socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jan Wehrheim: Sanfte Kontrolle?

Cover Jan Wehrheim: Sanfte Kontrolle? Devianz, Etikettierung und Soziale Arbeit: 1975 und 2020. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 347 Seiten. ISBN 978-3-7799-6170-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Entstehungshintergrund und Thema

Seinen Ausgang nahm der vorliegende Band von der Annahme, dass die Ergebnisse der Untersuchung „Die sanfte Kontrolle. Wie Sozialarbeiter mit Devianten umgehen“ von Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer aus dem Jahr 1975 im Jahr 2020, in dem von Postwohlfahrtsstaaten und einer neuen Punitivität gesprochen wird, offenbar keine Gültigkeit mehr besitzen. Überdies sind die damaligen theoretisch-methodologischen Näherungen „aus der Mode geraten“ (S. 8). Die Studie von 1975 nahm die Rolle Sozialer Arbeit bei Etikettierungsprozessen, insbesondere im Handlungsfeld der Jugendgerichtshilfe, in den Blick. Die Replikationsstudie fünfundvierzig Jahre später, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, untersucht im Sinne eines Vergleichs Unterschiede und Parallelen und formuliert entsprechende Erklärungen.

In beiden Studien geht es um die Frage, ob und wie „sich Sozialarbeiter:innen an Etikettierungen ihrer Adressat:innen beteiligen“ (S. 8). In der Studie von 1975 setzen sich Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer ferner mit der marxistisch-materialistischen Perspektive der Sozialen Arbeit als „Agentur des Kapitals“ und ihrer Bedeutung für Kapitalakkumulation auseinander. In der Replikationsstudie taucht diese Auseinandersetzung nicht mehr auf. Dafür wird jedoch die „employability“ angesprochen. Gegenstand der Replikationsstudie ist die qualitativ empirische Abgleichung von Untersuchungsergebnissen aus der Studie von 1975 und die Formulierung von Erklärungen zu Unterschieden und Parallelen. Eingeräumt wird dabei, dass ein unmittelbarer Vergleich einzelner Ergebnisse der Studien nicht möglich ist, nicht zuletzt, weil sich das Feld der Sozialen Arbeit in den zurückliegenden Jahrzehnten anders bzw. weiter strukturiert hat (z.B. im Bereich der Hilfen zur Erziehung, aber auch der Jugendgerichtshilfe). Gleichwohl haben sich die Autor:innen in Bezug auf den Feldzugang und auch in methodischer Hinsicht bemüht, sich möglichst nahe an der Studie von 1975 zu orientieren.

Herausgeber

Jan Wehrheim ist Professor für Soziologie am Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik an der Universität Duisburg-Essen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Stadtsoziologie sowie Soziologie sozialer Kontrolle und sozialer Ausschließung.

Aufbau

Nach dem Einführungsbeitrag von Jan Wehrheim mit dem Titel „45 Jahre sanfte Kontrolleur:innen“ folgen die Originalstudie von Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer und die Replikationsstudie von Sylvia Kühne und Christina Schlepper. Ergänzt wird diese durch einen Beitrag zu sozialer Selektivität von Margarete Killian, Jan Wehrheim und Clara Will. Den Band beschließen zwei historisch fundierte Einordnungen von Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer.

Die Studie von 1975 gliedert sich in fünf Abschnitte. Im Mittelpunkt stehen die Abschnitte, in denen es um die Darstellung der Ergebnisse geht, um Antworten auf die Frage, wie Sozialarbeiter:innen Kontrolle ausüben und um Interventionsmöglichkeiten. Die Replikationsstudie gliedert sich auch in fünf Abschnitte. Wie die Studie von 1975 geht es nach einer Einleitung im zweiten bzw. dritten Abschnitt um das methodische Vorgehen, daran anschließend um die Zuschreibung von Devianz (dritter Abschnitt), im vierten Abschnitt um die Frage, wie Sozialarbeiter:innen soziale Kontrolle ausüben und im fünften Abschnitt um Modi des Helfens, um Interaktionsstrategien im postwohlfahrtsstaatlichen Kontext.

