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Andrej Holm (Hrsg.): Wohnen zwischen Markt, Staat und Gesellschaft

Cover Andrej Holm (Hrsg.): Wohnen zwischen Markt, Staat und Gesellschaft. Ein sozialwissenschaftliches Handbuch: ein Veröffentlichung der Rosa Luxemburg-Stiftung. VSA-Verlag (Hamburg) 2021. 246 Seiten. ISBN 978-3-96488-080-2. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR.
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Zum Thema: Disziplin- und professionsgeschichtlicher Hintergrund

Obwohl Wohnen eine alte soziale Frage ist, wurde sie bisher in der Sozialen Arbeit ziemlich stiefmütterlich behandelt. Zwar gab und gibt es neben der Thematisierung der Wohnweisen in den Sichtdiagnosen der Sozialpädagogischen Familienhilfe Analysen zur Wohnungslosigkeit und entsprechende Ursachenanalysen, Hilfsangebote und Präventionsmaßnahmen, aber die generelle Bedeutung des Wohnens im Kontext der alltäglichen Lebensführung, wo alle gesellschaftlichen Strukturierungen aufeinandertreffen, wird erst in allerneuester Zeit und dann meist bezogen auf spezielle Problemstellungen untersucht (vgl. Meuth 2017). Deshalb kann ein Handbuch, welches die Wohnungsfrage aus einer komplexen sozialwissenschaftlichen Perspektive erörtert ein erhebliches Interesse in der sozialen Arbeit und Erziehung erwarten.

Die Autor:innen

Der Herausgeber Andrej Holm ist einer der profiliertesten Wohnungsforscher und seit vielen Jahren zugleich wohnungspolitisch besonders in Berlin sehr aktiv. Die Autor:innen sind ausnahmslos Studierende des Masterstudiengangs Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und haben die Texte im Rahmen einer Schreibwerkstatt des Seminars „Wohnen, Wohnungsmarkt und Wohnungspolitik“ erstellt. Insofern kann der Band auch als eine Art öffentliche Rechenschaftslegung der universitären Arrangements forschenden Lernens gelesen werden.

Aufbau

Der Band gliedert sich in drei Teile:

Nach Vorwort und Einführung werden zunächst die gesellschaftlichen Kontextbedingungen in ihren historischen und systemischen Dimensionen analysiert. Dem folgen die Analysen der ökonomischen und politischen Aspekte der Wohnverhältnisse. Der dritte Block geht dann der konkret-historischen Wohnpolitik in der Gegenwart nach. Das abschließende ausführliche Glossar kann als eine thesenförmige Zusammenfassung der sehr komplexen Problemausrisse in den sehr gut aufeinander abgestimmten Beiträgen gelesen werden. Dies wie auch die hilfreiche Binnengliederung der Beiträge (mit Einleitung, thematischen Analysen und Bausteinen/​Schaubildern sowie Fazits) machen dieses Handbuch auch zu einem Lesevergnügen.

Inhalt

Die o.a. Auflistung der Beitragstitel macht schnell deutlich, dass diese multiperspektivischen Betrachtungsweisen und vielschichtigen Befunde hier nicht im Einzelnen gewürdigt werden können. Stattdessen sollen die zentralen Befunde hier so zusammengefasst werden, dass ihre Relevanz für die Sozialraum- und Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit deutlich wird. Dabei können unterschieden werden die Makro-, Meso- und Mikroebene sowie die nachhaltigen Reformbestrebungen.

A. Makroebene: Politisch vermittelte Ökonomie des Wohnungssektors

Hier sind vier Sachverhalte von Bedeutung:

1. Der Wohnungssektor gehört zum gesellschaftlichen Reproduktionsprozess, er ist dem Produktionsprozess sowohl vor- wie auch nachgelagert, er wird von ihm mitbestimmt, aber nicht einlinig determiniert, ohne ihn können alle gesellschaftlichen Klassen nicht existieren, also auch nicht ökonomisch tätig sein.

