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Anja Röcke: Soziologie der Selbstoptimierung

Cover Anja Röcke: Soziologie der Selbstoptimierung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. 257 Seiten. ISBN 978-3-518-29930-2. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.

Reihe: suhrkamp taschenbuch wissenschaft - 2330.
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Thema

Der Begriff der Selbstoptimierung als Leitidee der heutigen Gesellschaft in Richtung eines immer fitter, schöner und leistungsfähiger Werdens wird einer gründlichen Analyse unterzogen. Dies geschieht entlang der Fragen: Was ist Selbstoptimierung? Handelt es sich um ein neues Phänomen? Welches sind die Voraussetzungen und Folgen?

Autorin

Anja Röcke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität in Berlin. Das Buch ist ihre überarbeitete Habilitationsschrift.

Inhalt

Das Buch besteht aus sieben Kapiteln und einem ausführlichen Literaturverzeichnis.

Im Kapitel I wird die Selbstoptimierung als aktuelle Leitidee in der westlichen Welt beschrieben. Ratgeber, Coaches und spezifische Präparate kommen zum Einsatz. In welcher Weise und wo optimiert wird, ist individuell unterschiedlich. Nach der Erläuterung der Fragestellungen und dem Aufzeigen synonymer Begriffe werden selbstoptimierende Praktiken vorgestellt: Ratgeberliteratur, die Leistung steigernde Substanzen (Neuro-Enhancement), kosmetische Maßnahmen sowie technisch basierte Selbstvermessung.

Das Kapitel II beginnt mit einer begriffshistorischen Analyse. Das Wort „Selbstoptimierung“ taucht hier und da etwa gegen Ende der 1950er Jahre auf. Der Wortteil „Selbst“ wird mit vielerlei kombiniert, z.B. Selbstentfaltung, Selbstgestaltung, Selbstverwirklichung, Selbstheilung. Die Begriffe Optimum und Optimierung werden unter die Lupe genommen. Dann heißt es schließlich: „Selbstoptimierung bedeutet in einem allgemeinen Sinn, dass sich die Optimierungsbestrebungen auf das Selbst, also auf die eigene Person, richten“ (S. 52).

Im Kapitel III werden die Praktiken der Selbstoptimierung kategorisiert. Unterschieden wird zwischen vier Typen: der Befolgung spezifischer Handlungsanleitungen, dem Bodytuning, dem Bodystyling und dem Einsatz technischer Mittel. Das Bodytuning erfolgt durch den Konsum von Substanzen, die körperlich und psychisch fit machen sollen. Die diversen Praktiken des Bodystyling sind auf die Optimierung des Erscheinungsbilds gerichtet. Der vierte Typ umfasst alle technisch basierten Formen der Vermessung, Veränderung und Ergänzung des Körpers. Hier ist es nicht weit bis zur Cyborgisierung, der Verschmelzung von organischen und technischen Elementen, und dann auch zum Biohacking, der Manipulation am menschlichen Erbgut. Am Ende des dritten Kapitels wirft die Autorin einen Blick zurück. So haben z.B. auch Platon und Trotzki über den „neuen Menschen“ nachgedacht.

Im Kapitel IV wird nach den konzeptionellen Grundlagen der Selbstoptimierung in der westlichen Moderne gefragt. Es sind Bildung, Fortschrittsidee und Rationalisierung, die eine Art kulturelles Leitprogramm bilden. Jeder dieser Ideen ordnet die Autorin einen Referenzautor zu: Wilhelm von Humboldt der Bildung, Marquis de Condorcet der Fortschrittsidee und Max Weber der Rationalisierung. Der Mensch bedarf nach von Humboldt einer Welt außerhalb von ihm selbst, denn grundlegend für den Erwerb von Bildung ist das Wechselverhältnis zwischen Mensch und Welt. Bei der Bildung geht es um die Entwicklung des Menschen zu einer eigenständigen Persönlichkeit, bei der Selbstoptimierung dagegen um Leistung und Perfektion. Condorcet hat ein Stufenmodell entworfen, das die Entwicklung menschlicher Gesellschaften als Abfolge von Stufen, beginnend bei der Stammesgesellschaft bis hin zur bürgerlichen Klassengesellschaft, schildert. Fortschritt ist ein Aufstieg zum Besseren. Ziel ist die Vervollkommnung des Menschen. Selbstoptimierung ist anders als der Fortschritt vor allem auf den Einzelnen bezogen, der sich permanent neu orientieren muss. Röcke geht ausführlich auf den Rationalisierungsgedanken von Max Weber ein, für den die Bürokratie einen Rationalisierungsprozess verkörpert hat, der zweckrationalen Prinzipien unterliegt. Bemerkenswert ist seine Feststellung, dass die Bürokratie – ein zentraler Pfeiler moderner rationaler Herrschaft –, sobald sie etabliert ist, zu den am schwersten zu zertrümmernden Gebilden gehört. Das Modell der Rationalisierung ist statisch, Selbstoptimierung ist dagegen ein dynamischer Prozess. Das Aufkommen der Ratgeberliteratur in den 1920er Jahren mit dem Ziel der Selbstrationalisierung ist mit dem Namen Gustav Großmann verknüpft. Die Ziele sind Leistungssteigerung, bestmögliche Verwertung der erzielten Leistung und Erfolg im Sinne erlebten Glücks. Bei Großmann geht es in erster Linie um Effizienz und Leistungssteigerung, und nicht darum, etwas Besonderes aus sich zu machen. Es schließt sich ein kurzer Exkurs über die Humanistischen Psychologie an, die nicht mehr auf die Heilung von Krankheiten setzt, sondern auf die Mobilisierung psychischer Potenziale. Die Rede ist von einer Therapeutisierung des Selbst. Am Schluss des vierten Kapitels stellt die Autorin die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Selbstoptimierung einerseits und Bildung, Fortschritt, Rationalisierung und Selbstrationalisierung andererseits zusammenfassend einander gegenüber.

