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Rolf Arnold: Agile Führung aus Geschichten lernen

Cover Rolf Arnold: Agile Führung aus Geschichten lernen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 184 Seiten. ISBN 978-3-8497-0385-1. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.

Reihe: Carl-Auer Ratgeber.
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Thema

Gegenstand des besprochenen Buches ist die ‚Agile Führung‘. Unter diesem Begriff wird eine immer mehr in den Focus der Aufmerksamkeit rückende Führungskompetenz beschrieben, nämlich dazu beizutragen, dass Unternehmen und Organisationen sich Veränderungen maximal und schnell anpassen. Auf Augenhöhe wird mit MitarbeiterInnen daran gearbeitet die besten Lösungen für anstehende Herausforderungen zu finden. Arnold präzisiert, dass die geforderte Agilität keine grenzenlose Anpassungsfähigkeit bedeutet, sondern „die Kenntnis der eigenen Grenzen, Werte und Begründungen respektiert.“ Gleichwohl darf das eigene Tun nicht von einer „zufälligen Biografie“ und Lebenswelt begrenzt werden, sondern hat auf Basis der „Fähigkeit zur Distanznahme, Auslotung und Selbstreflexion“ zu geschehen.

Ein Spezifikum des Buches ist die Illustration der Thematik mit Geschichten, vor deren Hintergrund die wesentlichen Aspekte agiler Führung verbildlicht und einem emotionalen Verständnis zugeführt werden.

Autor

Der Autor, Rolf Arnold, wirkte als Professor der Pädagogik an der TU Kaiserslautern. Seit 2019 setzt er seine wissenschaftliche Arbeit in der Rolle eines Seniorprofessor fort. Er baute das Fernstudienzentrum „Distance and Independent Studies Center“ (DISC) an der TU Kaiserslautern auf, dem er auch als wissenschaftlicher Direktor vorstand. Neben der Mitarbeit und Führungstätigkeit in diversen anderen Organisationen ist Arnold als systemischer Coach und Veränderungsforscher tätig.

Entstehungshintergrund

Der Autor hat sich mit agiler Führung schon in verschiedenen anderen Publikationen eingehend auseinandergesetzt und sowohl theoretische Beiträge als auch empirische Begründungen und Umsetzungsvorschläge vorgestellt. Mit der Einbindung von Geschichten verfolgt Arnold im vorliegenden Buch einen anderen Weg: Er nützt die emotionale Kraft der Narration. Seine Vorstellung ist, dass die Vermittlung eines Verständnisses für agile Führung weniger durch Theorie und Konzepte in Gang gesetzt werden kann als durch Bilder und die Klarheit einer Geschichte.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben Vorwort, Einleitung und einem ausführlichen Literaturteil in acht Kapitel gegliedert, die sich mit wichtigen Dimensionen agiler Führung beschäftigen. Das Konzept agiler Führung ist für Arnold eine fortgeschrittene, systemische Führungspraxis. Sie gründet auf der Erkenntnis, dass komplexe Systeme wie Unternehmen es sind, vorrangig selbstgesteuert werden und jeder Außensteuerung Grenzen gesetzt bleiben. Aus diesem Grund kommt den Selbstorganisationskräften in Unternehmen eine große Bedeutung zu. Führung, Personalentwicklung und Weiterbildung übernehmen in diesem Kontext wichtige Funktionen. Sie haben für die Entwicklung der Kompetenz der agilen Führung zu sorgen und die entsprechenden Räume zu sichern.

Die acht Abschnitte, die sich mit den verschiedenen wichtigen Elementen agiler Führung beschäftigen sind folgendermaßen übertitelt:

  1. Achtsamkeit: Ich denke, fühle und handele selbsteinschließend.
  2. Beobachten: Ich erkenne, worauf ich bevorzugt fokussiere.
  3. Blaming („Schuld abladen“): Warum vermeide ich Verantwortungsübernahme?
  4. Ambivalenzkompetenz: Wie gehe ich mit Gegensätzen um?
  5. Autobiografische Selbstreflexion: Wer bin ich, und wer könnte ich (noch) sein?
  6. Selbstführung: Ich führe, indem ich mich selbst verändere.
  7. Begleiten, nicht belehren: Es geht um die Aneignung und die Verschränkung von Perspektiven.
  8. Zufriedenheit: wie ich innere Ruhe und Gelassenheit erreichen kann.

Die verschiedenen Elemente agiler Führung, die oben in Form der Überschriften aufgezählt sind, werden vom Autor differenziert besprochen und – wie bereits erwähnt – mit kurzen Geschichten illustriert, die für das Verständnis äußerst erhellend sind.

Um einen Eindruck zu vermitteln wie der Autor vorgeht, möchte ich näher auf den 3. Teil eingehen: Blaming („Schuld abladen“): Warum vermeide ich Verantwortungsübernahme.

