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Manuel Freis: Ethnographie im Praxissemester

Rezensiert von Henning van den Brink, 18.01.2022

Cover Manuel Freis: Ethnographie im Praxissemester ISBN 978-3-8309-3938-2

Manuel Freis: Ethnographie im Praxissemester. Soziale Arbeit am Lernort "Praxis" studieren. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2021. 320 Seiten. ISBN 978-3-8309-3938-2. 34,90 EUR.
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Thema

So einhellig die Meinungen darüber sind, dass Praxisphasen in jedem Studium einen hohen Stellenwert einnehmen sollten, so unterschiedlich sind die Auffassungen bei Studierenden, Praxisanleitenden und Dozierenden, wie diese studienintegrierten Praxisanteile curricular eingebettet und didaktisch gerahmt werden sollten. Auch die anvisierten Ziel- und Schwerpunktsetzungen dürften nicht deckungsgleich sein. Hinzu kommt, dass verschriftlichte Absichtsgesänge in Modulkatalogen nicht unbedingt mit der Tonart harmonieren, die im Begleit- oder Fallseminar und in der Praxis dann tatsächlich angestimmt werden. Insbesondere im Praxissemester bedarf es entsprechender Konzepte, damit die vielfältigen Chancen „im Zwischenraum der Lernorte ‚Hochschule‘ und ‚Praxis‘“ (S. 273) für die persönliche Entwicklung und professionelle Profilierung genutzt werden können und nicht ungenutzt verstreichen. Eine Schlüsselposition nehmen dabei die Praxisreferate an den Fakultäten der Hochschulen ein.

Autor

Als Praxisreferent für Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar) wirkt Manuel Freis an der konzeptionellen und praktischen Ausgestaltung des Praxissemesters mit, was auch die Durchführung von Qualifizierungsprogrammen und Weiterbildungsangebote für Praxislehrende und deren Vernetzung mit Dozierenden umfasst.

Aufbau und Inhalt

Seine Erfahrungen und Ideen für die Ausgestaltung praktischer Studienanteile entfaltet Freis in seinem Buch in vier Schritten. In Kapitel 1 liefert er das argumentative Fundament dafür, die Prinzipien und Methoden ethnographischer Feldforschung in das sozialarbeiterische Methodenrepertoire zu integrieren und als „bewusste Befremdungsstrategie“ (S. 15) eben nicht nur für die empirische Sozialarbeitswissenschaft, sondern auch für die pädagogische Handlungspraxis nutzbar zu machen. Dabei geht es sowohl darum, „das Fremde“ zu erkunden und zu verstehen, zum Beispiel bestimmte habituelle Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster der Klient:innen, als auch „das Bekannte“ durch Befremdung zu identifizieren und zu hinterfragen, zum Beispiel die eigenen Wahrnehmungsfilter und professionellen Handlungsroutinen. Gerade für Sozialarbeiter:innen mit ihren ambivalenten Rollenanforderungen als Hilfe-, Kontroll- und Normalisierungsinstanz hält Freis eine reflexive Selbst- und Fremdpositionierung – zu Recht – für notwendig (S. 28).

In Kapital 2 erfolgt dann eine zweifache Zuspitzung. Der Autor wendet sich zum einen der ethnographischen Organisationsforschung als jenen Ausschnitt der Ethnografie zu, der sich zum zweiten im Praxissemester der Studiengänge der Sozialen Arbeit als vielversprechender Zugang eignet, um sich der Komplexität gesellschaftlicher und professioneller Wirklichkeit, der darin eingebetteten Handlungszwänge und -optionen sowie der eigenen Position und Rolle im Erbringungsverhältnis und -kontext sozialer Dienstleistungen bewusst zu werden und einen produktiven Umgang damit zu entwickeln.

Aufbauend auf den Ausführungen in Kapitel 1 und 2 stellt Freis in Kapitel 3 die hochschuldidaktische Hintergrundfolie für das Praxissemester im Studiengang „Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit“ an der htw saar vor. Kernelement des Konzepts ist „die methodische Verzahnung von ethnographischen, praxistheoretischen und professionstheoretischen Ideen als Reflexionsarchitektur“ (S. 145). Mit Blick aufan die ethnografische Tradition benutzt er dafür die Metapher der „Expedition“ und bietet damit für alle Beteiligten gemeinsame Anknüpfungsmöglichkeiten sowohl für die bevorstehenden Herausforderungen bei der Planung und Steuerung des Praxissemesters als auch für die konkreten Erfahrungen und Lernprozesse während des Praxissemesters. Insbesondere kann diese Orientierungs- und Reflexionshilfe auch dazu dienen, ohne Schiffbruch zu den vier zentralen Zieldimensionen und Ankerplätzen im Praxissemester – Reflexion pädagogischer Handlungspraxis im Erbringungsverhältnis und -kontext, Einsozialisation in die Praxis, Initiierung von praxisbezogenen Lernprozessen und Verknüpfung von wissenschaftlichen und praktischen Handlungswissen (S. 170) – zu navigieren.

In Kapitel 4 schließlich werden die Bedingungen und Potenziale für die Professionalisierung zukünftiger Sozialarbeiter:innen erläutert, wenn ein didaktisch gerahmter ethnographischer Zugriff auf die Handlungspraxis im Praxissemester erfolgt.