In Kapitel V wird die um Selbstoptimierung kreisende kultursoziologische Diskussion wieder gegeben. Sehr ausführlich wird auf die Schriften und Vorlesungsmanuskripte von Foucault eingegangen. Stichworte sind die Ökonomisierung des Sozialen, Biomacht und Biopolitik, Optimierung im Sinne des bestmöglichen Verhältnisses zwischen Gewinn und Verlust bzw. die bestmögliche Verwendung knapper Ressourcen. Verschiedene maßgebliche Perspektiven werden vorgestellt. Makroupolos spricht von Optimierung, die er als Überbietungslogik einordnet. Für Bröckling ist die Idee der Relationalität, d.h. Optimierung in Bezug worauf?, zentral. Varianten sind Perfektionierung, Steigerung und Wettbewerb. Selbstoptimierung ist hier Selbsteffektivierung. Duttweiler versteht unter Selbstoptimierung kleine Modifikationen der alltäglichen Lebensführung und keine radikale Verwandlung zum perfekten Menschen. Bublitz analysiert Normalisierungsprozesse und die Massenkultur, in der die freigesetzten Individuen einer Dynamik zunehmender Vergesellschaftung unterworfen sind. Sie verwendet die Begriffe Selbststeigerung, Selbstüberbietung und Selbstoptimierung synonym. An die Darstellung der verschiedenen Positionen schließt sich eine Synopse an. In allen gelten die Prinzipien der Überbietung und Relationalität, d.h. es gibt verschiedene Formen und Ausprägungen von Selbstoptimierung.

Im Kapitel VI wird eine analytische Perspektive entwickelt. Selbstoptimierung ist das Gegenteil von Selbstverschlechterung; Voraussetzung für Selbstoptimierung ist aktives Handeln, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen; Selbstoptimierung ist eine individualistische Strategie, für die typisch ist, dass es keinen festen Endpunkt gibt, sondern immer weitere Verbesserungen erstrebt werden. Es folgt ein Abschnitt über Selbstoptimierung als Praxis, wobei die Autorin erst einmal auf Praxistheorien zu sprechen kommt. Die grundlegende Struktur selbstoptimierender Praktiken beschreibt Röcke in Form einer 10-Punkte-Liste, die sie der Reihe nach abhandelt. Ein Punkt in dieser Liste sind die vielfältigen Mittel der Selbstoptimierung wie z.B. Ratgeberbücher und Fitness- Armbänder. Der Punkt ‚Spannungsfeld von Autonomie und Heteronomie‘ bzw. das Oszillieren zwischen Freiheit und Zwang wirft die Frage des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft auf. Es wird konstatiert, dass die Mühen der Selbstoptimierung mit einem gesteigerten Selbstwertgefühl und mit Selbstwirksamkeitserfahrungen belohnt werden; andererseits können sie negative psychosomatische Folgen haben.

Das abschließende Kapitel VII liefert ein Resümee. Der Optimierungsbegriff, der seine Wurzeln in einer ökonomisch-technischen Welt hat, wurde um den Zusatz ‚Selbst‘ erweitert. Bei dieser Erweiterung sind die Ideen Bildung, Fortschritt und Rationalisierung maßgeblich gewesen. Die Autorin weist kurz darauf hin, dass die digitalen Technologien und die biotechnischen Entwicklungen heute eine bedeutende Rolle spielen. Selbstoptimierung ist ambivalent: Sie kann in eine extreme Selbstbezogenheit münden, aber auch die Zugehörigkeit zu Gruppen fördern. Selbstoptimierende Praktiken stellen sicher, dass man den Anschluss nicht verliert. Eine Frage ist, welche Auswirkungen die gegenwärtige Pandemie auf die Idee und Praxis der Selbstoptimierung haben könnte. Es ist fraglich, ob der Begriff der Selbstoptimierung überhaupt Sinn macht, wenn es nicht mehr um das Erreichen des Bestmöglichen, sondern um Verhinderung des Schlimmstmöglichen geht. Selbstoptimierung ist indessen, wie die Autorin klar stellt, tief in der Struktur unserer Gesellschaft verwurzelt, erkennbar auch daran, dass das Pendel zwischen Autonomie und Heteronomie eher in Richtung der heteronomen Seite ausschlägt. 

