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Karim Fereidooni, Stefan E. Hößl (Hrsg.): Rassismuskritische Bildungsarbeit

Cover Karim Fereidooni, Stefan E. Hößl (Hrsg.): Rassismuskritische Bildungsarbeit. Reflexionen zu Theorie und Praxis. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 192 Seiten. ISBN 978-3-7344-1188-5. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.
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Rassismus ist Menschen- und Weltfeindlichkeit

„Alle Menschen gehören einer einzigen Art an und stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Sie sind gleich an Würde und Rechten geboren und bilden gemeinsam die Menschheit“. Mit diesem Paradigma wird die globale Ethik betont, die als Conditio Humana für alle Menschen auf der Erde gilt (siehe dazu die UNESCO-Rassendeklaration vom 27. 11. 1978). Es ist die „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte, (die) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (Menschenrechtsdeklaration vom 10. Dezember 1948). „Die Ideologie des Rassismus versucht immer, bestimmte Eigenschaften als naturgegeben zu konstruieren“ (Robert Miles, 1998). „Die Ideologie des Rassismus setzt mit der Erfindung menschlicher 'Rassen' ein (Susan Arndt, Rassismus. die 101 wichtigsten Fragen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/​14286.php). Rassismus entindividualisiert und dehumanisiert, er wirkt gewaltlegitimierend und in grundlegender Weise steht er dem Ideal eines respektvollen Miteinanders sowie der Achtung der ‚Würde des Menschen‘ diametral entgegen“ (Fereidooni/Hößl).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Rassistisches Denken und Handeln ist vorurteilsbehaftet. In der Stereotypenforschung wird deutlich, dass jeder Mensch Vorurteile hat. Es komme jedoch darauf an, sie zu kennen und mit ihnen human umzugehen (Wolfgang Benz, Alltagsrassismus. Feindschaft gegen „Fremde“ und „Andere“, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25864.php). Bei den Reflexionen und Auseinandersetzungen mit diesen „Defiziten“ wird deutlich, dass gegen Rassismus nur ein Kraut wächst, nämlich dass der anthrôpos sich darauf besinnt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wie dies in der anthropologischen Verfasstheit postuliert ist: Mit der Fähigkeit, Gutes vom Bösen unterscheiden und Allgemeinurteile bilden zu können. Diese Kompetenzen sind nur durch Aufklärung und Bildung zu erreichen.

Im didaktischen, curricularen und methodischen Diskurs darüber, wie es gelingen kann, den Menschen rassistisches Denken und Handeln bewusst zu machen und Perspektivenwechsel zu bewirken, beginnend schon ganz früh in der Kindheit und als lebenslanges Lernen in der Erwachsenenbildung, liegen eine Reihe von Theorien und Praxisvorschläge vor (Karim Fereidooni, Hrsg., Rassismuskritik und Widerstandsformen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​22589.php). Der Didaktiker von der Ruhr-Universität Bochum, Karim Fereidooni und der wissenschaftliche Mitarbeiter beim Kölner NS-Dokumentationszentrum, Stefan E. Hößl, geben den Sammelband „Rassismuskritische Bildungsarbeit“ heraus: „Rassismus ist weit mehr als ein bloßes Konglomerat von Vorurteilen oder schlichtweg falschen Annahmen über bestimmte Menschen, die als Mitglieder imaginierter Kollektive wahrgenommen werden“.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird, neben der Einführung durch das Herausgeberteam, in drei Teile gegliedert, in denen 20 Autorinnen und Autoren fachbezogen und interdisziplinär über Theorien und Praxen einer rassismuskritischen Bildungsarbeit referieren.

Im ersten Teil stecken die Dipl.- Pädagogin Shadi Kooroshy, der Erziehungswissenschaftler Paul Mecheril und die Migrationsforscherin Saphirsa Shure „Annäherungen an ein komplexes Phänomen“ ab, indem sie über „Rassismus in der Migrationsgesellschaft“ informieren. Sie knüpfen an rassistische Deutungsmuster an und zeigen auf: „Kritik der Rassismuskritik zur Verfeinerung der Rassismuskritik ist Rassismuskritik“.

Im zweiten Teil werden „Fokussierungen auf Theorie und Praxis rassismuskritischer Bildungsarbeit“ vorgenommen. Karim Fereidooni zeigt mit dem Beitrag „Gadje-Rassismus am Beispiel des deutschen Schulwesens“ die verschiedenen, institutionalisierten und gewohnten Formen von Rassismen auf. Es ist eine Auseinandersetzung darüber, wie Vorurteile über Sinti und Roma in Deutschland tradiert und als „Lebenswirklichkeit aller Menschen, die in Deutschland leben, unterrichtet werden und selbst unterrichten“ genannt werden können. „'Amaro Drom Amaro Foro' – die interkulturelle Jugendselbstorganisation von Rom*nja und Nicht-Rom*nja, 'Unser Weg'“, informiert über „Empowerment und Rassismussensibilisierung bei Amaro Drom e.V.“. Es geht darum, in der Umwelt und Community antiziganistische Aktivitäten zu initiieren und zu fördern, die als „Dikhen amen“ – „Seht uns!“ – das Selbstbewusstsein und interkulturelle Toleranz stärken. Die Göttinger Islamwissenschaftlerin und Mitarbeitrin des Brauschweiger Georg-Eckert-/Leibniz-Instituts für Internationale Schulbuchforschung, Riem Spielhaus, thematisiert mit ihrem Beitrag „Antimuslimischer Rassismus“ die lokalen und globalen, populistischen, ego- und ethnozentristischen Tendenzen von Islamophobie und Menschenfeindlichkeit. Besonders in der Jugendarbeit „werden Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus häufig im Zusammenhang mit Radikalisierung muslimischer Jugendlicher (ungerechtfertigt, JS) thematisiert“. Mariam Puvogel, die bei medico international in Israel und Palästina arbeitet, und der an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster tätige Sprachwissenschaftler Sindyan Qasem nehmen sich mit dem Beitrag „Antimuslimischer Rassismus als Gegenstand der pädagogischen Islamismusprävention“ eine kritische Reflexion der eigenen Praxis vor. In den verschiedenen Programmen, Modellen, Workshops, in der Theaterarbeit und Fortbildungsveranstaltungen kommt es darauf an, die Informations- und Präventionsarbeit darauf auszurichten, den Stereotypen und Ideologien verständliche und überzeugende Konzepte entgegen zu setzen. Die pädagogische Leiterin der Frankfurter Bildungsstätte „Anne-Frank-.Zentrum für politische Bildung und Beratung“, Saba-Nur Cheema, stellt mit ihrem Beitrag „(K)Eine Bildungsfrage. Bildungsarbeit im Kontext religiöser Pluralität und antimuslimischem Rassismus“ Konflikte und Kontinuitäten aus der (schulischen), interkulturellen Bildungsarbeit vor.