2. Dieser Prozess konstituiert unter den Bedingungen des Kapitalismus spezifische Eigentumsverhältnisse, hier zwischen denen, die Grund und Boden sowie Gebäude besitzen und deren Nutzungsbedingungen bestimmen können und denjenigen, die Wohnräume nur mieten können und deshalb von den Immobilienbesitzer:innen strukturell abhängig sind. Diese ökonomischen Verhältnisse werden staatlich-politisch ermöglicht, durchgesetzt, aber auch verändert. Insofern sind Wohnungsfragen immer auch Machtfragen.

3. Besitz von und Verfügungsgewalt über Immobilien gehören dem Kapitalkreislauf an. Die Bestandteile des Mietzinses sind dabei a) die Grundrente, b) der Zins auf das Baukapital, c) die Reparatur- und Versicherungskosten und d) die Ratenzahlungen. Es handelt sich allerdings um einen sekundären Kapitalkreislauf, weil a) die Zahlungen bruchweise erfolgen, b) es bauliche Veränderungen während der Nutzungszeit gibt und c) auch die Preise sich während der Nutzungszeit verändern (können). Insofern kann beim Wohnverhältnis auch im strengen Sinne nicht von Ausbeutung, wohl aber von Übervorteilung gesprochen werden.

4. Wenn von Wohnverhältnissen gesprochen wird (z.B. im Immobilienteil der Tageszeitungen), dann wird das zumeist mit deren Marktcharakter gleichgesetzt. Das ist aber nur sehr begrenzt zulässig, weil es sich hier aus folgenden Gründen um einen unvollkommenen Markt handelt: Seine Gegenstände sind im Unterschied zu anderen Waren a) immobil, b) nicht ersetzbar, c) nur mit relativ hohem Aufwand herzustellen (weshalb der Bau meist kreditfinanziert ist) und d) die Qualität von einer großen Anzahl von politischen, aber auch sozialen und kulturellen Faktoren abhängig. Insofern stellt die Teilhabe an den Wohnungsmärkten eine Marktvergesellschaftung (im Sinne von Max Weber) dar, denn diese sind a) von anderen Teilmärkten abhängig (besonders von den vorgelagerten Finanz- und Bodenmärkten sowie den vor- und nachgelagerten der wohnbezogenen Infrastrukturen), es gibt b) nur eine verzögerte Reaktion auf Nachfrageveränderungen, es entscheiden c) die Vermieter:innen, wer eine Wohnung bekommt und d) haben die Wohnungssuchenden eine allenfalls unvollständige Einsicht in die Vielfalt der lokalen, regionalen und nationalen Wohnungsmärkte.

B. Mesoebene: Politische Regulation der Wohnungsmärkte und Herausbildung von typischen sozialen Wohnformen

Der Begriff „Marktvergesellschaftung“ verweist schon auf die außerökonomischen Bedingungen der Wohnverhältnisse im Übergang zu ihren institutionellen Strukturierungskontexten. Diesbezüglich werden herausgearbeitet:

1. Das Kernproblem der Warenverhältnisse besteht in dem Widerspruch von Gebrauchswert und Tauschwert, wobei der Tauschwert stets einen Gebrauchswert voraussetzt, was aber umgekehrt nicht gilt: es gibt Gebrauchswerte, die nicht in Tauschwerten aufgehen. Das gilt schon für die menschliche Arbeitskraft, es gilt auch für die Wohnweisen. Der Existenz wird nicht in Frage gestellt, wenn sie nicht (mehr) einer Warenbeziehung unterworfen sind. Das bedeutet für das Wohnen, dass es einen Grundwiderspruch gibt zwischen der „Wohnung als Zuhause“ bzw. „als Sozialgut“ und „Wohnung als Immobilie“ bzw. „als Wirtschaftsgut“. Die politische, vorrangig staatliche, aber auch zivilgesellschaftliche Regulation der Wohnverhältnisse besteht darin zwischen diesen Widerspruchpolen zu vermitteln. Darin kommt die wohnbezogene Seite des Sozialstaates zur Geltung, wobei hier drei Varianten unterschieden werden können: a) die liberale, welche im Sinne des Subsidaritätsprinzips viel Markt und wenig Staat präferiert; b) die (ehemals) sozialdemokratische, welche die Lebens- und Wohnqualität für alle durch psychosozialen Risikoabbau fördern will; und c) die konservativ-korporatistische, welche durch Einbindung der unterschiedlichen Interessengruppen sowohl privates selbstgenutztes Wohneigentum wie auch markt- und staatsfinanzierten Wohnbau fördert. Hier gibt es dann d) fließende Übergänge zu einer intensiven Familienorientierung, wo einerseits Eigenheimförderung als Familienpolitik verstanden wurde. Das geschah in den 1950er bis Ende der 1970er Jahre und wurde dann abgelöst von der Wohnförderung als Investitionspolitik. Andererseits wird ggf. durch familiäre Netzwerke Wohnraum geschaffen. Dementsprechend wird der Wohnbau entweder über klassische Bankkredite finanziert oder er wird als zum Anlage- und Spekulationsobjekt und die Kreditschulden können via „Verbriefungen“ Teil der globalen Finanzialisierung werden.

