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Jürgen Hoyer: Klinische Psychologie & Psychotherapie

Cover Jürgen Hoyer: Klinische Psychologie & Psychotherapie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. 3., vollst. überarbeitete u. erweiterte Auflage. 1360 Seiten. ISBN 978-3-662-61813-4. D: 54,99 EUR, A: 56,53 EUR, CH: 61,00 sFr.
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Thema

Die Klinische Psychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie, welche sich mit den psychischen Störungen und den psychischen Aspekten somatischer Störungen und Krankheiten in der Forschung, der Diagnostik und Therapie auseinandersetzt. In der Psychologie als Wissenschaft vom Erleben und Verhalten und von den mentalen Prozessen nimmt die Klinische Psychologie als Anwendungsfach eine zentrale Rolle ein.

Die Ausweitung des Fachs Klinische Psychologie auf grundlagen- und anwendungswissenschaftliche Aspekte sowie die beruflichen Anwendungsfelder und schließt nun neue berufspolitische und -rechtliche Implikationen ein.

Die Fachbezeichnung „Klinische Psychologie“ wurde mit den Zusatz „und Psychotherapie“ ergänzt. Dies unterstreicht den wissenschaftstheoretischen und berufspolitischen Anspruch, breite gesellschaftliche und gesundheitspolitische Verantwortung für die Diagnostik, Prävention, Therapie und Rehabilitation psychischer Störungen in der Bevölkerung zu übernehmen.

Das Lehrbuch unterstützt optimal Studierende in Psychologie mit grundlegenden klinisch-psychologischen Modulen und Wissensbeständen. Es finden sich aber auch wichtige anwendbare Erkenntnisse Klinischer Psychologie und Psychotherapie für benachbarte wissenschaftlich und praktisch ausgerichtete Disziplinen.

Das zu besprechende Lehrbuch ist in der neuüberarbeiteten und erweiterten 3. Auflage in drei Teile gegliedert und unterstützt mit seiner breiten und tragfähigen Plattform sowohl Studierende des Bachelor- wie auch des Masterstudiums. Das Lehrbuch bietet auch zahlreiche unterstützende Materialien für die Arbeit von Dozierenden.

Der Autor

Jürgen Hoyer ist Professor für Behaviorale Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden und ist Leiter mehrerer Studien, dessen Schwerpunkte die Wirkmechanismen und neue Settings in der Psychotherapie der Angststörungen und Depression untersucht. An der Technischen Universität ist er Leiter der Institutsambulanz und Tagesklinik für Psychotherapie.

Susanne Knappe ist psychologische Psychotherapeutin mit Zusatzqualifikation in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Diagnostik und Epidemiologie psychischer Störungen und insbesondere von Angststörungen in der Betrachtung der familiären Transmission psychischer Störungen sowie der Versorgungsforschung und Prävention. Sie arbeitet am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden.

Die Herausgeber werden von etlichen Autoren, hauptsächlich Kolleginnen und Kollegen von Instituten für Klinische Psychologie und Psychotherapie, unterstützt.

Aufbau

Bis zum Erscheinen der aktuellen 3. Auflage des Lehrbuches sind 10 Jahre vergangen und deutlich lesbar sind die eingeflochtenen erheblichen Neuerungen und grundsätzliche Überarbeitung im Feld der Klinischen Psychologie:

  • das wachsendes Wissen zu den Grundlagen und Anwendungsfeldern der Klinischen Psychologie
  • die Entwicklung neuer Forschungsmethoden
  • die reformierten diagnostischen Kriterien des DSM-5 und der ICD-11
  • durch das Psychotherapeutengesetz (2019) und der reformierten Approbationsordnung (2020) verändernden Rahmenbedingungen in Deutschland

Das Lehrbuch bewahrt seine Grundstruktur und ist nach dem Vorwort zur 3. Auflage in drei Teile gegliedert:

I Grundlagen Klinischer Psychologie

II Therapeutische Verfahren, Methoden und Settings

III Psychische Störungen

Neuerungen zeigen sich durch aktualisierte, überarbeitete Inhalte und neue Kapitel. Vor allem im Teil II sind Kapitel zu therapeutischen Verfahren wie den psychodynamischen, den humanistischen und den systemischen Therapien eingepflegt und es wurde ein neues Kapitel zur Akzeptanz- und Commitment-Therapie aufgenommen. Im Bereich der therapeutischen Methoden und Settings sind neue bedeutende Ansätze integriert:

  • die Verhaltensaktivierung
  • Achtsamkeit und Embodiment
  • kognitive Trainings
  • internet- und mobilbasierte Interventionen
  • Gruppenpsychotherapie

Im Teil III sind zudem Kapitel von neuen Autorenteams komplett neu geschrieben, dazu gehört etwa die Epidemiologie psychischer Störungen, psychischen Störungen des Kinder- und Jugendalters oder Persönlichkeitsstörungen.