Inhalt

In ihrer Studie von 1975 untersuchen Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer, welche Mittel die Soziale Arbeit als Instanz sozialer Kontrolle einsetzt. Diese Mittel, etwa die der Schuldfeststellung, unterscheiden sich von denen anderer Instanzen sozialer Kontrolle. Vor nunmehr fünfzig Jahren begannen interaktionistisch ausgerichtete Sozialarbeiter:innen mit ihrer Etikettierungsthese einer Vorstellung vom helfenden Selbstverständnis entgegenzutreten, indem Sozialarbeiter:innen in Bezug auf Heranwachsende gerade das erzeugen, was sie zu verhindern intendieren: abweichendes Verhalten, das die Handlungschancen Betroffener reduziert. Nach einer knappen Diskussion der Etikettierungsthese (S. 24-28) folgt eine längere Auseinandersetzung mit der These von der Sozialen Arbeit als Agentur des Kapitals mit dem Ergebnis, dass Sozialarbeiter:innen ihren Arbeitsbereich „relativ unabhängig vom Kapitalinteresse definieren“ (S. 35), und wie in der Folge Sozialarbeiter:innen ihren Definitions- und Handlungsspielraum nutzen. Getragen wird das Nutzen des Handlungsspielraumes von ihrem Selbstverständnis. Entsprechend heißt es am Ende des Kapitels (S. 43): „Will ein Sozialarbeiter nicht fortgesetzt sein Berufsverständnis gefährden, so muss er sein für den Klienten sichtbares Verhalten „so entwerfen“, dass Konflikte vermieden werden und Hilfeabsicht die Interaktion bestimmt“.

Helge Peters und Helga Cremer Schäfer gehen von der These aus, dass Sozialarbeiter:innen ihre Adressat:innen nicht als deviant etikettieren, also keine Devianten erzeugen. Die These wird an Gesprächsprotokollen, die Sozialarbeiter:innen mit ihren Klient:innen führten, überprüft. Nach einer Skizze zur Erhebungs- und Auswertungsmethode folgen Hinweise zu den Adressat:innen und Ausführungen zum Interesse an der Schuldfeststellung. In über zwei Drittel der 94 beobachteten Fälle dominierten Normabweichungen (wie z.B. Eigentumsdelikte). Bis auf ganz wenige Fälle sind die Heranwachsenden der Unterschicht zuzuordnen. In Bezug auf die Schuldfeststellung registrieren die Autor:innen, dass weder die Protokolle noch die Analyse der Jugendgerichtshilfeprotokolle die These erhärten, dass Sozialarbeiter:innen Devianzen produzieren (S. 54). Dies zeigt sich auch in der Abneigung, Fälle anderen Instanzen zuzuleiten. Damit erhöht sich für die Sozialarbeiter:innen die Chance, von den Adressat:innen als Helfer:innen wahrgenommen zu werden.

Was jedoch taten die Sozialarbeiter:innen in positiver Hinsicht, eingedenk der Tatsache, dass sie mit Konflikten zu tun haben, deren Lösung z.B. in der Jugendgerichtshilfe auch das Interesse der Jugendrichter:innen z.B. tangiert? In den Kapiteln des vierten Abschnitts geben die Autor:innen Antworten, z.B. anhand von Gesprächen mit mittelbaren Adressat:innen (z.B. Eltern), um diese als relevante Koalitionswillige für ihre Ziele zu gewinnen. Aus diesem Grund ist Kontaktpflege von großer Bedeutung. Die Protokollauszüge belegen, dass es nicht in jedem Fall seitens der Sozialarbeiter:innen gelingt, die Helfer:innenrolle aufrechtzuhalten.

In einem weiteren Kapitel werden die Gespräche der Sozialarbeiter:innen mit den unmittelbaren Adressat:innen klassifiziert. Dabei geht es um Konformitätsdemonstration, Konformitätsbehandlungen, um die Aufgabe der Helfer:innenrolle, um Gefährdungen des Helfer:innenselbstverständnisses, um Sanktionsverzicht, um Vertrauensbeziehung und um Konversion. Die einzelnen Kategorien sind insgesamt unterschiedlich stark ausgeprägt. Am Ende des vierten Abschnitts liefern die Autor:innen machttheoretische Interpretationen.

