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Frank Schulz-Nieswandt: Der alte Mensch als Verschlusssache

Cover Frank Schulz-Nieswandt: Der alte Mensch als Verschlusssache. Corona und die Verdichtung der Kasernierung in Pflegeheimen. transcript (Bielefeld) 2021. 178 Seiten. ISBN 978-3-8376-5500-1. D: 29,00 EUR, A: 30,00 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Care - Forschung und Praxis - 4.
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Thema

Die Publikation von Frank Schulz-Nieswandt „Der alte Mensch als Verschlusssache: Corona und die Verdichtung der Kasernierung in Pflegeheimen“ betont die aktuelle Relevanz dieser Thematik. Der Autor verdeutlicht die soziale Ausgrenzung hochaltriger Menschen in Pflegeheimen, welche mit der Corona-Krise nochmalig verschärft worden ist und legt ebenso die tradierten Strukturprobleme des Pflegesektors, vornehmlich in Pflegeheimen und weiteren pflegerischen Wohnformen, offen. Anstatt ein Ort des alltäglichen Lebens und normalen Wohnens mit sozialen Kontakten zu sein, bestimmen mehr denn je Schutz vor Ansteckung und Sicherheit die Wirklichkeit der Bewohner: Der alte und hochaltrige im Pflegeheim lebende Mensch wird zur Verschlusssache. Frank Schulz-Nieswandt nimmt sich in einer interdisziplinären Analyse der Frage an, was angesichts der Corona-Pandemie mit den in diesen Wohnformen lebenden (und auch arbeitenden) Menschen geschieht. Der Autor zeigt diesbezüglich auf wie die Corona-Krise bisher als gesellschaftliches Brennglas gewirkt hat. Ferner wird abschließend diskutiert, welche Strategien und Mechanismen zukünftig bedient werden müssten, um das Gelingen sozialer Lernprozesse zu gewährleisten. Summa summarum benötigt es vor allem die übergeordnete Erkenntnis, dass internationale Zusammenarbeit und Koordination erforderlich sind, um zukünftigen Infektionskrankheiten adäquat und menschenwürdig zu begegnen.

Autor

Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt lehrt an der Universität zu Köln Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung im Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS). Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in der interdisziplinären Altersforschung, welche die Themenbereiche Integrierte Medizin, sozialraumorientierte Pflegestrukturplanung und Wohnformen im Alter sowie Europarecht berührt.

Zielgruppe

Die wissenschaftliche Essayistik spricht Akteure aus der Politik, dem Pflege- und Gesundheitswesen sowie den interessierten Leser an. Im Hinblick auf die gegenwärtige Lage der im Pflegeheim lebenden älteren und alten Bewohner wird analysiert und erörtert, was mit den Menschen im Zuge der Corona-Pandemie passiert bzw. wie diese unter den Pandemie-Bedingungen leben. Weiterführend werden die bestehenden Strukturen und Reformbedarfe der Sozialgesetze besprochen, die Lebenswelt der Pflegeheime sowie deren Atmosphäre dargestellt, werte-orientierte Schlussfolgerungen abgeleitet und diese im Fokus der Abhandlung diskutiert.

Aufbau

Die Arbeit ist in ein Vorwort, die Teile A. und B. sowie in Fazit und Ausblick gegliedert. Inhaltlich wird sich der Frage angenähert, inwiefern die Corona-Pandemie die soziale Isolierung von alten und hochaltrigen Menschen innerhalb der Lebenswelt Pflegeheim beeinflusst hat.

Nach dem Vorwort wird in Teil A. eine integrierte Zusammenhangsanalyse ausgeführt und in Teil B. eine vertiefende psychodynamische Kulturanalyse vorgestellt. Der Inhalt des Buches ist dann in die Kapitel

  • B.I. „Der alte Mensch als 'Figuration des eingeschlossenen Ausgeschlossenen'“
  • B.II. „Diskursanalysen“
  • B.III. „Von der Analyse zur Positionierung“ sowie
  • B.IV. „Die Einschreibung von Corona in die vorgängige Logik der Versorgungslandschaft“ strukturiert.