Alle Beiträge sind ausgewogen gestaltet, zwischen zum Teil hochkomplexer Grundlagenorientierung und anwendungsnaher Praxisdarstellung. Zur übersichtlichen Gliederung des gesamten Stoffgebietes nutzen die Herausgeber etliche didaktische Elemente:

  • Studienboxen mit Ergebnissen aus der Grundlagen- und Anwendungsforschung (“Science track“)
  • Griffregister und farbliche Navigation
  • vertiefende kurze Darstellungen („Clinical track“)
  • Kennzeichnung von Grundlagen und Vertiefungsaspekten („Gut zu Wissen“)
  • Hervorhebungen von Definitionen, weiterführender Literatur, Online-Material und Prüfungsfragen mit Lösungshinweisen
  • Abbildungen und Tabellen

Durch das mehrfarbige Design sollen so wesentliche Informationen gut erfasst werden können.

Inhalt

Die Grundlagen in Teil I sind mit 12 Kapiteln so angelegt, dass es die Lehre in den für das Bachelor-Studium in Psychologie grundlegenden klinisch-psychologischen Modulen und Wissensbeständen unterstützt. Dabei werden die Querverbindungen zu den Grundlagenfächern der Psychologie deutlich und auf neuestem Kenntnisstand dargestellt. Angefangen bei der Frage: Was ist Klinische Psychologie? Definitionen, Konzepte und Modelle gehen die Herausgeber und Hans-Ulrich Wittchen auf die interdisziplinäre Grundorientierung ein und beleuchten die Frage: Was sind psychische Störungen? Danach werden Modellperspektiven und Herausforderungen in der Klinischen Psychologie aufgezeigt. Ausgehend von den Entwicklungen hin zur Herausbildung als Teilgebiet der Psychologie werden wesentlichen Definitionen geliefert, dabei reißt die Debatte darüber auf, was „Krank sein“ bedeutet und auf welche Diagnostische Klassifikation innerhalb der Klinischen Psychologie zurückgegriffen werden kann.

Susanne Knappe und Hans-Ulrich Wittchen gehen der Frage nach: Warum brauchen wir eigentlich eine Klassifikation psychischer Störungen? Sie beschreiben die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD) in ihrer 10. Revision und das diagnostische und statistische Manual Psychischer Störungen in seiner 5. Revision: Die DSM-5-Klassifikation. Das Erkennen und Einordnen psychischer Störung legt den Grundstein und ermöglicht den Anspruch auf Leistungen aus dem Hilfeleistungssystem.

Im dritten Kapitel beschäftigen sich die Autoren mit weiteren wichtigen Fragen zur Epidemiologie: Wie häufig sind psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung, wie häufig sind schwergradige Störungen und wie häufig treten damit verbundene Komplikationen und Behinderungen auf? Die Komplexität psychischer Störungen wird von den Autoren in den weiteren Kapiteln verdeutlicht, indem die Verhaltensänderungen auf lernpsychologischen und neurobiologischen Grundlagen der Interaktion von Emotion und Kognition sowie Differentialpsychologischen Perspektiven in der Klinischen Psychologie erläutert werden. Weiterführend komplementieren biopsychologische, psychopharmakologische, neuropsychologische, verhaltensmedizinische und entwicklungspsychologische Grundlagen die Multidimensionalität psychischer Störungen. Im letzten Kapitel beschreiben Martin Horst, Timo Harfst und Holger Schulz die Versorgung der Patienten mit psychischen Störungen in den psychotherapeutischen Versorgungssettings.