Ausgangspunkt für den fünften Abschnitt, in dem es um Interventionsmöglichkeiten geht, ist die These, dass Sozialarbeiter:innen zwar soziale Kontrolle ausüben, dass sie aber andere Mittel einsetzen als Vertreter:innen anderer Instanzen sozialer Kontrolle. Um welche Interventionsmöglichkeiten geht es? Angesprochen werden die „radical nonintervention“ und die sozialstrukturellen Konsequenzen der Non-Intervention sowie die politische Perspektive für Sozialarbeiter:innen, die mit Devianz zu tun haben. Dabei gehen die Autor:innen von der Annahme aus, dass Soziale Arbeit in relativer Unabhängigkeit von sozialstrukturellen Zwängen handle und dass diese Konsequenz der allgemeinen politischen Funktionseinbußen der Sozialen Arbeit sei (S. 105). Die Autor:innen plädieren für eine auf sozialstrukturelle Veränderungen abzielende Soziale Arbeit, indem diese ihre Zuschreibungskooperation einstellt bzw. beschränkt. Dies würde das Rekrutierungsfeld von Strafgerichten verkleinern bzw. verunsichern und insgesamt die gesellschaftlichen Machtstrukturen einschließlich ihrer Kriminalisierungsnormen labilisieren. Auf die Protokolle noch einmal zurückkommend, wird von den Autor:innen festgestellt, dass die Sozialarbeiter:innen zwar nicht „liberaler kontrollieren als die Strafrichter:innen, dass sie aber versuchten, die Fälle dem kriminalisierenden Zugriff anderer Instanzen zu entziehen (S. 109). Ihre Helfer:innenvorstellung ist gesellschaftlich etabliert, beschert aber kein hohes Ansehen. In den Handlungsempfehlungen am Ende der Studie wird davor gewarnt, Statusprobleme im Vergleich mit anderen Professionellen durch Übernahme von Merkmalen statushoher Professioneller zu übernehmen. Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer formulieren abschließend zwei Typen soziologisch fundierter Praxisempfehlungen. Der eine Typus orientiert sich an einer marxistisch begründeten Einschätzung des Objektsbereichs Sozialer Arbeit, der zweite Typ, der von Helge Peters selbst favorisiert wird, plädiert dafür, im organisatorischen Rahmen der Sozialen Arbeit kommunale und regionale Zentren einzurichten. Ihre Aufgabe bestünde darin, kriminalsoziologisch fundierte politische Programme zu formulieren, die sich an den Problemen orientieren, die sich aus der professionellen Handlungssituation der Sozialarbeiter:innen ergeben (S. 117).

Sylvia Kühne und Christina Schlepper heben am Anfang ihrer Replikationsstudie hervor, dass die Studie von Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer als Klassiker der Devianzforschung gelte, dass aber im Kontext aktueller Diskussionen Zweifel bestünden, dass den zentralen Ergebnissen noch eine uneingeschränkte Gültigkeit zukomme (S. 128). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und wie sich die Ausübung sozialer Kontrolle von Fachkräften Sozialer Arbeit im postwohlfahrtsstaatlichen Kontext gewandelt habe. Aus diesem Grund wurden, fußend auf der empirischen Basis der Studie von 1975, Erkenntnisse über Veränderungen in der Handlungspraxis von Sozialarbeiter:innen gewonnen. Zudem haben beide Autor:innen untersucht, in welcher Weise sich postwohlfahrtsstaatliche Transformationen auf der Ebene des Helferverständnisses auffinden lassen, und zwar in Bezug auf das professionelle Selbstverständnis, das Adressat:innenbild der Fachkräfte, die Aktivierungspädagogik als Leitprinzip sozialarbeiterischer Interventionsstrategien und die zunehmenden Kooperationen mit anderen Instanzen sozialer Kontrolle. Diese vier Facetten, die als eng miteinander verwoben zu sehen sind, werden im ersten Abschnitt in den Blick genommen. So wird von den Autor:innen herausgestellt, dass Adressat:innen gegenwärtig weniger in ihrem strukturellem Umfeld gesehen werden als vielmehr als Resultat individueller Defizite und dass sich zwischenzeitig zwischen Sozialer Arbeit und Polizei eine ressortübergreifende Kooperation etabliert hat.

