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Judith Fritz, Nino Tomaschek (Hrsg.): Digitaler Humanismus

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. Bernhard Irrgang, 20.06.2022

Cover Judith Fritz, Nino Tomaschek (Hrsg.): Digitaler Humanismus ISBN 978-3-8309-4278-8

Judith Fritz, Nino Tomaschek (Hrsg.): Digitaler Humanismus. Menschliche Werte in der virtuellen Welt. Waxmann Verlag Marketing & Rezensionen (Münster, New York) 2020. 172 Seiten. ISBN 978-3-8309-4278-8. 34,90 EUR.
Reihe: University - society - industry - Band 9
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Thematischer Hintergrund

Der vorliegende Band verbindet den digitalen Humanismus mit der philosophischen Richtung des Enaktivismus, welcher sich gegen Reduktionismus in der Wissenschaft und Technokratie wendet und die Gestaltung von Technik aus der Perspektive eines innovativen, kreativen und leiblichen Umgangs mit ihr propagiert.

Autorin und Autor

Judith Fritz und Nino Tomaschek haben als Mitarbeiter von „University Meets Industy", einem am Postgraduate Center der Universität Wien durchgeführten, offenen Weiterbildungsprogramm, das auf einen stärkeren Austausch und eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Unternehmen und gesellschaftlichen Institutionen abzielt, den hier vorzustellenden Band zum digitalen Humanismus herausgegeben. Dies geschah angeregt durch das Wiener Manifest für digitalen Humanismus, welches sich an Adressaten aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft richtet, inter- und transdisziplinärer die Gestaltung des digitalen Wandels in Angriff zu nehmen.

Inhalt und Diskussion

Das Werk kreist um zwei zentrale Themenfelder:

  1. Digitaler Humanismus und menschliche Leiblichkeit
    Der Umgang mit Technik ist nicht eine moralische, sondern vor allem eine anthropologische Frage. Dabei erhält die Dimension der menschlichen Leiblichkeit bei einer radikalen Ausweitung des Denkens in den Bereich des Virtuellen eine besondere Bedeutung (S. 16 f.). Der digitale Humanismus widerspricht der anti-kopernikanischen Wende und einer Feindlichkeit gegenüber dem menschlich Körperlichen in der Vision des Silicon Valley (S. 23). Der digitale Humanismus sollte Leitbild für die digitale Transformation werden (S. 28). In diesem Sinne werden Aktivitäten im Umfeld der Stadt Wien konkret vorgestellt und benannt, wobei das Design digitalisierter Umgebungen und Umwelten gerade im städtischen Umfeld ein enaktiveres Rahmenwerk erforderlich macht. Ein entsprechendes Embodiment muss sich in der Architektur niederschlagen (S. 43 f.) und in kreativen Werk- und Arbeitsstätten manifestieren (S. 44).
    Es geht um eine neue Art der Raumgestaltung über die klassischen Ansätze des Funktionalismus hinaus (S. 46 f.). In einer Welt der technologischen Verunsicherung spielt die Anhebung leiblicher Kreativität eine besondere Rolle. Anzustreben ist die Koexistenz zwischen Menschen und kognitiven Maschinen als Begründung für neue Wege zur Kreativität (S. 62 ff.). Als Leitbild für Design führt der Enaktivismus zu einer wertebezogenen technologischen Entwicklung in städtischer Umgebung und baut insbesondere die eigene Kreativität des Menschen auf und aus (S. 60). Zurückgeschraubt werden muss die Neigung von technokratischen Gesellschaften einer Kontrolle von Bürgern (S. 66). Wir sollten uns wieder mehr dem Fluss einer sich entfaltenden Realität anvertrauen (S. 67). Design sollte vor allem als kreatives Denken und nicht als Verdinglichung konzipiert und entworfen werden. Es geht um die Entfaltung der menschlichen Potenzialität (S. 68).
  2. Handlungsfelder in einer wertebasierten Technologieentwicklung
    Ein wichtiger Schritt zur Verwirklichung des digitalen Humanismus ist die kritische Rückbindung des Nutzers als Konsument in einen wertebezogenen einbettenden Horizont (S. 75 f.). Dabei spielt die Dimension der Verbesserung einer digitalen Gesundheitsversorgung zwischen Visionen und Realisierungsversuchen eine zentrale Rolle (S. 89 f.). So können städtespezifische europäische Gesundheitsdaten-Plattformen eine Rolle spielen (S. 91 ff.). Dieses Leitbild sollte vor allem auch in der Gestaltung der digitalisierten Arbeitswelt realisiert werden (S. 105 f.). Grund- und Menschenrechte müssen in der digitalen Welt zur Geltung gebracht werden. Um zu verhindern, dass Arbeitnehmer*innen zu Objekten digitaler Vermessung gemacht und auf diese Weise als Personen herabgewürdigt zu werden, ist darüber nachzudenken, den Einsatz von Profiling und von die Beschäftigten betreffenden automatisierten Entscheidungen im Arbeitsverhältnis gänzlich zu untersagen (S. 116). So hat z.B. die Verwendung des Smartphones zur Vermischung von Berufs- und Privatleben das Ausmaß der Unterbrechungen in beiden Bereichen verstärkt. Smartphones werden während der Privatzeit für berufliche Belange herangezogen und genauso während der Arbeitszeit für private Nachrichten verwendet. Dadurch kann das Privatleben des Arbeitnehmers in nicht unerheblichen Maße eingeschränkt werden (S. 123).So sind auch kollaborative Roboter gemäß einem menschlichen Maß zu gestalten (S. 124 f.). Noch radikalere Innovationen wie das Crowdworking bedürfen eines noch intensiveren Nachdenkens (S. 125). Arbeit ist also neu zu denken, um sich auf Augenhöhe treffen zu können (S. 131 f.). So macht sich der Wertewandel auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Für viele junge Beschäftigte zählen Lebens-und Arbeitsqualität mehr als materielle Werte. Sie wollen gehört werden, selbstbestimmt arbeiten und mitgestalten können. Sie wollen den Umgang auf Augenhöhe (S. 134). Flexibilität und Selbstbestimmung sind die neuen Werte der Arbeitnehmer (S. 137). Nicht zuletzt wird Bildung und neue digitale Aufrüstung des Arbeitslebens in Verbindung zu bringen sein. Subjektorientierung und die Erziehung zur digitalen Bürgerschaft sind hier wichtige Ziele (S. 145). Dies wurde in einem Projekt zur Erhöhung der digitalen Widerstandsfähigkeit realisiert. Man kann z.B. Schüler sensibel für Falschmeldungen und die damit verbundene Diskriminierung und politische Manipulation machen (S. 152 f.).

Fazit

Der Band zeigt in gelungener Weise die Bedeutung des enaktiven Ansatzes und der menschlichen Leiblichkeit für die Ausgestaltung der neuen Technologien im Sinne des digitalen Humanismus auf.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. Bernhard Irrgang
Der Rezensent lehrte Technikphilosophie und angewandte Ethik an der TU Dresden
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Es gibt 17 Rezensionen von Bernhard Irrgang.

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Zitiervorschlag
Bernhard Irrgang. Rezension vom 20.06.2022 zu: Judith Fritz, Nino Tomaschek (Hrsg.): Digitaler Humanismus. Menschliche Werte in der virtuellen Welt. Waxmann Verlag Marketing & Rezensionen (Münster, New York) 2020. ISBN 978-3-8309-4278-8. Reihe: University - society - industry - Band 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28401.php, Datum des Zugriffs 01.07.2022.


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