2. Mit den verschiedenen Regulierungsweisen sind auch spezifische Hegemoniemuster verbunden, die einen Konsens herstellen wollen – wobei Zwangsmaßnahmen als Drohpotenzial stets im Hintergrund stehen.

  • Bei den gesellschaftlichen Konsensfindungsbemühungen können mit Blick auf die verschiedenen wohnungsbezogenen ideologischen Deutungsmuster unterschieden werden die Ausrichtung am Privateigentum, die Vorrangstellung des Marktes und das jeweilige Akkumulationsmodell (intensives vs. extensives Wachstum, Binnen- vs. Außenwirtschaft).
  • Diese verdichten sich dann zu historisch wandelbaren (wohnungs-) politischen Paradigmen, wenn es gelingt möglichst viele soziale Gruppen einzubinden, die sich gegenseitig materielle Zugeständnisse machen (Äquivalenzbeziehungen) und gemeinschaftsstiftende Repräsentationen herausbilden (z.B. Eigenheimbau als Altersvorsorge oder Massenwohnungsbau als Wachstumspolitik).
  • Für die Soziale Arbeit ist besonders die Hegemonieform der sozialen Durchmischung von Städten oder Stadteilen (etwa im Rahmen der Konzepte „Soziale Stadt“ oder „Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf“ von Interesse. So sinnvoll solche (Bundes-) Projekte im Einzelfall auch sind, so sehr werden sie problematisch, wenn sie auf sekundäre Weise die primäre soziale Spaltung und sozialräumliche Segregation mindern sollen und dabei vorrangig zur Fortsetzung der leicht abgefederten sozialen Ungleichheitsprozesse beitragen, ja sie sogar im Sinne der Marktdominanz legitimieren. Ganz problematisch wird es, wenn dieses Paradigma dazu verwendet wird, sozialen Wohnungsbau für überflüssig bis schädlich zu halten. Treffend wird festgestellt, dass „sich der Mythos der Sozialen Mischung als widerkehrende Begleitmelodie für Aufwertungs- und Kürzungspolitiken etabliert hat“ und sie als „Kritik an verstärkter Hinwendung zu sozialen Wohnungsbauprogrammen … in Stellung gebracht (wird), um vor der Entstehung von künftigen Problemvierteln zu warnen.“ (S. 137f).

3. Die verschiedenen wohnungspolitischen Strategien und Hegemonieformen zeigen sich dann a) in unterschiedlichen Wohnrechtsformen („Housing Tenure“), also Rechtsformen des Wohneigentums. Dazu gehören u.a. individuelles oder gemeinschaftliches Wohneigentum oder Metwohnen bzw. selbstgenutztes Eigentum, private und soziale Mietwohnungen und genossenschaftliches Wohnen; öffentlicher, gemeinnütziger und geförderter sozialer Wohnungsbau, differenziert als Voll-, Teil- und Gemeineigentum. Dementsprechend differieren b) die Bewirtschaftungsvarianten: sie folgen entweder der Renten- oder der Rendite- oder aber der Anlagelogik

