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Otfried Jarren, Christoph Neuberger (Hrsg.): Gesellschaftliche Vermittlung in der Krise

Rezensiert von Dr. Alexander Brandenburg, 30.03.2022

Cover Otfried Jarren, Christoph Neuberger (Hrsg.): Gesellschaftliche Vermittlung in der Krise ISBN 978-3-8487-6877-6

Otfried Jarren, Christoph Neuberger (Hrsg.): Gesellschaftliche Vermittlung in der Krise. Medien und Plattformen als Intermediäre. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. 226 Seiten. ISBN 978-3-8487-6877-6. 49,00 EUR.
Reihe: Medienstrukturen - Band 16
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Thema

Es kann nicht falsch sein, sich über die Entwicklung des Computers auf dem Gebiet der Vermittlung von Nachrichten, Werbung und Public Relations einen Überblick zu verschaffen. In einem Staat mit demokratischem Anspruch dürfte es sogar von besonderer Wichtigkeit sein, die Grundzüge der Entwicklung des Computers als Vermittlungsinstanz für zentrale Informationen zu verstehen und mit den „alten“ Methoden der Kommunikation zu vergleichen.

Die klassischen Massenmedien- Zeitung, Rundfunk, Fernsehen- haben Konkurrenz erhalten. Sie sind nicht mehr die einzigen Institutionen, die uns 24 Stunden am Tage mit Informationen aller Art versorgen und unser Denken und Handeln bestimmen wollen. Als neue Vermittler stehen nunmehr auch die Plattformen oder Intermediäre zur Verfügung. Sie beherrschen die Welt des Internets und prägen uns auf eine andere, aber vielleicht noch effektivere Art und Weise als zum Beispiel die Tageszeitung es tut. In einer sich stets wandelnden und immer komplizierter werdenden Gesellschaft mit ihren Gruppenbildungen und Verschiedenheit der Interessenlagen ist die Vermittlung von Informationen und Wissen, aber auch von Werbung und Public Relations ein immer größeres Geschäft geworden.

Die alten Medien und die neuen Medien sind für uns auf den ersten Blick Konkurrenten, die ihre Arbeit der Vermittlung auf unterschiedliche Weise erledigen. Das Buch will uns die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der gegenwärtigen Medienwelt in einer Gesellschaft verständlich machen, die sich stets im Duktus fortlaufender Krisen bewegt. Bringt uns die neue Entwicklung auf dem Markt der Vermittler mehr Freiheit?

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Otfried Jarren ist ein emeritierter Professor für Kommunikationswissenschaft und Medienwissenschaft der Universität Zürich, der 2017 den „Vitznauer Kreis“ ins Leben gerufen hat. Es ging ihm dabei um die Durchführung fokussierter, vorbereiteter Gespräche, Diskussionen und Debatten zum Medien- und Öffentlichkeitswandel.

Das vorliegende Buch hat Otfried Jarren gemeinsam mit dem Professor für Publizistik und Kommunikationswissenschaft Christoph Neuberger herausgegeben. Es bündelt die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe des „Vitznauer Kreis“, die sich mit einem Kernbegriff der Kommunikationswissenschaften- der Vermittlung bzw. der Intermediation- beschäftigt hat.

Aufbau und Inhalt

In diesem Buch- so heißt es erläuternd in der Einleitung- werden die Begriffe „Vermittler“ und „Intermediär“ gleichsinnig und als Oberbegriffe verwendet, während sich der Begriff „Medium“ auf die traditionelle publizistische Vermittlung durch Massenmedien und der Begriff „Plattform“ auf die digitale Vermittlung durch soziale Medien und Suchmaschinen bezieht.

Fünf grundlegende Thesen bilden den gemeinsamen Referenzrahmen für die einzelnen Beiträge:

  1. Steigender gesellschaftlicher Vermittlungsbedarf: Der auf allen gesellschaftlichen Ebenen stattfindende Differenzierungsprozess führte zu einem steigenden gesellschaftlichen Vermittlungsbedarf. Das auch durch erweiterte technische Möglichkeiten ausdifferenzierte publizistische Vermittlungssystem lässt die Nachfrage nach zusätzlichen spezialisierten Medienleistungen steigen.
  2. Expansion und Komplexitätssteigerung von Vermittlung: Neben den in den aktuellen Medien arbeitenden Journalisten gewinnt zum Beispiel der Anteil der Fachjournalisten auch quantitativ an Bedeutung. Das publizistische Mediensystem differenziert sich weiter aus und erhöht seine Vermittlungsleistungen bedarfsgerecht.
  3. Nebeneinander von Medien- und Plattformlogik: Medien und Plattformen unterscheiden sich als Vermittler aufgrund differierender Interessen- und Handlungslogik. Die neue Vermittlung wird von der ausschließlich ökonomisch geprägten Plattformlogik geprägt, die zunehmend ihr eigenes junges Publikum findet. Die klassischen Medienmärkte- zunehmend aus älteren Nutzern bestehen- sehen sich gezwungen, es den Plattformen nachzutun.
  4. Konkurrenz gesellschaftlicher Leitbilder: Das Medienleitbild ist in den europäischen Demokratien u.a. an Werten wie Gleichheit, Integration, Minderheitenschutz sowie einer demokratischen Informiertheit des Volkssouveräns gekennzeichnet. Das Plattform-Leitbild ist u.a. an ein libertäres, individualistisches, anti-etatistisches, anti-institutionelles und technizistisches Gesellschaftsverständnis gebunden.
  5. Krise gesellschaftlicher Vermittlung: Es stellt sich die Frage, ob die Medien die ihnen zugeschriebene „öffentliche Aufgabe“ der demokratischen, u.a. auf individuelle Meinungsbildung und freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat beruhenden Vermittlungsfunktion erfüllen können. Das klassische demokratische Medienleitbild gerät in die Krise.

