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Bernd Birgmeier: Sozialpädagogisches Coaching

Cover Bernd Birgmeier: Sozialpädagogisches Coaching – Metamodell und Konzept. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 236 Seiten. ISBN 978-3-7799-3853-8. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR.
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„Alle sagten, das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat es einfach gemacht!“

Es ist der „dritte Blick“, der von außen auf eine persönliche oder kollektive Situation gerichtet ist, der nicht selten Bewusstsein erzeugt und verändert. Wir reden vom „Perspektivenwechsel“ als Notwendigkeit zur Veränderung von gewohnten, eingeführten und gewünschten Denk- und Verhaltensweisen. Dabei sind nicht Anweisungen und Curricula gefragt, die durch Ordre du Mufti oder Ideologie Meinungen vermittelt und befohlen werden, sondern durch Selbsteinsicht entstehen. Als kommunikative, soziale Methode kommt hier das Coaching ins Spiel, als eine Beobachtung und Beschäftigung mit beruflichen, sozialen und prozessualen Situationen durch Professionen von außen auf innere Verläufe und Entwicklungen. In pädagogischen und sozialen Berufen hat Coaching die Aufgabe, professionelle und Milieu-Abläufe zu analysieren, Defizite zu erkennen und geregelte, gewünschte Prozesse herzustellen. Dabei ist klar, dass es bei den verschiedenen anthropologischen, psychologischen und kommunikativen Situationen unterschiedliche professionelle Zugänge und Aktivitäten gibt. So lässt sich sagen, dass Coaching (Supervision) interaktive und interdisziplinäre Prozesse sind, die je nach Anforderung und Situation differenziert eingesetzt werden müssen (Anneliese Heilinger, u.a., Hrsg., Brush up your Tools! Aus der Werkstatt von Supervision und Coaching, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1844.php; Jonathan Briefs, Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem. Provokatives Coaching für den Berufsalltag, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/​15357.php).

Aufbau und Autor (Angaben zum Autor fehlen noch!)

Neben der Präambel, in der der Sozialpädagoge von der Universität Eichstädt-Ingolstadt, auf die Bedeutung von Coaching in der Sozialen Arbeit verweist, gleichzeitig feststellt, dass die Sozial- und Kommunikationskompetenzen Coaching und Supervision bisher wissenschaftlich wenig im Fokus liegen und den Anspruch betont, „die (sozialpädagogischen) Basics im ‚klassischen‘ Coaching … zu untermauern und darauf aufbauend eine vollkommen neue Perspektive auf die metamodelltheoretischen Spezifika im (sozialpädagogischen) Coaching vorzuschlagen“, wird die Studie in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil wird auf die Bedeutsamkeit von Coaching in der Sozialen Arbeit verwiesen, die historische Entstehungsgeschichte reflektiert, eine Definition vorgeschlagen und Parallelen und Unterscheidungsmerkmale zwischen Coaching und Beratung aufgezeigt. Im zweiten Teil wird das Metamodell zur Entwicklung von Coaching-Konzepten vorgestellt, auf die unterschiedlichen (philosophischen, anthropologischen) Grundlagen und Theorien verwiesen, die Forschungsaspekte angesprochen und die Spezifika für ein sozialpädagogisches Coaching herausgearbeitet.