C. Mikroebene: Die Alltagspraktiken des Wohnens der verschiedenen Wohnklassen

Die strukturellen gesellschaftlichen Ungleichheiten schlagen sich auch im Wohnsektor nieder, weshalb die Autor:innen – über den traditionellen Klassenbegriff hinausgehend – von Wohnklassen sprechen. Das bedeutet dreierlei:

1. Die Wohnklassen charakterisieren zunächst je spezifische Eigentumsverhältnisse und Nutzungsweisen. Unterschieden werden können u.a. Besitzer:innen von Eigentumswohnungen bzw. von Unterkünften, Eigenheimkäufer:innen mit vs. ohne Hypothekenbelastung, Mieter:innen von Sozialwohnungen (in langlebigen oder neu errichteten Gebäuden oder auch „Slum“-Bauten)) bzw. von Privatwohnungen bzw. Unterkünften. Daraus ergeben sich Relationen u.a. zwischen Alter, Geschlecht, Erwerbsstatus, Berufstätigkeit, privater Erziehung und Pflege, ethnischer Zugehörigkeit, Haushaltstyp (Anzahl, Größe und Funktionsaufteilung der Zimmer), Haushaltsausstattung und eben den Wohnbesitzverhältnissen (Eigentum vs. Miete).

2. Für die Konstitution der Wohnklassen sind zentral die intersektional zu untersuchenden Zugangsweisen. Diese können zunächst einmal sein a) ausschließend, d.h. bestimmte soziale Gruppen haben gar keinen Zugang zu bestimmten Wohnräumen (im Sinne einer unmittelbaren, direkten und offenen Diskriminierung). Oder sie sind b) nicht-ausschließend, d.h. die Ungleichheiten reproduzieren sich als vorrangig mittelbare, verdeckte und indirekte Diskriminierungen zwischen den bzw. innerhalb der Wohngebiete(n) und Bestände(n) in Bezug auf Miethöhen, Zustand und Instandhaltungsgrad der Wohnungen, interpersonelle Umgangsformen und Umweltbedingungen/​-gefahren. – Die extremste Form der Diskriminierung stellt c) die Zwangsräumung dar, also der vom staatlichen Gewaltmonopol durchgesetzte Verlust des bisherigen Wohnraumes. Alle drei Varianten führen d) zu mehr oder weniger groß- oder kleinräumigen Segregations- und Exklusionsprozesse.

3. Der Widerspruch zwischen Wohnen als „existenzielles Gebrauchsgut“ vs. „als profitables Wirtschaftsgut“ führt auch zu vielschichtigen Entfremdungsprozessen, also mangelnden Verfügungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der Wohnräume und der Sicherung ihrer Existenz und Qualität. Dabei impliziert die Entfremdung von den gesellschaftlichen Existenzbedingungen auch eine Selbstentfremdung der Wohnsubjekte und deren Legitimation. Entgegen der Annahme der Autor:innen (z.B. S. 167 u. 213 f.) werden die Muster dieser sozialen und interaktiven Entfremdung einschließlich ihrer Ideologisierungen ebenfalls angeeignet und überformen so die wohnbezogene alltägliche Lebensführung, schränken also die Wohnerlebnisse mehr oder weniger gravierend ein.

D. Alternative Wohnungspolitiken: Von der moralischen Empörung zur fundamentalen, nachhaltigen Wohnungsreform

Gegen diese starken Tendenzen – besonders auch zur materiellen und psychosozialen Deprivation als Verschärfung der Entfremdungsprozesse aufgrund der zunehmenden Prekarisierung der Lebens- und Wohnweisen – richten sich seit ca. 10 Jahren besonders in den Großstädten zahlreiche Initiativen mit sehr unterschiedlichen Zielen und Aktionsformen, die den weiten Bogen von unmittelbarem Protest hin zur Durchsetzung des Wohnens als unveräußerliches Menschenrecht für alle umfassen. Sie sind jeweils charakterisiert durch:

