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Jonathan Czollek, Naemi Eifler u.a.: 68 Trainingskarten Social Justice und Diversity

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 23.09.2022

Jonathan Czollek, Naemi Eifler, Leah Carola Czollek, Corinne Kaszner, Gudrun Perko u. a.: 68 Trainingskarten Social Justice und Diversity. Für eine Gesellschaft der Radikalen Vielfalt. Inklusive digitaler Version. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 68 Seiten. 39,95 EUR.

Thema

Was unterscheidet uns voneinander? Neben den wahrnehmbaren Aspekten wie Aussehen und Sprache gibt es mehr noch unsichtbare Aspekte unserer Identität, wie soziale Herkunft, Religion oder das Geschlecht. Und welche Konsequenzen haben diese Diversitykategorien in unserer Gesellschaft? Welche Privilegien haben viele Menschen dadurch und welchen strukturellen Diskriminierungen sind wir ausgesetzt? Das vorliegende Kartenset bietet einen spielerischen Zugang zum Thema, dem sich eine kritische Auseinandersetzung anschließen kann, um aufzuklären und zu diskutieren: Welche Diskriminierungsformen gibt es an sich und welche Art Wechselwirkungen gibt es zwischen diesen Formen?

Autor:innen und Entstehungshintergrund

Die Autor:innen sind das Team des Instituts Social Justice & Radical Diversity (siehe hierzu ausführlich unter https://institut-social-justice.org). Das Kartenset ist Bestandteil des Diskriminierungskritischen Bildungs- und Trainingskonzepts Social Justice & Diversity. Dieses Konzept zugunsten von Inklusion, Teilhabe und Partizipation wurde 2001 von Leah Carola Czollek, Gudrun Perko und Heike Weinbach entwickelt und in mehreren Publikationen erörtert, u.a. Leah Carola Czollek, Gudrun Perko, Corinne Kaszner, Max Czollek (2019): Praxishandbuch Social Justice und Diversity. Theorien, Training, Methoden, Übungen; Gudrun Perko (2019): Social Justice und Radical Diversity. Veränderungs- und Handlungsstrategien. Beide Bücher erschienen im Beltz Verlag (Weinheim, Basel).

Aufbau und Inhalt

Ziel des Konzeptes ist die Realisierung von „Radical Diversity“ als konkrete Utopie einer Gesellschaft, in der alle Menschen in ihrer radikalen Verschiedenheit und Gleichheit leben können. Das Kartenset greift die in den oben genannten Publikationen beschriebenen theoretischen Ausführungen auf. Das dem Kartenset beiliegende Booklet führt ansatzweise knapp in die Grundthematik ein und zeigt Anwendungsmöglichkeiten auf.

Das Set eignet sich für eine Gruppengröße von bis zu 30 Personen. Gedacht ist es für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen in verschiedenen Bildungskontexten, wie Schule, Hochschule und freier Bildung.

Basis dieses Trainings ist die Arbeitsmethode „Mahloquet“, die zugleich als Gesprächsform und als ethisch-dialogische Grundhaltung zu verstehen ist. Zentrale Aspekte sind ein Zuhören und Reflektieren mit Blick auf Perspektivenvielfalt. Andersheit soll hier für sich akzeptiert und nicht dem Schema von eigener Erfahrung und Sichtweise angepasst werden.

Das Kartensets ist in verschiedene Rubriken unterteilt: Grundlagen (z.B. Macht- und Herrschaftsverhältnisse, systemische Intersektionalität), Diversitykategorien (z.B. Alter, Religion), sodann folgen Formen struktureller Diskriminierung (z.B. Klassismus, Ableismus), Charakteristika struktureller Diskriminierung (z.B. Machtlosigkeit, Marginalisierung) und Mechanismen struktureller Diskriminierung (z.B. Othering, Stigmatisierung) sowie schließlich Handlungs- und Veränderungsstrategien (z.B. Anerkennendes Sprechen, Verlassen des polarisierenden Denkens). Alle Karten zeigen auf der Vorderseite die entsprechenden Begriffe; auf der Rückseite sind diese dann erklärt.

Mit sechs Anwendungsbeispielen regen die Autor:innen zum Gebrauch der Karten an (z.B. „Was denken wir?“, „Im wirklichen Leben“). Das Material steht mit dem Kauf auch digital zur Verfügung.

Diskussion

In gegenwärtigen Lehrveranstaltungen ist zu beobachten, dass Studierende in Bezug auf Diversity tendenziell sensibler geworden sind als noch vor ein paar Jahren und in dieser Weise diskutieren. So kennen sie auch die auf den Karten gezeigten Begriffe und können diese deuten. In der generationenübergreifenden Herangehensweise mit den Dozierenden zeigt sich eine erste Anwendung der Karten: Man erklärt sich gegenseitig Sinn und Sinnzusammenhänge der Begriffe und ist recht schnell in Diskussionen verwickelt. Das Set wird zum Lernmaterial (Wissen) und ist Impuls, um ins Gespräch zu kommen. Die Karten mit den Diversitykategorien geben dabei jedoch oft nur sehr knappe Antworten, die an sich klar sind (z.B. Alter, Aussehen, Kategorien) oder solche, die fragwürdig sind, aber dann nicht weiter erklärt werden, wie „Menschen mit DDR-Geschichte“. An dieser Stelle wird man dann auf die oben genannten Publikationen zurückgreifen müssen, um das Themenfeld differenzierter aufzeigen zu können.

In meinen Lehrveranstaltungen „Diversity und Inklusion“ habe ich das Kartenset ausprobiert. Für den oben beschriebenen Diskurs waren sie sinnvoll. Weniger effektiv gestalteten sich die vorgeschlagenen Übungen, die sich thematisch im Kreis drehen und nicht mehr erbrachten als den ohnehin erzeugten Impuls zur aufklärenden Auseinandersetzung. Hierbei ist festzustellen: Inhaltliche Basis der Arbeit waren immer die eingebrachten Erfahrungen des Dozierenden und der Studierenden/Schüler:innen zu den Begriffen und thematischen Hintergründen.

In Übung 5 empfehlen die Autor:innen eine kreative Auseinandersetzung mit allen angebotenen Themenfeldern (Diese Übung ermöglicht kreatives Lernen). Dieser offene Ansatz ist in meinen Lehrversuchen nicht gelungen, da es zu unzweckmäßigen Spekulationen führte, die der Ernsthaftigkeit des Themas nicht angemessen waren bzw. sind.

Fazit

Das vorliegende Kartenset kann als Material zur Wissensvermittlung und als Impulsgeber in pädagogischen Kontexten wie Hochschulseminaren zu den Themen Teilhabe, Partizipation und Inklusion genutzt werden. Dabei empfiehlt es sich unbedingt, das gleichnamige Praxishandbuch als Ergänzung zu nutzen. Erst in diesem Zusammenspiel geht das didaktische Konzept einer Sensibilisierung für Radikal Diversity vollends auf. 

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 23 Rezensionen von René Börrnert.


Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 23.09.2022 zu: Jonathan Czollek, Naemi Eifler, Leah Carola Czollek, Corinne Kaszner, Gudrun Perko u. a.: 68 Trainingskarten Social Justice und Diversity. Für eine Gesellschaft der Radikalen Vielfalt. Inklusive digitaler Version. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28402.php, Datum des Zugriffs 29.09.2022.


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