Ausführlich wird das methodische Vorgehen dargestellt. Die ethnographische Erforschung praktischen Handelns wurde in zwei Einrichtungen der Jugendgerichtshilfe und zwei Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe durchgeführt. Anhand der Ausführungen zu den Gesprächsarten und Interviews wird die Vielfalt methodischer Näherungen verdeutlicht.

Der dritte Abschnitt beginnt mit der Analyse der aktuellen Protokolle, dabei die Ergebnisse (z.B. die Schuldfeststellung) von Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer aufnehmend und vergleichend. Festgestellt wird von Sylvia Kühne und Christina Schlepper in Bezug auf die Schuldfeststellung in den von ihnen analysierten Gesprächen, dass die Sozialarbeiter:innen durchaus in der Tendenz im Anschluss an einem what happened und einem legal reasoning ihren Adressat:innen dazu raten, eine Anzeige bei der Polizei zu machen und einer Zuarbeit für die Justiz zugeneigt sind. Ein originäres Schuldfeststellungsinteresse ist jedoch nicht sichtbar. In Übereinstimmung mit der Originalstudie von 1975 ist die Tendenz registrierbar, dass sich Sozialarbeiter:innen als autarke Devianzbearbeitungsinstanz verstehen. Die beobachteten Sozialarbeiter:innen zeigen sich überwiegend daran desinteressiert, in Devianzkategorien zu denken und ebenso, „ein potentiell strafrechtlich relevantes Handeln ihrer Adressat:innen in Devianzkategorien zu bearbeiten“ (S. 178) und damit, einen Etikettierungsprozess eigeninitiativ in Gang zu setzen. Allenfalls erfolgen Hinweise auf strafrechtliche Relevanzen in indirekter Weise.

Anders als 1975 ist es zwischenzeitig Normalität im Arbeitsalltag der Sozialen Arbeit, mit anderen Instanzen sozialer Kontrolle, die ebenfalls im sozialarbeiterischen Hilfesystem verortet sind, zu kooperieren und im Falle der Kooperation mit Jugend- und Familiengericht sich gegen geschlossene Unterbringungen auszusprechen und etikettierenden Sanktionen von Instanzen wie Polizei und Justiz entgegenzutreten. Kooperation mit Fallbeteiligten wie Polizei und Justiz ist fester Bestandteil der sozialarbeiterischen Handlungspraxis im Jahr 2020. Im Blick auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Vergleich zur Originalstudie von 1975 registrieren Sylvia Kühne und Christina Schlepper wiederholt, dass Sozialarbeiter:innen nicht dazu neigen, in stärkerem Maße „Devianz zuzuschreiben und ihre Zuleitungen von einem Schuldfeststellungsinteresse leiten“ (S. 192) zu lassen.

Wie üben Sozialarbeitende soziale Kontrolle aus? Dieser Frage widmet sich der zweite Teil der aktuellen empirischen Studie. Dabei wird nicht auf die in der Originalstudie ermittelte Typologie von Strategien als Ausgangspunkt zurückgegriffen, sondern es wird in einem zweiten Analyseschritt kontrastierend gearbeitet. Folgende Typologie der Strategien zur Ausübung sozialer Kontrolle haben die Autor:innen herausgearbeitet: Aushandeln, auf den eigenen beruflichen Handlungsauftrag hinweisen, Dokumente in die Interaktion einbeziehen, soziale Kontrolle einbetten, Abschrecken, Responsibilisieren, Provozieren, Beschämen und Adressat.innen ausklammern. Diese Strategien werden den nachfolgenden Unterkapiteln der Studie an Protokollauszügen belegt und kommentiert. So wird in Bezug auf Aushandeln den Adressat:innen verdeutlicht, dass sich mit Angeboten nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten verbinden. Dokumente (Akten) z.B. werden als Stichwortgeber genutzt. Zielen einige Strategien darauf, soziale Kontrolle zu verdecken, um so die Kooperationsbereitschaft der Adressat:innen zu erhöhen, zeigt sich bei anderen Strategien eine andere Tendenz, z.B. im Falle des Abschreckens, etwa in Form des Informierens über negative Sanktionsmöglichkeiten und des Responsibilisierens, Heranwachsende dazu aufzufordern, Eigenverantwortung zu übernehmen sowie des Provozierens, eine Konflikte riskierende Variante des Aushandelns zu erzeugen. Besonders markant ist Beschämen. Die Autor:innen merken an (S. 228), im Rahmen einer sogenannten „Wachrüttelungstaktik“ ließen sich Drohungen mit Beschämungen auch als präventives Expositionstraining verstehen.

