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Andreas Gruschka, Marion Pollmanns u.a. (Hrsg.): Bürgerliche Kälte und Pädagogik

Cover Andreas Gruschka, Marion Pollmanns, Christoph Leser (Hrsg.): Bürgerliche Kälte und Pädagogik. Zur Ontogenese des moralischen Urteils. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 263 Seiten. ISBN 978-3-8474-2398-0. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Die Metapher der „Bürgerlichen Kälte“ geht zurück auf die klassische Kritische Theorie von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die das Frösteln und Frieren aus dem bildspendenden Bereich der unangenehmen physiologischen Befindlichkeit auf eine Gesellschaft beziehen, die vom falschen Bewusstsein ihrer Mitglieder geprägt ist. Deren ethisch-moralischen Normen, das „Soll“ ihrer Wertvorstellungen, kontrastiert mit ihrem „Sein“ und ihrem Handeln in ebendieser Gesellschaft. Das bürgerliche Dasein sei „geprägt durch eine gleichsam schizophrene Gleichzeitigkeit von Anpassung und Widerstand“ [1], denn einerseits seien die Akteur*innen in der bürgerlichen Gesellschaft eigenständig und kritikfähig, verfügten über ein ausgeprägtes Wertesystem, andererseits jedoch seien sie Funktionsträger*innen, die sich der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung zu unterwerfen hätten [2].

Wie dieses existenziell tiefgreifende Dilemma die Entwicklung der moralischen Urteilskraft nachhaltig beeinflusst und welche Dynamik diesem Prozess immanent ist, untersuchen Andreas Gruschka und eine Reihe von Forscher*innen in seinem Umkreis.

Herausgeber*innen

Dr. phil. habil. Andreas Gruschka ist Professor i.R. für Schulpädagogik und Allgemeine Pädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main.

Dr. phil. habil. Marion Pollmanns ist Professorin für Schulpädagogik an der Europa-Universität Flensburg.

Dr. phil. Christoph Leser ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pädagogik der Sekundarstufe an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main.

(Klappentext)

Entstehungshintergrund

„Bürgerliche Kälte und Pädagogik“ enthält die zusammenfassenden Darstellungen einer Forschungsgruppe, deren Mitglieder sich unter der Ägide von Andreas Gruschka und Marion Pollmanns teilweise seit den 1980er Jahre dem Thema „Bürgerliche Kälte“ gewidmet haben.

Aufbau

Die Publikation besteht aus einem doppelten Vorwort („Vorrede“ und „Avant propos“) und fünf Kapiteln, in denen die Forscher*innen nach einer Definition der zentralen theoretischen Kategorie und einer Abgrenzung von der Kohlberg-Schule detailliert über die empirischen Studien zur Ontogenese bürgerlicher Kälte berichten.

Ein Literaturverzeichnis und eine ausführliche, chronologisch geordnete „Bibliographie zum Kälteprojekt“ schließen den Band ab.

Inhalt

Das Cover des Buches präludiere den Inhalt insofern, als man ein „Denkbild“ vor Augen habe – so Andreas Gruschka in seinem „Avant-propos“. Auf dem Titelfoto sind zwei junge Frauen zu sehen, die in der Nachkriegszeit durch die Innenstadt von Fürth schlendern und beide ein Eis essen. Während die eine der beiden nahezu missbilligend auf zwei offensichtlich kriegsversehrte und bettelnde Männer am Straßenrand schaut, erkennt man im Blick der anderen, dass sie sich ostentativ abwendet. Der Versuch, Distanz zu wahren, offenbare, dass die beiden Frauen vom Anblick der Männer zwar berührt werden, sie sich aber gleichzeitig nicht in der Lage sehen, etwas gegen das Leid zu unternehmen.

Kapitel 1 (Bürgerliche Kälte – eine Zentralkategorie einer kritischen Pädagogik im Anschluss an Th. W. Adorno), ebenfalls aus der Feder von Andreas Gruschka, führt zu den Ursprüngen der „Erforschung der Kälte“ im Jahre 1987 und zu Adornos These „vom durch Kälte bedingten Universalgrund des falschen Zustandes der Gesellschaft und in ihr lebenden Individuen“ (S. 22). „Erziehung zur bürgerlichen Kälte“ beinhalte „weder ein offizielles Programm noch platt dessen häufig beklagtes Ergebnis wie das Desinteresse am anderen aus Egoismus und Gleichgültigkeit“. Vielmehr resultiere Kälte, wenn man sie ontogenetisch bestimme, „aus der Verarbeitung von vielfältigen Widerspruchserfahrungen zwischen Sein und Sollen“ (S. 23); als „Rechtfertigungsfigur für das grundsätzliche ‚Mitmachen‘ und ‚Einverstandensein‘“ diene Kälte „der moralischen Selbsterhaltung des Menschen“ (S. 24).

Um das bloße Moralisieren auf der Basis der Kältemetapher genauso zu transzendieren wie eine mögliche Kritik an ihr, geht Gruschka den Weg der Empirie. Es gelte zu fragen, „wie sich Kälte in gesellschaftlich geschaffenen Strukturen“ (ebd.) manifestiere und wie die Menschen, die in diesen Strukturen lebten, auf die Kälte reagierten, sie möglicherweise selbst Teil der Kälte würden.

