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Vincent August: Technologisches Regieren

Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 15.08.2022

Cover Vincent August: Technologisches Regieren ISBN 978-3-8376-5597-1

Vincent August: Technologisches Regieren. Der Aufstieg des Netzwerk-Denkens in der Krise der Moderne. Foucault, Luhmann und die Kybernetik. transcript (Bielefeld) 2021. 480 Seiten. ISBN 978-3-8376-5597-1. D: 38,00 EUR, A: 38,00 EUR, CH: 46,40 sFr.
Reihe: Edition transcript - 8
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Thema und Autoren

Die vorliegende Arbeit von Vincent August rekonstruiert die Entstehung der Kybernetik in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Damit soll ein Diskurs des Regierens sichtbar werden, der bislang von Beschreibungskategorien wie Technokratie und Neoliberalismus nur unzureichend bezeichnet wurde. Auch wenn sich die Untersuchung dafür zunächst in die Grenzbereiche der Politischen Theorie begeben muss, so liegt doch eine Pointe von August darin zu zeigen, wie groß der Einfluss des kybernetischen Paradigmas auf die Frage des Regierens im Allgemeinen und auf zwei der Großtheorien des vergangenen Jahrhunderts im Besonderen gewesen ist. So erkennt er im Werk von Michel Foucault und Niklas Luhmann zentrale Motive dieses theoriegeschichtlichen Umbruchs wieder. Die als Dissertationsschrift bei Herfried Münkler und Hartmut Rosa entstandene umfangreiche Abhandlung siedelt dabei zwischen Politischer Theorie, Ideengeschichte und Sozialtheorie.

Autor ist Vincent August, Soziologe und Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einem Vorwort und einer Einleitung in fünf Teile mit einzelnen Kapiteln differenzierter Länge untergliedert.

Im „Vorwort“ von Hartmut Rosa wird betont, dass August eine eigenständige, bestechende und überaus innovative Theorie geglückt sei, weil er neues Licht auf die System- und die Gouvernementalitätstheorie geworfen habe.

Die „Einleitung“ setzt sich mit dem Problem auseinander, dass sich die Politik von ihrer alten hierarchischen Struktur lösen und zu einem kreativen Ort werden müsse. Des Weiteren werden Elemente und Ursprünge des technologischen Regierungsdenkens diskutiert, indem der eingefordert wurde.

Ein erster Teil mit der Überschrift „Das Gegenmodell: ‚Souveränität‘ nach 1945“ befasst sich mit der Frage; was es bedeute von Politik Vokabular der Souveränität zu sprechen. In systemischer Hinsicht sei Souveränität das Gegenmodell zum technologischen Denken in Systemen und Netzwerken. In den folgenden Ausführungen geht es um die Idee des Weltstaates, indem die Theorien von Fanon, Hennis und Simson in die Diskussion einbezogen werden. Souveränität war nach 1945 der Begriff, mit dem der zeitliche Gestaltungs- und Verantwortungsimpetus der modernen Subjektivität zum Ausdruck gebracht wurde.

Die Überschrift des zweiten Teiles ist die „Technologien: Modernes Steuerungsdenken in der Kritik“. Das folgende Kapitel soll klären, was die Logik des Technischen war, um ihren Einfluss auf das Regierungsdenken nachzuweisen. Dabei zeige sich nach August, dass im Diskurs über das Regieren zwei völlig verschiedene Technologien bestanden haben, die ihre eigene Kritik an der souveränen Steuerungstheorie formulierten. Die eine sei eine Selbstkritik des souveränen Regierungsdenkens, die andere eine Demontage. Der Ausgangspunkt eines kybernetischen Denkens sei eine Kritik des mechanischen Weltbildes, wie es sich nach Newton entwickelt habe.

Teil drei ist der „Transformation: Krise der Moderne, Zerfall der Souveränität“ gewidmet. Die im zweiten Teil vorgestellten kybernetischen Überlegungen konnten in der Krise der Moderne, als die Souveränitäts- und Aufklärungsvorstellungen der Nachkriegszeit in den 70er Jahren verloren, für eine Interpretation der Krisenphänomene benutzt werden. Dem ist dieses Kapitel gewidmet. Dafür werden zunächst die Krisenphänomene aus zeithistorischer und zeitgenössischer Sicht dargestellt, um dann die konfigurierenden Deutungsangebote herauszuarbeiten.

Mit dem Titel „Das Netzwerkmodell der Macht: Michel Foucault“ ist Teil vier überschrieben. Im Folgenden geht es darum, die Einflüsse des kybernetischen Denkens auf Foucaults bahnbrechende Konzepte zu rekonstruieren und zugleich ihre Stellung in den politischen Deutungskämpfen der Zeit herauszuarbeiten. In den folgenden drei Unterkapiteln werden drei Kontexte – die Gegenfolie der Souveränität, die Technologiken der Nachkriegszeit und die Krisen der 70er Jahre – in der Analyse zweier Fälle zusammengeführt.

Im Teil fünf geht es um „Die Politik der Systemtheorie: Niklas Luhmann“. Dieses Kapitel nimmt nun mit Niklas Luhmann einen zweiten Fall in den Blick, um den Aufstieg des Netzwerk-Denkens nachzuzeichnen. Luhmann sprach über die Rolle des zukünftigen Staates von einer Metamorphose, also einem Formwandel. Der Staat sei in erster Linie ein Sicherheitsgarant, und diese Rolle solle er auch in Zukunft spielen, dafür brauche es aber eine Form, die der Weltgesellschaft angemessen sei.

Im letzten Teil sollen die Linien der Argumentation so nachgezeichnet werden, dass der Ertrag für die übergeordneten Fragestellungen deutlich wird. Das Thema lautet „Technologisches Regieren: Konturen und Kritik“. Es wird eine Konturierung vollzogen, die es möglich macht, das Netzwerk-Denken vom Neoliberalismus abzugrenzen und eine historisch-kritische Analyse der Gegenwart vorzuschlagen. Intellektuelle Interventionen werben für einen Nationalstaat als eine politische Ordnung, weil er gerade wegen seiner territorialen Verankerung soziale Integration, internationale Kooperation und ökonomische Gerechtigkeitserwägungen besser verbinden könne, als dies in den vergangenen 30 Jahren gelungen sei.

Diskussion

Die vorgelegte Publikation ist eine Dissertation, eine Forschungsarbeit, die sich je nach Fach entweder historisch oder theoretisch mit einem bestimmten Thema beschäftigt oder ihre Grundlage besteht in der Beschreibung und Interpretation experimentell und empirisch gewonnener Erkenntnisse. Für diese treffen alle Attribute zu. Es ist eine Arbeit mit höchstem wissenschaftlichem Anspruch, der das Netzwerk-Denken in der Krise der Moderne in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt. Eine Dissertationsschrift bedeutet aber auch, dass viele Leserinnen und Leser vom Verstehen der Problematik weitestgehend ausgeschlossen sind. Zu bemängeln ist, dass die theoretischen Explikationen keine zusammenfassenden Ausführungen am Ende des Kapitels vorhalten, sodass das Verständnis noch schwerer fällt.

Fazit

Es ist eine saubere, den wissenschaftlichen Ansprüchen einer Dissertation entsprechende Diskussion, die allerdings nur von Insidern versteh- und lesbar ist.

Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Es gibt 185 Rezensionen von Gisela Thiele.

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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 15.08.2022 zu: Vincent August: Technologisches Regieren. Der Aufstieg des Netzwerk-Denkens in der Krise der Moderne. Foucault, Luhmann und die Kybernetik. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5597-1. Reihe: Edition transcript - 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28365.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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