socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Claus Melter: Diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit und Bildung

Cover Claus Melter: Diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit und Bildung. Praktische Herausforderungen, Rahmungen und Reflexionen. Mit Online-Material. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 2. Auflage. 312 Seiten. ISBN 978-3-7799-6469-8. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Das Problem heißt Rassismus

Diskriminierung und rassistische Vorurteile sind anscheinend festgemauert in den Erden und im menschlichen Bewusstsein. Ideologische Einstellungen und bewusste und unbewusste Ablehnungen von Unbekannten und Fremden haben in der Menschheitsgeschichte viel Unheil, Unglück und Gewalt bewirkt. In der Psychologie, Anthropologie, Philosophie und Pädagogik wird darüber nachgedacht, wie Unverträglichkeiten, Streit, Konflikte entstehen, die auf abseitige Einstellungen zurückzuführen sind. In der Vorurteilsforschung etwa kommt zutage, dass Vorurteile in jedem Menschen schlummern. Sie treten hervor durch von außen veranlasste oder entstehende Situationen und Konstruktionen (Anton Pelinka, Hrsg., Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/​12918.php). Die intellektuelle, humane Herausforderung besteht somit darin, eigene und fremde Vorurteile zu erkennen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und Strategien und Verhaltensweisen zu entwickeln, wie sie verhindert werden können.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

In der pädagogischen Sozialen Arbeit werden insbesondere die Fragen thematisiert, die sich durch Migration ergeben (Paul Mecheril, u.a., Migrationspädagogik, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9383.php). Bemerkenswert ist die Ansicht, dass in der Sozialen Arbeit (und sicherlich auch in den übrigen pädagogischen, schulischen- und Erwachsenenbildungseinrichtungen) Pädagoginnen und Pädagogen „oft wenig über die (mehrfachen) Zugehörigkeits- und Identitätsverständnisse von Adressat_innen mit Migrationsgeschichte(n) wissen und sich wenig dafür interessieren“. Als Erklärung wird angemerkt, dass „Soziale Arbeit und Bildung ( ) oftmals die Haltung der Mehrheitsgesellschaft in Bezug auf Rassismus wider(spiegelt)“.

Der Sozialwissenschaftler Claus Melter von der Fachhochschule Bielefeld forscht zu Fragen von aufenthaltsrechtlichen, rechtsorientierten, nationalistischen, antisemitischen und antimuslimischen Diskriminierungen in Deutschland. An der FHS Esslingen fand zu diesen Themenkomplexen 2014 eine öffentliche Ringvorlesung statt. Melter legt als Herausgeber daraus Texte vor – und nimmt sie zum Anlass, auf die Defizite in der Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit in Deutschland zu verweisen. In der Aus-, Fortbildung und im professionellen Handeln von Sozialpädagog*innen bedarf es eines Perspektivenwechsels hin zu diskriminierungs- und rassismuskritischen Bildungsarbeit.

Aufbau und Inhalt

Neben den einleitenden Überlegungen und Begründungszusammenhängen für eine diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit und Bildung in Theorie und Praxis – und provokanten, aufrüttelnden Einlassungen zu einer „nationalistisch-rassistische(n) Ruhe-im-Karton-Pädagogik“, mit der Aufforderung zu einer aufmerksameren Beachtung, Betonung und Berücksichtigung der allgemein verbindlichen, nicht relativierbaren Menschenrechte, in der Praxis der Sozialen Arbeit, als Einleitung zur zweiten, erweiterten Auflage 2021 – trägt der Künstler und Kultur-Manager Michael Küppers-Adebisi das Gedicht „Manchmal/​Sometimes“ in deutscher und englischer Sprache vor: Schmerz der Zeit – Herkunft – Schwarz/Weiß – Freiheit – Identität.

Vera Nkenyi Ayemle beschreibt „Rassismus und Diskriminierung“ aus der Sicht afro-deutscher Menschen in Deutschland. Sie stellt Diskussions- und Übungsbeispiele für die pädagogische Praxis vor: „Wie gehen Sie mit Menschen um, die anders aussehen, anders sprechen und sich anders verhalten?“.

Die Juristin und wissenschaftliche Mitarbeiterin Malika Mansouri von der Universität Bielefeld berichtet über ihre Forschungsergebnisse zum Antidiskriminierungsrecht: „Mit Recht oder trotz Recht gegen Rassismus?“. ihre Feststellung: „Deutschland ist rückständig, was die Kritik an rassistischer Diskriminierung betrifft“, ist Aufforderung!

