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Vojin Saša Vukadinović (Hrsg.): Zugzwänge

Cover Vojin Saša Vukadinović (Hrsg.): Zugzwänge. Flucht und Verlangen. Querverlag (Berlin) 2020. 432 Seiten. ISBN 978-3-89656-291-3. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 26,00 sFr.
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Thema

Im sogenannten „Islamischen Staat“ werden Homosexuelle von Häuserdächern geworfen (ebd. S. 17, S. 18). Im Iran sind homosexuelle Handlungen strafbar, Homosexuelle werden immer wieder öffentlich hingerichtet. In Ägypten kann man für das Hissen einer Regenbogenfahne ins Gefängnis gesperrt werden, dort gefoltert und misshandelt werden (ebd. S. 6).

Hierzulande gibt es Berichte, dass Asylanträge abgelehnt werden, weil die Betroffenen auf die Beamten „nicht schwul genug“, „nicht feminin oder – im Gegenteil zu feminin“ wirkten (ebd. S. 9).

Die vielfältigen Verbindungen zwischen Sexualität/Geschlecht und Flucht zu thematisieren, ist das eine Hauptanliegen des Sammelbandes „Zugzwänge. Flucht und Verlangen“ herausgegeben von Vojin Saša Vukadinović im Querverlag.

Das andere Anliegen der Autor*innen ist es, eine Kritik an der Queer Theory und (Teilen der)/den Gender Studies vor allem in Bezug auf die Schlagwörter „Pinkwashing“ und „Homonationalismus“ zu formulieren.

Herausgebende

Der Herausgeber Vojin Saša Vukadinović war als Autor beteiligt an dem von Patsy l‘Amour laLove herausgegebenen vieldiskutierten Band „Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“ und gab zuvor bereits den Band „Freiheit ist keine Metapher. Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik“ heraus. Über beide Bände fand eine große Debatte über wissenschaftliche Kreise hinaus statt.

Aufbau

Der neue Sammelband ist in zwei Teile untergliedert: Im ersten Teil widmen sich die Autor*innen der globalen Dimension von Flucht und Verlangen, im zweiten Teil geht es um Deutschland als Ankunftsland. In beiden Teilen gibt es jeweils Beiträge zur Theorie und persönliche Erfahrungsberichte.

Inhalt

Im Folgenden werden einige Beiträge exemplarisch für die 22 Beiträge des Sammelbandes vorgestellt.

Steffen Stolzenberger referiert in seinem Beitrag „Queer Refugee Support in der politischen Ökonomie des Helfens“ einige vorliegende Beiträge zum Thema Flucht und Homosexualität und bezieht sie auf die konkrete praktische Flüchtlingsarbeit. Er arbeitet dabei kritisch die Tendenz heraus, dass nicht individuelle Erfahrungen und ihre gesellschaftlichen Ursachen dargestellt werden, sondern in intersektionalen Ansätzen hauptsächlich eine kollektive Identität konstruiert wird, die verhindere „besondere Individuen“ anzuerkennen: Dies geschehe dann, wenn Diskriminierungserfahrungen nicht individuell betrachtet und anerkennt werden, sondern lediglich als Teil einer konstruierten Gruppe wahrgenommen werden würden. Widerspruchsvolle Erfahrungen unterschiedlicher Geflüchteter würden verschleiert werden, da eine kollektive Identität unterstellt werde und die Erfahrungen darunter vereinheitlicht werden würden. Verhältnisse, die besonders repressiv gegenüber gelebter Homosexualität seien, würden dabei relativiert werden. Oft würden aus der Theorie heraus Geflüchtete lediglich als durch antimuslimischen Rassismus viktimisiert dargestellt, ohne den „politischen Islam und die Zustände in den Herkunftsländern als Fluchtgrund“ zu thematisieren.

Hannah Kassimi gelingt es in ihrem Beitrag „drei Exempel zur Grausamkeit der deutschen Bürokratie und Asylpolitik“ die Brutalität der Verhältnisse anhand von individuellen Geschichten Betroffener sehr eindrücklich und erdrückend darzustellen. Die Geschichte einer Albanerin, die als lesbische Frau und als Romni verfolgt wird, die von einem Mann zuerst bei der Flucht unterstützt und anschließend von ihm vergewaltigt und zwangsprostituiert wird und die schließlich, als sie gerade dabei ist, sich zu erholen und zu verankern, abgeschoben wird – führt erdrückend vor Augen, welche Schicksale sich hinter Regelungen wie „sichere Herkunftsstaaten“ verbergen.

Die Initiative „Ehrlos statt Wehrlos“ berichtet in ihrem Beitrag „Fluchtgrund“ von den Zuständen im Berliner Viertel „Neukölln“. Die „muslimische Community“ rund um die Sonnenallee sei solch eine Bedrohung, dass wer „queer“ aussehe, Angst vor Beleidigungen und Übergriffen haben müsste. Die körperliche Unversehrtheit von Homo- und Transsexuellen könne dort nicht gewährleistet werden und Linke und Liberale würden dies nicht kritisieren. Wer das benenne, würde schnell als „islamophob“ und „rassistisch“ verunglimpft. Verantwortlich für die Zustände seien die Arbeit von Islamverbänden und Moscheen, die „etwa der Muslimbruderschaft oder dem iranischen Regime oder der Hisbollah nahestehen, von Erdogans Religionsbehörde oder von Saudi-Arabien finanziert werden“ (ebd., S. 388), und die den Hass muslimischer Jugendlicher schüren würden. Diese Zustände seien eine besondere Bedrohung für homo- und transsexuelle Flüchtlinge.