Die klassische Erzählung bürgerlicher Kälte sei Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“, denn es führe „die Subsumierung des Individuellen, Besonderen, lokal Begrenzten unter ein Allgemeines“ (S. 27) vor. Gruschka konkretisiert diese These mit den bürgerlichen Idealen der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, indem er aufzeigt, wie diese in die bürgerlichen Normen der „Mündigkeit, Allgemeinbildung, Gerechtigkeit, Solidarität“ übersetzt werden, danach über den Weg der gesellschaftlichen Funktionen der „Legitimation, Qualifikation, Selektion“ letztendlich von den „Prinzipien bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung“, als da seien „Tausch, Leistung, Verfolgung des partikularen Interesses, Konkurrenz“ (S. 29), vereinnahmt werden. Die Ideale markierten keine abgehobene Idealität, sondern vielmehr eine Option für die Handlungspraxis, die aber durch Funktionalität hintergangen werde. Der moralische Anspruch persistiere, Kälte emergiere aus der Diskrepanz zwischen diesem Anspruch und seiner nicht erfolgenden Einlösung derart, dass Menschen den Widerspruch nicht bearbeiteten, sondern sich mit ihm arrangierten. „Sie entwickeln soziomoralische Orientierungen, die es ihnen erlauben, sich in diesem Widerspruch als sittlich gerechtfertigte Menschen zu erleben“. (S. 31)

Im Zuge einer Distanzierung zu Lawrence Kohlberg weist Gruschka darauf hin, dass für ihn das Resultat eines moralischen Urteils weniger wichtig sei als der Prozess, der zu diesem führe. So basiert Kapitel 2 (Wie misst und wie stimuliert man moralische Urteilskraft? Wie aus der Kritik an der Kohlbergschule ein eigenes Projekt wurde) auf dem Resümee der bekannten Kohlbergschen Dilemma-Sequenzen, soll dann aber verdeutlichen, dass die drei Entwicklungsstufen der Moraltheorie, die im post-konventionellen Urteil gipfeln, zwar gut nachzuvollziehen seien, dass sich jedoch „die normative Aufladung der Konstruktion“ bei einigen „Gedankenexperimenten“ aufdränge und die Wahl zwischen zwei Werten, die ein Dilemma suggeriere, zu kurz greife. Wenn das Entweder-Oder verweigert werde, wenn zum Beispiel Schüler*innen, wie Gruschka mit einem Unterrichtsbeispiel zu Kohlbergs berühmtem „Heinz-Dilemma“ illustriert, quer dazu argumentieren, sei es schwierig, die jeweilige Entwicklungsstufe auszumachen. Die Diskussionen in der Klasse seien ein Übungsfeld für bürgerliche Kälte, weil sie moralische Urteile auf unterschiedlichen Niveaus generierten und damit das Prinzip bürgerlicher Subjektivität spiegelten.

„Wie lernen Menschen, Widersprüche in ihr moralisches Urteil zu integrieren, und wie ließe sich darüber Aufklärung betreiben?“ (S. 60) – diese Frage steht am Ende des Kapitels.

Nachfolgend erläutert Gruschka das Procedere innerhalb der Kältestudien genauer (Kapitel 3: Wie lernt man, kalt zu werden? Zum Erkenntnisinteresse und Design der Kältestudien). Die ab 1986 zunächst unsystematisch erfolgten Studien zur „Kälte in Kindergarten, Schule und Universität“ (S. 61) basierten auf Beispielen „normaler Praxis“, wie sie sich unter anderem in „Klassenarbeitstexten“ oder „Konfliktgesprächen über Erziehungssituationen“ (ebd.) zeigen. Darin bereits habe sich die Disjunktion „zwischen den pädagogischen Versprechen und Normen und den Regeln und ihren Funktionen“ (S. 62) offenbart. Vor diesem Hintergrund sei eine Alternative zu Kohlberg formuliert worden mit dem Ziel, „den Prozess der Verwicklung mit moralischen Konflikten an der Stelle zu studieren, an der Moralentwicklung tatsächlich provoziert werden kann, nämlich mit den alltäglich erlebten Konflikten, die aus den Widersprüchen zwischen konkurrierenden Normen und der Spannung zwischen Sein und Sollen erwachsen“. (S. 63) Wenn Gruschka „Moralentwicklung als Rekonstruktion der Widerspruchserfahrung“ (S. 65) fokussiert, definiert er vier soziomoralische Normenbereiche der öffentlichen Erziehung (S. 67):

  • „Allgemeinheit der Bildung“
  • „Gerechtigkeit im Umgang mit Kindergartenkindern, Schülern und Studenten“
  • „Mündigkeit als Erziehungsziel“
  • „Solidarität als Umgangsform“

Er detailliert für jeden Bereich, wie sich die jeweiligen Normen konträr zu den Funktionen der pädagogischen Institutionen verhalten, bevor er zwei weitere Normbereiche, „Soziale Intimität und Moral der Liebe“ und „Umgang mit Gütern“, hinzufügt. Aus den Bemerkungen zu den Normbereichen erhellt die Hauptaufgabe der empirischen Untersuchungen, nämlich „der Integrationsleistung von Norm und Realität nachzugehen“ (S. 76).

Am Anfang der Experimente zur Ontogenese der bürgerlichen Kälte stehen dilemmatische „Szenarien“ aus den oben erwähnten Normbereichen, außerdem zum „Dilemma der Krankenpflege“ und zum „Dilemma der politischen Mündigkeit“. Es handelt sich um Konfliktsituationen, die gesammelt und zu altersspezifischen Narrationen, in denen sich der Clash zwischen pädagogischer Norm und gesellschaftlicher Wirklichkeit zuspitzt, verdichtet wurden. Um zwei Beispiele zu geben: Ein „Kindergarten-Szenario“ betrifft das Dilemma der Gerechtigkeit. Alle Kinder haben ein Stück Kuchen bekommen, ein Stück bleibt übrig und es stellt sich die Frage, wem dieses zusteht. Dem Kind, das noch nicht gefrühstückt hat oder doch eher dem Kind, das diesen Kuchen am liebsten mag? Ein Szenario für Oberstufenschüler*innen richtet sich auf soziale Intimität. Ein Mädchen wirft ihrem Bruder vor, dass er nur deshalb mit seiner Freundin zusammen sei, weil sie reiche Eltern habe und er aus der Beziehung materiellen Nutzen ziehen könne. Der Bruder indessen hält dagegen, indem er seine Hilfe bei Mathe und Französisch anführt. Daraufhin bezeichnet die Schwester die Beziehung als „bloßes Tauschgeschäft“.

