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Sabine Pauli, Christine Paul: Ergotherapie bei Gesichtsfeldausfällen

Cover Sabine Pauli, Christine Paul: Ergotherapie bei Gesichtsfeldausfällen. Das Praxisbuch zur visuellen Rehabilitation. Verlag moderne lernen lernen Borgmann GmbH & C (Dortmund) 2020. 197 Seiten. ISBN 978-3-8080-0858-4. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 40,20 sFr.
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Thema

Schwerpunktmäßig befasst sich die Publikation mit der Behandlung von Menschen mit Gesichtsfeldausfällen.

Autorinnen

  • Sabine Pauli arbeitet in einer Praxis für Ergotherapie mit Patienten, die aufgrund eines hirntraumatischen Ereignisses mit Gesichtsfeldausfällen leben. U.a. doziert sie in der Fort- und Weiterbildung von Ergotherapeuten.
  • Christine Paul ist Orthoptistin und erteilt Lehre an Fachschulen für Ergotherapie.

Entstehungshintergrund

Da das Thema Gesichtsfeldausfälle, erworbene zerebrale Sehstörungen und deren Therapiemethoden in der Ergotherapie- und Orthoptikausbildung nicht in ausreichendem Maße Ausbildungsinhalt ist, haben die Autorinnen den o.g. Patienten behandelnden Therapeuten „ein Rüstzeug an die Hand gegeben, um zielgerichtet therapeutisch handeln zu können“ (S. 7). Aus diesem Mangel wurde von Pauli/Paul das RVKT, das Ravensburger visuelle Kompensationstraining entwickelt.

Inhalt

Der Indikationskatalog Ergotherapie beschreibt die Behandlung von erworbenen zerebralen Sehstörungen als sensomotorisch-perzeptive Behandlung.

Die ergotherapeutische Behandlung zielt ab auf:

  • die Entwicklung, Wiederherstellung und den Erhalt von Alltags- und Handlungskompetenz zur Bewältigung allgemeiner Aufgaben und Anforderungen;
  • das Erlernen von Kompensationsstrategien;
  • eine selbstbestimmte Lebensführung.

Die Orthoptik befasst sich mit:

  • Schielerkrankungen;
  • gestörtem ein- und beidäugigem Sehen;
  • Sehschwächen und Schielschwachsichtigkeit
  • Augenzittern
  • Augenmuskellähmungen;
  • zerebralen Sehstörungen.

Die Neuro-Orthoptik diagnostiziert und behandelt unterschiedliche Seh- und Wahrnehmungsstörungen, welche auf einem hirntraumatischen Ereignis basieren, als da beispielsweise wären:

  • Gesichtsfeldausfälle, wie Hemianopsie, Quadrantenanopsie, Skotome, konzentrische Einengung;
  • Sehverschlechterungen, die häufig die Folge einer zerebralen Sehstörung sind;
  • Doppelbilder, die Betroffenen können ein Auge, wegen einer gestörten nervlichen Steuerung oder wegen einer Augenmuskellähmung, nur schlecht bis gar nicht in bestimmte Richtungen bewegen – die Augen driften in der Bewegung voneinander weg;
  • Erkennungs- und Wahrnehmungsstörungen;
  • neuropsychologische Syndrome.

Als wichtigste neuropsychologische Syndrome seien zu nennen:

  • Amnesie;
  • Aphasie, Agraphie; Alexie;
  • Agnosie, Prosopagnosie, Objektagnosie;
  • ideomotorische- und ideatorische Apraxie;
  • Neglect

Für eine optimale Förderung bei hirntraumatisch bedingten Gesichtsfeldausfällen ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Augenarzt, Neurologe, Neuropsychologe, Hausarzt, Orthoptist und Ergotherapeut unabdingbar. Der praktische Teil „enthält Seh- und Suchübungen, die sowohl mit als auch ohne Materialien durchgeführt werden können und die Sehwahrnehmung im Freien und im Raum fördern“ (Klappentext).

Diskussion

Im Alter von 12 Jahren erlitt ich 1982 ein schweres Schädel-Hirntrauma. Augenärztlicherseits wurde u.a. eine Okulomotoriusparese links diagnostiziert. Deretwegen musste ich bereits in der Akutklinik in die Sehschule. Ich wusste das mit den Augen etwas nicht so funktionierte, wie vor dem hirntraumatischen Ereignis. Aus diesem Grund fand ich dann wohl die Sehschule eine sinnvolle Einrichtung. Ich erhoffte in dieser Schulform das Sehen wieder richtig zu lernen.

Hinterher wurde statt von der Sehschule aber immer von einer Gesichtsfeldkontrolle gesprochen. Das irritierte mich sehr. Bei der Gesichtsfeldkontrolle, die beim niedergelassenen Augenarzt in denselben Räumen stattfand, wie das Sehenlernen in der Sehschule, wurde dann mein Gesichtsfeldausfall diagnostiziert. Hier lernte ich, zu meiner bitteren Enttäuschung, dann also nicht das fehlerfreie Sehen. Pauli/Paul stellen also zurecht fest, dass „der Ausdruck ‚Gesichtsfeldausfall‘ […] den Patienten abstrakt (erscheint – CR); sie können ihn oft nicht mit ihrer offensichtlich stark eingeschränkten visuellen Wahrnehmung verknüpfen“ (S. 36).

Fazit

Die Autorinnen stellen bei der Anwendung des RVKT oft erstaunliche Fortschritte fest. Den Betroffenen wird die Rückkehr in ein qualitativ besseres Leben ermöglicht. Sie erlernen Kompensationsstrategien, welche die, durch den Gesichtsfeldausfall entstandenen, alltäglichen Einschränkungen zum positiven Pol hin beeinflussen. Wiederherstellen oder verbessern lässt sich die Lesefähigkeit. Ebenso lässt sich die initial bestehende Unfall- bzw. Sturzgefahr deutlich vermindern.

Das wichtigste Ziel der visuellen Rehabilitation ist Zurückgewinnung der Lese- und Orientierungsfähigkeit.


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 28.05.2021 zu: Sabine Pauli, Christine Paul: Ergotherapie bei Gesichtsfeldausfällen. Das Praxisbuch zur visuellen Rehabilitation. Verlag moderne lernen lernen Borgmann GmbH & C (Dortmund) 2020. ISBN 978-3-8080-0858-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28347.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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