Der dritte Teil wird mit „Exotisierung“ getitelt. Die Dozentin Fallon Tiffany Cabral, die Studentin für Postcolonial Studies, Kerti Puni-Specht, das Mitglied des Berliner Migrationsrats e.V., Tran Thu Trang, und die Geschäftsführerin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung, Noa K. Ha, nehmen mit dem Beitrag „Kulturproduktion und Selbstorganisation im Spannungsfeld von Exotisierung und Rassismuskritik“ asiatische Deutsche in den Blick. Es sind Fragen der Selbst- und Fremdverortung, die bei den eigenen und zugewiesenen Erfahrungen bedeutsam sind: „Kulturarbeit kann als Feld des Empowerments für marginalisierte, stigmatisierte und rassifizierte Gruppen wirken und neue gemeinsame Erzählungen produzieren“.

Den vierten Teil „Exkurs und Widerstand“ beginnt der Berliner Sozialarbeiter Zülfukar Çetin mit der „Einführung in die Intersektionalität“. Es sind die Unterscheidungen von Ein- und Mehrdimensionalität, die intersektionale Diskriminierungen verursachen: „Mit dem intersektionalen Ansatz als gesellschaftspolitischem Instrument kann die Mehrdimensionalität der Diskriminierungen, denen Personen, die sich mit mehr als einem Zugehörigkeitsmerkmal identifizieren, sichtbar gemacht werden“. Der Politikwissenschaftler Ozcan Karadeniz und die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Anna Sabel setzen sich mit dem Beitrag „Rassismuskritische Bildungsarbeit als Gefühlsarbeit“ mit Hierarchie-, Patriarchie- und Männlichkeitsdominanzen im Islam auseinander. Es geht um die Förderung von individuellen und kollektiven Prozessen „der Verunsicherung, in denen einfache Wahrheiten nicht mehr greifen, in denen nicht 'die Anderen' mehr zur Stützung eines 'Wir-Gefühls' dienen, in denen Ambiguität ausgehalten werden muss und 'wir' nicht mehr die 'Reinen', 'Guten', 'Wahren' sind“. Den vierten Teil – und damit auch den Sammelband – beschließen die Sozialwissenschaftlerinnen Ilinda Rebecca Bendler und Nadine Golly und die Politologin Laura Digoh-Ersoy, indem sie zu den Arbeitsbereichen „Empowerment. Selbstermächtigung“ ein politisches und emanzipatorisches Konzept zur Schaffung eigener Räume und Narrative entwickeln. Erforderlich dafür sind „geschützte Räume“ und „machtkritische Räume und Strukturen“, die es ermöglichen, ressourcendiagnostische, soziale und solidarische Arbeit zu leisten.

Diskussion

Bei den Fragen, welche Menschen anfällig für rassistisches, fremdenfeindliches und inhumanes Denken und Tun sind, ist die politische Bildung gefordert (siehe z.B. dazu auch: Benno Hafeneger, u.a.: Die AfD und die Jugend. Wie die Rechtsaußenpartei die Jugend- und Bildungsarbeit verändern will, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/​27495.php; sowie: Max Fuchs, Rechtes Denken und Kulturpessimismus, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26416.php). Weil extremistische, fundamentalistische und rassistische Denk- und Einstellungsprozesse nicht nur in menschenfeindlichen Gruppen zu finden, sondern in vielfältiger, bewusster und unbewusster Weise in der Mitte der Gesellschaften vorhanden sind, braucht es Bildung, Aufklärung und demokratisches, freiheitliches Bewusstsein! Der Begriff „Rasse“ wird in der Literatur und in gesellschaftlichen, politischen und historischen Dokumenten verwendet; auch in nationalen und internationalen Verfassungen, Verträgen, Deklarationen und Konventionen. Die Versuche z.B., den Rassebegriff aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zu entfernen, sind bisher gescheitert.

Fazit

Im Sammelband „Rassismuskritische Bildungsarbeit“ werden Anregungen und professionelle Zugänge vorgetragen, die als familiale, schulische und außerschulische, individuelle und kollektive Anforderungen Hier und Heute notwendiger sind denn je!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.06.2021 zu: Karim Fereidooni, Stefan E. Hößl (Hrsg.): Rassismuskritische Bildungsarbeit. Reflexionen zu Theorie und Praxis. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-7344-1188-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28350.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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