Nach der Einleitung werden dem Leser folgende Beiträge präsentiert:

Vermittlung: Begriffe und Modelle für die Kommunikationswissenschaft (Klaus Beck und Patrick Donges): Traditionelle Massenmedien und Plattformen sollten als zwei unterschiedliche Varianten von Vermittlung angesehen werden: Die Medien haben eine journalistische Vermittlung, die Plattformen benutzen eine automatisiert algorithmische Vermittlung.

Gesellschaftliche Differenzierung und die Vermittlungsleistungen der publizistischen Medien (Otfried Jarren): Die ausdifferenzierte publizistische Medienstruktur und die neuen Intermediäre oder Plattformen haben zusammen vielfältige Auswirkungen auf die Vermittlungsstrukturen: Herstellung und Struktur von Öffentlichkeit, neue Akteure, Vermittlungsprozesse, Institutionalisierung neuer Formate, Formen und Bewertung der Kommunikation.

Die Individualisierung der Nachrichtennutzung als Treiber der gesellschaftlichen Vermittlungskrise (Katharina Kleinen von Königslöw): Die Individualisierung der Nachrichtennutzung stellt für die Kommunikationswissenschaft eine Herausforderung dar, insofern individualisierte Nachrichtenrepertoires und die rezipierten Inhalte kaum erfasst und evaluiert sind.

Journalismus und digitaler Wandel: Krise und Neukonzeption journalistischer Vermittlung (Christoph Neuberger): Der digitale Wandel führt in der Vermittlung aktuell-öffentlicher Kommunikation zur Ablösung des professionell-journalistischen Gatekeeper-Paradigmas durch das Netzwerk-Paradigma, das vielfältiger geworden ist. Der bisherige Top-Down Vermittlungsmodus wird um partizipative und algorithmische Formen der Vermittlung ergänzt.

Plattform-Revolution der öffentlichen Kommunikation und Krise der Vermittlung aus institutionenökonomischer Perspektive (Frank Lobigs): Weder die problematische Gestaltung der vermittelnden Algorithmen der neuen Plattform-Intermediäre noch die ersatzlose Verdrängung der Vermittlungsleistungen der klassischen medialen Intermediäre sind mit dem Leitbild einer demokratiefunktional verstandenen Medienfreiheit zu vereinbaren.

Governance der Vermittlung öffentlicher Kommunikation (Manuel Puppis): Der gestiegene Stellenwert von Plattformen für die Vermittlung öffentlicher Kommunikation hat auch Herausforderungen-zum Beispiel die Praxis der algorithmische Selektion und die Gefahr der Refeudalisierung/​Vermachtungsimplikationen- zur Folge, die auch der Governance bedürfen.

Diskussion

In der Argumentation der Autor:innen wird an entscheidenden Stellen auf die demokratische Grundstruktur unserer Gesellschaft rekurriert. Die klassischen Massenmedien erscheinen mit ihren Qualitätsjournalismus als Gralshüter unserer freiheitlichen Demokratie, während die Plattformen tendenziell dazu neigen, auch der „Hassrede“ einen Resonanzboden zu liefern. So einfach sind aber die „Dinge“ nicht. Die Corona-Erkrankung hat gezeigt, wie eindimensional und regierungskonform die Berichterstattung in den klassischen Massenmedien war und bis heute ist. Wie hat man die „Impfverweigerer“ öffentlich gebrandmarkt? Hätte es einer demokratisch-freiheitlichen Medien-Landschaft nicht gut zu Gesicht gestanden, auch kritischen Stimmen eine Bühne zu geben und einmal den Nürnberger Kodex oder das Grundgesetz zu bemühen? Was hätte man zum Beispiel über die Nebenwirkungen der Impfung erfahren, wenn es nicht die Plattformen gegeben hätte, die trotz problematischer algorithmischer Steuerung die Vielfalt der Meinungen und Ansichten zu Corona den Bürgern unseres Landes vermittelt haben? Hier sind es also die Plattformen, die demokratisch-freiheitlicher gehandelt haben als unsere klassische Medienlandschaft. Wenn nun über die gemeinsame Governance -Führung, Leitung, Steuerung- von Medien und Plattformen gesprochen und nachgedacht wird, so sitzen die Plattformen keineswegs auf der Titanic, wohl aber unsere staatstreuen Medien. Ich denke mir, dass der Freiheit keine Gasse gegeben wird, wenn die Plattformen der alten Medienlandschaft einverleibt werden. Man mag auch noch ein schöneres Wort als Gouvernance – das erinnert mich immer an Gouvernante – finden!

Fazit

Das vorliegende Buch verdient viele Leser. Es sind durchweg Expert:innen ihres Faches, die über die Handhabung der klassischen Medien sowie über die Welt der Plattformen bestens informiert sind. Man lernt eine Menge über die neue Medien-Landschaft und über ihre konkurrierenden Institutionen. Wer Freiheit und Demokratie nicht als Sprechblase sieht, sondern als persönliche Aufgabe, der ist gut beraten, sich mit den im Buch behandelten Materie auseinanderzusetzen. Die Plattformen sind sicherlich ein Stück unserer Zukunft, das bewältigt werden muss.

Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 30.03.2022 zu: Otfried Jarren, Christoph Neuberger (Hrsg.): Gesellschaftliche Vermittlung in der Krise. Medien und Plattformen als Intermediäre. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. ISBN 978-3-8487-6877-6. Reihe: Medienstrukturen - Band 16. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28393.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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