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Thomas Ley: Zur Informatisierung Sozialer Arbeit

Cover Thomas Ley: Zur Informatisierung Sozialer Arbeit. Eine qualitative Analyse sozialpädagogischen Handelns im Jugendamt unter dem Einfluss von Dokumentationssystemen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3488-2. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

Reihe: Edition Soziale Arbeit.
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Thema

Die Informatisierung Sozialer Arbeit ist ein bekanntes Phänomen, das unabhängig der digitalen Transformation die Sammlung, Erzeugung und Nutzung von Wissen/​Daten über eine Person, Gruppe oder Situation beschreibt. Der organisierte Umgang mit Informationen führt angesichts der digitalen Transformation zu komplexen und digitalen Informationssystemen, die zur Einzelfall- und Systemsteuerung eingesetzt werden (sollen). Insofern kommt der Dokumentation als professionellem, administrativem und unternehmerischem Handeln in sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen sowie der Sozialverwaltung eine multirationale Bedeutung zu.

Im Fokus der vorliegenden Arbeit stehen digitale Dokumentationssysteme und insbesondere deren Einfluss auf das sozialpädagogische Handeln. Exemplarisch wird dieser Einfluss in vier Jugendämtern empirisch untersucht. Das Hauptinteresse gilt der professionstheoretischen Auseinandersetzung mit Dokumentationssystemen im Spannungsfeld von Technik, Organisation und Profession.

Autor

Dr. Thomas Ley ist derzeit bei der Bertelsmann Stiftung als Project Manager im Programm Lebenswerte Kommune tätig und war zuvor viele Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld beschäftigt.

Aufbau

Das Buch ist in 17 Kapitel gegliedert, die sich drei Hauptteilen zuordnen lassen, die allerdings im Inhaltsverzeichnis nicht explizit gemacht werden. Im ersten Hauptteil (Kapitel 1 bis 5) werden die Hintergründe entfaltet und der Forschungsstand zur Sozialinformatik aufgearbeitet. Der zweite Hauptteil (Kapitel 6 bis 9) bildet den Theorieteil der Arbeit und entfaltet die techniktheoretischen, professionstheoretischen und organisationstheoretischen Zugänge. Es folgt im dritten Hauptteil (Kapitel 10 bis 16) die Auswertung der qualitativen Forschung. In einem Schlusskapitel (Kapitel 17) resümiert der Autor die Erträge und schlägt eine „reflexive Informatisierung“ (S. 327 ff.) Sozialer Arbeit als Lösungsansatz vor.

Inhalt

Das Buch von Thomas Ley hat den Anspruch, die analoge und digitale Informatisierung Sozialer Arbeit sowohl techniktheoretisch, professionstheoretisch und organisationstheoretisch zu ergründen und zu systematisieren. Zudem soll diese Systematisierung empirisch durch 15 leitfadengestützte Experteninterviews in vier Jugendämtern überprüft werden, um die Erkenntnisse im Sinne einer „‘anwendungsbezogenen Grundlagenforschung‘“ (S. 12) zu generalisieren (vgl. S. 201).

Insbesondere die professions- und wissenschaftstheoretische Perspektive ist Dreh- und Angelpunkt der theoretischen und empirischen Erkundungen und Deutungen. Im Kern geht es Thomas Ley um die Frage: „Was will die Soziale Arbeit sein? Statistisch informierte, evidenzbasierte, methodensichere Handlungswissenschaft oder aber Verberuflichung grundlegender Beziehungsarbeit und hermeneutischer Kunstlehre?“ (S. 18). Mit seinem Vorschlag, „reflexive Professionalität unter informatisierten Bedingungen“ (S. 329), baut er eine Brücke zwischen einer algorithmisierten und einer reflexiven Professionalität.

Zwischen dieser binären Fragestellung in der Einleitung und der Conclusio beschäftigt sich Thomas Ley mit einer Fülle von theoretischen und empirischen Fragestellungen, die im Rahmen der Rezension nicht nachgezeichnet werden können. Einige zentrale Aspekte sollen hervorgehoben werden.

Im Theorieteil argumentiert der Autor einerseits mit der Akteur-Netzwerk-Theorie und der pragmatischen Techniktheorie. So arbeitet er heraus, dass es eine Relationalität von technischen Artefakten und Professionellen gibt und von daher ein sozialpädagogischer Technikbegriff erforderlich ist, der zwischen Materialität, Sozialität und Instrumentalität unterscheidet (vgl. S. 124).