Die Szenarien wurden vier- bis fünfjährigen Kindergartenkindern, Grundschulkindern (2. und 3. Klasse), Schüler*innen der 7. und 8. Klasse, Schüler*innen der Oberstufe (12. Klasse), Auszubildenden der Krankenpflege und Studierenden unterschiedlicher Studiengänge vorgelegt bzw. erzählt.

Im Verlauf der qualitativen Interviews stellte sich heraus, dass sich die Kinder, Jugendlichen und Auszubildenden gut in die Lage der Akteur*innen hineinversetzen konnten. In den insgesamt ca. 200 Interviews wurde die jeweilige Geschichte so gut wie nie als befremdlich aufgenommen.

Die Antworten auf die Fragen an die Proband*innen („Wie findest du, was da passiert ist?“, „Hast du so etwas auch schon erlebt?“, „Wie verhalten sich in deinen Augen die dargestellten Personen?“, „Wie würdest du dich verhalten?“, „Wie sollten sich die dargestellten Personen verhalten?“, „Würdest du die Situation gerne ändern?“, S. 85) wurden nach den Gesichtspunkten „eigene Erfahrung“, „materiale Lösung“, „Widerspruchserfahrung“, „Konzept der jeweiligen Norm“, „Kälteerfahrung“ und „Reaktionsmuster auf Kälte“ (S. 87) systematisiert.

In Kapitel 4 (Die Reaktionsmuster und ihre Ontogenese) beleuchtet Martin Heinrich die „Theorie der Ontogenese bürgerlicher Kälte“ (4.1, S. 89) im Allgemeinen, bevor er eine „heuristische Skizze zu Grundmomenten der Entwicklung“ vorstellt und insbesondere „Reaktionsformen“ (4.2) Revue passieren lässt. Da sei als Erstes „die vornormativ-präfunktionale Reaktionsform“ (S. 91), rekurrierend auf die „nicht-defizitorientierte Ethik der griechischen Antike“ (ebd.), die Kindergartenkinder so pragmatisierten, dass das Problem des letzten Kuchenstücks nicht auftauche. Die Knappheit des Kuchens könne verhindert werden, indem man mehr Kuchen zur Feier mitbringe.

Die folgende „regelkonforme Reaktionsform“ (S. 94) sei vor allem für Kinder ab dem Grundschulalter charakteristisch. Ihre Leitschnur sei das Verhalten der Erwachsenen, das sie kopierten. Wenn auf dem Schulfest Waffeln verkauft werden, so ein Szenario, und ein Schüler nur misslungene Exemplare produziere, dann gehöre er vom Backen ausgeschlossen. Nur einige Schüler*innen fühlten sich bei dieser Lösung unbehaglich.

Später erst bilde sich die „Widerspruchserfahrung“ (S. 97) heraus, indem den Heranwachsenden das konfligierende Verhältnis zwischen Norm und Funktion bewusstwerde. Vor diesem Hintergrund entwickle sich die „operative Reaktionsform“ (S. 97), die sowohl das Erkennen und die Hinnahme der Widersprüche als auch die Negation derselben in der Handlungspraxis umfasse.

Im Gegensatz zur operativen sei die „reflexive Reaktionsform“ vom „Wissen um die Unmöglichkeit einer praktischen Aufhebung der Widersprüche“ (S. 102) geprägt. Es erfolge „eine theoretische Distanzierung“, die Jugendlichen „abstrahieren von ihrer eigenen Verstricktheit in den Widerspruch als handelnde Subjekte und gewinnen so, zunächst befreit von pragmatischen Überlegungen, die Distanz zu einer theoretischen Reflexion des Widerspruchs, die sie am Ende zur Einsicht in dessen objektive Unauflösbarkeit führen kann“ (S. 102).

Den vier Reaktionsformen sind eine Serie von „Reaktionsmustern“ (4.3) untergeordnet, wie Marion Pollmanns und Andreas Gruschka akribisch und mit vielen Beispielen aus den Interviews spezifizieren. Die „naive Überwindung der Kälte verursachenden Strukturen“ (S. 106) gründe auf einem „intuitiven Wissen um die Bedingungen der Möglichkeit gelingender Sozialität“ (S. 107), das vom kindlichen Streben nach Harmonie und Sicherheit gefördert werde. Anhand eines Beispiels expliziert Gruschka, dass sich die Norm der Gerechtigkeit bei Kindergartenkindern noch nicht herausgebildet hat, sehr wohl aber die Idee von ihrer Verwirklichung (vgl. S. 115).

