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Maike Reese, Sarah Stüber: Der Wertschätzende Qualitätsdialog

Cover Maike Reese, Sarah Stüber: Der Wertschätzende Qualitätsdialog. Ein Konzept für die partizipative Qualitätsentwicklung in der frühen Bildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 138 Seiten. ISBN 978-3-7799-6320-2. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR.

Reihe: Kitaleitung! - 1.
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Thema

In dem vorliegenden Werk von Maike Reese und Sarah Stüber  wird ein neues Konzept zur Entwicklung von Qualität in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung vorgestellt. „Der Wertschätzende Qualitätsdialog“ ist ein partizipativer Ansatz zur Qualitätsentwicklung.

Autorinnen

Dr. Maike Reese ist Erziehungswissenschaftlerin und arbeitet als freiberufliche Organisationsberaterin mit den Schwerpunkten Bildung und Non-Profit. Sie leitet Seminare, berät Führungskräfte und Teams und veröffentlicht Artikel und Buchbeiträge.

Dr. Sarah Stüber ist Soziologin, Expertin für Social-Entrepreneurship und hat als Beraterin  viele Organisationen bei ihrer Gründung und Entwicklung begleitet.

Entstehungshintergrund

Der „Wertschätzende Qualitätsdialog“ wurde für die Arbeit in Kitas entwickelt. Der Ansatz wurde durch die praktische Arbeit in der Kindertageseinrichtung entwickelt. Die Umsetzung wurde in Zusammenarbeit mit einem Kita-Verband erprobt. Dabei wurde immer wieder Feedback von pädagogischen Fachkräften, sowie Eltern und Expert*innen eingeholt und Inhalte zur Diskussion vorgelegt. Diese Rückmeldungen wurden in der weiteren Entwicklung des Verfahrens berücksichtigt.

Aufbau

Nach einem kurzen, einleitenden Vorwort, wird in Kapitel 1 der Ausgangspunkt für das neue Konzept des Wertschätzenden Qualitätsdialogs dargestellt. Im zweiten Kapitel wird die Qualitätsentwicklung im Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung thematisiert. In Kapitel 3 werden weitere Theorien, die als Rahmen für den „Wertschätzenden Qualitätsdialog“ dienen, vorgestellt und in Bezug zu diesem Ansatz gesetzt. Im vierten und umfangsreichsten Kapitel wird das Verfahren des Wertschätzenden Qualitätsdialogs und dessen Elemente beschrieben. Das letzte Kapitel des Buches (5.) gibt Hinweise für die praktische Einführung und Umsetzung in der Kita bzw. für Träger(verbände).

Es finden sich in allen Kapiteln immer wieder grau hinterlegte Kästen mit unterschiedliche Icons. Diese enthalten Fragen, die das darauffolgende Kapitel beantwortet, Tipps, geben weitere Informations- und Literaturquellen an oder fassen die wichtigsten Punkte nochmal zusammen. Zudem gibt es an einigen Stellen im Buch Platz, um Antworten auf die gestellten Reflexions-Fragen zu notieren.

Inhalt

Zum Einstieg stellen Maike Reese und Sarah Stüber  in Kapitel 1 die Grundlagen für den Ansatz des Wertschätzenden Qualitätsdialogs dar. Sie begründen die Entwicklung eines neuen Ansatz zur Qualitätsentwicklungsansatz, vor dem Hintergrund aktueller und zukünftiger Herausforderungen für die frühe Bildung. Grundlage des Konzeptes ist, die Kita als lernende Organisation zu begreifen. Es werden Annahmen über Personen im Kontext von Organisationen dargestellt, die für die Organisationsentwicklung grundlegend sind.

Ebenfalls werden die Grundbegriffe des Konzepts „Wertschätzung“, „Qualität“ und „Dialog“ geklärt. Dabei wird der Bezug zur Kindertageseinrichtung hergestellt, sowie zu empirischen Erkenntnissen und Modellen. Diese bilden „die Leitlinien und Grundideen des Wertschätzenden Qualitätsdialogs“ (S. 16).

