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Mathias Schwabe: Praxisbuch Fallverstehen und Settingkonstruktion

Cover Mathias Schwabe: Praxisbuch Fallverstehen und Settingkonstruktion. Hilfeplanung für krisenhafte Verläufe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 471 Seiten. ISBN 978-3-7799-6404-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.

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Systemsprenger und Ohnmachtssituationen

Im, auch im Fernsehen ausgestrahlten Film „Systemsprenger“ geht es um die neunjährige Benni, deren Verhalten ihre gesamte Umgebung – alleinerziehende Mutter, Verwandte, Pflegefamilie, Heim, Kita, Schule und Nachbarschaft schockiert und überfordert. Auch die institutionalisierten Erziehungshilfen sind mit ihrem Latein am Ende. Die geschilderten Szenen und Spielverläufe gehen unter die Haut. Sie vermitteln den Zuschauern, deren Leben und Erfahrungen „normal“ verlaufen, Verwunderung ob der abweichenden Verhaltensweisen des Kindes. Und die Reaktionen darauf vollziehen sich in der Spannweite von Verständnis, Ratschlägen, Hoffnungen bis Unverständnis und rigorosem „Dreinschlagen“.

Entstehungshintergrund und Autor

Wir sind bei der Frage, wie im individuellen und gesellschaftlichen Kontext Erziehung funktionieren soll. Im erziehungswissenschaftlichen, pädagogischen und sozialen Diskurs liegen die Werte und Normen dazu bereit: „Der Begriff ‚Erziehung‘ umfasst den Gesamtprozess des sozialen Lebens, innerhalb dessen Einzelpersonen und soziale Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“ (Empfehlung zur „internationalen Erziehung“, UNESCO, 19. 11. 1974). Was aber kann passieren, wenn bei Menschen diese Wertvorgaben und Erwartungshaltungen nicht wirken? Wenn abweichendes Verhalten das System sprengt? Dann sind die institutionalisierten Sozialeinrichtungen, wie etwa das Jugendamt und die Sozialarbeit, gefordert.

Der Sozialarbeiter, Systemische Berater und Supervisor, mit langjährigen beruflichen Erfahrungen als Sozialpädagoge, Leiter von Erziehungshilfe-Einrichtungen, Wissenschaftler für Methoden an der Evangelischen Hochschule, Mathias Schwabe, legt ein Handbuch vor, in dem er die drei Begriffe – „Fallverstehen“, „Hilfeplanung“, Settingkonstruktion“ – in Theorie und Praxis herausarbeitet. Er stellt 34 Hilfesituationen aus dem sozialpädagogischen Alltag vor. Dabei fokussiert er seine Analysen, Interpretationen, Anregungen und Lösungsvorschläge nicht in erster Linie auf die jeweils beteiligten Agierenden, sondern auf die Situationen, in denen sich abweichendes Verhalten vollzieht. Dies bietet die Chance, dass der Blick auf „Hilfesituationen“ eher ganzheitliche, zusammenhängende Konstellationen erkennen und bearbeiten lässt.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Praxisbuch in 16 Kapitel. Im ersten, einführenden Teil diskutiert die drei zentralen Begriffe bei der Hilfeplanung bei krisenhaften Erziehungsverläufen: Fall, Hilfe, Setting. In den folgenden Kapiteln werden die drei Kriterien ausdifferenziert in Möglichkeiten, bei denen Beratungs- und Hilfeangebote von den Klienten angenommen oder nicht angenommen werden, bei denen geplante und veranlasste Erziehungsaktivitäten wirken oder nicht wirksam sind. Es sind praktische Erfahrungen und Theoriekonzepte, auf die sich die Erziehungsbeteiligten und -geforderten verlassen. Es sind Typenbildungen und Settingkonstruktionen. Herangezogen können Diagnoseverfahren, die im professionellen Umfeld vorhanden sind. Der Autor bringt dazu zwei selbst entwickelte Vorschläge ein: Das „Sieben-Schritte-Modell zum strukturierten Fallverstehen und zur Vorbereitung für eine qualifizierte Unterbringung bzw, Settingkonstruktion für sogenannte ‚schwierige Kinder/​Jugendliche‘“; und das „Themenzentrierte Verfahren“, bei dem es um das „Miteinander-Reden und Gemeinsame-Überlegen“ geht.

Es sind schließlich zwei Fragen, die der Autor bei seinem Bemühen stellt, Fallverstehen als kompetente, professionelle Anforderung herauszustellen – und eine „Theorie des Fallverstehens“ zu entwickeln: „Verstehen wir (dadurch, JS) einen anderen Menschen und seine Bewegungen oder seine innere Situation besser?“, und: „Eröffnen wir mit dem Fallverstehen vor allem uns selbst einen neuen Sinnhorizont und Orientierungsrahmen unabhängig davon, was den Klienten/die Klientin bewegen mag?“.

Diskussion

Es ist natürlich klar und selbstverständlich, dass die in den 16 diskutierten Situationen und Arbeitsweisen im allgemeinen Verlauf von institutionalisierten Hilfs- und Erziehungsmaßnahmen Beachtung finden – und je nach professioneller und kompetenter Weise auch berücksichtigt werden. Der Sinn und die Möglichkeit eines Hand- und Praxisbuches jedoch ist es, systematisch und logisch anzuregen, im ohne Zweifel nicht selten getakteten, heraus- und überfordernden Situationen, nicht (nur) die Vorgänge und Anforderungen automatisch „abzuarbeiten“, sondern reflektierend und kommunizierend vorzugehen (vgl. auch: Ralf Lutz, Sinnvergessenheit in der Professionalisierung? Ein empirischer Vergleich zweier Therapiekonzepte, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26075.php).

Fazit

Die kommentierten und analysierten Fallbeispiele aus der praktischen, sozialpädagogischen Arbeit wirken gelegentlich als herbeigeholte und zurechtgebastelte Situationsbeschreibungen. Das ist kein Manko, denn ist es nicht so, dass Wirkliches oft Erdachtes toppt? In der Intensität und Vollständigkeit, in der sie präsentiert werden, bieten sie Praktikern der Sozialarbeit (und sicherlich auch für die schulische, pädagogische Tätigkeit) eine Fülle von Anregungen für die professionelle Arbeit und zum Perspektivenwechsel an.

Das Praxisbuch wendet sich an Hilfeplaner*innen in Jugendämtern und Einrichtungen der Erziehungshilfe.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.07.2021 zu: Mathias Schwabe: Praxisbuch Fallverstehen und Settingkonstruktion. Hilfeplanung für krisenhafte Verläufe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6404-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28404.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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