Die dargelegten Teile bzw. Kapitel werden im Anschluss in einem Fazit und Ausblick weiterführend diskutiert. Der Anhang ergänzt den Haupttext um Abhandlungen zu der „Glücksmaximierung der Mehrheit auf Kosten des Todes einer Minderheit?“ (Anhang I) sowie die „Übertragungs-Gegenübertragungs-Mechanismen des Alltags“ (Anhang II). Ein Literaturverzeichnis enthält die verwendete wissenschaftliche Literatur, die in der Publikation dargestellten Schaubilder sind in einem Verzeichnis aufgelistet.

Inhalt

Die Publikation beginnt im ersten Teil mit einem kurzen Vorwort zur Corona-Pandemie und der in Pflegeheimen momentan vorherrschenden Lebens- und Versorgungssituation.

Der anschließende Teil A. führt mit einer integrierten Zusammenhangsanalyse in die Thematik des Buches ein und setzt sich hierfür mit Grundrechtverletzungen von Erwachsenen durch eine Kultur der Kasernierung in Pflegeheimen auseinander. Aus verschiedenen Perspektiven werden zudem die „Corona-Gesellschaft“, die „Eskalation der Kasernierung“, der „Rückbau der Sozialraumöffnung“, das „Spinnennetz des Kapitalismus“, „Eine alternative Vision“ sowie die „Modernisierung des Wächterstaates“ betrachtet und im Fazit des Teils zusammengeführt.

Teil B. stellt in einer vertiefenden psychodynamischen Kulturanalyse Hypothesen zur Erklärung der Kasernierungsdynamiken auf strukturalistischer Basis auf. Diese werden im Folgenden als kultureller Rahmen mit gesellschaftlichen Regeln versehen und aus der Sichtweise der psychologischen Tiefenanalyse überprüft.

Darauf aufbauend exemplifiziert Kapitel I den alten Menschen als „Figuration des eingeschlossenen Ausgeschlossenen“ und fokussiert Corona als Kontext hyperbolischer Ausgrenzung. An dieser Stelle wird der Kontrast herausgearbeitet, dass Pflegeheime eigentlich Orte des alltäglichen Lebens und normalen Wohnens sein sollten, wo soziale Kontakte einen zentralen Stellenwert einnehmen; stattdessen dominieren die Aspekte Schutz und Sicherheit, welche in Zeiten der Corona-Pandemie die Isolierung der Bewohner vermehrt zum Diskussionsgegenstand erheben.

Kapitel II führt „Diskursanalysen“ u.a. zu Besuchsregeln in Pflegeheimen während der Corona-Zeit durch. Vertiefend werden in diesem Abschnitt auszugsweise Meinungen und Kritiken – beispielsweise „Die Sozialpolitik für die Schutzbefohlenen“ oder „Ein Exkurs über die affirmative Logik in der Mitte der Argumentation“ – sowie die Hypothese des alten Menschen als „Verschlusssache“ diskutiert.

Das Kapitel III „Von der Analyse zur Positionierung“ setzt sich mit Themen auseinander, welche die „Altenpolitik“ in Anführungsstriche setzen, die einen Reformbedarf im SGB V und SGB XI veranschlagt und in der Corona-Krise diskutiert wie die Zugangspfade zur Problemsichtung u.a. aus der Perspektive sozialwissenschaftlicher Zeitdiagnosen dargelegt bzw. vollzogen werden können. Des Weiteren führt der Autor die Perspektive der Psychoanalyse von Freud und Lacan, der Existenzphilosophie sowie der daseinsanthropologisch-phänomenologischen Psychiatrie ein. Fortlaufend erstreckt sich ein Spannungsbogen von der Umsetzung sozialpolitischer Themen wie Alter(n)sproblematik oder Habitushermeneutik in der qualitativen Sozialforschung über Dämonängste in der Sozialraumbildung bis zur Apotropäischen Hygieneangst in Altenpflegeheimen.

In Kapitel IV wird „Die Einschreibung von Corona in die vorgängige Logik der Versorgungslandschaft“ erörtert. Deren Inhalt schildert das Pflegeheim in Zeiten von Corona sowie die Mechanismen der Übertragung und Gegenübertragung. Ein Exkurs weist auf den Beigeschmack des Held*innenkultes hin. Dem folgend werden rechtsphilosophische Erwägungen zu Grundrechtsdebatten der Corona-Krise ins Feld geführt und ein vom Capability-Denken geprägtes Verständnis innovativer Sozialpolitik vorgestellt, um abschließend die „Digitalisierung als Rettung“ anzudenken.