Die wissenschaftliche Studie ist kein Hand(werks-)buch, in dem die Leserinnen und Leser nachschlagen können, „wie Coaching geht“. Es ist vielmehr eine kritische Auseinandersetzung darüber, wie in der Theorie und Praxis der „Begriffsdschungel“, die „Scharlatane“ und „Paradiesvögel“ bei den Coaching-Angeboten von den seriösen, professionellen Coacher*innen unterschieden werden können. Der Autor zeigt mit Verweisen und Auseinandersetzungen auf vorliegende Konzepte auf, wie „Coaching als neues Personalentwicklungsinstrument in Sozialeinrichtungen“ diskutiert werden kann; wie „Coaching als ‚neuer Ansatz‘ für die Soziale Arbeit ins Gespräch gebracht werden kann“; wie „Case-Management“ funktionieren kann; wie „Coaching als Grundform sozialer Prozesse“ ermöglicht werden kann; wie „Ausbildungs- und Trainingskonzepte“ entwickelt werden können; wie „Coaching, Supervision und Organisationsberatung als spezifische Reflexionsarbeit in pädagogischen Handlungsfeldern“ wirksam werden können; wie „Coaching mit dem Lebenslagen-Konzept zusammengeführt werden kann“; wie eine „Philosophie und Ethik im sozialpädagogischen Coaching zu umreißen ist“… Die kritischen Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Definitionsversuchen zu Coaching führt dazu, dass der Autor aus seiner wissenschaftlichen Forschungstätigkeit einen Definitionsvorschlag einbringt, mit dem in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit (und sicherlich auch im allgemeinpädagogischen, schulischen und außerschulischen Wirken umgegangen werden kann: Coaching lässt sich verstehen als „spezifische Form der Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen in ausgewählten sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Arbeits-, Handlungs-, Praxis-, Berufs- und Aufgabenfeldern“, mit dem Ziel, die Ressourcen und Stärken ihrer Adressaten zu erkennen, zu entdecken und zu fördern, bei Fragen zur Lebensbewältigung und -führung behilflich zu sein, und zu Selbstmanagement und Handlungsfähigkeit zu motivieren.

Der Sozialpädagoge von der Katholischen Universität Eichstädt, Bernd Birgmeier, setzt sich mit den verschiedenen Definitionsversuchen zum „Coaching in der Sozialen Arbeit“ auseinander und analysiert ausgewählte Forschungsergebnisse. Er entwickelt daraus einen Definitionsvorschlag, mit dem in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit (und sicherlich auch im allgemeinpädagogischen, schulischen und außerschulischen Wirken umgegangen werden kann: Coaching lässt sich verstehen als „spezifische Form der Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen in ausgewählten sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Arbeits-, Handlungs-, Praxis-, Berufs- und Aufgabenfeldern“, mit dem Ziel, die Ressourcen und Stärken ihrer Adressaten zu erkennen, zu entdecken und zu fördern, bei Fragen zur Lebensbewältigung und -führung behilflich zu sein, und zu Selbstmanagement und Handlungsfähigkeit zu motivieren.

Diskussion

Hilfreich für den wissenschaftlichen Coaching-Diskurs sind die Hinweise, die der Autor zu den verschiedenen Handlungsmodellen gibt; etwa aus der philosophischen, der pädagogischen, der sozialpädagogischen Anthropologie, der Erkenntnistheorie, der Handlungstheorie, der Grundlagen- und Forschungsmethodologie. Die dabei entstehende Bestandsaufnahme zur aktuellen Coaching-Forschung, und zur Beratungsforschung im allgemeinen, verdeutlichen und fordern auf zu einem Weiterdenken in der Sozialen Arbeit. Wenn der Autor an der Stelle auffordert, eine „Sozialpädagogische Anthropologie“ zu entwickeln, zeichnet er eine Initiative zur zukünftigen Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Disziplin „Soziale Arbeit“ auf. Es ist ein Plädoyer „für ein weit mehr als bisher integratives Coaching-Verständnis…, mit dem die Ganzheitlichkeit menschlichen Lebens zum Thema gemacht wird und die den Königsweg des Coachings, die Selbst-Reflexion (kursiv) weiter betreibt, um beide in diesem Wort bedeutsamen Teile – dem Selbst (kursiv) und dem Reflektieren (kursiv) gerecht zu werden“.

Fazit

Die metatheoretische Studie über sozialpädagogisches Coaching stellt eine bedeutsame Forschungsarbeit dar. Sie macht aufmerksam, dass – nicht nur im sozialpädagogischen Forschungsdesign – Wissens- und Verhaltenselemente zu berücksichtigen sind, wie: Gelassenheit, Achtsamkeit, Spiritualität, Sinnhaftigkeit, Ethik, Vertrauen, Verzeihen, Tugendhaftigkeit, Solidarität, Liebe… Für die Aus- und Fortbildung in sozialpädagogischen Berufen bietet die Studie vielfältige, nützliche und weiterführende Lektüre an.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.11.2021 zu: Bernd Birgmeier: Sozialpädagogisches Coaching – Metamodell und Konzept. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-3853-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28409.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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