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Julia Franz, Ursula Unterkofler (Hrsg.): Forschungsethik in der Sozialen Arbeit

Cover Julia Franz, Ursula Unterkofler (Hrsg.): Forschungsethik in der Sozialen Arbeit. Prinzipien und Erfahrungen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 285 Seiten. ISBN 978-3-8474-2493-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Reihe: Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit - 23.
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Thema und Autor*innen

Die empirische Forschung sozialer Arbeit gründet sich auf qualitative wie quantitative Methoden, die strengen Regeln ethischer Herangehensweisen bedürfen. Im Sammelband wird der Forschungsethikkodex der DGSA vorgestellt und kommentiert.

Die Herausgeberinnen des Fachbuches sind Julia Franz, Professorin für Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin und Ursula Unterkofler, Professorin für Methoden der empirischen Sozialforschung und Evaluation an der Hochschule in München.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einem Vorwort zur Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit und einer Einleitung in drei Teile gegliedert und vereint darunter Kapitel unterschiedlicher Länge von verschiedenen Autor*innen.

Im „Vorwort“ wird auf das Anliegen der Schriftenreihe verwiesen, die dazu dienen soll, fundiert und aktiv fach-und gesellschaftspolitische Debatten in der Sozialen Arbeit aufzuzeigen und mitzugestalten. Sie wendet sich an Lehrende, Forschende, Praktiker und Studierende der Sozialen Arbeit sowie benachbarter Disziplinen.

„Zur Einleitung: Ein Forschungsethikkodex für die Soziale Arbeit“ wurde von den beiden Herausgeber*innen verfasst. Dieser Band leiste einen Beitrag, Teile des Verständigungsprozesses des Forschungsethikkodexes nachzuzeichnen und zugänglich zu machen, wobei dieser Kodex selbst nicht als abgeschlossen betrachtet werden könne, sondern ein Prozess der anhaltenden Auseinandersetzung mit ihm sei. Dilemmata entstünden dann, wenn sich in konkreten Forschungsprojekten unterschiedliche Prinzipien widersprächen.

Teil 1 ist überschrieben mit „Der DGSA-Forschungsethikkodex für die Soziale Arbeit“ und beginnt mit Kapitel eins „Entwicklung und Implementation forschungsethischer Prinzipien und Verfahren in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) – ein diskursiver Prozess“, der von mehreren Autor*innen verfasst wurde. In diesem Beitrag soll thematisiert werden, aufgrund welcher Bedarfe ein Forschungsethikkodex eigens für die Wissenschaft Soziale Arbeit entwickelt wurde. Der Kodex sei dafür geeignet, Forschende für ethische Fragen und Dilemmata zu sensibilisieren und ihnen eine Orientierung für entsprechende Entscheidungen zu geben.

Es folgt eine Präambel zum Thema „Forschungsethische Prinzipien und wissenschaftliche Standards für Forschung der Sozialen Arbeit: Forschungsethikkodex der DGSA“. Programme der Forschungsförderung sollten den Spezifika der Sozialen Arbeit Rechnung tragen. Deshalb sollten sie thematisch hinreichend offen sein und verschiedene methodologische Zugänge zulassen. Die Lebenswirklichkeit von marginalisierten oder stigmatisierten Menschen sollte des Weiteren untersucht werden. Im gesamten Forschungsprozess seien Beteiligungsrechte, -potenziale und Kompetenzen der Forschungsteilnehmenden zu berücksichtigen.

Es folgt Teil 2: „Perspektiven auf Forschungsethikkodizes und Forschungsethikkommissionen“, der mit einem englischen Artikel „Commentary: Integrity and Courage“ von Kimberly Strom eingeleitet wird.

Dieter Weber ist der Autor eines weiteren Kapitels „Forschungsprozess als ethische Lernprozesse“. Dem im Grundgesetz verankerten Recht auf Forschungsfreiheit stehe eine Forschungsverantwortung gegenüber. Anhand von Ethik-Gutachten sollten Forschende sich selbst und der wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit Rechenschaft über die eigenen ethischen Entscheidungen im Forschungsprozess ablegen. Beständigkeit und Verlässlichkeit stünden in den Diensten der Transparenz und Nachvollziehbarkeit ethischer Reflexionen von Forschungsprojekten. Berufsethos, Forschungsethos und normativer Geltungsanspruch Sozialer Arbeit teilten sich moralische Institutionen (S. 75).

