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Gunthard Weber, Fritz B. Simon u.a.: Aufstellungsarbeit revisited…nach Hellinger?

Cover Gunthard Weber, Fritz B. Simon, Gunther Schmidt: Aufstellungsarbeit revisited…nach Hellinger? Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2005. 256 Seiten. ISBN 978-3-89670-486-3. 24,95 EUR, CH: 44,00 sFr.

Mit einem Metakommentar von Matthias Varga von Kibéd.
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Einführung in das Thema, Hintergrund und Autoren

Kaum eine andere therapeutische Methode hat einen ähnlichen Konjunkturverlauf erlebt wie die "Aufstellungsarbeit nach Hellinger". Sie ist seit den 90er Jahren zu einem fast flächendeckenden Angebot von "Familienaufstellungen" geworden, die beinahe ausnahmslos von den zahlreichen Schülern Hellingers durchgeführt werden. Die Quellen der Aufstellungsarbeit liegen in den Psychodrama-Skulpturen und in der systemischen Mehrgenerationentherapie, im Fall Hellingers aber auch in religiösen (Ordnungs-)Vorstellungen und schamanischem Heilen. In der Methode stellt eine Person die eigene Familie mit anderen, stellvertretenden Personen nach seinem inneren Bild auf. Die Stellvertreter nehmen an ihren Plätzen Gefühle der Familienmitglieder wahr, die sie vertreten (das "wissende Feld") und benennen sie. Die aufstellende Person kann erkennen, welche Störungen im eigenen Familiensystem vorliegen. Die Plätze der Stellvertreter werden dann so verändert, dass ein spannungsfreies Bild der Familie entsteht. Dieses Bild nimmt der Aufsteller/die Aufstellerin mit nach Hause und lässt es heilsam im eigenen System wirken.

Die Wirksamkeit von Aufstellungen, konkret der Effekt des "wissenden Feldes" ist weitgehend unbestritten. Die Kritik an Hellingers Arbeit entzündet sich vor allem an Hellingers Hintergrundannahmen, seinen Interventionen, seiner eigenen Rolle im Prozess und an der Frage, ob man seine Aufstellungsarbeit wirklich "systemisch" nennen kann. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) jedenfalls hat sich schon 2003 deutlich von der Aufstellungsarbeit Hellingers distanziert. Und im Juli 2004 hat die Systemische Gesellschaft die "Potsdamer Erklärung zur systemischen Aufstellungsarbeit" verfasst, in der sie sagt: "Heute sehen wir jedoch den Punkt gekommen, an dem nicht nur wesentliche Teile der Praxis von Bert Hellinger - und vieler seiner Anhänger -, sondern auch viele seiner Aussagen und Vorgehensweisen explizit als unvereinbar mit grundlegenden Prämissen systemischer Therapie anzusehen sind."

In dem vorliegenden Band setzen sich ausgewiesene Praktiker der systemischen Therapie mit der Aufstellungsarbeit Hellingers auseinander und wählen dafür den doppelbödigen Titel "Aufstellungsarbeit revisited Énach Hellinger?" Die Autoren setzen sich einerseits mit der Aufstellungsarbeit auseinander, wie sie Bert Hellinger entwickelt hat und wie sie von ihm und seinen zahlreichen Schülern und Schülerinnen durchgeführt wird, anderseits aber gehen sie der Frage nach, wie die Aufstellungsarbeit über Hellinger hinaus weiterentwickelt werden kann.

Hintergründe und Autoren

Im Rahmen eines dreitägigen Aufstellungsseminars des Helm-Stierlin-Instituts mit 120 Teilnehmern haben die Autoren Ende Oktober 2003 fünf Aufstellungen durchgeführt und anschließend unter verschiedenen Perspektiven diskutiert. Was die Diskussionen besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass alle drei Autoren sich gegenüber Hellinger bislang sehr unterschiedlich positioniert haben: Gunthard Weber, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, systemischer (Familien-)therapeut und Berater sowie Leiter des Wieslocher Instituts für systemische Lösungen ist "Schüler" von Hellinger und hat in einer grundlegenden systematischen Arbeit dessen Aufstellungsarbeit dargestellt. (Weber, Zweierlei Glück - Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers) Inzwischen formuliert er auch sehr akzentuiert seine Kritik an Hellinger. Gunther Schmidt ist Facharzt für psychosomatische Medizin, Leiter des Milton-Erickson-Institituts in Heidelberg sowie der Abteilung systemisch-hypnothera­peutische Psychosomatik der Fachklinik am Hardberg, Siedelsbrunn. Seit Jahren übt er deutliche Kritik an wesentlichen Aspekten der Aufstellungsarbeit Bert Hellingers. Er hat stets betont, dass Hellingers Arbeit mit den Grundannahmen systemischer Theorie inkompatibel sei. Fritz B. Simon, ebenfalls Psychiater und Psychotherapeut, ist Professoer für Führung und Organisation am Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/Herdecke. Gemeinsam mit Gunther Schmidt, Gunthard Weber u.a. hat er 2002 das Helm-Stierlin-Institut in Heidelberg gegründet (www.hsi-heidelberg.com). Simon wurde im Zeit-Dossier zum Thema Hellinger als "Zeuge der Anklage" benannt und stimmte schon 1998 der Kritik Schmidts zu: "Bert Hellingers Methoden haben mit der systemischen Therapie nichts gemeinsam. Wer beide in einem Atemzug nennt, betreibt Etikettenschwindel." (Psychologie heute 7/98)

Ein "Metakommentar" von Matthias Varga von Kibéd beschließt den Band. Varga von Kibéd ist Professor am Institut für Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie der Universität München sowie (u.a.) Lehrbeauftragter für philosophische Grundlagenfragen der Psychotherapie am Institut für medizinische Psychologie der Universität München. Gemeinsam mit Insa Sparrer hat er die Form der "Systemischen Strukturaufstellungen" entwickelt.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Das grundlegende Strukturprinzip des Buches bilden die fünf Aufstellungen. Alle Aufstellungen werden von den Autoren, gelegentlich auch im Dialog mit dem Publikum, ausführlich reflektiert.

