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Katrin Springsgut: Zwischen Zugehörigkeit und Missachtung

Rezensiert von Prof. Dr. Claus Melter, 29.03.2022

Cover Katrin Springsgut: Zwischen Zugehörigkeit und Missachtung ISBN 978-3-7799-6464-3

Katrin Springsgut: Zwischen Zugehörigkeit und Missachtung. Empirische Rekonstruktionen zu studentischen Diskriminierungserfahrungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-6464-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Diversity und Hochschule - 6
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Thema

Studierende erleben an Hochschulen und Universitäten systematisch Diskriminierung in Bezugnahme auf ihr Geschlecht, die soziale Herkunft und die zugeschriebene Migrationsgeschichte. Wie Ungleichheitsdimensionen sich in Hochschulen und Universitäten gestalten, wie sie auf Studierende wirken und diese damit handelnd umgehen, ist die zentrale Fragestellung dieses Buches. Anhand der Rekonstruktion und Analyse von vier Einzelinterviews und sieben Gruppeninterviews mit Studierenden mit familiärer Migrationsgeschichte wird diese Frage detailliert und lesenswert beantwortet. Gerahmt und verbunden ist die genaue Analyse und Einordnung der Erfahrungen und Handlungsorientierungen mit Theorien und Studienergebnissen zu Bildungsungleichheit, Diskriminierung, rechtlichen Informationen sowie Informationen zur Antidiskriminierungsarbeit an Hochschulen und Universitäten.

Autorin

Die Autorin hat mit der vorliegenden Arbeit am Institut für Soziologie, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt, begleitet von Helma Lutz, promoviert.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung mit der Erläuterung der Relevanz und Notwendigkeit der Fragestellung wird der Inhalt der intersektionalen Forschungsstudie zu Diskriminierungserfahrungen von Studierenden geschildert. Danach werden Bildungsungleichheiten in der Migrationsgesellschaft bei Studierenden in Deutschland hinsichtlich der Dimensionen Geschlecht, Migration und soziale Herkunft theoretisch und empirisch anhand diverser Studien und Ansätze dargestellt. Um diese zu analysieren, werden auch feministische, postkoloniale, rassismuskritische und Perspektiven zu intersektionalen Selektionsmechanismen herangezogen.

Folgend werden hochschul- und Antidiskiminierungs-rechtliche und institutionelle Aspekte von Antidiskriminierungsarbeit und Diversity-Politiken an Hochschulen in Bezug auf aktuelle Entwicklungen und Aktivitäten skizziert. Nach der ausführlichen Darlegung der theoretischen Bezugnahmen auf Bourdieus Theorie sozialer Ungleichheit sowie seiner Kapital- und Habitus-Konzepte wird die Relevanz einer intersektionalen Perspektive herausgearbeitet. Speziell Gender, soziale Herkunft und Migration werden in das Zentrum der intersektional-diskriminierungskritischen Analyse mit der dokumentarischen Methode nach Bohnsack gestellt sowie in Relation zu Konzepten von Anerkennung und Missachtung gebracht.

Das Kernstück der vorliegenden Arbeit sind nach Darstellung des Forschungsdesigns die Fallporträts der sieben Gruppeninterviews, um dann die unterschiedlichen Orientierungen der Studierenden gegenüber Diskriminierung in verschiedenen Handlungstypen zu rekonstruieren. Im Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit und Missachtung im universitären Kontext werden drei Groborientierungen herausgearbeitet:

Der Handlungstyp Anerkennung und Selbstoptimierung orientiert sich an den akademischen Standards der jeweiligen Fachbereiche und verortet Diskriminierungshandlungen vor allem auf der interpersonalen Ebene und dethematisiert eigene Strategien in Bezug auf systematische Diskriminierungen an Hochschulen.

Der Handlungstypus individueller Anpassungsleistungen zur Herstellung von Normalität verwendet vor allem die Strategie des Nicht-Auffallens an der Hochschule/​Universität, sieht Diskriminierungen ebenfalls vor allem auf der interpersonellen Ebene und orientiert sich an den Anforderungen und den Habitus der jeweiligen Fachkultur.

Der Handlungstypus III will Veränderungen durch kollektive Aktivitäten gegen Diskriminierung bewirken. Einerseits gibt es Praxen der Auflehnung gegen bestehende Strukturen und Diskriminierung an Hochschulen, andererseits werden bestehende Handlungsorientierungen und Erwartungen angeeignet. Diskriminierungen werden sowohl auf interpersonaler, struktureller und diskursiver Ebene in der Universität benannt, analysiert und kritisiert.

Je nach Fachkultur werden dominante Gendervorstellungen als Diskriminierungsdimension und -praxis beschrieben. Diese sind jeweils spezifisch mit Religions- und Ethnien-Vorstellungen verknüpft sowie mit der realen oder zugeschriebenen sozialen Herkunft der Studierenden.

In der Ergebnisdiskussion werden die studentischen Orientierungen und Handlungspraxen der Studierenden im Umgang mit Diskriminierungen erfahrungsräumlich rekonstruiert, um dann Folgerungen für die Antidiskriminierungsarbeit an Hochschulen sowie die weitere Forschung in diesem Bereich herauszuarbeiten. Es folgen das Literaturverzeichnis und der Anhang mit Materialien der empirischen Forschung.

Diskussion

Die vorliegende Arbeit behandelt kenntnisreich und nachvollziehbar Diskriminierungserfahrungen und Handlungsorientierungen von Studierenden. Die Arbeit ist gekennzeichnet durch eine umfassende theoretische Rahmung, die detaillierte Schilderung relevanter und aktueller Studien sowie vor allem die nachvollziehbar und akribische Analyse des Interviewmaterials.

Fazit

Es handelt sich um eine äußerst lesenswerte, detaillierte und aktuelle Arbeit zu Diskriminierungen und Handlungsorientierungen von Studierenden mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte. Der intersektionale Nachvollzug der Diskriminierungsdimensionen soziale Herkunft, zugeschriebene Migrationsgeschichte und Gender auf den verschiedenen Ebenen (diskursiv, strukturell und interpersonal) ist überzeugend und anregend.

Wer sich im Bereich Antidiskriminierungspolitik an Hochschulen/​Universitäten wissenschaftlich informieren und engagieren will, sollte dies Buch lesen.

Rezension von
Prof. Dr. Claus Melter
Fachhochschule Bielefeld, Arbeitsschwerpunkte diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit und Bildung, Dekolonisierung sowie Diskriminierung und Verfolgung von Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus als „behindert“ und „krank“ angesehen wurden. Mitarbeiter bei Entschieden gegen Rassismus und Diskriminierung – Bielefeld
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Es gibt 14 Rezensionen von Claus Melter.

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Zitiervorschlag
Claus Melter. Rezension vom 29.03.2022 zu: Katrin Springsgut: Zwischen Zugehörigkeit und Missachtung. Empirische Rekonstruktionen zu studentischen Diskriminierungserfahrungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6464-3. Reihe: Diversity und Hochschule - 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28379.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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