Diskussion

Das Buch richtet sich an Studierende, Praxisanleitende und Dozierende – also jene Personengruppen, die in das Praxissemester maßgeblich involviert sind (S. 10 ff.). Ob allerdings die beiden zuerst genannten Zielgruppen mit dieser Publikation erreicht werden, erscheint jedoch fraglich. Die Lektüre des Buches setzt schon eine gewisse Imprägnierung mit soziologischen Theorien, ethnographischen Forschungsmethoden und akademischen Vokabular voraus. Ein weiteres Hemmnis könnte der Umfang von dicht beschriebenen 320 Seiten sein, was schon eine gewisse Lesebegeisterung und -beharrlichkeit verlangt. Zudem werden die Leser:innen an vielen elaboriert dargelegten theoretischen Details und Verbindungslinien vorbeigeführt, die zwar ein üppig und klangvoll ausgestattetes Literaturverzeichnis bescheren, aber auch einen streckenweise recht mäandrierenden Argumentationsgang nach sich ziehen. Das ist sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass das Buch zugleich Vorarbeiten für die Dissertation des Autors enthält (S. 7), für die wiederum jene differenzierte Darstellungsweise – auch im Hinblick auf den recht eng gefassten Adressat:innenkreis – erforderlich ist.

Auf der anderen Seite flechtet Freis aber zahlreiche Schaubilder und Zeichnungen in seine Ausführungen ein, um den nicht immer leichten Lesestoff gekonnt zu illustrieren. Auch die Auszüge aus Beobachtungsprotokollen von Studierenden in Praxissemestern (Kap. 3.4) bieten schönes Anschauungsmaterial für die vorgeschlagene Expeditionsroute ins Praxissemester. Gut gefällt auch, wenn der Autor am Ende eines Kapitels die wesentlichen Erkenntnisse und Schlussfolgerung nochmal gebündelt zusammenstellt (z.B. S. 31, 51, 91).

Einige der hier entrollten Argumentationsketten lassen sich auf die Diskussion um das forschende Lernen im Praxissemester übertragen (z.B. Schüssler et al., 2016, https://www.socialnet.de/rezensionen/23600.php). In beiden Fällen impliziert eine solche Ausgestaltung des Praxissemesters, dass ein Modul zur empirischen Sozialforschung vorgelagert ist. Ohne ein Grundverständnis von Forschungsmethoden und -zugängen ist es schwer, zu jenen Erkenntnis- und Reflexionsebenen vorzudringen, die man in dergestalt konzipierten Praxisphasen anvisiert. Teilnehmende Beobachtungen im Rahmen von ethnographischer Feldforschung – aber auch der Einsatz der dokumentarischen Methode, die ebenfalls gut geeignet ist, um implizite und vorreflexive Wissensbestände und Handlungsorientierungen von Organisationsmitgliedern oder von Klient:innen näher zu untersuchen – sind gerade für Forschungsnovizen besonders anspruchsvolle Verfahren innerhalb der empirischen Sozialforschung, im Vergleich etwa zu Leitfadeninterviews, die inhaltsanalytisch ausgewertet werden, oder zu Fragebögen, die im Rahmen deskriptiver Statistik analysiert werden. Und man sollte die Gefahr nicht unterschätzen, dass einige Studierende vor der doppelten Anforderung von Forschung und Praxis kapitulieren, während der Expedition umkehren und in jene „Vereindeutigung der Welt“ zurückfallen, vor der Freis in seinem Nachwort mit Bezug auf Bauer (2018) warnt und die zu einer Komplexität ausblendenden Sichtfeldverengung statt zu der gewünschten Komplexität verstehenden Perspektivenerweiterung führt (S. 291 f.).

Fazit

Wer die oben genannten Mühen nicht scheut, erhält in dem Buch von Manuel Freis viele fundiert und überzeugend hergeleitete Anregungen und Hinweise, wie man die Begleitung von Studierenden in den Studienphasen, die komplett (Praxissemester) oder teilweise (Praxisseminar, Praxisprojekt) außerhalb des Lernorts Hochschule stattfinden, als einen elementaren Reflexionsraum gestalten kann. Insbesondere die Metapher der Expedition ist ein tragfähiger Denkanstoß, um gemeinsam mit den Studierenden einerseits einen Zugang zu ethnographischer Feldforschung zu finden und andererseits eine Basis für die Reflexion von Erfahrungen und für die Unterstützung bei Herausforderungen zu entwickeln. Das Buch eignet sich weiterhin für den Einsatz in jenen Modulen, in denen die Professionalisierungsdiskurse der Sozialen Arbeit thematisiert werden. Denn Freis trägt eine Fülle von Aspekten zusammen, die bei der Herausbildung und Festigung von beruflicher Identität, Haltung und Positionierung relevant sind.

Literatur:

Bauer, A. (2018). Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Stuttgart: Reclam.

Schüssler, R., Schöning, A., Schwier, V., Schicht, S., Gold, J., & Weyland, U. (Hrsg.) (2016). Forschendes Lernen im Praxissemester. Zugänge, Konzepte, Erfahrungen. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt

Rezension von
Henning van den Brink
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät Handel und Soziale Arbeit
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Es gibt 6 Rezensionen von Henning van den Brink.

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Zitiervorschlag
Henning van den Brink. Rezension vom 18.01.2022 zu: Manuel Freis: Ethnographie im Praxissemester. Soziale Arbeit am Lernort "Praxis" studieren. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2021. ISBN 978-3-8309-3938-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28400.php, Datum des Zugriffs 25.09.2022.


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