Kapitel 2 beschäftigt sich mit dem aktuellen Stand der Debatte um Qualität in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung. Daraus geht hervor, dass es unterschiedliche Auffassungen, Perspektive und Ansätze gibt und das Verständnis sehr heterogen ist. Im Anschluss werden die rechtlichen Grundlagen zur Qualitätsentwicklung in Kitas dargelegt. Darauf folgt eine die Differenzierung unterschiedlicher Qualitätsverfahren. Aus den Vielen und oft Individuellen sind vier Ansätze voneinander zu unterscheiden:

  1. Der individualistische Zugang“
  2. „Der dialogisch-partizipative Zugang“
  3. „Der fachlich-normative Zugang“
  4. „Der organisationale Zugang“

Es wird jeweils der Kern des Ansatzes beschrieben. Der Wertschätzende Qualitätsdialog würde „die produktiven Grundgedanken aller vier hier beschriebenen Zugänge [verbinden, Anm.: V.K.]“ (S. 34). In einem Exkurs werden die Qualitätskonzepte „Totally Quality Management“ (TQM) und DIN ISO 9000 und ihre Verschmelzung vorgestellt. In der Beschreibung der sieben wichtigsten Prinzipien wird der Bezug zum Bildungsbereich hergestellt und damit die Anforderungen an ein TQM beschrieben. In Zusammenhang mit TQM steht der PDCA-Zyklus, der als Instrument zur Qualitätsentwicklung kurz erläutert wird. Im letzten Unterkapitel wird das Ziel, relevante Aspekte, sowie „Vorteile einer systematischen Qualitätsentwicklung“ (S. 43) für Akteur*innen in Kitas vorgestellt.

In Kapitel 3 stellen die Autorinnen die theoretischen Bezüge ihres Konzeptes her. Der Ansatz basiert auf dem Menschenbild der humanistischen Psychologie. Diese ist „der Überzeugung, dass der Mensch in Freiheit und Würde in der Lage sei, etwas aus sich zu machen und sich selbst zu verwirklichen“ (S. 45). Der Prozess des „Wertschätzenden Qualitätsdialogs“ orientiert sich an dem Modell der „Themenzentrierten Interaktion“ (TZI). Dieses wird an dieser Stelle sehr ausführlich vorgestellt und weiterführende Literaturhinweise gegeben. Der Wertschätzende Qualitätsdialog liegt der Methode der „Appreciative Inquiry“ (AI) („wertschätzende Erkundung“ (S. 59)) zugrunde. Der Prozess der „wertschätzende Erkundung“ ist zyklisch in vier Phasen angelegt. Diese werden vorgestellt, sowie die Ziele der jeweiligen Phase. Kernstück dieser Methode ist das wertschätzende Partner*innen-Interview. Dabei wird der Fokus lediglich auf positive und gelingende Faktoren in der Organisation gelenkt. Dieses Instrument nutzen Reese und Stüber ebenfalls in ihrem Qualitätsentwicklungsverfahren.

In Kapitel 4 widmen sich die Autorinnen dem Kern des Werkes, dem Ablauf und den Verfahrensschritten des Wertschätzenden Qualitätsdialogs. „Die vier Aspekte des Verfahrens: Haltung, Ich, Wir und Welt“ (S. 73) werden ausführlich beschrieben und übersichtlich mit Schaubildern und Tabellen dargestellt. Die Wirkung der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Aspekt wird in Infokästen hervorgehoben.

Im Anschluss werden die „vier Elemente des Verfahrens“ „Interne Bilanz“, „Peer Review“, „Maßnahmen ableiten“ und „Umsetzung im Alltag“ vorgestellt (S. 84). Es werden jeweils die Ziele und der Ablauf der einzelnen Schritte aufgelistet. Außerdem enthält das Kapitel Interviewleitfäden, die bei der Umsetzung relevant sind, sowie beispielhaft Fotos der Umsetzung der Verfahrensschritte in der Praxis. Ein weiterer Aspekt des Ansatzes ist die Elternbeteiligung. In diesem Kapitel werden Möglichkeiten dafür aufgezeigt.

In Kapitel 5 verfolgen die Autorinnen das Ziel, Anregungen, Hinweise und Tipps für die Einführung und Anwendung des Ansatzes gegeben. Diese richten sich an Träger(verbände) und Kindertageseinrichtungen. Ziel ist es, Hilfestellung zum Start des neuen Verfahrens zu geben, ob im Großen oder Kleinen.

