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Friedemann Bringt: Umkämpfte Zivilgesellschaft

Cover Friedemann Bringt: Umkämpfte Zivilgesellschaft. Mit menschenrechtsorientierter Gemeinwesenarbeit gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 300 Seiten. ISBN 978-3-8474-2535-9. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.

Reihe: Soziale Arbeit und Menschenrechte - 4.
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Thema

Die Veröffentlichung von Herr Dr. Friedemann Bringt fußt auf dessen Dissertation zum Thema „Umkämpfte Zivilgesellschaft: Wann gelingt die Gemeinwesenarbeit gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit?“ Der Autor hat erfolgreich an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld promoviert. Seine Arbeit wurde von Prof. Dr. Andreas Zick vom dort ansässigen Institut für Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) und Prof. Dr. Roland Roth (Universität Magdeburg) betreut. In der Arbeit werden Forschungsbefunde der vom IKG entwickelten Studien zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF-Studien) aufgegriffen und im Kontext der Entwicklung von Demokratieprojekten erörtert.

Autor

Friedemann Bringt ist Sozialpädagoge und Projektleiter der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus (BAG K+R). Er verantwortet den Bereich Qualitäts- und Berufsfeldentwicklung innerhalb des Bundesverbandes Mobile Beratung, einer Koordinierungsstelle Mobiler Beratung gegen Rechtsextremismus. Zudem ist er Gründungsmitglied des Kulturbüros Sachsen, einer Einrichtung, die sich professionell für Demokratieentwicklung und gegen rechtsextreme und rassistische Einflussnahmen im Freistaat Sachsen engagiert. Seine Veröffentlichung erscheint zeitgleich zum 20-jährigen Bestehen dieser Einrichtung, die im Jahr 2001 aus dem Büro für Freie Kultur- und Jugendarbeit e.V. entstand und seit März 2004 als eigenständiger gemeinnütziger und eingetragener Verein aktiv ist. Das Kulturbüro Sachsen setzt seit 2001 das Projekt Mobile Beratungsteams und seit 2005 weitere Projekte im Bereich Demokratiebildung und soziokulturelle Animation um.

Entstehungshintergrund

In der Publikation werden die Möglichkeiten und Grenzen von aktiv(ierend)er Demokratiebildung im kommunalen Rahmen theoriegeleitet sowie praxisbezogen dargestellt und erläutert. Eine besondere Relevanz zum Verständnis des Hintergrundes dieser Arbeit hat ihr räumlicher Kontext – der Freistaat Sachsen. In diesem Bundesland sind starke recht(sextrem)e Aktivitäten zu verzeichnen: Nicht nur die seit dem Herbst 2014 in Dresden veranstalteten Pegida-Proteste, sondern auch hohe Wahlzustimmung zur Rechtsaußenpartei AfD, rassistische Mobilisierung gegen Geflüchtete sowie weit verbreitente Demokratieverdrossenheit weisen auf eine stark ausgeprägte „dunkle Seite der Zivilgesellschaft“. Diese Erscheinungsformen bieten den Hintergrund der vorliegenden Forschungsarbeit zur Untersuchung einer „speziell für solche Situationen konzipierte(n) Projekte der Gemeinwesenarbeit (GWA) des Kulturbüro Sachsen e.V. (KBS).“ (16) Um entsprechende Konzepte demokratiefördernder Gemeinwesenarbeit erfolgreich entfalten zu können, bedarf es einer wissenschaftlichen Grundlage und entsprechender Handlungskonzepte. Der Autor hinterfragt hierbei kritisch einen auch in der Sozialen Arbeit oftmals verwendeten, staatsfixierten Demokratiebegriff und daraus abgeleitete ordnungspolitische Ansätze und plädiert dagegen für menschenrechtsorientierte, persuasiv-sozialräumliche Interventionen zur Stärkung demokratischer Alltagskultur gegen eine Verfestigung von demokratiefeindlicher Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Aufbau und Inhalt

Die Auseinandersetzung mit dem Thema vollzieht sich sowohl auf der theoretischen als auch auf der praktischen Ebene. So werden im ersten Kapitel der Arbeit die zentralen wissenschaftlichen Grundlagen behandelt. Dies beinhaltet auf der theoretischen Ebene eine Gegenstandsbeschreibung folgender Orientierungsansätze und deren Einordnung in den Kapiteln 1 bis 3, die quantitativ ungefähr die Hälfte des Umfangs der Arbeit einnehmen:

  • ein Rechtsextremismus-Verständnis mit kritischer gesellschaftspolitischer Kontextualisierung
  • eine Bezugnahme auf das Konzept Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit
  • einen sozialraumorientierten Praxisbezug und eine Verortung sozialprofessioneller Demokratiearbeit
  • eine theoriegeleitete Auseinandersetzung mit der Entwicklung von Konzepten der Gemeinwesenarbeit (GWA)
  • eine Auseinandersetzung mit Grundlagen von Empowerment und machtsensibler Ressourcenanalyse

Auf der praktischen bzw. auf der empirischen Ebene werden die theoretisch dargestellten Handlungsebenen anhand von Modellprojekten sozialräumlicher Gemeinwesenarbeit seitens des KBS hinsichtlich ihrer Inhalte, Ansätze und deren Umsetzbarkeit kritisch-selbstreflexiv in den Kapiteln 4 bis 6 erörtert. Dies beinhaltet:

