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Jörn Dummann (Hrsg.): Reflexive First-Practice

Rezensiert von Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann, 21.01.2022

Cover Jörn Dummann (Hrsg.): Reflexive First-Practice ISBN 978-3-8309-4209-2

Jörn Dummann (Hrsg.): Reflexive First-Practice. Forschen lernen in der Sozialen Arbeit. Waxmann Verlag Marketing & Rezensionen (Münster, New York) 2021. 146 Seiten. ISBN 978-3-8309-4209-2. 29,90 EUR.
Reihe: Studien zur Forschung in der Sozialen Arbeit - 1
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Thema

In diesem Sammelwerk werden qualitative und quantitative Forschungsarbeiten von Studierenden des Masterstudiengangs „Soziale Arbeit und Forschung“ der Fachhochschule Münster im Kurzportrait dargestellt, welche im Rahmen ihrer dreisemestrigen Forschungsprojekte erarbeitet wurden. Weitere 17 Autor*innen haben zu diesem Buch beigetragen, darunter 15 Studierende der FH Münster und deren Studienprojektbetreuer – Hugo Mennemann und Mirko Sporket.

Herausgeber

Prof. Dr. phil. Jörn Dumman ist seit 2010 Studiengangsleiter des Masterstudiengangs „Soziale Arbeit und Forschung“ und Studiengangsleitung im Bachelorstudiengang „Soziale Arbeit“ an der Fachhochschule Münster. Zu seinen Lehr- und Forschungsgebieten zählt die Profession der Sozialen Arbeit und Intergenerativität.

Aufbau

146 Seiten werden in vier inhaltliche Teile gegliedert:

  • Vorwort,
  • Einleitung,
  • Qualitatives Forschen und
  • Quantitatives Forschen.

Inhalt

Dieses Sammelwerk stellt sechs Forschungsprojekte von Masterstudierenden des Studiengangs „Soziale Arbeit und Forschung“ der FH Münster vor. Darunter befinden sich vier qualitative und zwei quantitative Forschungsarbeiten. Jedes der in diesem Sammelwerkt beschriebenen Projekte wird mittels einer klaren Struktur dargestellt. Diese setzt sich jeweils aus Abstract, Forschungskontext, Bestimmung des Forschungsgestand, Beschreibung des theoretischen Hintergrunds, Begründung des Untersuchungsdesign, Erhebungs- und Auswertungsdesign und der Diskussion der Ergebnisse zusammen.

In den Projekten werden unterschiedliche Settings und Forschungsgegenstände durch die angehenden Forscher*innen untersucht. Diese reichen von der Sozialpädagogischen Familienhilfe, zur stationären Altenhilfe, bis hin zur stationären Kinder- und Jugendhilfe und bieten dadurch vielseitige Einblicke in die Forschungsarbeit innerhalb der unterschiedlichen Praxisfelder der Sozialen Arbeit.

Das Projekt „Die Diskrepanz zwischen Idee und Realität. Aktuelle Herausforderungen von Sozialen Diensten in der stationären Altenhilfe“ weckte bei mir persönliches Interesse, da ich selbst eine Ausbildung in diesem Setting absolviert habe. Hier ist der Handlungsbedarf zur fortlaufenden Integration und Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit im Sinne eines einrichtungsinternen Sozialen Dienstes deutlich.

Für dieses Projekt wurden sechs qualitative Interviews mit Praktiker*innen durchgeführt und mittels der Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. In diesem Forschungsprojekt konnten ein aktuelles Anforderungsprofil von einer Leitung eines Sozialen Dienstes, wichtige Haltungsfragmente, sowie aktuelle Herausforderung, die sich als Widersprüche zwischen Anforderung und fachlicher Haltung darstellten, erarbeitet werden. Anhand aktueller Literatur werden derzeitige Entwicklungen, wie der steigende Ökonomisierungsdruck, Ressourcenknappheit und die Veränderung rechtlicher Rahmenbedingungen in der stationären Altenhilfe dargestellt. Die Autor*innen führen an, dass es für das Setting stationäre Altenhilfe innerhalb der psychosozialen Betreuung, welche von Sozialarbeiter*innen geleistet wird, kein bundesweit einheitliches Aufgabenprofil besteht, ebenso fehlt es ihnen an gesetzlichen Vorgaben. Daraus resultiert für die Sozialarbeiter*innen zum einen kein Leistungsrecht und zum anderen fehlt es an einer Basis einheitlichen disziplinären Handelns.

Weiterhin kommt es durch den demografischen Wandel zu einer Veränderung der Altersstrukturen bei den zu Pflegenden in stationären Pflegeeinrichtungen, welche einhergeht mit einem Anstieg des Bedarfs psychosozialer Betreuung. Hieraus leitet sich für Sozialarbeiter*innen Handlungsbedarfe in diesem Setting ab.