Diskussion

Die Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen ist eine Thematik, die in den letzten Jahren zunehmend an Relevanz gewonnen hat. Vor allem die Frage, was gute Qualität ist, prägt den Diskurs von Qualität in der Kita. Der Ansatz des „Wertschätzenden Qualitätsdialogs“ ist in diesem Diskurs zu verorten. Wobei sie keine neuen normativen Vorgaben machen, wie „gute Qualität“ in der Kita auszusehen hat. Vielmehr hat der Ansatz zum Ziel, dass alle an der Kita Beteiligten an der Entwicklung von Qualität beteiligt sind und ihre Sichtweisen gehört und berücksichtigt werden. Die Akteur*innen sollen in den Austausch, in den Dialog miteinander treten. Durch die intensive Auseinandersetzung mit der praktischen Arbeit in der Kindertageseinrichtung und den Ansprüchen, die an die jeweilige Einrichtung gerichtet sind, besteht die Chance, dass sich die Akteur*innen ihre Ziele zur Qualitätsentwicklung im Blick haben und erfüllen. Ausgangspunkt für die Entwicklung eines neuen Ansatzes für die Qualitätsentwicklung sind auch die zunehmenden strukturellen Herausforderungen, mit denen die Kitas konfrontiert sind. Dazu gehört die Ausweitung des Platzangebotes durch den Rechtsanspruch, die erhöhte Nachfrage an Kita-Plätzen für unter Dreijährige, die längeren Betreuungszeiten und der Fachkräftemangel. konfrontiert. Da die Zukunft immer wieder Neuerungen und Veränderungen bringen wird, die im Moment noch nicht bekannt sind, sind die Autorinnen der Auffassungen, dass starre, festgelegte Qualitätskriterien diesen Veränderungen nicht gerecht werden können. Es brauche vielmehr einen Ansatz, mit dem die Einrichtungen sich zu „agile[n] transformationsfähige[n] Organisationen“ entwickeln können (S. 9).

Der Ansatz erfordert ein hohes Maß an Motivation und Bereitschaft zur Selbstreflexion von den pädagogischen Fachkräften. Ob der vorgegebene zeitliche Umfang ausreicht, vor allem wenn man neu in dem Verfahren ist, ist in Frage zu stellen. Um die Verfahrensschritte zu durchlaufen, sind auch pädagogische Tage notwendig, diese bedeutet zusätzliche Schließtage für die Eltern.

Das Buch führt verständlich und nachvollziehbar in das neue Konzept des „Wertschätzenden Qualitätsdialogs“ ein. Die Aussagen werden durch wissenschaftlich fundierte Studien und Quellen untermauert und es werden bestehende Modelle und Methoden zur Umsetzung des Verfahrens genutzt. Es werden immer Bezüge zur praktischen Umsetzung hergestellt, wodurch ein guter Transfer von Wissenschaft und Praxis entsteht. Dazu hilft auch der Platz für eigene Notizen. Dieser ist mit Fragen versehen, die zum Reflektieren über die eigene Haltung und Praxis anregen.

Fazit

Das Buch „Der Wertschätzende Qualitätsdialog“ von Maike Reese und Sarah Stüber stellt ein neues Konzept für die Qualitätsentwicklung im Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung vor. Der Grundgedanke ist, dass alle Beteiligten in der Kindertageseinrichtung an der Entwicklung der Qualität partizipieren und dies von Wertschätzung geprägt ist. Das Konzept soll dazu dienen, die gemeinsame Haltung im Team zu reflektieren, sowie eine eigene Auffassung von pädagogischer Qualität zu erarbeiten. Die Leser*innen werden dabei in die Grundideen und Leitlinien des Ansatzes, sowie in die theoretischen Bezügen eingeführt. Die Verfahrensschritte des Wertschätzenden Qualitätsdialogs werden verständlich, ausführlich, übersichtlich und praxisnah erklärt und dargestellt und mit ausgewählten Beispielen, Fotos und Schaubildern gestützt. Das Buch richtet sich in erster Linie an, Leitungen von Kindertageseinrichtungen, pädagogische Fachkräfte sowie Fachberater*innen und Trägerverantwortliche. Sowohl Kitas, in denen es schon ein bestehendes Qualitätsmanagement System (QM) gibt, als auch Kitas, die sich noch nicht systematisch mit Qualität auseinandergesetzt haben, können das Konzept implementieren und auf ihre individuellen QM Bedarfe hin, individuell ausrichten. Es ist mit anderen QM Systemen kombinierbar, da es zur Reflexion der Praxis dient, wodurch man in den Austausch über pädagogische Prozesse, Handlungen und Haltungen kommt, die dann auch in der Logik eines anderen QM Systems dokumentiert werden können.    


Rezension von
Vanessa Kieß
Studentin im Studiengang „Kindheits- und Sozialwissenschaften“ M.A. mit dem Schwerpunkt „Management und Beratung“ an der Hochschule Koblenz, Kindheitspädagogin B.A.
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Zitiervorschlag
Vanessa Kieß. Rezension vom 20.07.2021 zu: Maike Reese, Sarah Stüber: Der Wertschätzende Qualitätsdialog. Ein Konzept für die partizipative Qualitätsentwicklung in der frühen Bildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6320-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28374.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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