Diskussion

Das Buch bietet einen Einstieg und Überblick über das Phänomen der Selbstoptimierung. Es wird eine ausführliche kulturhistorische Darstellung geboten. Weitgehend unbeantwortet bleibt indessen die Frage, inwieweit mit dem Aufkommen der neuen Medien der Prozess der Selbstoptimierung möglicherweise noch mehr Fahrt aufgenommen hat. Der Schwerpunkt liegt eher auf der Historie sowie insbesondere auf den Aussagen von Foucault, mit dessen Schriften und Vorlesungen sich Röcke eingehend befasst hat, obwohl sich Foucault nur am Rande der Frage der Selbstoptimierung gewidmet hat. Sehr knapp fällt dagegen ihre Darstellung der Humanistischen Psychologie aus, die sie in einem kurz gehaltenen Exkurs abhandelt, obwohl sich diese Richtung der Psychologie mit dem Thema der Selbstverwirkung und Selbstentfaltung explizit auseinander gesetzt hat. Eher abwertend ist hier von einer „Therapeutisierung“ die Rede. Die für die Frage der Selbstoptimierung wegweisenden Schriften von Jürgen Straub werden von Röcke nur gestreift. Dabei bleibt dann auch offen, wo eigentlich die Grenze zwischen einer selbst praktizierten und einer unterstützenden (therapeutischen) Selbstoptimierung zu ziehen ist.

Erhellend sind die Ausführungen der Autorin zur Ähnlichkeit bzw. Verschiedenheit zwischen Selbstoptimierung einerseits und Bildung, Fortschritt und Rationalisierung andererseits.

Es ist keine empirische Studie, was auch nicht die Intention der Autorin gewesen ist. Dennoch wären, wie sie z.B. in der Lebensstilforschung geboten werden, einige Daten wünschenswert gewesen. Welche Gruppen streben nach welcher Art der Selbstoptimierung? Sind diejenigen, die ihr Aussehen und ihre körperliche Fitness optimieren, auch bestrebt, ihre kognitive Leistungsfähigkeit zu optimieren oder ist eher das Gegenteil der Fall? Inwieweit sind Menschen mit einem hedonistischen Lebensstil bestrebt sich selbst zu optimieren und in welcher Weise? 

Die im sechsten Kapitel angekündigten Praktiken der Selbstoptimierung haben wenig mit der Praxis zu tun. Die Autorin spricht lieber von Praxistheorien und Strukturen als von handfesten praktischen Vorgehensweisen, die sie mit Beispielen veranschaulicht.

Sie führt zehn Punkte an, mit denen sie das Phänomen der Selbstoptimierung zu analysieren versucht. Es ist eine Auflistung, in der alle Punkte gleich gewichtet werden. Der Punkt Autonomie/​Heteronomie verdient jedoch eine Hervorhebung, denn hier geht es schließlich um etwas sehr Grundlegendes: das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. zwischen Autonomie und Heteronomie bzw. zwischen Freiheit und Zwang bei der Entwicklung und Ausformung von Selbstoptimierung.

Das Buch liefert eine ausführliche Betrachtung des aktuellen gesellschaftlichen Phänomens der Selbstoptimierung. Es ist keine empirische Untersuchung, in der Daten erhoben und interpretiert werden, sondern eine Analyse, deren Grundlage Schriften von Foucault und anderen Denkern sind. Der Einfluss der neuen Medien und der Biotechnologie auf das Selbst und auf dessen Optimierung wird zwar erwähnt, nimmt aber nicht den Stellenwert ein, der ihnen zukommt. Davon abgesehen regt das Buch zu der Frage an, ob und auf welche Weise man sich bemüht, das eigene Selbst zu optimieren und damit auch ein Stück Autonomie zurück zu gewinnen.

Fazit

Selbstoptimierung ist in den westlichen Gesellschaften zu einem wichtigen Thema geworden. Der aus den beiden Teilen „Optimierung“ und „Selbst“ zusammengesetzte Begriff wird einer historischen und kultursoziologischen Analyse unterzogen. Auf dieser Grundlage destilliert die Autorin zehn Punkte heraus, die das Phänomen der Selbstoptimierung beschreiben. Dabei wird sichtbar, dass Selbstoptimierung ein ambivalentes Phänomen ist, das im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Zwang angesiedelt ist. Das Buch, das sich mit einem Leitgedanken der heutigen Gesellschaft befasst, ist allen, die sich für gesellschaftliche Fragen interessieren, zu empfehlen. 

Summary

Self-optimization has become an important topic in Western societies. The term, composed of the two parts „optimization“ and „self,“ is subjected to a historical and cultural-sociological analysis. On this basis, the author distills ten points that describe the phenomenon of self-optimization. In the process, it becomes apparent that self-optimization is an ambivalent phenomenon that is situated in the area between freedom and coercion. The book, which deals with a guiding principle of today's society, is recommended to anyone interested in social issues.


Rezension von
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 25.05.2021 zu: Anja Röcke: Soziologie der Selbstoptimierung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. ISBN 978-3-518-29930-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28418.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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