Andererseits entfaltet Thomas Ley das Problem von Profession und Organisation, resp. ihren Technologien. Dafür greift er sowohl auf einen strukturfunktionalistischen Ansatz (Oevermann) als auch auf symbolisch-interaktionistische Ansätze (Schütze und Riemann) der Professionstheorie zurück, um für eine „angemessene Ausbalancierung der Paradoxien“ (S. 138) zu plädieren und in Erinnerung zu rufen, dass „Dokumente … schon immer Teil der Professionen gewesen“ sind (S. 141). Im Anschluss wird unter Bezugnahme auf die reflexive Professionalität (Dewe/Otto) der Nutzen der Informatisierung für diese Reflexivität herausgearbeitet und zugleich in ermöglichende und hemmende Formen der Formalisierung unterschieden. Hiermit leitet er bereits in die organisationstheoretische Betrachtung über und diskutiert das Modell der professionellen Organisation.

Organisationstheoretisch geht der Autor der Frage nach, wie Informationstechnologie als Organisationstechnologie und Arbeitsmittel in Organisationen verstanden wird. Mit Hilfe des Neo-Institutionalismus interpretiert Thomas Ley die Informationstechnologie und speziell die Fachsoftware/das Dokumentationssystem als „Rationalitätsmythos“ (S. 162). Demnach ist die Einführung von Fachsoftware von der Annahme/​Erwartung begleitet, die Produktivität der Fachkräfte durch Entlastung und Automatisierung zu steigern. Dieses Annahmegefüge unterliegt jedoch hinsichtlich der Wirksamkeit keiner Überprüfung, sondern basiert auf einem geteilten Glauben. Die neo-institutionalistische Deutung wird als „Produktivitätsparadox der Informationstechnologie“ in einem Exkurs entmythologisiert (S. 165 f.). Mit dem Konzept der Mikropolitik führt der Autor einen weiteren organisationstheoretischen Zugang ein und entfaltet Arenen der Softwareeinführung, die er auch für die Systematisierung der qualitativen Analyse der Jugendämter nutzt (vgl. Kapitel 11).

Das Zwischenfazit II widmet sich der „dokumentarischen Wirklichkeit Sozialer Arbeit“ (S. 178 ff.) und führt die strukturalistische mit der interaktionistischen Theorieperspektive zusammen.

Der dritte Hauptteil ist der qualitativen Forschung gewidmet. Zunächst legt der Autor Rechenschaft über die Methodologie und Methode seiner Forschung ab. Es handelt sich um eine „institutionenorientierte Professionsforschung“ (S. 199) am Beispiel des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) von zwei Stadtjugendämtern und zwei Kreisjugendämtern. Insgesamt wurden 15 leitfadengestützte Interviews geführt. Die Auswertung „lehnt sich im breitesten – nicht zwingend im weitesten Sinne – an die Grounded-Theory-Methodologie an“ (S. 208). Das empirische Material wird einerseits institutionenorientiert (Kapitel 11 und 12) und andererseits themenorientiert (Kapitel 13 bis 16) dargestellt. Einige Ergebnisse sollen im Folgenden kurz herausgestellt werden.

Über alle Jugendämter hinweg konstatiert Thomas Ley, dass „sich die Deutung der Fachsoftware als genuin sozialpädagogisches Reflexionsinstrument in keinem Jugendamt“ empirisch nachweisen ließ (S. 244, Herv. getilgt). Stattdessen konnte beobachtet werden, dass es zu einer doppelten Aktenführung kommt. Neben der digitalen Akte, die insbesondere für die leistungsrechtliche Fallsteuerung eingesetzt wird, existiert die „Handakte als eigenständiges, aber auch expertokratisches Relikt der Professionellen“ (S. 258) weiter. So erhalten sich die Professionellen einen Raum der „Vagheit“. Und gleichzeitig führt der „Zwang zur Exaktheit“ beim digitalen Medium dazu, dass z.B. Hilfepläne weniger detailliert sind und eingeschränkter von den Klient:innen nachvollzogen werden können (vgl. S. 275). Der Nutzen der Software wird von den Expert:innen eher auf der organisationalen Ebene verortet, weil mit Hilfe der Datenbank „eine eigene statistische Wirklichkeit innerhalb des Jugendamtes“ (S. 283) erschaffen werden kann.