Die französische Justizministerin (2012 – 2016) Christiane Taubira hat bewirkt, dass Frankreich mit den „Codes Noires“ die Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannte: „Es gibt Kämpfe, die man nie zu früh führt und die man ja nicht zu spät führen sollte“.

Der Heilerziehungspfleger und Student Tim Linnemann informiert über seine Forschungsarbeit über die Verfolgungsgeschichte der im Überlebenskampf handelnden Bielefelder jüdischen Bürger*innen zurzeit des Nationalsozialismus: „Schäme Dich nicht, Jude zu sein!“.

Adetoun Küppers-Adebisi und Michael Küppers-Adebisi plädieren mit dem zweiteiligen politischen Kunstwerk: „Statt gegen de_Privilegierung I und II – „Der Reichstag – Kafka in the reMIX“ für eine „Neue Deutsche Kultur“. Es sind die in Interviews und Statements vorgetragenen Quellenmaterialien über kolonialen Rassismus, die Augen und Ohren öffnen.

Die Esslinger Referentin für Migration und Integration und Stadtplanerin Adiyanti Sudandyo-Buchholz informiert über “Rassismus in Indonesien“ in der Zeit vom 17. bis Ende des 20. Jahrhunderts. Die Tiong-hoa, wie die chinesische-indonesische Ethnie genannt wird, stellen bis heute in Indonesien eine „soziale Narbe“ dar; und es braucht eine neue Aufklärung.

Die Stuttgarter Jugendamtsmitarbeiterin und Lehrbeauftragte an der Hochschule in Esslingen, Hiba Dawod hat eine arabischsprachige Beratungsstelle für syrische (Kontingent-)Flüchtlinge aufgebaut. Ihr Bericht über Flüchtlings- und Migrationssozialarbeit zeigt strukturelle und institutionelle Diskriminierung auf und vermittelt praktische Lösungsmöglichkeiten für eine Einwanderungsgesellschaft.

Der Sozialarbeiter Tolga Anlaş berichtet über seine Erfahrungen mit der „aufsuchenden Sozialen Arbeit“ bei Jugendlichen mit Migrationsgeschichte: „Mobile Jugendarbeit in einer Migrationsgesellschaft“. Es sind Methoden wie die „Einzelfallhilfe“, die „Cliquen- und Gruppenarbeit“ und „Gemeinwesenarbeit“, die in der Aus-, Fortbildung und Praxis der Sozialen Arbeit Eingang finden sollten.

Die Sozialarbeiterin Halide Özdemir und die Pädagogin Astrid Högerl diskutieren „Feministische und rassismuskritische Soziale Arbeit mit weiblichen Jugendlichen mit Migrationsgeschichte“. Es sind Anforderungen an die individuellen und kollektiven Konstellationen und Situationen von Mädchen und jungen Frauen, die eingebunden sind in familiale Traditionen und moderne gesellschaftliche Entwicklungen, die Beratung, soziale und räumliche Sicherheiten und Aufgehobensein erfordern.

Die Sozialarbeiterin und International Managementassistentin Zeynep Yildiz ist in der Straffälligenhilfe und klinischen Sozialarbeit im Feld legale und illegale Drogen tätig. Sie nimmt „antimuslimischen Rassismus gegen kopftuchtragende Pädagoginnen in der Sozialen Arbeit“ zum Anlass, über Diskriminierungserfahrungen nachzudenken. An einem Fallbeispiel erläutert sie Motive und Widerstände und gibt Empfehlungen zur Diskriminierungsvermeidung.

Die Sozialwissenschaftlerin Ulrike Zöller von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, stellt „Überlegungen zum Themenfeld Integration im Kontext Sozialer Arbeit“ an. Sie zeigt die Gesetzgebungs-, Zuständigkeits- und föderalen Strukturen in Deutschland auf und verweist auf die Empowerment-Anforderungen, wie sie sich für die Soziale Arbeit ergeben.

Die Sozialarbeiterin und Systemische Familientherapeutin Clarissa Hechler setzt sich auseinander mit dem „Esslinger Integrationsplan“. Als eine Besonderheit im städtischen Kontext kann gelten, dass in der Stadt mit knapp 90.000 Einwohnern etwa 40 % Menschen mit Migrationshintergrund leben. Der städtische Fachrat für Migration und Integration hat 2012 einen Integrationsplan erarbeitet. Die Referentin stellt in ihrer Analyse erhebliche Lücken und unklare Bestimmungen fest, und sie gibt Empfehlungen, wie ein haupt- und ehrenamtliches Konzept für eine städtische Integration aussehen könnte.