„Begutachten – Beraten – Beteiligen. Zum normativen Anforderungsprofil einer Forschungsethikkommission“ ist das Thema des Beitrages von Andreas Lob-Hüdepohl. Forschung und Wissenschaft sei kein Selbstzweck, sondern sie sollten der besseren Bewältigung menschlicher Lebensführung dienen. Insofern ist Forschung wesentlich Forschung an und mit Menschen. Die Prüfurteile der Ethikkommissionen müssten transparent, plausibel begründet und berechenbar sein.

Mit dem Problem „Zu viel? Zu wenig? Anmerkungen und Anregungen zum Forschungsethikkodex der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit“ setzt sich Gerhard Riemann auseinander. Er kritisiert den Kodex und zeigt auf, welche Aspekte unberücksichtigt geblieben sind.

„Ethische Aspekte von Forschungsförderung und Forschungsförderungspolitik“ arbeitet Sigrid Graumann in den nächsten Ausführungen heraus. Sie geht zunächst auf die Besonderheiten von Sozialarbeitsforschung ein und beleuchtet dann die verschiedenen Formen der Forschungsförderung. Sozialarbeitsforschung sei in besonderer Art politisch und ethisch engagiert und sie nehme soziale Ungleichheitsverhältnisse, Erfahrungen von Stigmatisierung und Diskriminierung sowie Marginalisierungsprozesse in den Blick.

Der dritte Teil der Publikation ist den „Erfahrungen mit ethischen Herausforderungen in der Forschungspraxis“ gewidmet. Davina Höblich beginnt mit einem Kapitel über „LSBT IQ-Kinder zwischen Agency und Vulnerabilität – Forschungsethische Herausforderungen“. Sie stellt am Beispiel der Forschung mit minderjährigen lesbischen, schwulen und bisexuellen (LSBT IQ) Kindern die besonderen Herausforderungen dieser Forschung dar.

Tanja Grendel und Heidrun Schulze sind die Autorinnen des nächsten Kapitels zum Thema „Kinderrechte als ethischer Referenzrahmen von Forschung: Anspruch und Herausforderungen eine adultismuskritischen Habitussensibilität in der Sozialen Arbeit“. Ziel des Beitrages ist es, zu einem menschen- und kinderrechtsorientierten und damit zu einem diskriminierungskritischen Ethos in der Wissenschaft Sozialer Arbeit beizutragen. Die Umsetzung der Kinderrechte erfordere die Reflexion habitueller Muster und deren Einfluss auf die Beteiligung der Kinder in den unterschiedlichen Phasen des Forschungsprozesses.

Den „UN-Konventionen als ethische Bezugsrahmen für Forschungserfahrungen“ nimmt Silke Jakob in den Blick. Die Menschenrechte gelten als Rahmenbedingungen für die Forschung, da sie zusammen mit der Menschenwürde und anderen Grundrechten Forderung und Begrenzung der Forschungsfreiheit darstellten (S. 166).

Über „Qualitative Forschung mit Frauen und Mädchen mit Lernschwierigkeiten: Forschungsethische Herausforderung im Spannungsfeld von Partizipation, Autonomie und Fremdbestimmung“ verfassen Susanne Gerner und Johanna Zühlke einen Beitrag. Sie beschreiben die forschungsethischen Herausforderungen einer Forschung mit Mädchen und Frauen mit Lernschwierigkeiten. Sie wollen Ansatzpunkte für eine behinderungs-, gender- und differenzsensible qualitative Forschung aufzeigen.

In den nächsten Ausführungen geht es um die „Herausforderungen beim Feldzugang zu Menschen mit Lernschwierigkeiten mit Blick auf informierte Einwilligung“, verfasst von Carla Wesselmann und Clarissa Schallenberger. Sie beschreiben wie Normalität und Behinderung über die Lebensspanne hinweg im familiären Kontext erlebt werden. Das Sample der Forschung bestehe aus zwei Gruppen: Geschwister, die von Einschränkungen betroffen seien und normale Geschwister, die mit ihnen aufwachsen. Partizipative Forschung gelte für Forschungsansätze, die in der Tradition der Aktionsforschung stünden und soziale Wirklichkeit partnerschaftlich erforschten.

