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Rudi Westendorp: Alt werden, ohne alt zu sein

Cover Rudi Westendorp: Alt werden, ohne alt zu sein. Was heute möglich ist. Verlag C.H. Beck (München) 2021. 286 Seiten. ISBN 978-3-406-76740-1. 12,95 EUR.
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Thema und Autor

Nie zuvor sind die Menschen so alt geworden wie heute. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Jede Woche fügen wir ein Wochenende zu unserer Lebenszeit hinzu, ohne dass die kranke Zeit im Alter zunimmt. Haben wir auf das lange Leben schon die richtigen Antworten und ist es möglich, mit 75 noch ein neues Leben anzufangen?

Der prominente niederländische Altersmediziner Rudi Westendorp erklärt, wie es dazu kam, dass „Älter werden“ und „Alt sein“ nicht mehr dasselbe sind, und wie wir mit der immer längeren Lebenserwartung umgehen können. Er beleuchtet das Phänomen des verlangsamten Alterns in ganzheitlicher Sicht – aus den Perspektiven der Biologie, der Medizin, der Pflege und der Gesellschaft. Westendorp fordert uns auf, mehr Kreativität bei der Gestaltung unserer Lebensläufe an den Tag zu legen. Sein Buch ist ein Navigationssystem für das Extra an Lebenszeit, das vor uns liegt. Wer es liest, wird sich jünger fühlen.

Der Autor des Buches ist Rudi Westendorp ist Arzt, Professor für Medizin an der Universität Leiden und Gründungsdirektor der „Leidener Akademie für Vitalität und Altern“.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in dreizehn Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert.

Einleitende Bemerkungen finden sich in „Silver economy – Das Leben in Revolte“. Westendorp betont, dass die Zunahme des Alters radikal ist, einer Explosion nahekomme. Ein langes Leben sei ein beeindruckender Erfolg, aber auch eine beängstigende Perspektive.

Kapitel eins „Alles altert, auch die Bibel“. Altern sei ein Prozess, der aus der Anhäufung minimaler Beschädigungen besteht, die uns deshalb treffen, weil wir existieren. Wir altern nicht, weil wir leben, sondern allein dadurch, dass wir da sind. Von allen Richtgrößen, die Ärzten zur Verfügung stünden, um das Sterberisiko einzuschätzen, scheint die Gehgeschwindigkeit eine der aussagekräftigsten zu sein. So sei es auch unlogisch, alle Menschen zu einem festgelegten kalendarischen Alter in den Ruhestand zu schicken, denn dafür fehle jede medizinisch-biologische Begründung.

Kapitel zwei ist überschrieben mit „Ewiges Leben oder wie man das Altern aufschieben kann“. Einen erlittenen Schaden könnten Menschen nicht vollständig reparieren, weil es ihm an der Regenerationsfähigkeit fehle, sodass sich mit jedem Lebensjahr die Schäden summierten.

„Unser evolutionäres Programm – der Wegwerfkörper“ heißt es im dritten Kapitel. Diese Theorie gehe davon aus, dass sich Entwicklung, Wachstum und Überleben nach ökonomischen Prinzipien vollzögen, sodass man entweder in die Fruchtbarkeit oder in die Pflege des eigenen Körpers investieren könne. Ein langes Menschenleben lasse sich meist nicht mit vielen Kindern vereinbaren.

Das folgende Kapitel widmet sich den „Sterbetafeln – wer Geld hat, lebt länger“. Eltern gäben mit ihrem genetischen Material einen gewissen Teil von Krankheit oder Gesundheit mit als auch Widerstandskraft und Regenerationsvermögen.

Mit dem „Überleben unter widrigen Bedingungen“ setzt sich das folgende Kapitel auseinander. Hier wird das Leben in einem urwüschsigen Bimoba Stamm in Ghana beschrieben. Individuen einer Gattung könnten entweder wenige Nachkommen hoher Qualität oder viele Nachkommen geringerer Qualität hervorbringen. Aus evolutionärer Sicht wäre die Kinderbetreuung durch die Großeltern eine erfolgreiche reproduktive Strategie.

„Jede Woche verlängert sich unser Leben um ein Wochenende“ so fährt Westendorp in seinem sechsten Kapitel fort. Neben Infektionen, extremen Lebensbedingungen und Mangelernährung waren Formen von Gewalt Todesursachen in früheren Jahren. Auch in den Entwicklungsländern seien Mangel- und Infektionskrankheiten nicht mehr die dominanten Todesursachen, sondern der durch den Überfluss und die Folgen des Alterungsprozesses ausgelösten Krankheiten.

Die folgenden Ausführungen sind den „Babyboomer und viele Alte“ gewidmet. Heute würden wir genügend Lebensmittel produzieren, um damit zwölf Milliarden Menschen ernähren zu können, allerdings landete ein Drittel im Abfall, wodurch Hungersnot heute eher ein Verteilungsproblem sei (S. 127). Bis ein Neugeborenes erwachsen ist, sind von den Eltern und der Gesellschaft 200 000 € erforderlich, erst nach dem 40. Lebensjahr erbringe dieser Mensch dann einen Zugewinn für die Gesellschaft.