Die Juristin Susanne Dern und die Pädagogin Ulrike Zöller thematisieren mit ihrem Beitrag „Diskriminierungserfahrungen in der Berufsberatung, -orientierung sowie -vermittlung“ den rechtlichen Rahmen und die professionellen Anforderungen an Beratende. Beratungskompetenzen erfordern, „dass die Beratungspersonen sowohl die Verschiedenheit als auch die Gleichheit anerkennen und diejeweilige Individualität und das jeweilige Gewordensein im eigenen biografischen und sozialisatorischen Kontext bei sich und den anderen sehen lernen“.

Der Theoretiker und Praktiker für Soziale Arbeit, Kurt Möller, verweist mit dem Beitrag „Ausstiege als Umstiege“ darauf hin, dass ein Perspektivenwechsel beim Umgang mit rechtsextremen und diskriminierenden Haltungen erforderlich ist. Die Forderungen nach Ausstiegshilfen werden nicht selten blockiert durch scheinbar unüberwindbare Einstellungsfestungen. Eine professionelle Distanzierungsförderung sollte sich daran orientieren, „Lebenskontrolle, Integration, Sinnstiftung, sinnliches Erleben, persönliche Erfahrungsstrukturen und Kompetenzentwicklung“ zu fördern.

Die Erziehungswissenschaftlerin Nina Kölsch-Bunzen informiert mit dem Beitrag „“Kritische Gedenkstättenpädagogik und Fragmente von Antisemitismus“ über Erfahrungen und Ergebnisse beim Hochschulprojekt „Erziehung nach Auschwitz“. Mit der „Zeitstrahlmethode“ zeigt sie auf, wie Information und Aufklärung durch historische Bildung möglich und wirksam werden kann.

Die Theaterpädagogen und Schauspieler Thomas Guthmann, Coral Salazar Törres und Iván Nogales Bázan berichten mit dem Schlussbeitrag des Sammelbandes über „Kolonialismus und körperliche De-Kolonisierung. Am Beispiel der Theaterprojekte der bolivianischen Künstlervereinigung COMPA: Comunidad de Productores en Arte) informieren sie über die Möglichkeiten, den Körper als Mittel zur gesellschaftlichen Transformation einzusetzen: „Die Transformation der Gesellschaft gelingt durch die Schaffung neuer Zentren des Wohlbefindens“.

Diskussion

In der Ringvorlesung und in den Forschungen machen die Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen darauf aufmerksam, dass die in der deutschen Gesellschaft permanent und vermutlich steigend vorhandenen egozentristischen, fremdenfeindlichen und rassistischen Einstellungen sich auch in der professionellen und institutionalisierten Sozialen Arbeit zeigen. Dagegen Bollwerke zu errichten, ist eine Anforderung, die an die gesamte deutsche Gesellschaft adressiert werden muss. „Diskriminierung lässt sich nicht … auf einen abgrenzbaren Lebensbereich beschränken, sondern erfährt ihre Wirkmächtigkeit gerade aus der Verknüpfung und Verschränkung verschiedenster Bereiche“ (Dern/Zöller).

Fazit

„Sind Soziale Arbeit und Bildung eher ein Teil von Diskriminierungsstrukturen oder Akteur_innen menschenrechtlicher Veränderung?“. Diese provozierende, ungewöhnliche, kritische Frage stellt sich, wenn bewusst wird, dass individuelle und professionelle Strukturen des sozialen Handelns (fast) immer bezogen sind auf die in der jeweiligen Gesellschaft vorhandenen und praktizierten Einstellungen und Weltanschauungen. Zu erinnern ist dabei an die aufklärerische Diktion, dass ein richtiges Leben im falschen nicht möglich sei. Die bei der Ringvorlesung an der Fachhochschule Esslingen (2014) vorgetragenen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Diskriminierung und Rassismus, und die weiteren Forschungsansätze und -ergebnisse zur diskriminierungs- und rassismuskritischen Tendenzen in der Sozialen Arbeit istd keine „Nestbeschmutzung“; vielmehr wird mit dem Sammelband der Finger in eine Wunde (oder in Defizite) gelegt, die in der Theorie und Praxis der sozialpädagogischen bisher eher verschwiegen wird.

Das Buch ist ein Muß für Aus-, Fortbildung und Praxis (nicht nur!) für die Professionalisierung in der Sozialen Arbeit!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1533 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.11.2021 zu: Claus Melter: Diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit und Bildung. Praktische Herausforderungen, Rahmungen und Reflexionen. Mit Online-Material. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 2. Auflage. ISBN 978-3-7799-6469-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28403.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht