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Jan Hoyer: Metaphern der Jugenddelinquenz

Cover Jan Hoyer: Metaphern der Jugenddelinquenz. Analyse von Deutungsmustern feldspezifischer Expert*innen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2021. 154 Seiten. ISBN 978-3-7815-2438-5. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Dialog Erziehungshilfe.
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Thema

In seiner 2020 an der philosophischen Fakultät der Leibnitz Universität Hannover abgelegten Dissertation untersucht Jan Hoyer, Sonderpädagoge und Fachhochschullehrer, wie die mit jugendlichen Intensiv-Tätern befassten Experten ihre Klientel wahrnehmen, welche impliziten Deutungsmuster deren professionellen Handeln zugrunde liegen, und wie man deren tieferen Gehalt in neun qualitativen Interviews an Hand der dort eingesetzten Metaphern näher erschließen kann.

Inhalt

Wie dies bei Dissertationen leider noch immer so häufig der Fall ist, widmet Hoyer die erste Hälfte seiner – insgesamt ohnehin komprimierten – Arbeit den theoretischen und methodischen Präliminarien, um in der zweiten Hälfte seine Befunde darzustellen.

1. In diesem Sinne behandelt er zunächst die komplexen Zusammenhänge von 'Norm, Abweichung und Sanktion – als scheinbar bewährtes Instrument': „Neben der normierenden Funktion der spezialpräventiven Sanktion, wird auf die Gefahr verwiesen, dass Sanktionen genau die gegenteilige Wirkung haben können. Durch die Sanktionen werden abweichende Rollen erst definiert.“ (27). Das Phänomen der Jugend-Delinquenz lässt „sich auf das Spannungsverhältnis von sozialer und statistischer Normen [sic] im Jugendbereich zurückführen“, als 'Jugend-Delinquenz-Antinomie', die heute bei 'steigendem Bedrohungserleben in der Gesellschaft zu Gunsten einer überwachenden und sanktionierenden Vorgehensweise' aufgelöst werde (35). Dies gelte insbesondere für sog. Intensiv-Täter, die in Niedersachsen nicht nur punktemäßig erfasst werden, sondern denen auch spezifische professionelle Akteure aus dem Polizei- und Jugendbereich zugeordnet werden (65f). In einer Phasen-spezifisch ablaufenden, dynamisch 'fehlschlagenden Interaktion' zwischen diesen Jugendlichen und den staatlichen Sanktions-Akteuren folgen diese einerseits der Sanktionslogik des JGG, das andererseits im Rahmen seines Erziehungsauftrages auf die Mitwirkung der Jugendarbeit (SGB VIII) angewiesen ist, so, „dass über die Codierung Recht/​Unrecht und Fall/Nicht-Fall zwei Funktionssysteme eine Schnittmenge in ihrer Zuständigkeit generieren – nämlich genau dann, wenn staatliche Organe einen Rechtsbruch feststellen, also die Recht/​Unrecht Kodierung zur Anwendung kommt und gleichzeitig der Anspruch des Paragraphen 1 (1) des SGB VIII gefährdet erscheint, also staatlich organisierte Erziehung aktiviert wird.“ (45). Eine Ambivalenz, die heute zunehmend punitiv aufgelöst werde: Warnschuss-Arrest, Erhöhung des Strafrahmens. Die beteiligten professionellen Akteure handeln dabei auf der Basis eines 'habitualisierten' (à la Bourdieu) Experten-Wissens, das als Handlungslogik sowohl explizit, wie aber auch implizit, also weniger bewusst formuliert, mit spezifischen Deutungsmustern arbeitet: „In Handlungsfeldern im Zuständigkeitsbereich sind Akteur*innen platziert, deren Wissen, deren Deutungsmuster und deren beruflichen Habitus die Handlungslogik der professionellen sozialen Felder repräsentiert.“ (51). Ein Forschungsfeld, das, wie eine kurze Analyse dreier einschlägiger deutscher Beiträge zeigt, bei uns (englisch-sprachige Beispiele fehlen) bisher kaum bearbeitet worden sei.

Als Forschungsdesign wählte Hoyer „für die Erhebung von Deutungsmustern und impliziten Wissensbeständen“ das offene qualitative, Leitfaden-gestützte Interview mit je drei Vertretern aus den Bereichen der Polizei, des Jugendgerichts und der Jugendhilfe (67), deren 'präverbale' Inhalte er – auf der Basis kognitiver Linguistik (70) – mit Hilfe einer Analyse der eingesetzten Metaphern ergründen will: „Da die vorliegende Studie gerade auf implizite Konzepte von Expert*innen ausgerichtet ist, muss die Auswertungsmethode auch sequenzielle bzw. hermeneutische Prozesse ermöglichen und sowie Kausalitäten und Hierarchisierungen von Denkmustern erfassen.“ (69).