1. Hinsichtlich ihrer Instrumente können unterschieden werden a) die Intensität der Eingriffe (keine Eingriffe, Informieren/​Aktivieren, Regulation, Steuererleichterungen, Staat als Bauherr). Ferner zeigen sich b) Unterschiede hinsichtlich der Eingriffsbereiche/​-logiken: insbesondere Mietrecht, angebotsbezogene Objektförderung (Neubau mit unbefristeter Sozialbindung bzw. selbstgenutztes Eigentum zum Ausstieg aus dem Mietverhältnis) und nachfrageorientierte Subjektförderung (Wohngeld und „Übernahme der Kosten für Unterkunft“).

2. Die verschiedenen politischen Instanzen (Bund, Länder, Kommunen) und Verbände der Wirtschaft und der Mieter:innen bzw. Selbstnutzer:innen haben sich übergreifend zum Ziel gesetzt a) eine Zurückdrängung des Warencharakters der Immobilien durch die Etablierung öffentlicher, kollektiver und alternativer Eigentumsformen, die b) auch zur Demokratisierung der Institutionen der Wohnungsversorgung (auch der Genossenschaften!) durch Erweiterung der rechtlich abgesicherten Entscheidungsbefugnisse und Überwindung der intersektionalen Diskriminierungsweisen führen sollen. Dadurch können c) im günstigen Fall die sozialen Selbstentfremdungsprozesse zurückgedrängt werden durch Formen selbstbestimmter Mitgestaltung und solidarischer Verantwortungsübernahme für die Schaffung gerechter Wohnverhältnisse und humaner wohnbezogener Lebensformen, durchgesetzt und gesichert vermittels einer Symmetrie der Pflichten und Rechte.

3. Gegenwärtig lassen sich – mit aller Vorsicht! – besonders folgende Strömungen ausmachen: a) Jene, die die Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse ins Zentrum stellen; b) die Bemühungen um eine „Vergesellschaftung von unten“ als basisdemokratische revolutionäre Realpolitik; c) der Munizipalismus, der sich auf die radikale Reform der städtischen Wohnungspolitik durch außerparlamentarische Bewegungen und parlamentarische Mehrheiten konzentriert; d) jene, die den Kampf um Wohnraum mit dem Kampf des „Rechts auf Stadt“ verknüpfen; und schließlich e) die sozialistische, welche langfristig die Überwindung der kapitalistischen Wohnverhältnisse anstrebt. – Sie alle sind „an ihrer Fähigkeit zu messen, Wohnen dauerhaft als Sozialgut zu sichern und dabei eine sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltige Bewirtschaftung des Wohnraums sicherzustellen“ (S. 191).

Diskussion: Weitere Forschungsfelder

Insgesamt bietet dieses Handbuch sowohl in wissenschaftlicher wie auch politisch-aktivierender Hinsicht einen sehr gelungenen Überblick zum gegenwärtigen Stand der Wohnungsforschung und Wohnungspolitik. Dennoch seien drei Hinweise zur Erweiterung des Themenspektrums gegeben, die bei einer 2. Auflage, die dem Buch sehr zu wünschen ist, berücksichtigt werden sollten:

1. Zwar werden Fragen der Verfügungsgewalt über Grund und Boden immer wieder angesprochen, es werden aber gerade die diesbezüglichen Debatten für eine nachhaltige Bodenreform auch als Voraussetzung einer fundamentaldemokratischen Wohnungsreform nicht systematisch aufgenommen. Hier sollte an die historischen Traditionen und ganz aktuellen Debatten angeschlossen werden (vgl. Hertweck 2020).

2. An einigen Stellen taucht Bourdieus Begriff des ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapitals (S. 60 u. 216) bzw. des Milieus (S. 76 u. 220) zwar auf, aber sein Ansatz wird nicht systematisch verwendet. Das ist nicht nur erstaunlich, weil er eine ganze Studie nur der Eigenheimfrage gewidmet hatte (vgl. Bourdieu u.a. 1998), sondern weil er mit Hilfe dieser Kategorien auch die Klassenstrukturen der Gesellschaft in ihren räumlichen Dimensionen erfasst hatte. Das bietet auch die Möglichkeit, die Theoreme „Wohnrechtsformen“ und „Wohnklassen“ und die Intersektionalitätsforschung weiterzuentwickeln zu einem Konzept der sozialen Wohnmilieus.

3. Ganz erstaunlich ist, dass die Gebäude, in denen die Menschen tatsächlich wohnen, an keiner Stelle näher untersucht werden; es gibt allenfalls pauschale Hinweise auf die Relationen zwischen Grundrissen, Zimmeraufteilungen und deren geschlechts- und generationsspezifischer Nutzung. Das ist umso bedauerlicher, als es seit über 10 Jahren eine sehr produktive Diskussion um die „Architektur als Medium des Sozialen“ gibt (vgl. Delitz 2010 sowie Fischer/​Delitz 2009), die unbedingt in die Wohnforschung aufgenommen werden sollte (vgl. die Fallstudie von Braun/Elze 2021).

Fazit

Dieses Handbuch ist für die Soziale Arbeit von großer Bedeutung. Es bietet der Disziplin die Chance, den Sozialraum- und Lebensweltansatz systematisch zu erweitern, um die Wohnungsfragen und damit einen ganz zentralen Bereich des alltäglichen Lebens empirisch und theoretisch zu erforschen. Es bietet der Profession die Möglichkeit, nicht am Gartentor oder der Haustür stehen zu bleiben und zu sagen: “Doch wies‘ da drinn‘ aussieht, geht niemand was an.“ Sie kann damit eine soziale Blindstelle der Gemeinwesenarbeit schrittweise überwinden und ihre Gestaltungshorizonte ausweiten. 

Literatur

Bourdieu, Pierre u.a.: Der Einzige und sein Eigenheim, Hamburg: VSA.

Braun, Karl-Heinz (unter Mitarbeit von Matthias Elze) (2021): Moderne Wohnarchitektur und soziale Lebensqualität. Eine imaginär-realistische Sozialreportage über eine Reise mit Ulrich Deinet zur „Unité d’habitation“ von Le Corbusier in Marseille. In: Reutlinger, Christian/​Sturzenhecker, Benedikt (Hrsg.): Den Sozialraumansatz weiterdenken, Weinheim Basel: Beltz Juventa.

Delitz, Heike (2010): Gebaute Gesellschaft. Architektur als Medium des Sozialen, Bielfeld: transcript.

Fischer, Joachim/​Delitz, Heike (Hrsg.) (2009): Die Architektur der Gesellschaft. Theorien der Architektursoziologie, Bielefeld: transcript.

Hertweck, Florian (Hrsg.) (2020): Architektur auf gemeinsamem Boden. Positionen und Modelle zur Wohnungsfrage, Zürich: Lars Müller Publishers.

Lessenich, Stephan (2013): Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus, Bielefeld: transcript.

Meuth, Miriam (Hrsg.) (2017): Wohn-Räume als pädagogische Orte, Wiesbaden: Springer VS.

 


Rezension von
Prof. Dr. Karl-Heinz Braun
Dr. phil.habil. Karl-Heinz Braun, Prof.em. für Sozialpädagogik/Erziehungswissenschaft und Leiter des „Magdeburger Archivs für Sozialfotografie“ am Fachbereich Soziale Arbeit, Gesundheit und Medien der Hochschule Magdeburg-Stendal
Homepage www.hs-magdeburg.de/hochschule/fachbereiche/soziale ...
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Zitiervorschlag
Karl-Heinz Braun. Rezension vom 07.06.2021 zu: Andrej Holm (Hrsg.): Wohnen zwischen Markt, Staat und Gesellschaft. Ein sozialwissenschaftliches Handbuch: ein Veröffentlichung der Rosa Luxemburg-Stiftung. VSA-Verlag (Hamburg) 2021. ISBN 978-3-96488-080-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28422.php, Datum des Zugriffs 27.10.2021.


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