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Irit Wyrobnik: Korczaks Pädagogik heute

Cover Irit Wyrobnik: Korczaks Pädagogik heute. Wertschätzung, Partizipation und Lebensfreude in der Kita. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. 165 Seiten. ISBN 978-3-525-70305-2. D: 20,00 EUR, A: 21,00 EUR.
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Thema

Das vorliegende Buch stellt Korczak in den Kontext frühkindlicher Pädagogik und betrachtet damit das Thema aus einer bislang wenig rezipierten Perspektive. Dabei geht die Autorin der Frage nach, wie sich Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindertageseinrichtungen wertschätzend, partizipativ und fröhlich gestalten lassen und was diesbezüglich von Janusz Korczak gelernt werden kann.

Das Buch beansprucht theoretische und praxisorientierte Anregungen für pädagogische Fachkräfte in Krippe, Kindertagesstätte und Kindertagespflege zu liefern.

AutorIn oder HerausgeberIn

Prof*in Dr*in Irit Wyrobnik hat an der Hochschule Koblenz eine Professur, in der sie u.a. zu den Themen Erziehungs- und Bildungsprozesse in der Kindheit, Elementardidaktik und Professionalisierung der Frühpädagogik, sowie zur Pädagogik Janusz Korczaks forscht und lehrt.

Aufbau

Im ersten Kapitel des Buches gibt die Autorin einen kurzen Überblick über Janusz Korczak und die Aktualität seiner Pädagogik. Sie konstatiert, dass Korczak zunehmend im Bereich der Kindheits- und Sozialpädagogik rezipiert wird, der Bereich der frühen Kindheit jedoch noch vernachlässigt wird. Dem schließt die Autorin einen biografischen Einblick an, in dem sie auf ihn als Schriftsteller, Arzt und Pädagogen eingeht.

Das zweite Kapitel beinhaltet Angaben zur frühen Kindheit Korczaks, sowie seiner praktischen Erfahrung mit Kindern. Dazu gehört seine pädagogische Arbeit mit Kindern als Oberschüler und Student, seine Lehrtätigkeit im Bereich der frühen Kindheit, seine Tätigkeit als Arzt im Berson-Bauman-Spital, seine Erfahrungen in den Sommerkolonien sowie sein Engagement im Bereich der Erzieher*innenausbildung. Darüber hinaus werden in diesem Kapitel die Schriften Korczaks vorgestellt, die sich im Bereich der frühen Kindheit bewegen. Dazu gehörten seine Fabeln, pädiatrische Schriften, aber auch seine bekannteren Schriften wie „Wie liebt man ein Kind“ oder „Bobo“. Die Autorin geht hier in ausführlicher Form auf den Inhalt der ausgewählten Schriften ein.

Nach den eher einführenden ersten zwei Kapiteln beinhaltet das dritte Kapitel Ausführungen zu Korczaks Bild von Erzieher*innen, sein Bild vom Kind und sein Bild von der Kindergruppe. Hier werden seine Vorstellungen veranschaulicht, um sie im vierten und letzten Kapitel in die Bedeutung seiner Pädagogik für die heutigen Kitas zu überführen. Dabei bilden die Themen „zwischenmenschliche Beziehungen“, „Partizipation“ und „Lebensfreude in der Kita“ den Schwerpunkt.

Inhalt

Die Autorin hat mit ihren ersten drei Kapiteln einen Überblick über Korczaks Leben und Werk gegeben, der sich auf den Bereich der frühen Kindheit fokussiert. Die konkrete Fragestellung, was von Korczak für die Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindertageseinrichtungen gelernt werden kann, wird erst im vierten Kapitel bearbeitet, weshalb hier inhaltlich nur auf dieses eingegangen wird.

Wyrobnik fasst Korczaks Pädagogik in drei Begriffen zusammen: Wertschätzung, Partizipation und Lebensfreude.

Wertschätzung

Zum Thema Wertschätzung setzt die Autorin den Begriff der Herzensbildung sehr prominent, betont jedoch, dass der Begriff veraltet anmutet und heute eher von emotionaler Intelligenz gesprochen werden würde. Dabei sei das Einfühlungsvermögen unerlässlich, da nur auf diese Weise Wertschätzung erst möglich wird. Anlehnend an Korczak wird die Herzensbildung vor die Geistesbildung gestellt, jedoch in den heutigen Einrichtungen stark vernachlässigt. Dort gehe es eher um die Aneignung von Schlüsselqualifikationen und Kompetenzen. Empathie sowie die dafür notwendige Selbstwahrnehmung und Selbstachtung hätten in den heutigen Institutionen zu wenig Raum. Laut Wyrobnik steht bei Korczak die Liebe zu anderen, sowie die Arbeit für andere an vorderster Stelle für ein glückliches Leben stehen.