Einem weiteren Forschungsprojekt folgte ich mit starkem Interesse, da es sowohl einen aktuellen Bezug zur Corona-Pandemie als auch einen Bezug zur Gesundheitswissenschaft verknüpfte – das Projekt „Ich bin anders!“ Eine qualitative Untersuchung des Einsamkeitsempfindens bei Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung“. Um das Erleben von Betroffenen zu Pandemiezeiten zu charakterisieren, wurden qualitative Interviews mit narrativ-problemzentrierte Mischcharakter geführt. Sampling und Auswertung orientierten sich hierbei an der Grounded-Theory-Methodologie nach Strauss und Corbin. Die Autor*innnen führen an, dass sich durch die Coronapandemie der Anteil an zwischenmenschlichen Face-to-Face Interaktion verringerte. Weiterhin werden aktuelle Forschungserkenntnisse zur Einsamkeit und deren Einflussfaktoren, sowie verschiedene Perspektiven auf die Einsamkeit aus Sicht der Sozialen Arbeit dargestellt. Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung sind aufgrund der krankheitsbedingten Kernsymptome, wie Regulationsstörung der Emotionen, Impulsivität und Beeinträchtigung bei sozialen Beziehungen, prädestiniert für Einsamkeitserfahrung. Zur Theoretischen Verortung des Forschungsvorhabens wird das der Gesundheitswissenschaft zugeordnete „Biopsychosoziale Krankheitsmodell“ nach Egger zugrunde gelegt, welches auch in der Sozialen Arbeit vermehrt Anwendung findet. Dies liegt darin begründet, dass in diesem Modell ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit und Krankheit angestrebt wird. In der Sozialen Arbeit findet sich ebendiese Prämisse zur persönlichen Konfliktbewältigung anhand aller Aspekte in einem Feld.

Um die Subjektebene der Betroffenen zu erfassen, wurde das Theoriekonzept der Lebensbewältigung als zusätzliche theoretische Fundierung integriert. In diesem Konzept wird der Klient als Subjekt, welcher Situationen der Stigmatisierung und Bewältigung ausgesetzt ist, fokussiert. Nachrangig werden soziale Beziehungen des Betroffenen und im Zusammenhang stehende sozialökonomische hintergründige Konstellationen beleuchtet. Ziel dieses Forschungsprojekt war es herauszufinden, inwiefern Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung Einsamkeit empfinden, da diese Thematik bisher wenig Beachtung in der empirischen Sozialforschung gefunden hat und daher nur wenige Daten in diesem Bereich vorliegen.

Diskussion

Die in dem Sammelwerk beschriebenen studentischen Forschungsprojekte werden sehr verständlich dargestellt und können Studierenden der Sozialen Arbeit helfen, einen besseren praxisnahen Einstieg in die Forschungs- und Projektarbeit zu finden oder auch um das Verständnis für Methoden der qualitativen und quantitativen Sozialforschung zu vermitteln. Durch die klare Struktur der Projektbeschreibungen eignet sich dieses Sammelwerk als Orientierungshilfe für angehende Qualifizierungsarbeiten. Die dargestellten Projekte können ihnen dabei helfen Ideen (weiter)-zu entwickeln, den Forschungsprozess durch Praxisbeispiele zu verinnerlichen und kann mögliche Fragen beantworten, die innerhalb des Schreibens von Abschlussarbeiten auftreten oder ihnen dabei helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Für akademisches Lehrpersonal ist dieses Sammelwerk ebenfalls zu empfehlen, da die beschriebenen Forschungsprojekte innerhalb der Module qualitative und quantitative Sozialforschung in das Unterrichtsmaterial miteingebracht werden können. Studierenden kann somit praxisnahes Forschen, der Forschungsprozess, Forschungsdesigns und Forschungsmethoden in der Sozialen Arbeit verständlich vermittelt werden.

Fazit

Durch die reflexive Auseinandersetzung der Masterstudierenden der Fachhochschule Münster mit ihren Forschungsprojekten, welche in diesem Werk festgehalten werden, ist es gut gelungen, eine strukturierte Übersicht für praxisnahe Forschungsprojekte in der Sozialen Arbeit herauszugeben. Dieses verschafft Studierenden der Sozialen Arbeit einen strukturierten Überblick, welche Schritte in Forschungsprojekten notwendig sind und wie sowohl quantitative als auch qualitative Forschungsmethoden genutzt werden können, um Erkenntnisse in den Praxisfeldern der Sozialen Arbeit zu generieren.

Rezension von
Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
Hochschule Hannover Fakultät V - Diakonie, Gesundheit und Soziales
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Es gibt 76 Rezensionen von Nina Fleischmann.

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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 21.01.2022 zu: Jörn Dummann (Hrsg.): Reflexive First-Practice. Forschen lernen in der Sozialen Arbeit. Waxmann Verlag Marketing & Rezensionen (Münster, New York) 2021. ISBN 978-3-8309-4209-2. Reihe: Studien zur Forschung in der Sozialen Arbeit - 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28405.php, Datum des Zugriffs 27.05.2022.


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