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Marion Möhle: Vom Wert der Wohlfahrt

Cover Marion Möhle: Vom Wert der Wohlfahrt. Normative Grundlagen des deutschen Sozialstaats. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2001. 327 Seiten. ISBN 978-3-531-13720-9. 34,00 EUR.
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Inhalt

Das Kapitel 1 nimmt den Titel des Buches auf und bestimmt den "Wert des Wohlfahrtsstaats für moderne Gesellschaften" dreifach:

  1. "Ökonomisch" vermag er die Konjunktur zu stabilisieren oder die Bereitstellung von "Humankapital" zu gewährleisten;
  2. "Politisch" befriedet er, erzeugt Massenloyalität und trägt zu gesellschaftlicher Stabilität bei;
  3. "Sozial und kulturell" hat er die Modernisierung mit voran getrieben und ist Garant für "gesellschaftliche Integration".

Kapitel 2 stellt die gesellschaftliche Integrationsfunktion des Sozialstaates in den Kontext verschiedener soziologischer "Großtheorien", beginnend bei Durkheim, über Parsons/Luhmann sowie deren Antipode Habermas und mehrerer Spielarten neuerer kommunitaristischer Ansätze. Möhle identifiziert in allen vorgestellten Ansätzen Normen, Werte oder Standards als zentrale, treibende Kraft, um gesellschaftliche Integration zu ermöglichen. Dabei wird dem Wohlfahrtsstaat von der Mehrzahl der Integrationstheorien eine integrationsbefördernde Wirkung zugeschrieben.

Möhle verwendet "Wert" in mindestens zwei Bedeutungen:

(1) im Sinne von "Funktion" oder "Nutzen": Der Wert des Wohlfahrtsstaates ist sein Beitrag zu gesellschaftlicher Stabilisierung und Integration.

(2) Dem Sozialstaat liegen "Werte", "Normen", "geteilte Grundüberzeugungen" oder "konfligierende Wertmuster" zu Grunde; "Werte" sind konstituierend für Theorien und reale Ausprägungen des Wohlfahrtstaats.

Diese Doppelverwendung des Begriffes "Wert" (auch im Titel des Buches) regt einerseits als Wortspiel an, erschwert dabei, den Argumentationen zu folgen.

Kapitel 3 charakterisiert den Wohlfahrtsstaat als "Konglomerat von Werten und Normen" und erschließt dies zentral über das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und seine Auslegungsgeschichte. Die Auswertung des Sozialgesetzbuches ergibt eine "Werttypologie", bestehend aus fünf Gruppen:

  • Gerechtigkeit und Gleichheit
  • Sicherheit
  • Freiheit
  • Solidarität
  • Subsidiarität und Verantwortung

Diese fünf Wertebündel werden ausführlich behandelt, jeweils werden unterschiedliche ideengeschichtliche/sozialpolitische Positionen verdeutlicht. So wird z. B. das zunächst sehr allgemeine Thema "Gerechtigkeit und Gleichheit" dadurch fassbar, dass verschiedene Ausprägungsmöglichkeiten dargestellt und miteinander verglichen werden. Wichtige Repräsentanten z. B. einer bestimmten Gerechtigkeitskonzeption werden ausführlich zitiert und so wird der ideengeschichtliche Hintergrund und insbesondere auch die Differenzierung innerhalb dieser Wertthemen deutlich.

Den Abschluss jedes dieser fünf Unterkapitel zu Werten bildet eine kurze tabellarische Übersicht, welche die verschiedenen gefundenen "Wertformen" systematisch miteinander vergleicht und auf einen Blick erschließbar macht (s. S. 113, S. 128, usw.).

Kapitel 4 nutzt das bis dahin erarbeitete, differenzierte Raster einer Wertetypologie, um die Entwicklungen des deutschen Sozialstaates und aktuelle Reformansätze nachzuzeichnen und bestimmten Wertpositionen zuzuordnen.

Dies geschieht sowohl für drei große gesetzliche Versicherungsbereiche (Pflege-, Kranken- und Rentenversicherung) und für die aktuelle Form der Sozialhilfe und dazu alternative Grundsicherungsmodelle.

Kapitel 5 stellt – übergreifend über die verschiedensten Sicherungsbereiche des Sozialstaates – die Frage, welchen Wertoptionen unterschiedliche Vorschläge zu einem "grundlegenden Umbau des Wohlfahrtsstaats" folgen. Ranken sich diese Diskussionen in den 80iger Jahren um den "Subsidiaritätsbegriff" so wird seit den 90er Jahren verstärkt das Thema "Solidarität" aufgegriffen; schließlich gewinnen mit dem Konzept des "dritten Weges" Gleichheit und Gerechtigkeit als zentrale Werte wieder an Bedeutung. Auch "Eigenverantwortung" und "Freiheit" sind in diesen Diskussionen virulent.