Die „fraglose Übernahme der Kälte verursachenden Strukturen“ (S. 115) sei bei Individuen anzutreffen, denen es gelungen sei, Norm und Funktion zu synthetisieren und eine pädagogische Praxis zu akzeptieren, die ihre Normen unterminiere. Gruschka identifiziert drei Strategien, mit denen sich Proband*innen obwohl sie im Widerspruch stehen, diesen transzendieren können: Im Kontext der Mündigkeitsnorm könne man eine „Umdeutung von Mündigkeit als Autonomie in Mündigkeit als Kompetenz der Regelbefolgung“ (S. 118) ausmachen. Solidarität werde ihres definitorischen Kerns beraubt und umgedeutet als ein Phänomen, das man sich durch Leistung verdienen müsse und schließlich modifiziere sich bei der Allgemeinbildung der Wortsinn dahingehend, dass es nicht mehr um Allgemeinbildung, sondern um die allgemeine Bildung der Schüler*innen gehe, die im Klassenverband die Ziele in den einzelnen Fächern mehr oder weniger erreichten. Die Immunität gegenüber dem antithetischen pädagogischen Umfeld triggere eine fraglose Hinnahme der Widersprüche.

Marion Pollmanns widmet sich der „Ahnung von Kälte“, einem Unbehagen, das manche Probanden verspürten, ohne sagen zu können, woher dieses genau rühre. So wie die „naive Überwindung“ sei dieses Muster, im Gegensatz zu vermutlich allen anderen, außerordentlich dynamisch, denn die Ahnung sei mit einem „Lavieren um den Widerspruch“, also mit einer „nicht stillstellbaren Dynamik“ (S. 120) verquickt. Das ungute Gefühl tendiere zur Auflösung.

„Dramatisierungen des Widerspruchs zwischen Norm und Funktion“ dividierten sich in zwei komplementäre Muster: „Opfer/Täter durch Kälte verursachende Strukturen“ (S. 121). Beide Typen seien über die Norm bzw. über das, was als richtig gelte, informiert, beide reagierten nicht nur unmittelbar auf die Widersprüche zwischen Norm und Funktion, sondern spiegelten diese ebenso wider. Der Täter sei darauf erpicht, in der Konkurrenz mit anderen zu gewinnen und profitiere auch von der Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Praxis. Täter und Opfer seien „äußerst realitätstüchtig und zugleich affirmativ“ (S. 128), antworteten „komplementär auf die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft, auf jene Widersprüche, die beide in ihrer Praxis hinnehmen – ob nun willig oder widerwillig“ (ebd.).

Die „Verdrängung falscher Praxis“ führe zu Proband*innen, denen beide Seiten einer dilemmatischen Situation bekannt seien. Sie selbst distanzierten sich jedoch davon und interpretierten den Widerspruch in einer Weise, dass er negiert werden könne. Christoph Leser und Marion Pollmanns exemplifizieren dieses Muster mit Szenen aus der Schule und der Universität.

Für das Praxisfeld der Krankenpflege definiert Karin Kersting drei „Varianten fiktionaler Auflösung der Kälte: Fallweises Aussteigen, Definitorische Auflösung, Virtuelle Auflösung“ (S. 130). Allen dreien sei eine imaginäre Flucht aus dem Arbeitsalltag immanent: Proband*innen, die das Muster „Fallweises Aussteigen“ aufwiesen, versetzten sich gedanklich in Situationen, in denen ihnen ein Kompromiss zwischen Norm und Funktion nicht mehr möglich sei. Identitätsstiftend sei die Intention, die aktuelle Praxis aufzugeben, wenn sich die Bedingungen verschlechterten. „Definitorische Auflösung“ sei an eine Neu-Interpretation des Gebotenen als Erfüllung der Norm gekoppelt. Im Vergleich zu anderen Einrichtungen, in denen die Norm gelte und ihr entsprochen werden könne, erscheine die eigene Praxis als realitätskonformer Beitrag zur Verwirklichung der Norm. Eine „virtuelle Auflösung des Widerspruchs“ verlagere die normgerechte Pflege in eine unbestimmte Zukunft und gebe auch der Idee der Gegenrechnung Raum, dass sich die „aktuelle Unterbietung“ der Norm durch ihre spätere Erfüllung kompensieren ließe.

Martin Heinrich und Markus Uecker beschreiben die „Idealisierung falscher Praxis“, zur operativen Reaktionsform gehörend, anhand eines Beispiels aus der Schule: einem Schüler, der stottert, soll möglicherweise seine Rolle bei einer Theateraufführung entzogen werden. Ein Schüler habe bei diesem Szenario dafür plädiert, dem Schüler die Rolle nicht wegzunehmen, sondern ihn aufzufordern, sich mehr anzustrengen. Eine solche „demonstrative Solidarität mit dem Schwachen als Diskriminierung“ sei ambivalent, was der vordergründig solidarische Schüler nicht bemerke. Der „berechtigte Einspruch gegen die schlechte Praxis“ werde „in einen gesellschaftlich akzeptierten Problemlösungsmodus überführt […], der die Widersprüche unangetastet lasse“ (S. 141). Ähnlich paradox sei die „vernünftige Solidarität als Solidarität mit den Starken“ (ebd.), denn diese involviere den Vorschlag, dass sich der Schüler, dem der Verlust der Rolle drohe, selbst mehr Mühe geben solle und ihm gleichzeitig Hilfe, evtl. Einzelproben, geboten werde. „Technokratische Solidarität als Fungibilität“ – so bestimmen die Autoren den Vorschlag einer Doppelbesetzung, die vom Lehrer zu organisieren sei. Auch dies trage nicht dazu bei, den Konflikt zwischen Norm und Realität zu lösen. Obwohl sich alle drei Probanden bemüht hätten, eine gute Lösung zu finden, werde die „schlechte Praxis“ nicht angetastet und der Blick für die fortbestehenden Widersprüche zwischen Solidaritätsnorm und Leistungsprinzip bleibe verstellt.

Wie „Kompensation für falsche Praxis“ funktioniert, belegt Karin Kersting anhand des Konflikts zwischen der Norm patient*innenzentrierter Pflege und der Realität in einem Krankenhaus. Eine Probandin plädiert dafür, sich im Alltag etwas mehr Zeit für Pflegetätigkeiten zu lassen und Ausnahmesituationen zu kreieren, in denen vorübergehend die Norm regiere. Proband*innen, die mit solchen Kompensationen reagierten, seien sich darüber im Klaren, dass „das zeitweise Einlösen des Geforderten nicht das sonstige Nicht-Einlösen“ wettmache (S. 149).

„Individuelle Auflösung der Kälte“ bedeute, dass die Pflegeperson ihren Idealen treu bleibe und diese wenigstens für sich selbst zu realisieren versuche. Eine Pflegeschülerin lasse die Regel der Normerfüllung gegenüber den Sachzwängen dominieren, sodass die „herrschende Funktionslogik“ vorübergehend außer Kraft gesetzt sei. Eine solche Individualität sei indessen an die Freiräume gekoppelt, die andere der Probandin ließen. Allein deshalb könne die „individuelle Auflösung“ nicht zum allgemeinen Prinzip erhoben werden (vgl. S. 152).

„Reflektierte Hinnahme der Kälte“, so erläutert Martin Heinrich, bestehe z.B. in „der Reaktion auf den Widerspruch zwischen Allgemeinbildungsnorm und Selektionsfunktion des Bildungssystems“ (ebd.). Proband*innen mit diesem Reaktionsmuster arbeiteten sich gedanklich an dem Widerspruch zwischen Sollen und Sein ab, um diesen in letzter Konsequenz als unhintergehbar zu erkennen. Sie seien „realitätsgerecht und resigniert“ (S. 154).

Das Muster der „drohenden Dekomposition“ bezieht Martin Heinrich auf einen Studenten, der sich wegen eines Losverfahrens zu den begehrten Plätzen in einem Seminar empört. Eine hochgradig affektgeladene Reaktion lasse kein moralisches Urteil zu. Der Student nehme „den objektiv gegebenen und nicht zu schlichtenden Widerspruch quasi in sich auf“ (S. 156). Im höchst „krisenhaften Umgang“ mit Widersprüchen laufe das moralische Urteilsvermögen Gefahr, zu dekomponieren, die affektive Aufladung habe Handlungsunfähigkeit in ihrem Gefolge.

„Reflektierte Identifikation mit der Kälte“ erhebe „die Funktion als Norm“. Ein Student, der es als gegeben hinnehme, dass in einem Seminar nicht genug Plätze für alle zur Verfügung stehen und sich somit das Problem der Verteilung stellt, akzeptiere die „Grundbedingungen bürgerlicher Kälte“ und damit die „konsequente mündige Selbstfürsorge in einem Konkurrenzsystem“ (S. 158). Dies sei ein „kohärentes Deutungsmuster“, dem ein moralisches Urteil innewohne, denn das, was gesellschaftlich funktional sei, werde auch als moralisch legitim eingestuft.

Als Letztes Deutungsmuster führt Martin Heinrich den „reflektierten Protest gegen die Kälte“ an. Mit diesem Muster distanziere man sich von der „reflektierten Identifikation mit der Kälte“. Probanden mit diesem Reaktionsmuster ständen sowohl dem gesellschaftlichen Status quo als auch den Anstrengungen, in diesem moralisch zu handeln, kritisch gegenüber. Der Widerstand allein zähle.

Obwohl die Reihenfolge der Reaktionsformen eine „Entwicklungslogik“ oder eine „Stufentheorie“ nahelegten, gehe aus dem empirischen Material hervor, dass eine solche Schlussfolgerung nicht indiziert sei, dies stellt Martin Heinrich zu Beginn des Kapitels 4.4. (Triebkräfte und Entwicklungsmomente der Ontogenese von Kälte) klar. Gegenüber der Vorstellung „einer linearen Entwicklungstheorie zur Ontogenese von Kälte“ sei Vorsicht geboten, denn gegen die Idee einer „reifungs- und erfahrungsbedingten Dezentrierung des Subjekts“ (S. 164 f.) spreche unter anderem die Kindlichkeit mancher Reaktionen von Erwachsenen. Nur einige Aussagen ließen sich zu Entwicklungsmomenten der Ontogenese von Kälte verallgemeinern:

  • „Von der vornormativ-präfunktionalen Reaktionsform zur regelkonformen“ insofern, als das Stadium der „naiven Überwindung von Kälte“ im Hinblick auf eine erfolgreiche Sozialisierung transzendiert werden müsse (S. 166)
  • „Von der Stabilität der ‚Fraglosen Übernahme‘ und der ‚Ahnung von Kälte‘ zur operativen Reaktionsform“ (S. 168) – obgleich die Widersprüche dauerhaft zur Normalität werden könnten, sei es genauso möglich, dass sie als Grundkonstellation empfunden werden würden, an der man Unbehagen empfinde. Dann strebe das „ungute Gefühl“ zur Auflösung, eine regelkonforme Reaktion sei nicht mehr möglich. Die „Ahnung von Kälte“ allein weise jedoch Instabilität auf.
  • „Generalisierung von Erfahrungen als Entwicklungsmoment hin zur operativen Reaktionsform“ (ebd.) äußere sich unter anderem in den komplementären Rollen von Opfer und Täter. Jugendliche lernten Kälte als einen kausalen Handlungsnexus kennen, in dem es Täter und Opfer gebe.
  • „Von der operativen zur reflexiven Reaktionsform“ (S. 169) – alle operativen Reaktionsmuster auf das antithetische Verhältnis von Sollen und Sein seien gesellschaftlich akzeptiert, weil sie keine Veränderungen nach sich zögen. Welche Bedingungen zur Genese der reflexiven Reaktionsformen führten, könne allein durch „biographische Forschung oder Längsschnittstudien“ eruiert werden. Der Übergang von der operativen zur reflexiven Reaktionsform finde nicht bei allen Individuen statt.