  • eine Darstellung der konzeptionellen und sozialräumlichen Ansätze der Gemeinwesenarbeit des KBS
  • eine Darstellung der eigenen Praxisreflexion
  • eine daraus abgeleitete Empfehlung für andere und zukünftige Gemeinwesenarbeitsprojekte

Der Autor plädiert für eine aktivierende GWA, die auf eine Veränderung bestehender Machtverhältnisse zielt und auf Stärkung eines menschenrechtsorientierten sozialräumlichen Zusammenlebens ausgerichtet ist (120). Hierzu sei ein gemeinwesenorientierter Beratungsansatz erforderlich, der 1998 mit dem Landesprogramm „Tolerantes Brandenburg“ zu einem systematischen sozialräumlichen Konzept ausgebaut worden ist und das den in Brandenburg seit dem Jahr 1992 aktiven Mobilen Beratungsteams (MBT) praktiziert wird. Ein solcher Ansatz ist orientierungsleitend für das KBS, das ihn verknüpft mit kommunalen Aktionsanalysen (145). Ziel ist, „lokale Zivilgesellschaften durch Vernetzung, Empowerment sowie Projektarbeit in die Lage (zu) versetzen, sich selbstständig mit GMF-Reproduktion auseinanderzusetzen.“ (146)

Dieser Ansatz wird auf der praktischen Ebene u.a. anhand zweier drittmittelgeförderten Projekte hinsichtlich seiner Anwendbarkeit bzw. hinsichtlich der Auseinandersetzung mit Möglichkeiten und Grenzen sozialräumlicher Gemeinwesenarbeit einer Praxisschilderung und Analyse unterzogen. Beide Projekte, die – örtlich anonymisiert – „Urlaubsdorf“ und „Mittelstadt“ genannt werden, dienen als Beispiele für die Praxisarbeit des KBS sowie für eine kritisch-selbstreflexive Analyse der eigenen Tätigkeit.

Diskusion

Die im Buch ausführlich und gut strukturiert dargestellten theoretischen Anforderungen einer menschenrechtsorientierten Gemeinwesenarbeit finden in der Praxis meist nur unzureichende Umsetzungsmöglichkeiten – das zeigt die reflektierende Darstellung der durchgeführten Projektarbeit. Hierbei werden die Grenzen des Machbaren einer auf Empowerment und Nachhaltigkeit ausgerichteten Stützung demokratischen Zivilgesellschaft sichtbar: Immer noch scheint das Problem von Rechtsextremismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit als bloßes politisches sowie pathologisches Fehlverhalten gedeutet zu werden, das mit Drittmittel-finanzierten Projekten aus der Welt geschafft werden kann. Doch nur mit Sondermitteln, unterfinanzierter Bildungsarbeit und zeitlich befristeten Projektstellen allein lassen sich bestehende strukturelle Defizite von Demokratie- und Menschenrechtsbildung nicht beheben – erst recht nicht in Landstrichen mit hohen wirtschaftlichen und sozialen Problemen und mit aktiven und gefestigten recht(sextrem)en Szenen und Wähler:innenmilieus. Der Autor kommt anhand des ausgewerteten Berichtwesens der Projektarbeit zu dem Ergebnis, dass beide im Buch geschilderten Projekte grundsätzlich nicht als misslungen gewertet werden konnten, hinsichtlich ihrer Gelingensfaktoren jedoch Unterschiede aufwiesen, deren Gründe er u.a. auf unzureichende Rahmenbedingungen und Ressourcen zurückzuführen seien (249). Dies führt ihn im Fazit u.a. zu dem Plädoyer für eine nachhaltige Implementierung menschenrechtsorientierter Diskurse durch Gemeinwesenarbeit sowie der Notwendigkeit einer formativen Evaluation als wissenschaftliche Begleitung der GWA (268 f.).

Fazit

Das Werk besticht durch eine gelungene Verknüpfung von Theorie und Praxis in der Auseinandersetzung mit Gemeinwesenarbeit und Demokratiestärkung. Besondere Relevanz haben hierbei die die „Mühen der Ebene“ zur Demokratiestärkung in solchen Räumen, in denen Demokratieverdrossenheit und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit stark an Einfluss zugenommen haben. In Zeiten, in denen das demokratische Zusammenleben durch wirtschaftliche Einschränkungen sozialstaatlicher Maßnahmen, durch Demokratieverdrossenheit und Zuwachs rechtsextremer und rechtspopulistischer Einflussnahmen zunehmend bedroht ist, kommt diesen Tätigkeiten zur Stärkung einer menschenrechtsorientierten Gemeinwesenarbeit steigende Bedeutung zu. Dazu stellt dieses Buch eine ausgezeichnete analytische und praxisbezogene Hilfestellung dar.


Rezension von
Dipl.-Soz.wiss. Alexander Häusler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsstelle Neonazismus der Hochschule Düsseldorf. Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus / Neonazismus.
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Zitiervorschlag
Alexander Häusler. Rezension vom 27.08.2021 zu: Friedemann Bringt: Umkämpfte Zivilgesellschaft. Mit menschenrechtsorientierter Gemeinwesenarbeit gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2535-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28356.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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