Worood Zuhair erzählt in ihrem Beitrag ihre persönliche Geschichte. Sie wurde im Irak geboren und wurde immer wieder in der Schule und zu Hause geschlagen, weil sie sich nicht an die repressiven Regeln hielt und den Islam kritisierte. Ermutigt von ihren Eltern schlug ihr Bruder mit solcher Brutalität auf sie ein, dass ihre Brustwirbel zersplittert wurden und die Gefäße, die das Rückenmark versorgen, abgequetscht wurden. Bis heute leidet Zuhair unter ständigen Rückenschmerzen und einer achtzigprozentigen Gehbehinderung. Die Polizei im Irak blieb tatenlos, sie sehe solche Gewalt gegen Frauen als Familienangelegenheit an. 2015 schaffte Zuhair schließlich die Flucht. In ihrem Beitrag plädiert sei eindrücklich dafür, „genau hinzuschauen, wo Intoleranz herrscht“. Diese käme nicht nur von rechts, sondern auch von konservativen religiösen Organisationen wie Islamverbänden.

Diskussion

Das Buch durchzieht ein bissiger bis polemischer Ton.

So behauptet Vojin Saša Vukadinović in seinem einleitenden Beitrag beispielsweise schlicht: „Die Queer Theory ist bekanntlich passé; ihr Unvermögen, einen konzisen und gesellschaftspolitisch relevanten Gedanken zu formulieren, der über das bloße Plädoyer für  ‚Diversität‘, pseudorevolutionäres Gebaren und die Affirmation von diesem und jenem hinausgeht, demonstriert ihre Anhängerschaft beharrlich selbst“ (ebd. S. 14).

An Stellen wie diesen wurde offenbar mit Wut im Bauch gegen bestimmte universitäre Szenen geschrieben, eine notwendige Differenzierung geht dabei leider verloren. Das ist schade, da sich die berechtigte Kritik an Teilen der Queeren Theoretiker*innen, dass diese beispielsweise die Verhältnisse, die besonders repressiv gegenüber gelebter Homosexualität sind, aus einer übergeneralisierten Vorsicht, man könne sonst orientalistisch sein, nicht ausreichend benennen, so wohl nur wenig Gehör verschaffen wird.

In vielen Beiträgen fehlt immer wieder eine notwendige Differenzierung: Steffen Stolzenberger schreibt in seinem Beitrag man mystifiziere Rassismus, wenn man rassistische „Narrative“, „Diskurse“, „Inszenierungen“ oder „Denkmuster“ kritisiere „und nicht Rassisten“, welche die Sprache „gezielt“ einsetzen würden (ebd. S. 229). Es bleibt unklar, warum nicht beides möglich und nötig sein sollte: Sowohl Rassist*innen zu kritisieren, die bewusst eine rassistische Sprache benutzen, als auch anzuerkennen, dass sich Rassismus latent in Diskursen und Narrativen tradiert.

Genauso ist fraglich, ob – wie die Initiative „Ehrlos statt Wehrlos“ in ihrem Beitrag behauptet – es von „Linker“ und „Liberaler“ Seite wirklich überhaupt keine Kritik an islamistischer Gewalt in Neukölln gibt und sich die Gewalt „hinter dem Gebot kultureller Vielfalt“ wirklich ungehemmt austoben könne und dabei „mit dem Verständnis auch derer rechnen, die für Diversität plädieren und ihre eigenen Kinder unterdessen anderswo zur Schule schicken“ (ebd. S. 385).

Genau jene Kritik, welche Sabri Deniz Martin der Queer Theory und verallgemeinernd den Gender Studies vorwirft (ebd. S. 32), nämlich, dass von ihnen kaum Publikationen bekannt seien, die sich nicht „in szenepolitischer Selbstbeschäftigung“ verlieren würden, lässt sich tendenziell auch an einige Autor*innen des Sammelbandes richten: Der polemische Ton wird wahrscheinlich verhindern, dass das Werk über die eigene Szene hinaus, differenziert rezipiert wird.

Fazit

Der Sammelband „Zugzwänge. Flucht und Verlangen“ bietet viele wertvolle Informationen hinsichtlich der vielfältigen Verbindungen zwischen Sexualität/Geschlecht und Flucht. Spezifische Situationen queerer Geflüchteter werden deutlich und das Plädoyer stärker auf besonders brutale homophobe Verhältnisse zu schauen, und diese klar zu benennen, ist überzeugend.

Leider verfällt die Kritik immer wieder ins Polemische, wenn, mal der Queer Theory, mal allgemein den Gender Studies und mal gleich pauschal allen „Linken“ und „Liberalen“ vorgeworfen wird, was offenbar ein spezifisches Phänomen in manchen universitären Szenen ist: dass jedes Benennen von homophoben Zuständen in der islamischen Welt als Pinkwashing, Homonationalismus, Orientalismus oder Islamophobie abgetan wird.


Rezension von
Dr. phil. Christoph Müller
Homepage www.tiefenhermeneutik.org/mitglieder/mueller/
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Zitiervorschlag
Christoph Müller. Rezension vom 14.05.2021 zu: Vojin Saša Vukadinović (Hrsg.): Zugzwänge. Flucht und Verlangen. Querverlag (Berlin) 2020. ISBN 978-3-89656-291-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28335.php, Datum des Zugriffs 02.08.2021.


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