Kapitel 5 konzentriert sich auf normbereichsspezifische Befunde zur Ontogenese der bürgerlichen Kälte. Nach knappen Bemerkungen zu den bislang nicht systematisch untersuchten Normbereichen „Solidarität“, „Umgang mit Gütern“ und „Soziale Intimität“ stehen Befunde zur Desensibilisierung gegenüber dem Widerspruch zwischen bürgerlichen Normen öffentlicher Erziehung und Funktionen des Bildungswesens (5.1) im Zentrum. Für den „Normbereich der Allgemeinbildung“ konstatiert Marion Pollmanns, dass bei allen dazu Befragten das Muster der „fraglosen Übernahme“ die Oberhand gewinnt. Was die Reaktionsmuster auf den Normbereich der Gerechtigkeit betrifft, so sind diese, wie Christoph Leser herausstellt, wesentlich facettenreicher. Von der „naiven Überwindung“ und der „Ahnung von Kälte“ in Kindergarten und Grundschule bewegen sich die Muster zur Einnahme der Perspektive des „Täters“ über die „Idealisierung falscher Praxis“ hin zur „reflektierten Hinnahme“ und dem „reflektierten Protest“ an der Hochschule. In puncto Mündigkeit bilde sich ein normatives Verständnis zu einem späteren Zeitpunkt heraus, für Kindergartenkinder scheine es noch kein Thema zu sein. Der Widerspruch werde jedoch früher reflektiert und die „Bereitschaft, die systematische Unterbietung der Norm zu Protest gehen zu lassen“ (S. 201) falle größer aus als im Normbereich Allgemeinbildung.

Befunde aus ergänzenden Studien (5.2), die das Kapitel abrunden, betreffen das „Coolout“ in der Krankenpflege, daneben die „Ontogenese bürgerlicher Kälte im Bereich der politischen Mündigkeit“ und schließlich sogenannte „Kalte Reformer“ bzw. die Art und Weise, wie Lehrer*innen damit umgehen, ihre didaktischen Ideale ad acta legen zu müssen.

Marion Pollmanns resümiert die Forschungsergebnisse der breit rezipierten Dissertation von Karin Kersting (2001), in der die Ontogenese der Kälte allein auf dem Sektor der Pflegepraxis untersucht wird. In weiteren Studien wurden Praxisanleiter*innen und Pflegepädagog*innen befragt. Während bei den Pflegenden eindeutig die „Idealisierung falscher Praxis“ überwiege, neigten die Anleitenden zur „fraglosen Übernahme“. Erst bei den Lehrpersonen stehe eine „reflektierte Hinnahme“ der Widersprüche im Zentrum.

In der zweiten ergänzenden Studie, durchgeführt von Christoph Leser, steht die Frage im Mittelpunkt, „inwiefern sich die Erfahrung des Widerspruchs zwischen einer proklamierten Erziehung zur Mündigkeit als der Befähigung zu Urteil und Kritik und einer erwarteten funktionalen Mündigkeit im Sinne der freiwilligen Befolgung eines heteronomen Regelwerks in der Bereitschaft widerspiegelt, demokratische Rechte in Gebrauch zu nehmen und gegen Angriffe zu verteidigen“ (S. 215). Eine Studie mit Schüler*innen der Jahrgangsstufe 9 an zwei „maximal kontrastiv gewählten“ (ebd.) Gesamtschulen, in deren Verlauf den Proband*innen das Szenario zur Mündigkeit im Allgemeinen aus den „Kältestudien“ und ein neu entwickeltes Szenario zur politischen Mündigkeit vorgelegt wurden, ergab, dass sich „die erfahrene Ohnmacht gegenüber der Definitionsmacht der Lehrer*innen als handlungsleitend“ herausstellte. Der Vergleich zwischen den Schulen weise dabei kaum Unterschiede auf.

In der letzten ergänzenden Studie richtet Dimitrios Nicolaidis den Blick auf einen Physiklehrer, der weder sein Studium als gewinnbringend für seine Tätigkeit erlebt habe noch die Erfahrung mache, dass der Stoff, den er laut Lehrplan vermitteln solle, in die Lebenswelt seiner Schüler*innen eingebettet sei. Zwar verfüge er über ein alternatives didaktisches Konzept, doch die Institution verhindere, dass er dieses umsetze. Mit seiner Studie, so Nicolaidis, habe er ein „Paradoxon aufzeigen“ können, denn „das dem Pädagogen unterstellte Streben, die Norm einzulösen, dem die Funktion entgegensteht“, habe sich im Fallbeispiel „tatsächlich gegenteilig als eine fachdidaktisch begründete Orientierung an der Entmaterialisierung“ des Faches erwiesen, „die durch die funktionale Setzung des Lehrplans verhindert“ (S. 232) werde.

Kapitel 6 besteht aus einer Zwischenbilanz der Einsichten in die Ontogenese bürgerlicher Kälte und bietet einen Ausblick. Marion Pollmanns und Christoph Leser betonen, dass sie dafür nur die bislang fertiggestellten Studien, nicht jedoch alle Analysen im Rahmen des Projekts, herangezogen hätten. Das Muster der „fraglosen Übernahme“ sei in allen berücksichtigten Normbereichen und in allen Alters- bzw. Proband*innengruppen anzutreffen. Theoretische Aussagen über potenzielle Entwicklungen seien mit Vorsicht zu genießen, ziemlich sicher sei allein, dass sich die „Widerspruchserfahrung als Schwelle herausgestellt“ (S. 240) habe, denn nach der kognitiven Erfassung des Widerspruchs von Norm und Funktion sei eine regelkonforme oder vornormativ-präfunktionale Reaktion nicht mehr möglich (vgl. ebd.). „Die Idee einer Ontogenese bürgerlicher Kälte als Höherentwicklung“ (ebd.) lehne man ab, denn die Konstruktion der „Kälte-Ellipse“ als Kreislauf lege nahe, dass sich mit dem anfänglichen Muster der „naiven Überwindung“ genauso wie mit dem zuletzt aufgeführten Muster des „reflektierten Protests“ Widerstand gegen die Kälte rege.

Es bedürfe nun weiterer Studien, um Entwicklungsmöglichkeiten der Widerspruchserfahrung gegen Kälte auf ein empirisches Fundament zu stellen.

Inspirierend für weitere Forschungen seien insbesondere die „Coolout“-Studien, mit denen deutlich werde, „welche Durchschlagskraft die Figur der Kälte in der Pflegepädagogik“ (S. 244) besitze. „Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen“ könne man „Kältereaktionen“ erforschen und „verfolgen, warum nicht zu Protest geht, was gemessen an den bürgerlichen Normen und Idealen doch eigentlich zu Protest gehen müsste“ (S. 245).

Diskussion

Die Studien zur bürgerlichen Kälte und zur Ontogenese des moralischen Urteils, die der vorliegende Band versammelt, haben sehr gute Chancen, das hochgradig substanzielle, existenziell omnipräsente und gleichermaßen enorm faszinierende Thema in das Bewusstsein einer breiten und damit nicht nur wissenschaftlichen Öffentlichkeit diffundieren zu lassen. Mit dem Rekurs auf die Kritische Theorie offerieren die empirischen Analysen eine vorzügliche De- und Rekonstruktion dessen, was man extrem verkürzt als „falsches Bewusstsein“ etikettieren kann.

Zu Beginn vermisst man viele Begriffe, die man im Kontext der Ontogenese von Kälte und vor allem als Remedia dagegen erwartet hätte, so etwa Inklusion, Diversität, Empathie oder Partizipation. Letztere kommt erst im Beitrag von Christoph Leser in den „Befunden zur bürgerlichen Kälte im Bereich politischer Mündigkeit“ ins Spiel. Ein solches spätes und eher lakonisches, prätheoretisches Auftauchen mag auf den ersten Blick zwar als Manko erscheinen, pointiert aber eher, dass sich Andreas Gruschka und seine Mitautor*innen der oftmals unpräzisen Verschlagwortung der Pädagogik ab den 2000er Jahren entziehen.

Mit der detaillierten Analyse des Fotos aus der Nachkriegszeit gelingt Gruschka ein äußerst treffender und prägnanter Einstieg in die Thematik. Sicher hätte das Bildmaterial aktueller sein können, allerdings wirkt die gewählte Abbildung insofern glaubhafter, als sie eine Diachronie impliziert, die auch die Ursprünge „moderner Kälte“ in der Nachkriegszeit mitbedenkt.

Dass er gegenüber Lawrence Kohlberg und der kognitiven Entwicklungstheorie des moralischen Urteils eine kritische Perspektive einnimmt, erklärt Gruschka hinreichend. Dabei aber recht apodiktisch mit dem Wort „Abstoßung“ (S. 31) zu operieren, ist schon allein deshalb überzogen, weil das „quere Argumentieren“ zu den Stufen der Kohlbergschen Theorie ein tragfähiges Fundament für die differenzierteren Reaktionsformen sowie -muster in Anbetracht bürgerlicher Kälte bildet. Kohlbergs Stufen nach der Kritik erneut aufzugreifen und herauszuarbeiten, inwieweit sie mit den soziomoralischen Reaktionen auf Kälte kompatibel sind oder eben nicht, hätte den Studien einen begrüßenswerten Twist verliehen. Leider bleibt es auch dann, wenn Martin Heinrich die „Triebkräfte und Entwicklungsmomente der Ontogenese von Kälte“ (4.4) zusammenfasst, bei der knappen subsidiären Referenz auf Kohlberg und zusätzlich Jean Piaget. Dass sich bei den empirischen Studien zur Kälte-Entwicklung keine Linearität offenbart habe und dass deshalb an der zunehmenden Komplexität des moralischen Urteils, wie sie Kohlberg und Piaget propagieren, gezweifelt werden müsse, lässt sich nachvollziehen. Eine weitere Elaboration dieses Aspekts hätte die Attraktivität der Analysen gesteigert.

Alle geschilderten „Szenarien“ wirken bereits beim ersten Kontakt damit sehr realitätsnah. Schade ist, dass sie in Kapitel 3.4 in unterschiedlicher Intensität aufgeführt worden sind und auch die Szenarien, die den ergänzenden Studien in Kapitel 5.2 zugrunde liegen, lediglich kursorisch bleiben. Man wünscht sich hier eine identische und gleichzeitig systematischere Präsentation der Szenarien in ihrer gesamten narrativen Ausgestaltung, exakt so, wie sie den Proband*innen vorgelegt worden sind. Praktizieren ließe sich dies auch mit einem Link zu einer Website.

Reaktionsformen und Reaktionsmuster, die im Kontakt der Proband*innen mit den Szenarien zu beobachten sind, fließen mit den kognitiven Momenten des „naiven Zugangs“, der „Widerspruchserfahrung“, der „praktischen Hinnahme“, der „praktischen Negation“ und der „Einsicht in Kälte“ in das Modell der „Kälte-Ellipse“ (S. 106) ein. Mit den mannigfachen Beispielen aus den unterschiedlichen Lebenswelten der Befragten wird die Ontogenese der Kälte sehr lebendig und sehr präzise, es differenzieren sich Formen und Muster auf paradigmatische Weise aus, wobei sich der methodische Weg vom Besonderen zum Allgemeinen deutlich abzeichnet. Dennoch hätte insbesondere die Korrespondenz von Reaktionsformen und Reaktionsmuster stärker theoretisiert werden können – kaum jemand rekurriert bei der Beschreibung des jeweiligen Musters auf die Form, aus der sich dieses ergibt. Daher trägt das an sich ausgezeichnete und sehr lange Kapitel 4, „Die Reaktionsmuster und ihre Ontogenese“, die Spuren seiner Entstehung. Man kann nicht umhin, beim Lesen zu bemerken, dass relativ viele Autor*innen am Werk waren. Gerade bei diesen zentralen Ausführungen ist es nicht günstig, dass die Verfasser*innen oft alternieren. So manifestiert sich zum einen der Hybridcharakter der Publikation, deren Gattung schwer zu bestimmen ist (Monografie oder doch eher ein Sammelband?) und zum anderen meint man zu spüren, dass manche Studien länger zurückliegen.

Es ist des Weiteren ein Fauxpas, dass nur ein einziger Autor, Christoph Leser, gendert, dass zudem an keiner Stelle erwähnt wird, dass so gut wie immer das generische Maskulinum Verwendung findet.

Nichtsdestoweniger schmälern die genannten Kritikpunkte kaum das große Verdienst der Studien zur Kälte und die dezidierte Positionierung im Bereich der empirischen Forschung, die es erlaubt, Entwicklungsprozesse zu rekonstruieren, die nur bedingt an das Alter der jeweiligen Proband*innen gekoppelt sind. Darüber hinaus entfaltet sich ein lebendiger Diskurs, der Forschung als Kontinuum begreift, aus dem wohl Zwischenergebnisse isoliert, aber kaum endgültige Antworten destilliert werden können. Dies führen „die normbereichsspezifischen Befunde zur bürgerlichen Kälte“ und die „Zwischenbilanz“ am Ende des Buches besonders eindringlich vor Augen.

Marion Pollmanns und Christoph Leser, die in einer tabellarischen Darstellung die Reaktionsmuster nach Normbereichen auffächern, sehen sich veranlasst, aus den bisherigen Studien ein eher ernüchterndes vorläufiges Fazit zu ziehen. Obwohl sich das Muster der „fraglosen Übernahme“ ausnahmslos durch alle Proband*innengruppen zieht und ihm lediglich die kompensierende „Idealisierung falscher Praxis“ zur Seite gestellt werden kann, die – wenig erstaunlich – nur bei den Kindergartenkindern keine Rolle spielt, hüten sich die Forscher*innen davor, die Keule des moralinsauren Urteils zu schwingen. Es ist zu begrüßen und zu bewundern, dass sie auch hier dem Empirischen treu bleiben, denn die Resultate haben das Zeug dazu, Entsetzen auszulösen. Sie verdeutlichen, wie weit und wie intensiv Desensibilisierung und Indifferenz zumindest in institutionellen pädagogischen Kontexten gediehen sind.

Fazit

Trotz minimaler Schwächen, die sicherlich in erster Linie der langen Forschungszeit geschuldet sind, haben die Herausgeber*innen und Autor*innen eine vorzügliche Publikation herausgebracht, mit der sie die Metaphorik der bürgerlichen Kälte zum einen für weitere Forschungen aufbereitet haben und sie zum anderen – hoffentlich – einer breiten interessierten Leserschaft zugänglich machen.

Das „work in progress“ beweist, dass die Analyse der Dilemmata natürlich nicht mit dem Auflösen der Dilemmata verwechselt werden darf. Dennoch wird jede*r Leser*in, ob pädagogisch unterwegs oder nicht, mit facettenreichen Impulsen zur Selbstreflexion konfrontiert sein. Somit schreitet hier das empirische Vorgehen in Richtung Engagement im Sinne Theodor W. Adornos und Jean-Paul Sartres voran, denn bekanntlich hat jedes Ding, das man benennt, seine Unschuld verloren. In Adornos und Sartres Postulaten zur engagierten Literatur geht es nicht um das Ergreifen einer Partei für oder gegen eine Sache, sondern um einen sekundären Handlungsmodus des Benennens, den allein die Individuen einer Gesellschaft in einen primären Handlungsmodus der Alltagspraxis überführen können. Das lässt sich kurzerhand auf die Forschungen zur soziomoralischen Kälte übertragen. Damit werden sie interdisziplinär anschlussfähig und alltagstauglich sowieso.

„Wie halten wir es aus, unentwegt wider unsere Prinzipien und Ideale zu handeln?“ – mit dieser genauso lapidaren wie ontologisch profunden Frage setzen Marion Pollmanns und Christoph Leser einen jenseits der Empirie gelegenen persönlichen und exzellenten Schlusspunkt unter die Studien zur bürgerlichen Kälte.


[1] Andreas Stückler: Gesellschaftskritik und bürgerliche Kälte. In: Soziologie 43/3 (2014), S. 280. www.publikationen-soziologie.de (26.07.2021).

[2] Vgl. ebda.


Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 03.09.2021 zu: Andreas Gruschka, Marion Pollmanns, Christoph Leser (Hrsg.): Bürgerliche Kälte und Pädagogik. Zur Ontogenese des moralischen Urteils. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2398-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28342.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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