Es folgt ein Kapitel von Cosimo Mangione zu „Ethische Dilemmata und Paradoxien bei der Gestaltung von Forschungsbeziehungen im Kontext kognitiver Beeinträchtigungen“. In den Beratungsgesprächen trat fast immer das Problem der „interaktiven Dominanz“ der Eltern auf, die für ihre Kinder sprachen, sodass sie diese paradoxer Weise in eine verstärkte Abhängigkeit von ihren Eltern brachten.

„Forschungsethische und datenschutzrechtliche Aspekte der informierten Einwilligung als Audioaufnahme“ greifen Angela Benner und Julian Löhe auf. Es wird diskutiert, das Einverständnis der Interviewpartner nicht in schriftlicher Form, sondern in Form einer Audioaufnahme dialogorientiert durchzuführen. Die Grenzen von nur schriftlichen Einverständniseinwilligungen werden herausgearbeitet.

Matthias Müller beschäftigt sich in seinen Ausführungen mit dem Thema „Zur Konstruktion von Vulnerabilität: Ethische Aspekte der Forschung in der sozialen Demenzhilfe“. Der Beitrag ist an Menschen mit einer Frühdemenz gerichtet, die im Kontext von Institutionen der sozialen Altenhilfe erforscht und aktiv in die Forschung eingebunden würden. Dieser Prozess werde anhand von Schlüsselszenen skizziert und forschungsethisch reflektiert.

Das nächste Kapitel wurde von Annette Korntheuer, Robel Afeworki Abay und Manuela Westphal verfasst und ist dem Thema „Forschen in den Feldern von Flucht und Behinderung: Ein Vergleich von forschungsethischen Herausforderungen und notwendigen forschungspraktischen Rahmenbedingungen“ gewidmet. Sie betonen, dass gelungene partizipativ-inklusive Forschung das Ergebnis eines komplexen Prozesses, der durch Kommunikation, permanente Reflexion und Transparenz erst ermöglicht werden müsse.

Mit „Zur Reproduktion von Rassismus forschen: Über widersprüchliche ethische Ansprüche, Positionierungen und Loyalitäten“ haben sich Yaliz Akkaba und Constantin Wagner auseinandergesetzt. In der Forschung von Lebenswelten vulnerabler Gruppen, scheine Partizipation als forschungsethischer Grundsatz folgerichtig, wobei dominanzgesellschaftliche Milieus eher widergespiegelt würden.

Das letzte Kapitel von Norbert Frieters-Reermann, Verena Klomann, Marianne Genenger-Stricker und Nadine Sylla nimmt das Thema „'Wir sind nicht dein nächstes Forschungsprojekt!' – Kritische Reflexionen zu Ethik, Methodik und Machtverhältnissen in Forschungsprozessen in Kontext von Bildung und Migration“ in den Blick. Partizipativ zu forschen, fordere einen erhöhten zeitlichen und finanziellen Aufwand und die Bereitschaft, Deutungsmacht abzugeben. Sie ermöglicht aber Machtverhältnisse, Kategorien und Sprache viel deutlicher zu reflektieren, weil es keine Forschung über abwesende Menschen sei.

Diskussion

Es ist thematisch eine sehr enggeführte Publikation mit hohem wissenschaftlichem Anspruch, sodass sie nur eine sehr eingeschränkte Leser*innenschaft einbeziehen kann. Die durchweg akademisch, teilweise auch überzogene Sprache, die zudem nur das eine wichtige Thema und deren Anwendung in der Forschung, den DGSA Forschungsethikkodex für die Soziale Arbeit in den Blick nimmt, wirkt einschränkend und wenig Interesse weckend. Infolge der Engführung bleiben Wiederholungen und das ständige Sensibilisieren auf die Anwendung des Kodexes nicht aus.

Fazit

Das Fachbuch hält das Versprechen, fundiert, aktiv, fachgesellschaftliche Debatten mitzugestalten und sich mit der Lösung der für die Soziale Arbeit relevanten notwendigen forschungsethischen Fragen auseinanderzusetzen. Es ist theoretisch tiefgehend und greift aktuelle gesellschaftliche Probleme auf, die bei allen Forschungsprojekten zu berücksichtigen sind, die als Herausforderungen für die Profession der Sozialen Arbeit zu verstehen sind. Die Überschriften der Kapitel sind teilweise sehr lang und weitschweifig formuliert.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 02.07.2021 zu: Julia Franz, Ursula Unterkofler (Hrsg.): Forschungsethik in der Sozialen Arbeit. Prinzipien und Erfahrungen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2493-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28355.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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