Der Titel von Kapitel acht ist „Altern ist eine Krankheit“. Alter und Krankheit seien unverbrüchlich miteinander verbunden. Beim Älterwerden würden sich viele kleine Ursachen solange summieren, bis eine Krankheit entstehe. Wenn man eine Vielzahl bleibender Schäden angesammelt hätte, dann sei man gebrechlich, man sei biologisch alt.

Kapitel neun nimmt zum Problem „Warum wir unweigerlich altern, aber nicht unbedingt alt sein müssen“ Stellung. Die evolutionäre Erklärung dafür sei, dass Menschen auf Kosten ihres eigenen Körpers in Fruchtbarkeit investierten. Wir erleiden in der Kindheit eine Reihe von Infektionskrankheiten, die unser Abwehrsystem besser an unsere Umgebung anpassten. Des Weiteren verkürzt Nahrungsmangel nicht mehr unser Leben, sondern übermäßiges Essen sorgt für Krankheiten und Tod.

Im nächsten Kapitel nimmt Westendorp das Problem „Lang sollst du leben“ in den Blick. So habe sich die Kluft zwischen „krank sein und sich beeinträchtigt fühlen“ rapide vergrößert (S. 179). Deshalb seien heute Aktivierung, Rehabilitation und Normalisierung die Zaubermittel der modernen Medizin.

„Die Qualität unseres Daseins aus einer anderen Perspektive“ wird im Kapitel elf behandelt. Studien belegten, dass für das Wohlbefinden soziale Kontakte hilfreich seien und es unerlässlich sei, sich fortwährend an die jeweiligen Lebensumstände anzupassen, auch an den körperlichen und geistigen Abbau.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema „Vitalität! Auch in unserer Gesellschaft“. Westendorp unterteilt den menschlichen Alterungsprozess in vier Phasen: Vorsorge, Multimorbidität, Gebrechlichkeit und Abhängigkeit, wobei die Vorsorge bei Weitem die längste Phase ist. Wenn es uns gelingen würde, die zusätzlich gesunden Jahre in gesellschaftliche Teilhabe zu investieren, wären auch die Probleme der Vergreisung weitgehend gelöst. Vitalität sei die Fähigkeit, sich voll zu entfalten und alles aus dem Leben herauszuholen, was es zu bieten hat.

Im vorletzten Kapitel dreizehn wird der „Der neue Lebenslauf“ ins Visier genommen. Wichtig sei, sich der erhöhten Lebensdauer anzupassen, was heißt, länger zu arbeiten und gesellschaftlich länger aktiv zu sein. Die Phase in der wir zum gesellschaftlichen Nutzen beitragen, müsse weiter ausgedehnt werden. Angesichts der steigenden Lebenserwartung sei es realistisch, sich mit dem Renteneintrittsalter auf das 75. Lebensjahr zuzubewegen.

„Ein Rezept für die Zukunft“ beschließt die Broschüre. Die Frage, die hier gestellt wird ist die folgende: Gibt es ein Rezept, alt zu werden, ohne alt zu sein? Eine Pille, die alt sein verhindert, gibt es nicht und werde es wohl auch nie geben. Aber in unserem alltäglichen Umfeld liege der Schlüssel für einen Zuwachs an Gesundheit und Wohlergehen. Die Antwort auf diese Frage, wie man alt wird, ohne es zu sein, läge in unserer eigenen sozialen und seelischen Flexibilität.

Diskussion

Es ist eine unterhaltsame, sehr einfach zu lesende Broschüre, die viele Weisheiten das Altern betreffend bereithält. Es ist kein wissenschaftliches Buch, das war auch sicher vom Autor nicht intendiert. Es finden sich aber viele sehr ernsthafte Vorschläge, wie man alt wird, ohne alt zu sein. Vieles davon ist gut und einfach umzusetzen und kann uns helfen, gut und gesund alt zu werden. Gelungen sind die kurzen Weisheiten zu Beginn jedes Kapitels, die gut die Thematik eingrenzen und die auf die folgenden Ausführungen sinnvoll verweisen.

Fazit

Diese Publikation verweist auf die Notwendigkeit, eine Neuverhandlung des Alters in den Mittelpunkt der Ausführungen zu stellen. Das Alter in seiner ganzen Komplexität zu begreifen, ist der eigentliche Verdienst des Buches. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die die komplexen Facetten des Alters beleuchtet und Wege aufzeigt, dass es in unserer Hand liegt, den Lebensabend sinn- und freudvoll zu begehen.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 01.07.2021 zu: Rudi Westendorp: Alt werden, ohne alt zu sein. Was heute möglich ist. Verlag C.H. Beck (München) 2021. ISBN 978-3-406-76740-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28359.php, Datum des Zugriffs 05.08.2021.


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