Wurde in der Entfaltung der Strategieaspekte nur punktuell eine komparative Perspektive zur Originalstudie eingenommen, so erfolgt im Sinne eines Resümees ein systematischer Vergleich auf die Typologien von Strategien im Sinne von Kontinuitäten und Diskontinuitäten. Ein zentraler Unterschied im Vergleich zur Originalstudie zeigt sich darin, „dass sich die Employability der Adressat_innen neben dem Legalverhalten“ in dem von den Autorinnen „beobachteten Gesprächen als prominenter Kontrollzweck erwiesen hat“ (S. 243).

Im fünften Abschnitt werden die von den Autorinnen identifizierten Diskontinuitäten im Zusammenhang mit den eingangs skizzierten Reflexionen zu postwohlfahrtsstaatlichen Transformationen unter Einbindung aktivierungspädagogischer und repressiver Wenden in der Sozialen Arbeit erörtert. Dabei wird der Blick auch auf die Einstellungsebene der Sozialarbeiter:innen gelenkt. Es wird in diesem Zusammenhang gefragt, ob und evtl. wie z.B. der Einsatz disziplinierender und responsibilisierender Handlungspraktiken mit einem veränderten Adressat:innenbild korrespondiert. In der Originalstudie von 1975 konnte noch herausgearbeitet werden, dass die Fachkräfte trotz Doppelmandat daran orientiert waren, „Hilfe im Interesse ihrer Adressat_innen zu leisten“ (S. 245). In der aktuellen Studie von Sylvia Kühne und Christina Schlepper schälen sich vier Typen von Helfer_innen heraus: Jugendhelfer_innen, Hilfekoordinator_innen, Balancierer_innen und neutrale Berichterstatter_innen. Die Merkmale der jeweiligen Typen werden anhand ausgewählter Protokollauszüge belegt, z.B. für den letztgenannten Typus: „Meine Aufgabe ist einen Bericht zu schreiben“. Registrierbar ist, dass es im Vergleich zur Studie von 1975 nicht mehr nur ein Helfer_innenselbstverständnis gibt und dass die Aufrechterhaltung des Selbstverständnisses als Helfer_in weit weniger von den Reaktionen der Adressat_innen abhängig zu sein scheint und damit auch ein Unbehagen gegenüber Kontrolle des aktivierenden Staates als überwunden anzusehen ist. Vielmehr ist typenübergreifend prägend, durch Zwang und Kontrolle Integration zu forcieren sowie Konsequenzen aufzuzeigen und auch umzusetzen (S. 261). Die Autor_innen sprechen diesbezüglich von einer repressiven Wende in der Sozialen Arbeit (S. 271) und damit einhergehend von einem veränderten Adressat_innenbild. Im Unterschied zur Originalstudie bringen die Fachkräfte in der Replikationsstudie auch konfliktriskierende Strategien zur Anwendung.

