Iris Gereke, Rolf Meinhardt et al.: "Sprachförderung in Kindertagesstätten und Grundschulen [...]
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 07.06.2005
Iris Gereke, Rolf Meinhardt, Wilm Renneberg: "Sprachförderung in Kindertagesstätten und Grundschulen - ein integrierendes Fortbildungskonzept". Abschlussbericht des Pilotprojekts.
BIS-Verlag
(Oldenburg) 2005.
199 Seiten.
ISBN 978-3-8142-0946-3.
12,00 EUR.
Reihe: Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM).
Förderbedarf bei Vorschulkindern nicht nichtdeutscher Herkunft
"Arm, ärmer, Kind" - so steigerte kürzlich Philipp Krohn in der Wochenzeitung DIE ZEIT die Schwierigkeiten, die Kinder in den westlichen Industrieländern haben, ideell, individuell und kollektiv. Würde er den Komparativ erweitern, müsste er die Reihe fortführen in ... Kinder ausländischer Herkunft. Die Problematik ist, nicht erst seit den Ergebnissen, die von den verschiedenen internationalen Vergleichsstudien zur Bildungssituation von Kindern in den OECD-Ländern, Pisa u.a., die Öffentlichkeiten aufgeregt haben, bekannt: Lernen hat etwas mit ganzheitlichem Entwickeln zu tun, und Wissen darf sich nicht nur auf kognitive Fertigkeiten reduzieren. Die so genannte Iglu, die Internationale Grundschul-Lesestudie, bestätigt zwar den deutschen Grundschulen insgesamt kein allzu schlechtes Ergebnis, immerhin, im Vergleich zu den Ergebnissen von Pisa, bei denen die deutschen Schülerinnen und Schüler "unter ferner liefen" landeten, liegen die deutschen Viertklässler im internationalen Vergleich im oberen Mittelfeld. Nur: Die Kinder von Einwanderern, Flüchtlingen und Asylbewerbern, weisen bei der Untersuchung äußerst schlechte Lern- (Lese-) Kompetenzen auf. Im Durchschnitt zeigen bei den in den einzelnen Bundesländern durchgeführten Sprachstandserhebungen, dass bei rund 90 Prozent aller getesteten Vorschulkinder nichtdeutscher Herkunft ein Förderbedarf angezeigt ist.
Sprachliche Frühförderung in Niedersachsen
In unterschiedlicher Weise reagieren die Kultusministerien der Bundesländer auf dieses Dilemma. In Niedersachsen wird seit 2003 ein Programm durchgeführt, mit dem Kinder nichtdeutscher Herkunft, die aufgrund einer Sprachstandsfeststellung nicht ausreichend befähigt sind, eingeschult zu werden, ein halbes Jahr vor dem Grundschuleintritt eine so genannte "sprachliche Frühförderung" durch ausgewählte Lehrkräfte der Grundschule erhalten. Diese Maßnahme, die von der Einsicht des niedersächsischen Kultusministers bestimmt wird, dass "die Bildungschancen von Kindern ( ) entscheidend erhöht werden (können), wenn ihre Sprachentwicklung und ihr Sprechen von Anfang an beachtet und gefördert werden"; eine sicherlich nicht allzu aufregende, aber in der deutschen Bildungslandschaft neue Aufmerksamkeit, die durch die Ausbildung und traditionelle Bewertung der Bildungsanforderungen von "unten nach oben" zementiert ist: Am geringsten ausgebildet und bezahlt werden die Fachkräfte für Kindergärten und Vorschuleinrichtungen; dann folgen die Grundschul- und HauptschullehrerInnen, dann die der Realschulen und schließlich die Gymnasiallehrkräfte. Dazu kommt, dass es bisher kaum institutionelle oder gar curriculare Initiativen für den Übergang vom Kindergarten zur Primarstufe, als der Grundschule, gibt. Hier ist Erkenntnis- und Forschungsbedarf zu registrieren.
Pilotprojekt: Integrierendes Fortbildungskonzept
Das niedersächsische Kultusministerium hat deshalb die Universität Oldenburg mit den beiden Einrichtungen - dem Interdisziplinären Zentrum für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM) und dem Oldenburger Fortbildungszentrum (OFZ) - beauftragt, ein zehnmonatiges Pilotprojekt durchzuführen und ein "Konzept zur Förderung des Erwerbs der deutschen Sprache im Elementarbereich unter besonderer Berücksichtigung von Kindern mit Migrationshintergrund" zu erstellen. Dabei ging es darum, Fachkräfte aus Kindertagesstätten und Grundschulen gemeinsam mit einem "integrierenden Fortbildungskonzept" so vorzubereiten, um "die Sprachförderung im Elementar- und Primarbereich möglichst punktgenau aufeinander abzustimmen, adäquate Kooperationsformen zwischen den Bildungsinstitutionen aufzubauen und damit kontinuierliche Sprachlernprozesse nachhaltig sicherzustellen". Das Oldenburger Forschungsteam legt nun die Studie aus diesem Pilotprojekt vor. Die Ergebnisse lassen sich in zweifacher Hinsicht deuten: Zum einen zeigen sich in der lokal-regionalen Anlage des Forschungsvorhabens die Vorteile wie Tücken eines bisher ungewohnten Anspruchs für eine integrierende Fortbildung von Fachkräften aus dem Elementar- und Primarbereich; zum anderen ergeben sich daraus neue Einsichten und Erkenntnisse, die einen Blickwechsel bei den Beteiligten - KindergärtnerInnen, ErzieherInnen, LehrerInnen, Eltern, Schulverwaltung - ermöglicht. Durch die als einzelne Module ausgewiesenen Fortbildungsinhalte, wie z. B.:
- Reflexion der Alltagspraxis,
- Unterstützung und Optimierung der Sprachfrühförderung,
- Sensibilisierung für die Notwendigkeit eines Gesamtkonzepts zur Sprachförderung,
Schlussfolgerungen aus Begleitstudie
Die Forscher ziehen aus den Ergebnissen den (eigentlich selbstverständlichen) Schluss: "Die Sprachfrühförderung entwickelt sich nicht von selbst zu einer gemeinsamen Sache von Kindergarten und Schule". Was kurz- und mittelfristig getan werden muss, in Niedersachsen und anderswo, ist, die in dem Pilotprojekt entwickelten und erprobten Kooperationsprozesse zwischen den Fachkräften aus der Kindergarten-, Vorschul- und Grundschulerziehung kontinuierlich, also selbstverständlich, zu gestalten. Der Projektbericht bietet für Theoretiker und Praktiker, für die institutionelle Aus- und Fortbildung, aber auch für die Bildungspolitik eine Reihe von Anforderungen und Anregungen. Sie umzusetzen in eine bildungspolitische Systemdiskussion wie in professionelles, erzieherisches Denken und Handeln muss jetzt folgen.
Im Empfehlungskatalog fehlt jedoch ein wichtiger Hinweis, den Eskil Frank, der Rektor des Pädagogischen Zentrums der Universität Stockholm angesichts des positiven Abschneidens der schwedischen Vorschulkinder bei der Iglu-Studie, als eine Antwort darauf nennt: "Die besten Lehrer sollen in die Vorschule gehen". Für diese Erkenntnis ist bei deutschen Politikern, aber auch bei den Theoretikern und Praktikern im mehrgliedrigen Bildungssystem, noch ein gutes Stück Wegs zu gehen.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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