2. In dieser Auswertung kodiert Hoyer zunächst die transkribierten Tonband-Interviews getrennt für diese drei Berufsgruppen. Und zwar zuerst – in einer 'deskriptiven Auswertung' – nach den drei vorgängig 'deduktiv' festgelegten Aussagen zu den ursächlichen Bedingungen, zur subjektiven Beschreibung dieser 'intensiv delinquenten Jugendlichen' und zu den 'Beendigungsfaktoren' incl. der Einschätzung der eigenen Einflussnahme(71). In einem zweiten Schritt werden die 'metaphorischen Bestandteile identifiziert und gesammelt', um diese dann – mittels 'Methodentriangulation' – in einem 'axialen Kodierungsparadigma' zusammenzuführen, um die „feldspezifischen Ergebnisse [in vereinfachenden Schaubildern] zu strukturieren sowie die metaphorischen Konzepte zusammenzuführen.“ (72f). Die Analyse abschließend werden für die drei Teilergebnisse 'strukturelle Ähnlichkeiten dargestellt und berufsspezifische Schwerpunktsetzungen aufgezeigt'. (72).

Aus der Fülle der mit zahlreichen Interview-Belegen gewonnenen Befunde:

  • Die Juristen setzten konsequent auf die 'Logik des Funktionierens/​Nicht-Funktionierens': „Wenn Pädagogik nicht funktioniert wird die Hoffnung in die biologische Reifung gesetzt“, die als 'Entwicklungsmoratorium' (115) während der 'zum Schutz der Gemeinschaft' verhängten Haft erfolgen soll. (79). 'Axial kodiert' zeige sich kausal ein einfaches Drei-Faktorenmodell – Familie, Schule, Peergroup – während die spätere Bewährung von der Übernahme der Erwachsenenrolle im Arbeitsmarkt, ernsthafter Paarbeziehung und Elternschaft abhänge (83).
  •  Aus polizeilicher Sicht dominieren psychische Ursachen wie 'Perspektivlosigkeit, Ausschlusserfahrungen, Erziehungslosigkeit, bedürfnisorientierte Zuwendung zur Peergroup und mangelnde Fähigkeit des Mentalisierens', denen durch 'korrigierende Begleitung' zu begegnen sei: „Das metaphorische Konzept des Begleitens auf dem Lebensweg zur Vorbeugung des Risikos des Fallens wird verwendet.“ (90), doch sei dies durch die 'strukturbedingte Anomie' polizeilicher Ermittlungs-Aufgaben erschwert. (91).
  • In den Augen der Jugendhilfe, die ausführlicher auf entsprechend gelagerte 'Ursachen' eingehen, „bringen intensiv delinquente Jugendlichen von ihrem Ursprungsort 'Geschichten' mit. Mit 'Geschichten' werden vernachlässigende, missachtende oder traumatisierende Erlebnisse bezeichnet“, „es entsteht eine psychische Struktur, die einerseits viel Energie für Aktivitäten bereitstellt andererseits die Nutzung einzelner Teilsysteme nicht zulässt. Die Metapher der 'Brüche' findet einerseits Verwendung um fragmentierte Lebensgeschichten zu beschreiben anderseits manifestieren sich Brüche in der psychischen Struktur.“ (101) „Der Weg des Ausstiegs wird teilweise durch Fachkräfte begleitet. Teilweise wird er außerhalb des Einflussbereichs der Fachkräfte gegangen.“ „Diese Prozesse beziehen sich auf die Reifung, die Integration in die Gesellschaft und die wechselseitige Wirkung dieser beiden Prozesse.“ (102f).

Der zusammenfassende Vergleich ergibt zunächst eine gemeinsame Logik 'feldspezifischer Expert*innen', die von der belastenden Herkunft über eine unzureichend entwickelte psychische Struktur zu Ausschlusserfahrungen und zur bedürfnisorientierten Zuwendung zur Peergroup führt (109 mit Schaubild). Die Strategien setzen – auf der Basis funktionierender Beziehung – auf eine ‚korrigierende Begleitung mit Orientierungs-, Ermutigungs-, rahmengebenden Korrektur- und Reflexions-Funktionen (111 mit Schaubild): „Freiheitsentziehende Maßnahmen werden legitimiert über das Nicht-Funktionieren anderer Maßnahmen sowie die gegenwärtige Begrenztheit der Entwicklungsmöglichkeiten betreffender Jugendlicher.“ (112).

