschlichen Leiblichkeit in der Psychotherapie eine Rolle spielen: In der Körpertherapie oder in Bewegungs- und Tanztherapien, in der Gruppentherapie, aber auch in der Begegnung im therapeutischen Gespräch können solche Rückkopplungsprozesse gefördert werden“.
Diskussion
Dabei übersieht Jannis Puhlmann, dass dies alles schon längst praktiziert wird. Nur ein Beispiel: Es gibt seit über 30 Jahren von Jobst Finke die Arbeit „Empathie und Interaktion“ zur „Methodik und Praxis der Gesprächspsychotherapie“ (so der Untertitel), in der auch die phänomenologische Erkenntnishaltung von Husserl und Jaspers vorgestellt wird. Im Rahmen des phänomenologischen Symbolverstehens geht es dort gar um die ebenfalls von depressiven Patienten gelegentlich erzählten Träume und deren adäquate psychotherapeutische Bearbeitung. Für die Psychiater und Psychologinnen ist dies bekanntlich kein ganz leichtes Unterfangen. Puhlmann stellt zurecht die „von den Betroffenen selbst oft schwer in Sprache zu fassenden Veränderungen“ ihres Erlebens und Denkens in den Vordergrund seiner phänomenologischen Untersuchung. Doch werden hier sozialschicht- bzw. sozialmilieuspezifische Einfluss-Faktoren auf das Denken und Sprechen der Patienten außer Acht gelassen.
Obwohl diese Schwierigkeit, das momentane seelische Befinden mit Worten ausdrücken zu können, vielfach thematisiert wird, findet man an keiner Stelle seines Textes einen Hinweis auf die heutigen Möglichkeiten des Zeichnens und Malens etwa in der Kunsttherapie. Und erst recht nicht erfährt der Leser etwas über die hierzulande gängigen Tests und Fragebogen zur Selbsteinschätzung des Patienten oder zur Fremdeinschätzung durch die Behandler, etwa über die HAMD, die Hamilton Rating Scale for Depression, die es seit 1960 gibt. Danach würde auch für Puhlmann der Unterschied deutlich werden zwischen „depressiven Verstimmungen“, die gemäß F34.1 der ICD-10 eher einer Dysthymia zuzuordnen wären, und den außerordentlich gravierenden Formen einer affektiven Störung. Merkwürdigerweise hält er gleich zu Beginn seines Textes dies für dasselbe.
Ein paar Seiten weiter, im dritten Kapitel, verwundern dann Puhlmanns Ausführungen zum „phänomenalen Gehalt“ der Erfahrungen der an Depression Leidenden ein wenig. Denn dem Autor scheint der Rahmen wie auch die Abkürzung ICD-10 offenbar nicht allzu geläufig zu sein. Er schreibt permanent von der “ 'Internationalen Klassifikation psychischer Störungen', dem ICD-10“, – als ob es bei der ICD-10 nur um seelische Erkrankungen ginge. Doch gibt es sehr wohl und nur für das Kapitel V (F) der ICD-10 jene besonderen Definitions-Leitlinien einerseits sowie eine große Zahl diagnostischer Merkmale für die Forschung andererseits, die im deutschsprachigen Raum zu zwei separaten Nachschlage-Werken mit dem Titel „Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F)“ geführt haben und die jeweils entsprechenden Untertitel tragen. Daneben existiert zum Nachschlagen das DSM, das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ der APA, der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft. Es liegt seit 2013 in seiner 5. Version vor und seit 2015 auch auf Deutsch als „Diagnostisches und statistisches Manual“. Allerdings kommt es in Puhlmanns Text nicht vor.
Demnach ist auch nicht verwunderlich, dass bei Kapitel 5 die Überschrift „Generalisierte Angst“ nicht ganz passt. Denn diese verweist im Vokabular der ICD-10 auf eine andere psychische Beeinträchtigung, die man in der Reihenfolge der Unterkapitel des Kapitels V (F) unmittelbar nach den affektiven Störungen findet: bei den neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen unter F41.1 als generalisierte Angststörung.
Übrigens ist seine Arbeit auch nicht, wie er in Kapitel 2 angibt, die allererste zu diesem Thema vorgelegte phänomenologische Untersuchung. Denn bereits 1994 ist beispielsweise in der Zeitschrift „Psyche“ ein Beitrag von Herbert Will erschienen „Zur Phänomenologie der Depression aus psychoanalytischer Sicht“.