  1. Nach einer kurzen Einleitung nähern sich die Autoren dem Phänomen der "repräsentierenden Wahrnehmung" durch eine erste Aufstellung (Zweierübung). Zwischen den Aufstellungen und deren Reflexionen machen die Autoren jeweils "Ausflüge auf die Metaebene". Den ersten "Ausflug" unternimmt Simon: Er markiert die Unterschiede zwischen der klassischen systemischen Therapie und der Aufstellungsarbeit Hellingers. Hier wird auch Hellingers Rolle als Aufstellungsleiter und deren "esoterischer Kern" reflektiert: Hellinger "zeigt sich" die Wahrheit wie in einem exklusiven Offenbarungsgeschehen, die priesterlichen, oder genauer gesagt: schamanischen Züge der Rolle Hellingers treten deutlich zutage.
  2. Eine zweite Aufstellung stellt das Thema selbst: aufgestellt werden Hellinger, die drei Autoren und die Aufstellungsarbeit nach Hellinger. Es folgt ein zweiter "Ausflug": Schmidt betrachtet die Aufstellungsarbeit aus der Perspektive seines eigenen hypnotherapeutischen Ansatzes und nimmt besonders die "Aufmerksamkeitsfokussierung" in den Blick.
  3. Anhand der dritten Aufstellung, einer Vater-Sohn-Beziehung, wird die Frage der Aufmerksamkeitsfokussierung des Aufsteller selbst thematisiert: liegt der Fokus eher auf lösungsorientierten Beschreibungen des Geschehen, eher auf den phänomenologischen oder eher auf den systemisch-konstruktivistischen Elementen? Die konstruktivistische Perspektive verfolgt auch Weber in seinem anschließenden "Metaebenenausflug", in dem er u.a. auch die "Potsdamer Erklärung" der Systemischen Gesellschaft noch einmal reflektiert.
  4. Eine vierte Aufstellung leitet Weber an. In der Diskussion kommen die Unterscheide der einzelnen Autoren zum Tragen: es geht um die "verordneten Sätze" und um die Frage, was von dieser Methode, die einen wesentlichen Teil der Arbeitsweise Hellingers ausmachen, auch für andere Formen von Aufstellungsarbeit zu nutzen ist.
  5. Eine fünfte Aufstellung (Simon), diesmal eine Organisationsaufstellung, und die anschließende Diskussion zeigen noch einmal das Möglichkeitsspektrum von Aufstellungen. Im "Metakommentar" nimmt Varga von Kibéd Stellung zum einzelnen Punkten der Diskussion und stellt zugleich seine Position gegenüber Hellinger und sein Konzept Systemischer Strukturaufstellungen dar.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Das Buch zieht ein hilfreiches Fazit der Auseinandersetzung systemisch orientierter Therapeuten mit der Arbeit Bert Hellingers. Die fachliche Fundierung und die vielfältigen, unterschiedlichen Verbindungen der Autoren zur Aufstellungsarbeit nach Hellinger bewahren vor Vorurteilen und irrationalen Dämonisierungen. Statements zu Hellinger liegen allerdings in ausreichender Zahl vor. Das Spannende an diesem Band ist, dass er genau das Gegenteil versucht: nicht Positionen zu besetzen und Stand-Punkte zu formulieren, sondern in eine gemeinsame Denkbewegung und einen lebendigen Diskurs einzutreten. Die Leser und Leserinnen können sich einreihen in das Publikum, an Aufstellungen und Reflexionen teilnehmen und in Diskussionen eintreten. Diese Diskussionen finden auf einem hohen fachlich-wissenschaftlichen Niveau statt.

Das Buch bietet eine gute Möglichkeit für alle, die zu einer begründeten Position gegenüber der Aufstellungsarbeit von Hellinger finden wollen und nicht bei instinktiver Abwehr, ideologischen Vorbehalten oder holzschnittartigen Karikaturen stehen bleiben wollen. Zugleich macht es deutlich, dass es eine "Aufstellungsarbeit nach Hellinger" gibt: Aufstellungen von Familien- oder Organisationssystemen bleiben ein wichtiges und hilfreiches Instrument in therapeutischen oder Beratungsprozessen. Die Autoren haben eigene Konzeptionen vorgelegt und sich so mit Hellinger nicht nur auseinander-, sondern sich auch deutlich voneinander abgesetzt.

Fazit

Wer sich an der Diskussion um die Aufstellungsarbeit, in welcher Weise auch immer, beteiligen will, wird um dieses Buch nicht herumkommen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 20.09.2005 zu: Gunthard Weber, Fritz B. Simon, Gunther Schmidt: Aufstellungsarbeit revisited…nach Hellinger? Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2005. ISBN 978-3-89670-486-3. Mit einem Metakommentar von Matthias Varga von Kibéd. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2835.php, Datum des Zugriffs 31.03.2017.


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