Berufsgruppenspezifisch legen die Jugendgerichte ihren Schwerpunkt auf die Logik der Beendigung, während Polizei und Jugendhilfe ausführlicher auf die 'resultierende psychische Struktur' eingehen: „Im Feld der Jugendhilfe werden im Vergleich zu den anderen Untersuchungsfeldern sehr detailliert ursächliche Bedingungen sowie Phasen vor und während des Jugendalters beschrieben. Im Feld der Polizei werden die Delinquenz selber und die Lebenslage sowie die psychische Struktur zurzeit der Delinquenzausübung beschrieben. Im Untersuchungsfeld der Jugendgerichte lässt sich eine starke Schwerpunktsetzung in Bezug auf die Beendigungsphase erkennen.“ (114). Während Gericht und Polizei die Haft als zur Nachreife geeignetes ‚Entwicklungsmoratoriums begreifen, betont die Jugendhilfe: „Die Einengung von Handlungs- und Erfahrungsoptionen im abgeschlossenen Raum verunmögliche die Entwicklung Jugendlicher in Haft.“ (115)

In der 'kritischen Diskussion' seiner Befunde fasst Hoyer die näher aufgeschlüsselten ätiologischen und strategischen Deutungsmuster als Interpretations- und rechtfertigende Handlungsschablonen. So wird etwa im 'Deutungsmuster des Ausschlusses' „ein kritischer Fokus auf das Bildungssystem gerichtet, indem eine mangelnde Passung bzw. ungeeignete Interaktion zwischen Bildungssystemen und der Zielgruppe beschrieben wird.“ Wobei diese „Desintegrations- und Exklusionsprozesse […] aber nicht in Bezug auf eigene Anteile reflexiv verwendet, sondern dem Schulsystem zugeschrieben werden“, was „mit dem psychoanalytischen Konzept der der Projektion beschrieben werden“ könnte. (123).

Abschließend (7.3) ordnet er diese Befunde einerseits in das Phasenmodell fehlschlagender Interaktion zwischen diesen Jugendlichen und den 'sanktionierenden' Institutionen ein und betont andererseits „das spezielle Erleben der psychischen Struktur von Mitgliedern der Zielgruppe“, das im Wesentlichen defizitär orientiert sei: „Neben der starken Bedürftigkeit wird ein Mangel an Kompetenzen und Fähigkeiten beschrieben, die auf biographische Belastungserfahrungen und mangelnde Reflexionsmöglichkeiten im familiären Raum zurückgeführt werden“: „keine kohärente Selbststruktur“, „Mentalisierungsfähigkeiten eingeschränkt“, „Fähigkeit zur teleologischen Ordnung ihres Lebens deutlich reduziert.“ (137f).

Diskussion

Mit seiner Fallstudie untersucht der Autor an einer kritischen Stelle der Zusammenarbeit zwischen Kriminaljustiz, Polizei und Jugendhilfe – im Umgang mit jugendlichen 'Intensiv-Tätern' – wie der jeweilige professionelle, subjektive Wahrnehmungs-Rahmen insbesondere durch dessen 'implizite' Deutungsmuster handlungsrelevant wirksam werden kann. Ein bei uns bisher noch relativ wenig untersuchtes Feld, in dem das weithin gemeinsame ätiologisch defizitäre Paradigma letztlich auch bei der beteiligten Jugendhilfe die juristische Handlungslogik 'zum Schutz der Gemeinschaft' deren 'Reifungsmoratorium' in der Haft durchsetzen kann.

Fazit

Theoretisch der kritischen Kriminologie/​Sozialpädagogik nahestehend, betont Hoyers Ansatz auch praktisch 'didaktisch' fruchtbar die Notwendigkeit, neben dem expliziten Expertenwissen – auch – intensiver auf diese impliziten handlungsrelevanten Deutungsmuster einzugehen. Ein Beitrag, der sicher noch gewonnen hätte, wenn er bei der Übernahme des Dissertations-Textes besser redigiert worden wäre, wenn der theoretische Teil auf den selbstverständlichen Ballast verzichtet und wenn er sich nicht nur auf die deutschsprachige Literatur verlassen hätte [vgl. etwa den gerade publizierten Beitrag von Patricia Gray und Roger Smith: Shifting sands: The reconfiguration of neoliberal youth penality. In: Theoretical Criminology May 2021 Vol. 25(2): 304-324].


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 17.06.2021 zu: Jan Hoyer: Metaphern der Jugenddelinquenz. Analyse von Deutungsmustern feldspezifischer Expert*innen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2021. ISBN 978-3-7815-2438-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28357.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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