Replikation meint eigentlich die Bildung einer Kopie (S. 288). Dies kann die aktuelle Studie allein schon aufgrund der Differenzierung des Berufsfeldes und einer mit ihr verbundenen Segmentierung des Hilfeauftrages nicht leisten. So resultieren Unterschiede im Strategierepertoire der Fachkräfte „als spezialisierungs- und nicht […] als einrichtungs- oder organisationskulturell bedingt“ (S. 289). In Bezug auf die Implikationen zur postwohlfahrtsstaatlichen Transformation in der Sozialen Arbeit und der aus ihnen angenommenen Veränderungen entwirft die aktuelle Studie im Vergleich zur Originalstudie ein differenziertes Bild in Bezug auf das Helfer_innenselbstbild. Die Autor_innen stellen jedoch fest, dass sich der Wandel des Adressat_innenbildes in den Ergebnissen nur z.T. abbildet, „wie es die Diskussion um postwohlfahrtsstaatliche Transformationen in der Sozialen Arbeit und der aktuelle Forschungsstand nahelegen“ (S. 291). Es hat sich zwar in der Sicht der Autorinnen die Distanz zur Justiz verringert, gleichwohl werden jedoch nicht Fälle eigeninitiativ an die Strafverfolgung weitergeleitet. Dies ist verknüpfbar mit der Annahme, dass Sozialarbeiter_innen nicht stärker bereit sind, sich an der Devianzproduktion als 1975 zu beteiligen. Abschließend heißt es, zwar würden sich im Vergleich zur Originalstudie Fachkräfte häufiger als unsanfte Kontrolleure erweisen, die sich in den Dienst von Employability stellen, aber im Einklang mit der Studie von Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer aus etikettierungstheoretischer Sicht nicht häufiger labeln als damals.

In einem die Replikationsstudie ergänzenden Beitrag stellen Margarete Killian, Jan Wehrheim und Clara Will „Überlegungen zur sozialen Selektivität der Jugendgerichtshilfe“ auf der Grundlage der Protokolle und Interviews an. Bereits in der Originalstudie war festgestellt worden, dass es keine statusbezogenen Auffälligkeiten aufgrund eines überwiegend vergleichbaren sozialen Status geben dürfe. An der Zusammensetzung der Adressat:innen der Sozialen Arbeit hat sich im Vergleich zu 1975 wenig verändert. Die Zahl der unterprivilegierten bzw. der Unterschicht zugehörenden Jugendlichen ist nach wie vor sehr hoch. Vor diesem Hintergrund ist das Sample auch nach den intersektionalen Differenzkategorien race, class und gender untersucht worden. Feststellbar ist: die soziale Selektivität überlassen die Jugendgerichtshelfer:innen nach wie vor anderen Instanzen sozialer Kontrolle: Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichten. Es wird jedoch auch nicht versucht, die soziale Selektivität dieser Instanzen zu durchbrechen. Im letzten Teil des Beitrages werden Handlungsempfehlungen formuliert: u.a. sollte sich die justiznahe Soziale Arbeit vom Kriterium der Legalbewährung emanzipieren; justiznahe Soziale Arbeit sollte nicht durch Anraten zur Anzeige Kriminalisierungswahrscheinlichkeiten erhöhen und damit auf eine staatliche Enteignung von Konflikten setzen. Schließlich sollte die Soziale Arbeit strukturelle Probleme sozialpolitisch zum Thema machen.

Der Band findet seinen Abschluss in zwei Beiträgen der Autor:innen der Originalstudie von 1975. Helge Peters thematisiert in seinem Beitrag in einem historischen Rückblick Entwicklungen der Verberuflichung, organisationale Lagen und Funktionseinbußen der Sozialen Arbeit. Am Ende seines Beitrags konstatiert der Autor mit Blick auf die Zeit der Erstellung der Originalstudie: Die SozialarbeiterInnen wollten HelferInnen sein; Wissenschaften spielten keine handlungsleitende Rolle, höchstens eine diskursive Bedeutung.