Ein Fazit und der Ausblick beschließen den Inhalt des Buches. Im Anhang I wird sich schlussendlich mit der „Glücksmaximierung der Mehrheit auf Kosten des Todes der Minderheit?“ beschäftigt, bevor in Anhang II die „Übertragungs-Gegenübertragungs-Mechanismen des Alltags“ finalisiert sind.

Diskussion

Die Buchveröffentlichung behandelt eine zeitgerechte, interessante und auch notwendige Thematik: Was hat sich für Menschen im Zuge der Corona-Krise in Pflegeheimen verändert? Nicht nur für die Bewohner*innen ist diese Frage bedeutsam, sondern für das gesamte Personal sowie Menschen, die in den Einrichtungen wirken. Der Autor macht diesbezüglich auf einen dringenden Diskussionsbedarf aufmerksam. Er zeigt, dass sich die vorher schon offensichtlichen Strukturproblematiken durch die Corona-Pandemie noch einmal verschärft haben und jetzt im Fokus der öffentlichen gesundheitspolitischen Debatte stehen sollten, damit Reformen und Anpassungen der derzeitigen (Versorgungs)-situation erfolgen können. Die Inhalte der Publikation beruhen auf einer sehr umfassenden Literaturrecherche. Der Sprach- und Schreibstil ist akademisch gehalten und sehr gut lesbar. Durch einen Abstract zu Beginn jedes Kapitels ist das Werk didaktisch aufbereitet. Für eine bessere Übersicht wurden „graue“ Kästen in den Fließtext integriert, die als Zusammenfassung oder/und Diskussionsanregung dienen sowie wesentliche Aspekte optisch hervorheben. Zum gezielten und schnelleren Nachschlagen der Begrifflichkeiten hätte der Publikation ein Sachwortverzeichnis beigefügt werden können.

Fazit

In dieser Publikation wird die Corona-Pandemie mit der gegenwärtigen Lebenssituation von Bewohnern in Pflegeheimen bzw. pflegerischen Wohnformen in Verbindung gebracht. Vornehmlich wird verdeutlicht, inwiefern sich die soziale Isolation von alten und hochaltrigen Menschen in der Corona-Pandemie noch weiter verhärtet hat. Die kritisch vorgenommene Abhandlung bietet eine weitreichende Analyse der momentanen Gegebenheiten und zeigt an, dass die dringende Notwendigkeit besteht, traditionelle Strukturprobleme in der Lebenswelt Pflegeheim anzugehen bzw. entsprechend zu beheben. Interessanterweise legt die Publikation eine umfassende Annäherung an die Thematik aus rechtlicher, (sozio-)kultureller, sozialer, pflegerischer und gesellschaftlicher Perspektive zugrunde und versucht, die Hypothese des alten Menschen als „Verschlusssache“ zu verifizieren bzw. zu approximieren. Diese interdisziplinäre Untersuchung ist dem Autor sehr gut gelungen. Der interessierte Leser erhält eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung und einen Appell zur kritischen Reflektion der vorhandenen Rahmenbedingungen für alte und hochaltrige Menschen in Pflegeheimen. Der Kaufpreis in Höhe von 29,00 Euro ist für dieses Werk angemessen.


Rezension von
Anna-Kathleen Piereth
Gesundheitsmanagement (B.A.), Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftrage SRH Wilhelm Löhe Hochschule für angewandte Wissenschaften Fürth, Forschungsinstitut IDC
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und
Dr. Christian Heidl
Diplom-Pflegewirt (FH), MSc Dozent und Wissenschaftlicher Mitarbeiter SRH Wilhelm Löhe Hochschule für angewandte Wissenschaften Fürth, Forschungsinstitut IDC
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Zitiervorschlag
Anna-Kathleen Piereth/Christian Heidl. Rezension vom 16.12.2021 zu: Frank Schulz-Nieswandt: Der alte Mensch als Verschlusssache. Corona und die Verdichtung der Kasernierung in Pflegeheimen. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5500-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28366.php, Datum des Zugriffs 16.01.2022.


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