Arnold beschreibt einleitend Verhaltensweisen, die guter Führung entgegenstehen: Das ist der Fall, wenn Führungskräfte sich im Lamento ergehen. Im Lamento werden Beschränkungen unseres Ich beklagt, denen wir uns oft selbst unterwerfen, um einen bequemeren Weg zu gehen. Lamento geht oft Hand in Hand mit Blaming. Blaming praktiziert, wer bei Fehlern andere Personen beschuldigt und immer wieder Rechtfertigungen dafür (er)findet, die das eigene Verhalten richtig und ohne Alternative darstellen. Agile Führung hingegen übernimmt Eigenverantwortung und versinkt weder im Lamento noch im Blaming. Um einen „eleganten“ Umgang mit Schuld und Fehlern vorzustellen erzählt Arnold nun eine Geschichte aus dem südafrikanischen Stamm der Babemba: Ein Stammesmitglied, das unverantwortlich und schuldhaft gehandelt hat, wird in die Ortsmitte gebracht, wo sich alsbald alle Dorfbewohner versammeln. Die Menschen, einer nach dem anderen erzählen nun all ihre positiven Erfahrungen mit dem „Angeklagten“. Berichten von seiner Güte, seinem Sachverstand und allen seinen guten Eigenschaften. Die Versammlung kann mehrere Tage dauern, endet aber damit, dass das Stammesmitglied, das sich einer Verfehlung schuldig gemacht hat, am Ende wieder in den Stamm aufgenommen wird. Zum Abschluss der Zeremonie wird ein Fest gefeiert.

Warum aber, fragt Arnold, fällt es uns so schwer, mit Fehlern oder gar Schuld einen guten Umgang zu finden? Speziell, wenn wir uns selbst fehler- oder schuldhaft verhalten haben. Seine Antwort: Um der Übernahme von Verantwortung zu entgehen, flüchten wir lieber in Klage und Vorwurf. Dieses Verhalten kann schnell zum Muster werden. Und solange wir diesen Umstand verdrängen und uns nicht damit auseinandersetzen, um zu reifen, sind wir dazu verdammt, unsere Muster zu wiederholen. Oft jedoch wird der erforderlichen Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen und natürlich hat das auch seine „Vorteile“. Der Autor illustriert diesen Aspekt mit einer bekannten Geschichte Paul Watzlawicks: „Unter einer Straßenlaterne steht ein Betrunkener und sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher und fragt ihn, was er verloren habe, und der Mann antwortet: 'Meinen Schlüssel'. Nun suchen beide. Schließlich will der Polizist wissen, ob der Mann sicher ist, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben, und jener antwortet: 'Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.' Finden Sie das absurd? Wenn ja, suchen auch Sie am falschen Ort. Der Vorteil ist nämlich, dass eine solche Suche zu nichts führt, außer mehr desselben, nämlich nichts.“ (Watzlawick 2009)

Der Autor gibt dem paradoxen Ratschlag Watzlawicks eine nicht unerwartete Wendung. Er empfiehlt Führungskräften nämlich, sich durchaus auch ins Dunkle zu wagen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und zu reifen. Akteure agiler Führung lassen sich auf Selbstreflexion ein und suchen aktiv Gelegenheiten der Selbstveränderung.

Vertieft wird diese Fähigkeit agiler Führung im 6. Kapitel: Selbstführung: Ich führe, indem ich mich selbst verändere.

Diskussion

Im besprochenen Buch beschreibt der Autor die verschiedenen Aspekte agiler Führung umfassend und eingehend. Der theoretische Text mag für manche LeserInnen, insbesondere jenen, denen die systemische Terminologie nicht vertraut ist, an manchen Stellen nicht so schnell zugänglich sein, aber die Bilderkraft der Geschichten erschließt das Gemeinte schneller und tiefer als abstrakte Zugänge es ermöglichen können.

Fazit

Arnold gelingt es, mit seiner gelungenen Kombination aus gut gegliederten theoretischen Ausführungen zur Kompetenz agiler Führung und vielen illustrierenden Geschichten dazu, ein sehr tiefgehendes Verständnis der Thematik herzustellen. Er greift damit auf eine Didaktik zurück, deren sich schon Fabeldichter bedienten und deren Wirkungskraft er als Pädagoge zu nutzen versteht. Das Buch ist vor allem für SeminarleiterInnen, BeraterInnen und Lehrende, die in ihrer Arbeit auch die Emotionalität und Kraft von Geschichten nützen möchten, eine wahre Fundgrube. Sie finden nicht nur einen guten Überblick über den theoretischen Diskussionsstand zu agiler Führung, sondern auch viele Geschichten und Parabeln, die dazu eingesetzt werden können, bei ihren TeilnehmerInnen einen tiefen und emotionalen Zugang zur Thematik zu bewirken.

Literatur

Watzlawick, P. (2009): Anleitung zum Unglücklichsein. München (Piper). 15. Aufl.

Rezension von
Mag. Friedrich Graf-Götz
Universitätslektor, Supervisor und Unternehmensberater, Mitarbeiter in der Erwachsenenbildung
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Zitiervorschlag
Friedrich Graf-Götz. Rezension vom 04.10.2021 zu: Rolf Arnold: Agile Führung aus Geschichten lernen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. ISBN 978-3-8497-0385-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28351.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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