In einer zwei Seiten umfassenden Schlussbemerkung (Kapitel 6) unterstreicht die Autorin, dass sozialpolitische Reformdebatten immer wertgebunden sind und dass in der deutschen Sozialstaatsdiskussion die genannten fünf Wertdimensionen immer wieder angesprochen werden (müssen). Die neuesten Begriffe vom "aktivierenden Sozialstaat und einer verstärkten Diskussion der "Eigenverantwortung des Individuums" sind von ihren Werten her wiederum ambivalent, deuten eine Richtung an, in die sich ein Umbau des Sozialstaates bewegen könnte. Das Buch der Autorin ist schließlich als Plädoyer dafür zu begreifen, die Wertdimensionen, die Wertkonflikte und die konkrete sozialpolitische Ausfüllung von Werten stärker in den Vordergrund des öffentlichen Diskurses zu rücken

Bewertung

Das rund 300 eng bedruckte Seiten starke Buch ist sehr dicht geschrieben. Augenfällig wird dies durch das Literaturverzeichnis – es umfasst gut 500 Quellen, überwiegend Bücher und längere Aufsätze. Man gewinnt den Eindruck, dass die Autorin all diese Quellen intensiv verarbeitet hat, dass sie diese kenntnisreich in Beziehung setzt und damit eine Art Referenz für die sozialpolitische Diskussion und deren sozialwissenschaftliche Theorien vorlegt.

Als Leser, der sich für "Übersicht" oder "Ordnung" in Bezug auf die Wertgrundlagen der Sozialpolitik interessiert, wird viel Material geboten, auch gelungene Systematisierung über die tabellarischen Übersichten.

Gleichzeitig schätze ich, dass die Autorin fast immer analytisch distanziert bleibt und die verschiedenen Theoretiker und sozialpolitischen Wertpositionen 'sprechen lässt', ohne sie auf ihrem eigenen sozialpolitischen Werthintergrund entweder abzuwerten oder als allein richtige darzustellen.

Der Preis für Distanziertheit und Materialfülle ist, dass bisweilen der rote Faden fehlt, einige begriffliche Unklarheiten bleiben (z. B. auch bezüglich der Doppelbedeutung des Begriffes "Wert") und sich bei mir nach Lektüre der sehr knappen Schlussbemerkung ein Stück Ratlosigkeit einstellt. Sicher ist dies eine äußerst detailreiche wissenschaftliche Analyse, doch was beginne ich nun mit dem ausgebreiteten Material über Werte und Wertkonflikte? Es hätte mit geholfen, noch einmal stärker geordnet zu bekommen: Was sind im deutschen Sozialstaat weitgehend geteilte "Basiswerte", welche zentralen Strömungen gibt es hingegen in den fünf angesprochenen Wertdimensionen, die auf welche unterschiedlichen Optionen eines künftigen Sozialstaates hinauslaufen?

Zielgruppen

Geeignet erscheint mir das Buch für solche Nutzer und Nutzerinnen, die selbst wissenschaftlich über Sozialstaatstheorien oder das Thema "Werte" in der Sozialstaatsdiskussion arbeiten. Für Fachkräfte, die mit den alltäglichen Anforderungen der sozialpolitischen/sozialarbeiterischen Praxis konfrontiert sind, wird es mühsam sein, den vielen Linien zu folgen und sich dem nicht selten unnötig Fremd- und Kunstwort-überladenen Vokabular zu folgen.

Fazit

Mit dem Buch wird eine Grundlage geschaffen, um das wichtige Thema "Werte" in der sozialpolitischen Diskussion und Entwicklung angemessen verstehen und bearbeiten zu können. Zu wünschen sind nachfolgende ‚didaktische‘ Bearbeitungen des Stoffes, so dass dieser leichter z. B. auch in Weiterbildungen nutzbar wird.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Beywl
Fachhochschule Nordwestschweiz, Pädagogische Hochschule, Institut Weiterbildung und Beratung. Professur für Bildungsmanagement und Schulentwicklung – wissenschaftlicher Leiter Univation– Institut für Evaluation, Köln.
Homepage www.fhnw.ch/ph/iwb/professuren/bildungsmanagement
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Zitiervorschlag
Wolfgang Beywl. Rezension vom 06.05.2002 zu: Marion Möhle: Vom Wert der Wohlfahrt. Normative Grundlagen des deutschen Sozialstaats. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2001. ISBN 978-3-531-13720-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/284.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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