In Teil II werden in 24 Kapiteln therapeutische Verfahren, Methoden und Settings beschrieben. Ausgehend vom Basiswissen werden klinisch-psychologischen Interventionen und Verfahren vertieft. Ausgangspunkt dieser Kapitel gehen auf Überlegungen zurück, zwischen dem Grundlagenwissen und dem Störungswissen ein Bindeglied zu schaffen, bei denen ausgewählte grundlegende Diagnostik- und Interventionskompetenzen („basic skills“) stärker handlungs- und übungsbezogen vermittelt werden. Dieser Teil geht auf Basiswissen und -fertigkeiten hinsichtlich Klassifikation und Diagnostik, um Gesprächsführung und Gesprächstechniken sowie ausgewählte Interventionskomponenten praxisrelevant ein. Nach einem Überblick werden folgende Verfahren beschrieben:

  • Verhaltenstherapie
  • Psychodynamische Psychotherapie
  • Systemische Psychotherapie und Beratung
  • Humanistische und experientielle Psychotherapieverfahren
  • Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)
  • Psychoedukation
  • Ressourcenaktivierung
  • Motivierende Interventionsstrategien
  • Operante Methoden
  • Reizkonfrontationsmethoden
  • Verhaltensaktivierung
  • Kognitive Therapieverfahren
  • Achtsamkeit und Embodiment
  • Kognitive Trainings
  • Trainings emotionaler, sozialer und kommunikativer Fertigkeiten
  • Stressbewältigungs- und Problemlösetrainings
  • Entspannungsverfahren
  • Therapeutische Vereinbarungen: Hausaufgaben und Verhaltensverträge
  • E-Mental Health: Internet und mobilbasierte Interventionen in der Psychotherapie
  • Gruppensettings

Diese Kenntnisse einschließlich einer grundlegenden Darstellung zur Psychotherapieforschung, die Entwicklung und Beurteilung therapeutischer Interventionen sowie die Gesprächsführung in der Klinischen Psychotherapie und Psychotherapie dienen für alle akademisch ausgebildeten Psychologen ungeachtet der Schwerpunktorientierung eine wichtige grundlegende und zugleich übende Komponente in der Ausbildung.

Der Teil III dient aufbauend als Vertiefungskapitel zu den wichtigsten psychischen Störungsbildern:

  • Psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters
  • Aufmerksamkeitsdefizit/​Hyperaktivitätsstörungen
  • Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen und abhängigen Verhaltensweisen
  • Störungen durch Konsum illegaler Substanzen
  • Alkoholkonsumstörung
  • Tabakkonsumstörung
  • Störung durch Glücksspiel und andere abhängige Verhaltensweisen
  • Psychotische Störungen und Schizophrenie
  • Bipolare Störungen
  • Depressive Störungen: Major Depression und Persistierende Depressive Störungen (Dysthymie)
  • Panik und Agoraphobie
  • Generalisierte Angststörungen
  • Soziale Angststörungen
  • Spezifische Phobien
  • Posttraumatische Belastungsstörungen
  • Zwangsstörungen
  • Somatoforme Störungen
  • Psychosomatische und stressabhängige körperliche Beschwerden
  • Fütter- und Essstörungen
  • Sexuelle Funktionsstörungen, paraphile Störungen, Geschlechtsdysphorie
  • Persönlichkeitsstörungen

und ist in 21 Kapitel gegliedert. Jedes Kapitel bietet einen umfassenden Überblick zur klinischen Phänomenologie, Ätiologie, Pathogenese, teilweise zur Prävention und definitiv zu Behandlungsmöglichkeiten des Störungsbildes.

Das Lehrbuch Klinische Psychologie und Psychotherapie hat ca. 1360 Seiten und endet mit einem Glossar und einem Stichwortverzeichnis.

Fazit

Alles in allem haben die Herausgeber Jürgen Hoyer und Susanne Knappe mit der Hilfe vieler Autoren ein vielversprechendes Grundlagenlehrbuch hervorgebracht, das vor allem durch aktuelle und zukunftsorientierte Inhalte sowie den hohen Praxisbezug glänzt. Die didaktische Aufarbeitung ist hervorragend und sehr gut nachvollziehbar. Die anwendungsbezogenen und anschaulich dargestellten Inhalte sind aktuell, empirisch fundiert und lassen sich gut lesen. Der Band ist für Studierende uneingeschränkt zu empfehlen und auch Praktiker können sich durch die Lektüre schnell auf den neuesten Stand in dem Gebiet der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bringen. Gerade Teil III eignet sich sehr gut für die Konzeption vertiefender Veranstaltungen, insbesondere Übungen und Seminare für den Masterstudiengang.


Rezension von
Mandy Kretzschmar
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Zitiervorschlag
Mandy Kretzschmar. Rezension vom 01.10.2021 zu: Jürgen Hoyer: Klinische Psychologie & Psychotherapie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. 3., vollst. überarbeitete u. erweiterte Auflage. ISBN 978-3-662-61813-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28333.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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