Anerkennenswert dagegen ist der kurze Bericht über eine empirische, allerdings aufgrund der Methode nicht-repräsentative Studie aus England aus dem Jahr 2011 der Universität Durham mit Hilfe eines Online-Fragebogens, den Personen, die an Depression leiden, auszufüllen hatten. Es konnte dabei nachgewiesen werden, dass es durchaus ein verändertes Erleben von Zeit, eigenem Körper, Sozialkontakten und der Welt drumherum gibt sowie der Fähigkeit, alltägliche Routine-Aufgaben zu erledigen. Insgesamt hätte man gerne noch mehr gelesen über empirische Untersuchungen zu diesem Thema. Auch darüber, dass die eben genannte Studie auch von der DFG, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, damals gefördert worden war. Es handelte sich um ein Kooperationsprojekt einer norddeutschen und dieser nordenglischen Universität. Der nur einmal als Ko-Autor für einen Zeitschriften-Aufsatz von Jan Slaby im Literaturverzeichnis von Puhlmann genannte Achim Stephan, seinerzeit Professor für Philosophie an der Universität Osnabrück und ebenfalls Experte auf diesem Gebiet, leitete zusammen mit dem häufig im Text genannten Matthew Ratcliffe dieses Projekt.
Auch hätte sich der Leser mit Blick auf die häufig in diesem Buch thematisierte „Leiblichkeit“ gewünscht, dass die sogenannten larvierten bzw. maskierten Depressionen von Puhlmann angesprochen werden. Im Kommentar zu F32.8 der ICD-10 wird erwähnt, dass „sie nicht selten in Allgemeinkrankenhäusern vorkommen“. Denn zuvor berichten die Patienten in der Regel zunächst ihrem Hausarzt von unspezifischen somatischen Symptomen, etwa über Herzstiche und ein Enge-Gefühl in der Brust, über Schwindelanfälle, Schweißausbrüche, Gliederschmerzen oder Magen- und Darmprobleme, allerdings so gut wie nie über typisch depressive Symptome wie etwa eine gedrückte Stimmung. Denn die Patienten erleben sich vor allem als körperlich und nicht als seelisch krank.
Insgesamt wird daran deutlich, dass der Autor das große Wagnis auf sich genommen hatte, ohne spezifisches Fachstudium und zureichend Berufserfahrung – wo er wohl nur die verhaltenstherapeutischen Ansätze von Seligman oder Beck zu kennen scheint – auf das Glatteis von Diagnose und Therapie psychisch Kranker zu gehen und beim dabei gelegentlichen Ausrutschen noch den auf dem Fachgebiet der Klinischen Psychologie gegenwärtig Tätigen einen kritischen Kommentar zuzurufen. Von Hans Albert wäre Puhlmann sicherlich nach dem Entdeckungszusammenhang für seine Studie über Depression gefragt worden. Denn dieser bleibt im Dunkeln. Am Rande sei noch angemerkt, dass es für die am Thema interessierten Leser wenig zusätzlichen Erkenntnisgewinn bringt und zugleich stört (vermutlich erst recht die im Vorwort als Adressaten gedachten „Betroffenen und Angehörigen“), wenn im Laufe des Textes immer wieder längere englischsprachige Passagen auftauchen, die unübersetzt bleiben.
Ähnliches gilt für das viele Fachchinesisch, um uns die Gedankenwelt der Phänomenologie näher bringen zu wollen; so etwa: „…für Edmund Husserl (spielt) die Intersubjektivität eine transzendentale Rolle bei der Konstitution von Realität.“ Dazu gehören auch sprachliche Eigenheiten bereits auf der Rückseite des Bucheinbandes, wo auf „…eine phänomenologische Untersuchung der leidvollen Erfahrungen schwerer Depressionen“ hingewiesen wird. Gemeint sind in Wirklichkeit die Erfahrungen der an Depression leidenden Patienten. Es handelt sich hierbei um Reifikationen, um Aussagen, die den theoretischen Begriff „Depression“ als Teil einer auffindbaren Wirklichkeit nehmen; die Depression wird zu einem Ding, hier gar zu einem Akteur, wo es an einer anderen Stelle im Buch heißt: „Die Krankheit gibt vor, für welche Emotionen die Betroffenen empfänglich sind“. Hans Albert hätte hier von einem metaphysischen Denkfehler gesprochen.
Fazit
Wer sich interessiert für die Ideengeschichte der Psychotherapie und Psychiatrie sowie deren Theorien und älteren methodischen Vorgehensweisen jenseits der vielen, bis heute gemachten Fortschritte in der Behandlung Depressiver, kann über die nicht immer leicht zu lesende Arbeit aus diesem Bereich der Philosophie durchaus einen hilfreichen ersten Zugang zur Phänomenologie und zum Ansatz von Husserl bekommen. Das gilt auch für die in der Sozialen Arbeit Tätigen. Denn die Lektüre vermag zum Nachdenken über das eigene berufliche Tun in der Einzelfallhilfe anzuregen.
Rezension von
Dr. Siegfried Tasseit
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