Darauf aufbauend formuliert die Autorin sechs Anregungen zur Herzensbildung im Kita-Alltag, wie z.B. Wahrnehmung und Achtung der Gefühle von Kindern oder der Nutzen von Beobachtung sowie die Bedeutung des Dialogs.

Weiter werden die Begriffe der „Wertschätzung“ und „Achtung“ näher betrachtet. Wyrobnik betont dabei – ganz im Sinne Korczaks – die Bedeutung, Achtung vor Kindern als Menschen zu haben. „Kinder zu achten bedeutet ferner, sie zwar als im Wachstum Befindliche wahrzunehmen, sie aber gleichzeitig als den Erwachsenen gleichwertig und als Subjekte ihrer Handlungen zu betrachten.“ (S. 104). Aber auch Wertschätzung wird als unerlässlich für gelingende Beziehungen im Kita-Alltag vorgestellt. Hier geht die Autorin darauf ein, dass der von Korczak im Polnischen verwendete Begriff „szacunek“ eher dem Begriff der Wertschätzung und nicht dem der Achtung entspricht, weswegen sie dazu aufruft, verstärkt von Wertschätzung zu sprechen.

Auch zum Thema Wertschätzung bzw. Achtung gibt die Autorin insgesamt acht sehr wichtige Anregungen aus unterschiedlichen Perspektiven für den Kita-Alltag.

Partizipation

Der zweite von Wyrobnik gewählte Aspekt, der aus Korczaks Pädagogik resultiert, ist die Partizipation, die immer auch mit der Möglichkeit der Beschwerde einhergeht. Partizipation sollte schon für die jüngsten Kita-Kinder, also auch für die unter Dreijährigen möglich sein. Damit werden die Entwicklungs- und Selbstbildungsprozesse sowie Erfahrungen der Selbstwirksamkeit gefördert. Kinder erfahren so Wertschätzung als Subjekte und das demokratische und politische Bewusstsein kann so angelegt werden.

Als Beispiele der Alltagspartizipation führt die Autorin die „Anschlagtafel“ den „Briefkasten“ und das „Kameradschaftsgericht“ aus Korczaks pädagogischer Praxis auf. Diese dienten allen Akteur*innen des Warschauer Waisenhauses als Teilhabe- Kommunikations- und Beschwerdemittel. Dass Partizipation und Beschwerdemanagement ein bedeutender Ansatz in pädagogischen Einrichtungen sein muss, wird erst seit wenigen Jahren im deutschsprachigen Raum berücksichtigt. Umso mehr gewinnen Korczaks Ideen an Bedeutung.

Die zwölf von Irit Wyrobnik formulierten Anregungen für Kindertageseinrichtungen nehmen Korczaks Ansätze auf und betonen die Wichtigkeit der Selbstbestimmung im pädagogischen Alltag der Kinder, die konzeptionelle Verankerung von Partizipation sowie Ideen zu Teilhabe- und Beschwerdeverfahren. Aber auch zum Tragen von Verantwortung und Selbstdisziplin werden Beispiele aus Korczaks pädagogischer Praxis aufgegriffen und als anregenden Ideen für den Kita-Alltag aufgeführt.

Lebensfreude

„Kinder wollen lachen, rennen, übermütig sein. Erzieher, wenn für dich das Leben ein Friedhof ist, so erlaube wenigstens ihnen, das Leben für eine Wiese zu halten.“ (Korczak, SW, Bd.4, S. 187). Damit macht Korczak deutlich, welche Bedeutung Freude und Freiheit für die Kinder in seiner Pädagogik hat. Der pädagogische Alltag sollte von Humor und Leichtigkeit geprägt sein und nicht von starren Regeln und Beschimpfungen.

Dementsprechend stellt die Autorin sechs Ideen vor, die den pädagogischen Alltag mit Kindern bereichern können und aus Korczaks Schriften herausgearbeitet wurden. Dazu gehören bspw. den „heutigen Tag“ der Kinder und das „Hier und Jetzt“ wertzuschätzen, die Kinder zum Lachen zu bringen sowie besondere „Kalendertage“ einzuführen.

Diskussion

Die Autorin Irit Wyrobnik hat mit diesem Buch ein sehr wichtiges und bislang wenig beleuchtetes Thema in den Blick genommen und sich dabei auf die Primärliteratur von Janusz Korczak fokussiert.

Besonders positiv hervorzuheben ist der Praxistransfer, sodass pädagogische Fachkräfte mit einer relativ kurzen Lektüre nicht nur Janusz Korczak und seine Pädagogik kennenlernen, sondern auch ihre eigene pädagogische Praxis anhand der Anregungen reflektieren bzw. bereichern können.