Differenziert geht Helga Cremer-Schäfer auf die erste Hälfte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein, auf wegweisende Beiträge von Hans Thiersch zu stigmatisierender Jugendhilfe (1969) und Klaus Mollenhauer zur Klientifizierung. In ihrem Beitrag stellt die Autorin zwei Fragen (S. 333): „Welche Art Fortschritt haben wir am Beispiel der praktizierten sozialen Kontrolle der Sanften Kontrolleure beobachtet? Welches (unausgesprochene) Etikett für ihr Objekt ermöglichte die beobachtete Unterlassung der Zuschreibung von Devianz?“. Die Autorin arbeitet nachfolgend heraus, dass es darum gehe, die Grenzen und Widersprüche wohlfahrtsstaatlicher „Problemlösungen“ theoretisch und praktisch zu bearbeiten. Und es gehe darum, die Aufmerksamkeit wieder auf „institutionelle Stigmatisierung“ zu lenken. Zum letzteren konstatiert die Autorin, dass eine Minimalbedingung wohlfahrtsstaatlich organisierter Hilfe mit Devianten ohne Stigmatisierung darin zu sehen ist, ein Recht auf Nicht-Teilnahme zu akzeptieren und gleichwohl gesellschaftlich dazuzugehören. Nicht-Teilnahme verordneter Lebenslaufdisziplin meint, phasenweise aus dem Lohnarbeitszwang ausscheiden zu können und eine Flexibilisierung. Anders formuliert, ein Leben nach eigenen Bedürfnissen dürfe nicht mehr an Lohnarbeit und an Normkonformität geknüpft sein. Bezogen auf Etikettierung heißt dies, nicht zu stigmatisieren, sondern gemäß der Begrifflichkeit der Interaktionist*innen zu beschreiben.

Diskussion

Mit dem Sammelband „Sanfte Kontrolle?“ legt der Herausgeber Jan Wehrheim eine einfalls- und erkenntnisreiche empirische Vergleichsstudie vor. Originell ist die Studie überdies, da ein thematischer Vergleich mit einer zeitlichen Differenz von fünfundvierzig Jahren mit erheblichen Umsetzungsschwierigkeiten, bezogen auf die Replikationsstudie, verknüpft ist. Die aufwendungsreiche Arbeit lösen Sylvia Kühne und Christina Schlepper in vorzüglicher Weise. Sie weisen auf die Grenzen der Replikation aufgrund der Weiterentwicklung des spezifischen Handlungsfeldes wiederholt hin. Gelungen ist auch die Verknüpfung der empirischen Ergebnisse und ihrer Erklärungen im postwohlfahrtsstaatlichen Kontext.

Die Originalstudie von Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer haben bei dem Rezensenten Erinnerungen wachgerufen, nicht nur in Bezug auf die von beiden Autor:innen herangezogenen Arbeiten aus dem Anfang der siebziger Jahre, sondern auch, weil ich selber 1970 im Handlungsfeld der Schule im Rahmen meiner damaligen Dissertation Stigmatisierungsprozesse (angeregt durch den Beitrag von Hans Thiersch in der Z. f. Päd. 1969) in der Schule untersucht habe und auf der Grundlage der Etikettierungstheorie so abweichende Schülerkarrieren erklären konnte.

Eine wichtige Ergänzung zur Replikationsstudie schafft der Beitrag zur sozialen Selektivität in der Jugendgerichtshilfe von Margarete Killian, Jan Wehrheim und Clara Will.

Die beiden abschließenden Beiträge von Helge Peters und Helga Cremer-Schäfer schaffen einen guten Schlussakkord für den Sammelband. Insbesondere der Beitrag von Helga Cremer-Schäfer bringt in Bezug auf bearbeitbare Grenzen zur sanften Kontrolle und zur Stigmatisierung wichtige Impulse.

Fazit

Der Sammelband bildet eine geeignete Folie für andere Vergleichsstudien. Der Band schafft vielfältige Anregungen, sich mit weiteren und anderen Fragen der Entwicklung der Sozialen Arbeit unter Einbeziehung der gesellschaftspolitischen Kontexte Anfang der siebziger Jahre im Vergleich zu „heute“ auseinanderzusetzen.

Der Band „Sanfte Kontrolle?“ eignet sich insbesondere für geduldige Leser:innen aufgrund des Datenreichtums, dürfte aber in methodischer wie auch inhaltlicher Hinsicht für Masterstudierende und ebenso für Professionelle im Handlungsfeld justiznaher Sozialer Arbeit von großem Gewinn sein.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
E-Mail Mailformular


Alle 50 Rezensionen von Hans Günther Homfeldt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 24.06.2021 zu: Jan Wehrheim: Sanfte Kontrolle? Devianz, Etikettierung und Soziale Arbeit: 1975 und 2020. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6170-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28340.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht