Heiner Seidlitz, Dietmar Theiss: Ressourcenorientierte Gesprächsführung am Telefon und bei niedrigschwelligen Kontakten
Rezensiert von Prof. Dr. Carsten Rensinghoff, 26.05.2021
Heiner Seidlitz, Dietmar Theiss: Ressourcenorientierte Gesprächsführung am Telefon und bei niedrigschwelligen Kontakten. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2020. 5. Auflage. 240 Seiten. ISBN 978-3-942976-09-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 32,30 sFr.
Thema
In der zu besprechenden Publikation geht es um die ressourcenorientierte Gesprächsführung in niedrigschwelligen Beratungskontexten. Niedrigschwellige Beratungsangebote können von Hilfesuchenden ohne großen Aufwand genutzt werden.
Autor
Heiner Seidlitz ist Diplompsychologe, Theologe, Systemischer Therapeut und Supervisor. Bis 2015 leitete er die evangelische Telefonseelsorge Pfalz.
Dietmar Theiss ist Diplompsychologe, Diplomtheologe, Psychologischer Psychotherapeut, und Supervisor. Von 1991 bis 2006 leitete er die katholische Telefonseelsorge Pfalz.
Inhalt
Zum Selbstverständnis niedrigschwelliger Telefonberatungseinrichtungen gehört u.a. die persönliche Lebensbewältigung. Die Anrufer sollen, nach dem Anruf bei der Telefonberatung, besser als vor dem Anruf mit ihren Sorgen und Nöten zurechtkommen. Eine ressourcenorientierte Gesprächsführung ist systemtheoretisch begründet.
Merkmale einer niedrigschwelligen ressourcenorientierten Beratung sind:
- die momentane Entlastung
- eine stützende Begleitung
- die Informationsgewinnung und -weitergabe
- das Feedback zur Selbstvergewisserung
- die Anregung zur Problemklärung und -lösung
- die Hilfe zur Lebensorientierung
Ressourcenorientierte Beratung kann aber nur dann sinnvoll erfolgen, wenn die beratende Person hierfür selbst über die notwendigen Ressourcen verfügt. Die Autoren formulieren die Leitfrage: „‘Was brauche ich, damit ich gut im inneren Gleichgewicht bin für meine Beratungstätigkeit?‘“ (S. 69). Welche Maßnahmen dienen der Selbstfürsorge im Kontext ressourcenorientierter Beratung? Welche Maßnahmen können im Beratungsalltag entlasten? Entlastend und hilfreich können beispielsweise Notizen sein, welche sich die beratende Person nach einem Beratungsgespräch macht.
Das Wahrnehmen und Gestalten einer fachlich-helfenden Beratungsbeziehung ist die notwendige Voraussetzung zur Problemlösung der Hilfesuchenden bzw. zur Förderung deren psychischen Wohlergehens. Das beginnt mit dem Ankommen eines Hilfesuchenden: Wie wird beispielsweise die Begrüßung gestaltet oder wie ist die Sitzordnung organisiert?
Als wichtige Instrumente in der Gesprächsführung sind Fragen anzusehen. Fragende Personen führen den Dialog. Fragende behalten die Gesprächsführung, lenken das Gespräch und erhalten Informationen. Fragen aktivieren, d.h. sie lösen Denkanstöße und Handlungen aus.
Die Gesprächsführung ist den Hilfewünschen anzupassen und diese werden durch die Auftragsklärung deutlich. Der Auftrag kann folgende Wünsche beinhalten:
- Entlastung, Beistand, Unterhaltung
- Lebensorientierung, Sinndeutung
- Problemklärung und -lösung
- Feedback, Selbstvergewisserung, Bestätigung
- Information, Anleitung
- stützende Begleitung, Freundschaft
Bei der Suche nach Ressourcen ist eine Erweiterung des Blickwinkels, ein Perspektivenwechsel notwendig, denn es wird sich wegbewegt von der Problemtrance hin zur Lösungstrance. Der negativ bewertete Ist-Zustand wird verlassen. Das Ziel ist der positiv bewertete Soll-Zustand.
Diskussion
Die gegenwärtige Coronapandemie ist für viele Menschen krisenbehaftet und stellt somit eine Herausforderung für niedrigschwellige und ressourcenorientierte Beratungsangebote dar. „Eine Krise ist beschreibbar als eine Folge sich aneinander reihender, z.T. überlappender Phasen vom Zustand des vorher bestehenden seelischen Gleichgewichts über den des Ungleichgewichts in der Krise bis hin zu einem neuen Gleichgewicht auf einem niedrigeren oder höheren Niveau nach der Krise“ (S. 198). Diese Definition einer Krise beschreibt sehr schön das, was wir jetzt erleben. In dieser Coronakrise entscheidet sich, wie das Leben weitergehen wird.
Fazit
Ressourcenorientierte Beratung ist ein sehr sinnvolles Instrument z.B. für die ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB), die seit dem 1. Januar 2018 die Beratungslandschaft in der Bundesrepublik Deutschland ergänzt. Die EUTB wird von Menschen mit Behinderung, drohender Behinderung oder ihnen Nahestehenden in Anspruch genommen. In diesem Feld ist eine Abkehr von der defizitorientierten Beratung hin zur ressourcen- und kompetenzorientierten Beratung dringend notwendig. Die, die EUTB aufsuchenden Ratsuchenden befinden sich in einer Krise – und sei es nur die Frage nach dem korrekten Ausfüllen eines Antragformulars zur Beantragung eines Schwerbehindertenausweises. Hier bieten Seidlitz/​Theis ein hervorragendes Lehr- und Übungsbuch für Beratende.
Rezension von
Prof. Dr. Carsten Rensinghoff
Hochschullehrer für Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik an der DIPLOMA Hochschule
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