Noch mal näher betrachtet und diskutiert werden müsste Korczaks Bild vom Kind. Hierzu schreibt Irit Wyrobnik: „Bei Korczak gibt es das Kind meist in der Mehrzahl, weil er häufig von einer ganzen Gruppe, also von vielen verschiedenen Kindern bzw. einer Kindergemeinschaft, spricht.“ S. 79. Diese Aussage mutet etwas missverständlich an, da Korczak in seinen pädagogischen Hauptwerken überwiegend vom jeweilig einzigartigen Kind (bspw. von Sara, Franek und Moische) spricht. Bewusst wählt er die Formulierung „das Kind“, um die Individualität eines jeden Kindes zu betonen. Diese Haltung teilte er auch mit seiner Haupterzieherin Stefania Wilczynńska, die bei der Durchsicht der Praktikant*innenhefte immer rot unterstrich, wenn die Praktikant*innen von „den Kindern“ sprachen und dazu in Rot die Frage stellte: „alle Kinder?“

Hochinteressant ist weiterhin Wyrobniks Abhandlung über den Begriff der „Achtung“ und „Wertschätzung“. Das polnische Wort „szacunek“ ist tatsächlich nicht eindeutig festzulegen. Neben der etymologischen Bedeutung, die durchaus die Übersetzung in „Wertschätzung“ sinnvoll macht, trägt der Begriff eine emotionale Komponente, die nur mit dem Begriff der Wertschätzung nicht abgedeckt ist und eher in Richtung „Achtsamkeit“ und „Achtung“ geht. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass im Diskurs um Menschenrechte stets mit der Formulierung der „Achtung der Menschenwürde“ gearbeitet wird. Diese Verwendung entspricht im hohen Maße Korczaks Lesart.

Wenn nun zusätzlich das Wort „Missachtung“ und der polnische Ausdruck „lekceważenie“ betrachtet wird, dann wird sehr klar deutlich, dass mit „Missachtung“ und „außer Acht lassen“ die Bedeutung der Originalaussage sehr viel nähergekommen wird, bspw. dass die Bedürfnisse des Kindes nicht „nicht wertgeschätzt“, sondern aktiv „missachtet“ werden.

Entgegen der Meinung, die englische Bezeichnung „respect“ stünde dem Wort „szacunek“ näher, fehlt dieser Vokabel der tiefe, wertschätzende Charakter.

Es ist also, wie die Autorin schreibt, nicht möglich, „szacunek“ eindeutig ins Deutsche zu übersetzen. Dies sollte bei Übersetzungen und insbesondere bei der Interpretation von Korczaks Werken mitberücksichtigt werden. Ob dabei eine Umbenennung von „Achtung“ in „Wertschätzung“ sinnvoll ist, müsste ausführlich diskutiert werden. Insbesondere, da bei der Übersetzung von Korczaks sämtlichen Werken einschlägige und zweisprachige Expert*innen wie Marta Ciesielska beteiligt waren. Hier wäre es sicherlich interessant, die Beweggründe für den Begriff der „Achtung“ zu erfahren.

Fazit

Das Buch „Korczaks Pädagogik heute. Wertschätzung, Partizipation und Lebensfreude in der Kita“ beinhaltet grundlegende Gedanken zu Janusz Korczaks Biografie und insbesondere seiner pädagogischen Ideen, die sehr ansprechend und in einfach zu verstehender Sprache vorgestellt werden. Hier fokussiert sich Wyrobnik auf den Bereich der frühen Kindheit und bezieht Korczaks Kindheit in ihre Ausführungen mit ein. Auf 160 Seiten bewerkstelligt die Autorin eine Zusammenführung von Einführung zu Korczak auf der einen Seite und differenzierte Betrachtung einzelner Aspekte inklusive Praxistransfer auf der anderen Seite.

Mit ihren Anregungen für die Praxis liefert Wyrobnik zudem Anhaltspunkte, wie die vorgestellten pädagogischen Ideen direkt in der Praxis umgesetzt werden können, was das Buch insbesondere für pädagogische Fachkräfte zu einer interessanten Literatur macht und dadurch sehr zu empfehlen ist.


Rezension von
Agata Skalska
Kindheitspädagogik M. A. wissenschaftliche Mitarbeiterin und Promovendin an der Hochschule Düsseldorf.
Homepage soz-kult.hs-duesseldorf.de/agataskalska
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Zitiervorschlag
Agata Skalska. Rezension vom 01.10.2021 zu: Irit Wyrobnik: Korczaks Pädagogik heute. Wertschätzung, Partizipation und Lebensfreude in der Kita. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. ISBN 978-3-525-70305-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28341.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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