Das Schlusskapitel resümiert die empirischen Erträge vor dem Hintergrund der theoretischen Zugänge und fokussiert insbesondere das Spannungsfeld von Informationstechnologie als Arbeitsmittel und Organisationstechnologie. So prägt die Informationstechnologie das „organisationale Gefüge“ und hat Konsequenzen „für das professionelle Arbeiten“ (S. 318). Vielfältige Forschungsdesiderata werden im Hinblick auf die organisationale, die professionelle und die Adressatenebene benannt. Im Ausblick skizziert Thomas Ley eine „reflexive Professionalität unter informatisierten Bedingungen“, die gekennzeichnet ist durch (1.) eine „reflexive Distanz zu einer informatisierten Organisation“, (2.) eine „reflexive Rückbindung an lebensweltliche Kontexte sowie … Abwehr expertokratischen … Dokumentierens“ und (3.) ein „reflexive[s] Schreiben einer wahrhaftigen und taktvollen Dokumentation“ (329).

Diskussion

Das Buch will viel und bietet vielfältige Reflexionen, Vernetzungen und Einblicke in das operationale Handeln Professioneller im Umgang mit Dokumentationssystemen. Es ist das Verdienst von Thomas Ley sich dieser komplexen Aufgabe gestellt zu haben. Die Komplexität ist sowohl im Theorieteil als auch im Kapitel zur empirischen Methodologie sichtbar. Das Phänomen der Informatisierung ist weder theoretisch noch empirisch einfach zu fassen, sondern zeichnet sich durch zahlreiche Wechselwirkungen und Vernetzungen aus. Der Autor legt diese Komplexität frei und annonciert die unterschiedlichen Bedeutungsebenen. Mehr noch: Offenkundig wird hier der Versuch unternommen, eine Theorie der Informatisierung Sozialer Arbeit vorzulegen, die notwendigerweise interdisziplinär angelegt und empirisch überprüft ist. Insofern greift der Autor zahlreiche Theoriediskurse, auch und gerade im Spannungsfeld von Profession und Organisation, auf. Dabei scheint die professionstheoretische Perspektivierung das eigentliche Movens dieser Forschungsarbeit zu sein.

Zugleich will das Buch zu viel: Eine theoretische und empirische Grundlagenforschung mit dem Anspruch der Generalisierung ist kaum zu leisten. Und die Einleitung (S. 11-28) dokumentiert dies dadurch, dass immer wieder neue Fragen aufgeworfen, die Intention des Forschungsvorhabens reformuliert und auch die Argumentationstruktur in rekursiven Schleifen skizziert wird. Der Autor begegnet der Komplexität des Themas mit Komplexitätssteigerung, der er aber im Fortgang nicht immer gerecht werden kann. So bleiben Argumentationsstränge liegen oder an der Oberfläche.

Das vorgelegte Buch trägt die Potenzialität zu einer Theorie der Informatisierung Sozialer Arbeit ebenso in sich wie es einen gewichtigen Beitrag zur empirischen Professionsforschung im Hinblick auf den Einfluss von Dokumentationssystemen in der Sozialverwaltung am Beispiel des ASD darstellt. Ein Generalisierungsanspruch kann meines Erachtens daraus aber nicht abgeleitet werden. Und zwar deshalb nicht, weil vier Jugendämter und 15 Professionelle eine zu kleine Stichprobe darstellen, um die Soziale Arbeit zu repräsentieren. Und auch deshalb nicht, weil sich das organisationale Feld der Sozialverwaltung von anderen Feldern Sozialer Arbeit und deren organisationaler Einbettung unterscheidet.

Fazit

Das Buch „Zur Informatisierung Sozialer Arbeit“ widmet sich angesichts der digitalen Transformation einer zentralen Fragestellung aus interdisziplinärer Perspektive. Es werden technik-, professions- und organisationstheoretische Reflexionen mit einer qualitativen Erhebung des Einflusses von Dokumentationssystemen auf das professionelle Handeln verknüpft. Die Arbeit leistet einen Beitrag zur Grundlagenforschung und wirft zahlreiche theoretische und empirische Fragen auf, die neben den instruktiven Deutungen, zur weiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung anregen.


Rezension von
Dr. Christian Geyer
Fachlicher Vorstand Bathildisheim e.V., Bad Arolsen und Lehrbeauftragter der Hochschule Fulda
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Zitiervorschlag
Christian Geyer. Rezension vom 01.12.2021 zu: Thomas Ley: Zur Informatisierung Sozialer Arbeit. Eine qualitative Analyse sozialpädagogischen Handelns im Jugendamt unter dem Einfluss von Dokumentationssystemen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-3488-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28377.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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